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Montag, 24. April 2017

Das Ich steht im Vordergrund

Eine aktuelle Studie über das Sozial- und Konsumverhalten junger Erwachsener legt einen Zusammenhang zwischen Mediennutzung und Narzissmus nahe – verführt dabei aber auch zu Fehlschlüssen. 

Erstmals erschienen in: Die Tagespost 25.03.107, S. 9 

„Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten soll. Die jungen Leute stehen nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten. Sie widersprechen ihren Eltern, schwadronieren in der Gesellschaft, verschlingen bei Tisch die Süßspeisen, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.“ Bei diesem häufig dem Philosophen Sokrates zugeschriebenen Zitat handelt es sich zwar tatsächlich lediglich um eine paraphrasierende Zusammenfassung antiker Klagen über die Sittenlosigkeit der Jugend, die in dieser Form erstmals in einer Dissertation aus dem Jahr 1907 auftaucht; dennoch erfüllt das Zitat seinen Zweck: jene, die sich über die „heutige Jugend“ beklagen, daran zu erinnern, dass es solche Klagen „schon immer“ gegeben hat. Praktisch jede Generation der Menschheit neigt dazu, die jeweils jüngere für nichtsnutzig und moralisch verderbt zu halten.

Seit 1953 erscheint ungefähr alle vier Jahre die „Shell-Jugendstudie“, die die Einstellungen, Werte, Gewohnheiten und das Sozialverhalten von Jugendlichen untersucht; und mit großer Regelmäßigkeit präsentieren die Medien ihrem Publikum als Quintessenz dieser Studien die Feststellung, die Jugend sei „besser als ihr Ruf“. In dieser Hinsicht fällt eine im Januar 2017 durchgeführte und jetzt veröffentlichte Studie der Digitalagenturgruppe SYZYGY einigermaßen aus dem Rahmen – auch insofern, als sie sich nicht im eigentlichen Sinne mit Jugendlichen befasst, sondern mit jungen Erwachsenen: mit den Geburtsjahrgängen von 1981 bis 1998, den sogenannten „Millennials“. Und diese Generation, so scheint es, ist nun wirklich völlig verkorkst.

Das hervorstechende Generationsmerkmal der heute 18- bis 35jährigen ist demnach ein ausgeprägter Hang zum Narzissmus, zur Selbstverliebtheit. Bereits 2014 ging der Journalist Jens Lubbadeh im SPIEGEL der Frage nach, ob Narzissmus „das Phänomen einer neuen Generation“ sei, und kam zu dem Schluss, dass die heutige Gesellschaft Narzissten „quasi heranbrütet“: „Niemand hat es untersucht, aber möglicherweise werden es immer mehr.“ Der Satz „Niemand hat es untersucht“ gilt nun nicht mehr: SYZYGY hat 1.024 „Millennials“ und zum Vergleich 1.004 Angehörige der „Baby Boomer“-Generation (Geburtsjahrgänge 1945-1964) und der „Generation X“ (Geburtsjahrgänge 1965-1980) befragt – und kommt zu dem Ergebnis: Die heutigen jungen Erwachsenen neigen signifikant stärker zu Selbstverliebtheit als frühere Generationen.

In der Veröffentlichung der Studienergebnisse weist SYZYGY darauf hin, dass die Millennials „die erste Generation der sogenannten Digital Natives“ seien – die erste Generation also, die mit Internet und Smartphone als etwas Selbstverständlichem aufgewachsen sei. Folgerichtig weist die Studie einen Zusammenhang zwischen den narzisstischen Neigungen der jungen Erwachsenen und ihrer Nutzung Sozialer Medien und „On-Demand“-Dienstleistungen wie etwa Lieferservices, Video-Streaming-Diensten oder dem Fahrdienst-Vermittler „Uber“ aus. Diese Konzentration auf das Konsumverhalten der Befragten birgt allerdings die Gefahr allzu kurzschlüssiger Deutungen: Einer der gängigsten methodischen Fehler bei der Auswertung von Statistiken ist die Verwechslung von Korrelation und Kausalität. So betitelt etwa Giuseppe Rondinella seinen Bericht über die Ergebnisse der SYZYGY-Studie im Marketing-Magazin „Horizonte“ mit der Feststellung: „Selfie-Stick und Social Media machen Millennials zu Narzissten“. Die Denkweise, die sich in dieser Formulierung offenbart, erinnert fatal daran, wie die Schuld an problematischen psychosozialen Entwicklungen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bei der Eisenbahn und in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts beim Rock’n’Roll gesucht wurde.

Zweifellos leuchtet es ein, dass etwa die genannten „On-Demand“-Dienste, die ihren Nutzern quasi auf Knopfdruck überall, jederzeit und sofort genau das zur Verfügung stellen, wonach es sie im Augenblick verlangt, die Anspruchshaltung fördern und die Frustrationstoleranz senken können. Dennoch dürfte es eine allzu kurzsichtige Annahme sein, dass jemand durch die Nutzung bestimmter Produkte oder Dienstleistungen zum Narzissten „wird“; plausibler erscheint es, dass bereits vorhandene narzisstische Tendenzen überhaupt erst die Nachfrage nach diesen Produkten und Dienstleistungen schaffen.

Gerade in Hinblick auf den viel gescholtenen „Selfie-Stick“, auch bekannt als „Deppenzepter“, ist der Befund durchaus ambivalent. Ohne Frage kann man in dem Trend, Erinnerungsfotos bevorzugt im „Selfie“-Format aufzunehmen – also mit am ausgestreckten Arm auf sich selbst gerichteter Kamera – ein Indiz für einen Hang zur Selbstverliebtheit erkennen: Im Vordergrund des so entstandenen Bildes steht stets das eigene Gesicht, den eigentlichen Anlass für die Aufnahme des Fotos muss man im Hintergrund suchen. Besonders auffällig ist diese Verschiebung der Prioritäten bei Urlaubsfotos: Das eigentliche Bildmotiv ist nicht mehr der Eiffelturm, das Brandenburger Tor oder der Grand Canyon, sondern „Ich vor dem Eiffelturm, Ich vor dem Brandenburger Tor, Ich am Grand Canyon“. Man könnte die These wagen, dass der „Selfie-Stick“ – eine Periskopstange, an der das Smartphone befestigt wird – geradezu ein Korrektiv zu dieser Verengung des Blickwinkels auf das eigene Ich darstellt: Indem er den Abstand zwischen Kamera und Gesicht und damit den Bildausschnitt vergrößert, erhöht der „Selfie-Stick“ die Chance, dass auf dem Bild überhaupt noch etwas anderes zu erkennen ist als die fotografierende Person selbst.

(Bildquelle hier)
Der Trend zum „Selfie“ weist jedoch noch auf ein anderes Wesensmerkmal des narzisstischen Millenials hin: seine Beziehungslosigkeit. Urlaubsfotos nach dem Muster „Ich vor Sehenswürdigkeit XY“ gab es schließlich früher auch schon; aber früher war dafür in der Regel noch eine weitere Person notwendig, die das Bild aufnimmt. Das „Selfie“-Format macht den Kontakt zu anderen Menschen überflüssig.

Dieser Hang der Millennials zur Vereinzelung, zum Zurückscheuen vor zwischenmenschlichen Kontakten, zeigt sich auch auf anderen Ebenen. In der Auswertung der SYZYGY-Studie wird darauf hingewiesen, dass 28% der befragten Millennials „eher einen Monat auf Sex verzichten“ würden als auf ihr Handy. Dieses Ergebnis korrespondiert auffallend mit einer Studie aus den USA, diezeigt, dass Millennials signifikant weniger sexuell aktiv sind als frühere Generationen – und dass sie obendrein ihre Sexualkontakte als weniger befriedigend empfinden. Die Ursachen für dieses Phänomen sind vermutlich vielschichtig, aber auch hier lässt sich eine Korrelation mit dem Mediennutzungsverhalten aufzeigen: Vieles spricht dafür, dass das schwindende Interesse der Millennials an sexuellen Beziehungen mit einem gesteigerten Konsum von Pornographie zusammenhängt, ebenso wie immer mehr junge Erwachsene soziale Interaktion in den Bereich von Online-Netzwerken verlagern, wo sie geringeren Aufwand erfordert und vermeintlich risikofreier und kontrollierbarer ist. Gleichwohl ist an dieser Stelle erneut zu betonen, dass es zu kurz gedacht wäre, einseitig die Angebote der neuen Medien für diesen Hang zur passiven Konsumhaltung verantwortlich zu machen. Vielmehr steht zu vermuten, dass ebendieses Mediennutzungsverhalten lediglich ein Symptom für ein tiefer liegendes Problem ist: Die Scheu, sich auf reale zwischenmenschliche Beziehungen – sexuelle ebenso wie rein soziale – einzulassen, wurzelt letztlich in der Angst vor Zurückweisung.

„Die Ursachen für Narzissmus“ – so schreibt Jens Lubbadeh in seinem SPIEGEL-Artikel von 2014 unter Berufung auf die Psychologin Bärbel Wardetzki – liegen „häufig im Elternhaus. Wenn Eltern ihr Kind nicht so sehen und annehmen, wie es ist, sondern sich ein Wunschbild von ihm basteln, wird sich das Kind damit identifizieren, um überhaupt gesehen zu werden. Dieses Bild wird dann zum vermeintlichen Ich.“ Diese Feststellung macht die den Narzissten kennzeichnende Beziehungsangst begreiflich: Jede Art von zwischenmenschlicher Interaktion birgt die Gefahr, das mühevoll aufgebaute und aufrecht erhaltene Ich-Ideal in Frage zu stellen. Darum sucht der Narzisst ausschließlich nach solchen Formen von Interaktion, die sein Ich-Ideal bestätigen – und dies ist durch die Selbstrepräsentation in Sozialen Netzwerken zweifellos leichter steuerbar als in „Real-Life“-Interaktionen.

Die sexuelle Frustration der Millennials kann somit als die bloße Spitze des Eisbergs der für diese Altersgruppe kennzeichnenden Beziehungsangst betrachtet werden. Im Gegensatz dazu, was die Propagandisten der „Sexuellen Revolution“ behaupten, zeigen zahlreiche Untersuchungen, dass Sexualität in festen und dauerhaften Beziehungen größere Befriedigung bietet als außerhalb dieser – weil diese Beziehungen ein höheres Maß an Intimität oder, um ein altmodisches Wort zu benutzen, Hingabe ermöglichen. Gerade diese Intimität und diese Hingabe stellt jedoch ein Risiko dar, das der Narzisst scheut.

Es bleibt die Frage, woher die statistisch messbare Zunahme narzisstischer Tendenzen bei jungen Erwachsenen denn kommt, wenn diese Tendenzen von den neuen Medien zwar wohl bestärkt, aber nicht verursacht werden. Wenn die Psychologie Recht damit hat, dass Narzissmus bereits im Kindesalter entsteht, liegt es nahe, die Ursachen in der Erziehung zu suchen. Dabei ist zu beachten, dass die heute 18-35jährigen nicht mehr die Kinder, sondern bereits die Enkel der sogenannten ‘68er-Generation sind und somit in potenzierter Form von deren Erziehungsmaximen geprägt wurden – weil bereits ihre Eltern mit diesen Maximen aufgewachsen sind. Es wäre zu fragen, ob eine Pädagogik, die Selbstverwirklichung und Selbstentfaltung zum höchsten Gut erhebt, nicht gerade zur Herausbildung eines trügerischen Ich-Ideals beiträgt, das an der Realität notwendig scheitern muss. „Wir haben es immer mehr mit jungen Leuten zu tun, denen man etwas Schreckliches angetan hat“, meint etwa der katholische Theologe und Gebetshaus-Leiter Johannes Hartl, „indem man ihnen gesagt hat: Du bist etwas so Besonderes, du musst eigentlich überhaupt nichts tun. Egal was du machst, es ist immer besonders.“  Bereits 2008 beschrieb der Journalist Ron Alsop in seinem Buch „The Trophy Kids GrowUp: How The Millennial Generation Is Shaking Up The Workplace“ die oft unrealistisch hohen Ansprüche, die junge Erwachsene an potentielle Arbeitsplätze stellen: höhere Löhne, flexiblere Arbeitszeiten, schnelle Beförderung, viel Freizeit. Werden diese Erwartungen nicht erfüllt, bedeutet dies eine gravierende Erschütterung des Selbstwertgefühls – eine Kränkung, die dann beispielsweise im Rückzug von sozialen Kontakten und der Flucht in virtuelle Realitäten resultieren kann.

Solche Fragen berühren die Auftraggeber der SYZYGY-Studie allerdings kaum; der Intention nach handelt es sich dabei nämlich in erster Linie um eine Marketing-Analyse. Ziel der Untersuchung ist es weniger, den grassierenden Narzissmus als soziales Phänomen zu problematisieren, als vielmehr, ihn als „Herausforderung für Unternehmen“ zu betrachten, „die sie als Konsumenten gewinnen wollen. Es sind besondere Services und Technologien gefragt, die ihrem Ego schmeicheln und den Trend zur Selbstinszenierung unterstützen.“ 


Mittwoch, 12. April 2017

Aller Anfang ist schwer

Rund zwei Monate sind seit der Gründung des "subversiven Pastotalprojekts" Der Mittwochsklub ins Land gegangen - jedenfalls wenn man die Einrichtung der Mittwochsklub-Facebook-Seite als Startpunkt definiert. Was hat sich seither getan? 



Zunächst einmal ist zu konstatieren, dass wir in diesen zwei Monaten immerhin vier Veranstaltungen auf die Beine gestellt haben - wenn man den von Suse gestalteten Abend beim Kreis junger Erwachsener der Pfarrei St. Antonius Friedrichshain mitzählt, der schon vor der eigentlichen Gründung des Mittwochsklubs geplant gewesen war; aber dazu später. Ein beachtlicher Anfangserfolg war es, dass es uns gleich gelungen ist, in der Gemeinde Herz Jesu in Alt-Tegel eine feste monatliche Veranstaltungsreihe zu installieren: das "Dinner mit Gott". Dieses Veranstaltungsformat hat bislang zweimal stattgefunden, und darüber hinaus stehen noch ein Vortrag von mir im Café J und wie gesagt einer von Suse beim KJE St. Antonius auf der Habenseite. Man muss zwar einräumen, dass wir uns bei allen diesen Veranstaltungen - mit Ausnahme des ersten "Dinner mit Gott", das ziemlich gut besucht war - durchaus ein etwas größeres Publikum gewünscht hätten; aber wir fangen ja gerade erst an, da darf man wohl nicht erwarten, dass die Leute einem gleich die Türen einrennen. Zudem wage ich zu behaupten, dass jede der bisherigen Veranstaltungen insofern "etwas gebracht" hat, als die Teilnehmer - auch wenn es nur wenige waren - etwas daraus "mitgenommen" haben. Motivation und Zuversicht sind also ungebrochen. 

Natürlich ist der Mittwochsklub noch lange nicht da, wo er hinwill. Aber das war ja nach gerade mal zwei Monaten wohl auch kaum zu erwarten. 

Worüber sollen wir nun also zuerst reden: über die Vision oder über das bisher Erreichte? -- Ich würde sagen: Reden wir zuerst über die Vision. Dann kann man das bisher Erreichte an ihr messen. 

Über die Ideen und Überlegungen, die die Gründung dieser Initiative veranlasst haben, habe ich mich hier schon verschiedentlich geäußert, allerdings recht unsystematisch verteilt auf verschiedene Artikel. Also fasse ich es der Einfachheit halber noch mal übersichtlich zusammen: Alles begann damit, dass meine Liebste und ich letztes Jahr zum Katholikentag gingen und ein Wochenende später zur Fiesta Kreutziga in Friedrichshain. Und da haben wir uns gefragt, warum der Katholikentag eigentlich so viel uncooler ist als dieses Straßenfest. Im Ernst: Die aus der Punk- und Hausbesetzerszene hervorgegangene Subkultur in Berlin hat es geschafft, eine beeindruckende und sehr lebendige Infrastruktur auf die Beine zu stellen - wieso sollte so etwas nicht auch "auf christlich" möglich sein? Wenn man mal in den links-subkulturellen Terminkalender "Stressfaktor" schaut, kann man wahrlich vor Neid erblassen, was da so alles geboten wird. In Sachen Vernetzung und Selbstorganisation kann man von der "linken Szene" offenbar eine ganze Menge lernen - und schließlich sind genau das Fähigkeiten, die auf dem Gebiet des Laienapostolats bzw. der Neuevangelisation immer wichtiger dürften, angesichts der kaum zu leugnenden Tatsache, dass die alten volkskirchlichen Strukturen vor dem Kollaps stehen oder vielleicht sogar schon kollabiert sind.

Was uns also auf längere Sicht vorschwebt, ist ein, sagen wir mal, "Netzwerk für das Christsein im Alltag" - ein Netzwerk, das einerseits den Gläubigen dabei hilft, ihre speziellen Charismen zu entdecken und für das Reich Gottes einzusetzen, und das andererseits Anlaufpunkte für Leute schafft, die auf der Suche nach Sinn und Orientierung sind, aber von sich aus nicht unbedingt auf die Idee kämen, diese ausgerechnet im christlichen Glauben oder gar in der Katholischen Kirche zu suchen. Und da insbesondere die MEHR-Konferenz uns dazu motiviert hat, einfach mal irgendwie anzufangen, anstatt ewig 'rumzutheoretisieren, haben wir eben den Mittwochsklub ins Leben gerufen.
"So, wie wir drauf sind", sagte ich neulich erst zu meiner Liebsten, "decken wir eigentlich eine ganz interessante Nische ab: ein bisschen charismatisch angehaucht, gleichzeitig aber auch einigermaßen traditionell, und obendrein im Herzen Punk. Das ist eine Mischung, die Potential hat - unter anderem natürlich auch das Potential, sich zwischen alle Stühle zu setzen, aber Johannes Hartl und Ben Fitzgerald haben mich gelehrt, das nicht als Problem zu sehen, sondern als Chance." 
Tatsächlich funktioniert das "Zwischen-alle-Stühle-Setzen" schon mal ganz gut. Auf der Basis der bisherigen Erfahrungen könnte man den Eindruck haben, Leute, die bereits in irgendeiner Form "kirchlich engagiert" sind, seien schwerer für unser Vorhaben zu begeistern als Außenstehende. Dem mehr oder minder liberalen Mainstream sind wir zu "radikal", den traditionell Gesonnenen zu unkonventionell und für überkonfessionelle Zusammenarbeit vielleicht einfach zu katholisch. Die Vernetzung mit anderen Kreisen, Gruppen und Initiativen lässt somit bislang noch zu wünschen übrig. Aber wahrscheinlich muss man, damit das besser wird, einfach mehr auf persönlichen Kontakt setzen als auf eMails. "Persönlicher Kontakt" setzt zwar Rausgehen voraus, aber es wird ja gerade Sommer. Das wird schon.

Werfen wir also nun einen Blick auf die bisherigen Veranstaltungen - und zwar in erster Linie auf die Reihe "Dinner mit Gott". Dieses Veranstaltungsformat war in erster Linie Suses Idee - ein Konzept, das sie vom Jakobsweg mitgebracht hat. Der Grundgedanke: ein offenes Abendessen für alle Interessierten, mit gemeinsamem Kochen und gemeinsamem Aufräumen. Dieses "Dinner" soll erst einmal ein Forum zum zwanglosen Kennenlernen und Ideenaustausch bieten und sieht daher kein festes inhaltliches "Programm" vor; die Gesprächsthemen ergeben sich mehr oder weniger von selbst. -- Über das erste "Dinner mit Gott" habe ich bereits berichtet; einen weiteren Bericht zu dr Veranstaltung gibt es hier. Insgesamt war es ein sehr schöner und gelungener Auftakt, aber leider war das zweite "Dinner" dann erheblich weniger gut besucht als das erste. Okay, hier kann man sich wohl auf die alte Theaterweisheit "Die zweite Veranstaltung ist immer die schwerste" berufen. Warum das so ist, ist unschwer einzusehen: Einerseits ist die Premierenspannung weg, andererseits noch keine Routine da. Ein bisschen Glückssache ist es wohl obendrein auch, wie viele von den potentiell interessierten Leuten an einem bestimmten Abend tatsächlich kommen (können). Möglicherweise - nein, ziemlich sicher sogar - ist auch unsere Werbestrategie noch optimierungsbedürftig. Aber wir stecken ja wie gesagt noch in den Kinderschuhen. Da ist noch viel Luft nach oben. Auf jeden Fall bin ich optimistisch, dass beim nächsten Mal - am 3. Mai, also in drei Wochen - wieder mehr los sein wird.

Was wir neben dem monatlichen "Dinner" sonst noch so an Veranstaltungen in petto haben, könnte man unter der Kategorie "Vorträge" zusammenfassen - oder vielleicht lieber "Lectures", das klingt nicht so verstaubt und anstrengend. Am 24. März habe ich im Café J über meine Erlebnisse auf der MEHR-Konferenz gesprochen, und natürlich vor allem über die Impulse, die ich von dort mitgebracht habe. Dazu gab's ein paar Video-Ausschnitte. Man muss sagen, dass die rein quantitative Publikumsresonanz bei dieser Veranstaltung nun wirklich enttäuschend war, gemessen daran, wie kräftig wir die Werbetrommel gerührt hatten. Trotzdem schloss sich an den Vortrag eine sehr intensive und vielschichtige Diskussion an. Menge ist eben nicht alles. Erfreulich ist auch, dass das Café J-Team grundsätzlich sehr aufgeschlossen dafür ist, die Location für Veranstaltungen dieser Art zur Verfügung zu stellen. Auch da gilt also: Dranbleiben, es ist noch viel Luft nach oben! Ideen für weitere Veranstaltungen an diesem Ort (oder ähnlichen) habe ich jedenfalls genug.

Bleibt also noch der von Suse gestaltete KJE-Abend zum Thema "Hiob und ich - eine Innensicht" zu erwähnen, der am 6. April stattfand. Wie weiter oben schon erwähnt, hatte Suse dieses Programm schon länger geplant; es handelt sich um eine Annäherung an die Gestalt des Hiob (Ijob) aus dem Alten Testament, jedoch nicht in Form einer theologischen oder gar bibelkritischen Abhandlung, sondern als Mischung aus persönlichem Zeugnis, lyrischer Reflexion und Musik. Seit wir den Mittwochsklub ins Leben gerufen haben, steht natürlich der Plan im Raum, dieses Programm - zumal das Thema ja nicht "aktualitätsabhängig" ist - zukünftig noch öfter und an anderen Orten zu präsentieren; zum Beispiel abermals im Café J. Insofern war die Aufführung im Kreis junger Erwachsener gewissermaßen eine "Vorpremiere" im mehr oder weniger geschlossenen Kreis, und deshalb haben wir auch nicht allzu offensiv Werbung dafür gemacht - normalerweise hat der Kreis junger Erwachsener ja ohnehin sein eigenes Stammpublikum. Dass dieses an dem betreffenden Abend deutlich weniger zahlreich erschien als an manchen anderen, war wohl einfach Pech; aber das Programm war überaus gelungen, trotz einer technischen Panne bei der ersten Musikeinspielung, die sich jedoch beheben ließ. Und ich glaube sagen zu können, die Anwesenden waren durchweg beeindruckt. Alle, die es verpasst haben, können sich damit trösten, dass wir schon in recht absehbarer Zeit eine erneute Vorstellung ins Auge fassen.

So also ist der Stand der Dinge, und so ungefähr in diesem Stil machen wir auch erst mal weiter - mindestens so lange, bis uns noch Mehr und Anderes einfällt, was wir tun können. Ein nicht unwichtiger Aspekt unserer Veranstaltungen ist natürlich auch, dass wir darauf hoffen, auf diesem Wege tatkräftige und ideenreiche Mitstreiter "rekrutieren" zu können, mit deren Hilfe wir unseren Aktionsradius vergrößern und unser Veranstaltungsangebot erweitern können. Dann, und erst dann, wird es auch an der Zeit für genauere strategische Überlegungen sein: Was für Veranstaltungen bieten wir für welche Zielgruppen an, und wie werben wir gezielt um genau diese Zielgruppen? -- Bis dahin tun wir einfach weiter das, was wir können.

Was wir übrigens auch und nicht zuletzt brauchen können, sind Menschen, die - wo sie auch sind - für unsere Initiative beten. Dann wird sie groß und fruchtbringend werden!


Außerdem könnt Ihr unsere Facebook-Seite "liken". Das hilft auch. :D



Sonntag, 9. April 2017

Mehr Anbetung wagen!


Vom 29. März bis zum 1. April fand in Herzogenrath bei Aachen eine Liturgische Tagung unter dem Motto „Die Quelle der Zukunft“ statt, zu der der Präfekt der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung, Robert Kardinal Sarah, seine Teilnahme angekündigt, dann aber doch wieder abgesagt hatte. Diese Absage hatte im Vorfeld für einige Irritation gesorgt und zu allerlei Spekulationen Anlass gegeben. Noch größere Diskussionen dürfte allerdings Kardinal Sarahs für diese Veranstaltung verfasster Vortrag auslösen, der, da er ihn nicht selbst halten konnte, zur Eröffnung der Tagung verlesen wurde.

Anlass der Liturgischen Tagung in Herzogenrath war der zehnte Jahrestag der Veröffentlichung des Motu Proprio SummorumPontificum von Papst Benedikt XVI. – jenes Apostolischen Schreibens also, mit dem die Erlaubnis zur Zelebration der Heiligen Messe nach dem Messbuch von 1962 als „außerordentliche Form des Römischen Ritus“ neu geregelt wurde. In seinem Vortrag würdigt Kardinal Sarah das Schreiben Summorum Pontificum als bedeutenden Schritt zu einer liturgischen Erneuerung und betont, es gehe nicht darum, die beiden Formen des Römischen Ritus gegeneinander auszuspielen, sondern vielmehr darum, dass beide Formen einander befruchten und voneinander lernen sollen.

Gleichwohl übt der Kardinal scharfe Kritik an der rund 50 Jahre nach den vom II. Vatikanischen Konzil angestoßenen Reformen vorherrschenden liturgischen Praxis. Das Konzil, so Kardinal Sarah, habe keinesfalls einen „Bruch mit der Tradition“ angestrebt, „sondern ganz im Gegenteil […], die Tradition in ihrer tiefsten Bedeutung wiederzufinden und zu bestätigen“. In der praktischen Umsetzung der Liturgiereform habe sich jedoch vielfach eine Tendenz zur „Entsakralisierung und Banalisierung der Heiligen Liturgie“ durchgesetzt, eine Auffassung von Gottesdienst, deren Zentrum „nicht mehr Gott und Seine Anbetung“ sei, „sondern die Menschen und ihre angebliche Fähigkeit […], etwas zu ‚tun‘, um sich während der Eucharistiefeier mit etwas zu beschäftigen“. Der Präfekt der Gottesdienstkongregation erinnert daran, dass der jetzige emeritierte Papst Benedikt XVI. bereits 1992, noch als Kardinal Ratzinger, „eine zur Show degenerierte Liturgie“ beklagte, „in der man die Religion mit modischen Mätzchen […] interessant zu machen versucht, mit Augenblickserfolgen in der Gruppe der Macher und mit einer nur um so breiteren Abwendung von Seiten all derer, die in der Liturgie nicht den geistlichen Showmaster suchen, sondern die Begegnung mit dem lebendigen Gott, vor dem unser Machen belanglos wird“. Kardinal Sarah urteilt, „die modernen Förderer einer lebendigen Liturgie“,  die „die Liturgie der Kirche nach ihren Vorstellungen umgestalteten“, hätten ein „Desaster“, eine „Verwüstung“, ja ein „Schisma“ verursacht. Mit Benedikt XVI. teilt Kardinal Sarah die Überzeugung, „dass die Kirchenkrise, die wir heute erleben, weitgehend auf dem Zerfall der Liturgie beruht“; als folgen nennt er den „Relativismus bei der Vermittlung der Glaubens- und Morallehre, schwere Missbräuche […] sowie die rein soziale und horizontale Sicht der Mission der Kirche“.

Diese Zustandsanalyse mag düster erscheinen, hat aber zweifellos ihre Berechtigung – gerade auch da, wo sie einen Zusammenhang zwischen Krise der Liturgie und Krise des Glaubens herstellt. Dass gerade dort, wo allzu frei und „experimentell“ mit der Liturgie umgesprungen wird, oft auch Glaubenswahrheiten relativiert oder verzerrt werden, ist nicht bloß eine Erfahrungstatsache, sondern weist auch eine innere Folgerichtigkeit auf, die gewissermaßen ex negativo den auch vom II. Vaticanum betonten Stellenwert der Liturgie als „Höhepunkt und Quelle des Lebens und der Mission der Kirche“ unterstreicht. Man könnte sagen: Wo nicht mehr Gott der zentrale Bezugspunkt der Liturgie ist, sondern der angenommene bzw. unterstellte „Geschmack“ und die vermeintlichen Bedürfnisse des Publikums, da liegt es umso näher, mit der Glaubens- und Sittenlehre der Kirche ebenso geschmäcklerisch und bedürfnisorientiert zu verfahren. Dass die tatsächlichen Bedürfnisse der Gläubigen mit einer solchen oberflächlichen Anbiederung gerade nicht erfüllt werden, davon künden nicht allein die immer leereren Kirchen. Nach Jahrzehnten liturgischer und katechetischer Fehlentwicklungen muss man davon ausgehen, dass ganze Generationen von Katholiken das, worauf sie nach den Worten Kardinal Sarahs „ein Recht haben: die Schönheit der Liturgie, ihre Heiligkeit, die Stille, die Andacht, die mystische Dimension und die Anbetung“ – und ebenso auch eine klare und authentische Verkündigung des Wortes Gottes – kaum noch kennen.

Bildquelle: Pixabay 

Wie ist hier Abhilfe zu schaffen? In seinem Vortrag nennt Kardinal Sarah drei Aspekte, die er als wesentlich für eine liturgische Erneuerung betrachtet: „Zunächst […] die heilige Stille, ohne die man Gott nicht begegnen kann“. Sodann die Anbetung: „Wie es Benedikt XVI. schon oft betont hat, findet sich an der Wurzel der Liturgie die Anbetung, und somit Gott.“ Und „[s]chließlich die liturgische Ausbildung, von einer Glaubensverkündigung oder –katechese ausgehend, deren Maßstab der Katechismus derKatholischen Kirche ist, was uns vor möglichen mehr oder weniger gelehrten Hirngespinsten bestimmter Theologen bewahrt.“


Ob die besagten mehr oder weniger gelehrten Theologen sich von diesen Anmerkungen des Kurienkardinals beeindrucken lassen, steht freilich zu bezweifeln. Als ermutigend kann man es hingegen ansehen, dass sich gerade bei jüngeren Gläubigen tatsächlich eine gesteigerte Sehnsucht nach der Heiligkeit und dem Mysterium der Liturgie bemerkbar macht. „Eine der großartigsten Gaben, die der Heilige Geist heute der Kirche schenkt, ist ein neues Bewusstsein für Anbetung und ein neuer Hunger nach Anbetung“, stellte etwa der Päpstliche Hausprediger Pater Raniero Cantalamessa während der vom Gebetshaus Augsburg ausgerichtetenMEHR-Konferenz im vergangenen Januar fest. Initiativen wie das aus dem Geist der Weltjugendtage hervorgegangene „Nightfever“ verbinden die Praxis der Eucharistischen Anbetung mit einer Gestaltung, die gerade Jugendliche und junge Erwachsene anspricht. Während eher traditionell eingestellte Katholiken solche Formate wegen ihres „Eventcharakters“ mit einer gewissen Skepsis betrachten mögen, ist andererseits festzustellen, dass die Möglichkeiten zur stillen Eucharistischen Anbetung in einfachen Pfarrkirchen – sei es mit Aussetzung des Allerheiligsten oder vor dem geschlossenen Tabernakel – vielerorts zu wünschen übrig lassen. Papst Franziskus rief in seinerBotschaft an den 26. Eucharistischen Nationalkongress Italiens im Sommer 2016 die Gläubigen dazu auf, „oft – möglichst täglich – das Allerheiligste Altarsakrament zu besuchen, das in unseren Kirchen aufbewahrt, aber oft allein gelassen wird“. Vielerorts ist das aber gar nicht möglich, da zahlreiche Kirchen – obwohl das katholische Kirchenrecht vorsieht, dass „eine Kirche, in der die heiligste Eucharistie aufbewahrt wird, täglich wenigstens einige Stunden für die Gläubigen offenzuhalten“ ist (Can. 937 CIC) – außerhalb der Gottesdienstzeiten geschlossen bleiben, etwa aus Angst vor Diebstahl oder Vandalismus. Es wäre zu fragen, ob eine Kirche nicht Gefahr läuft, ihren Daseinszweck zu verfehlen, wenn sie der Unversehrtheit ihrer Kunstgegenstände einen höheren Stellenwert beimisst als ihrer Aufgabe, eine Stätte der Anbetung zu sein – oder auch, ob es nicht möglich sein sollte, die Öffnungszeiten einer Kirche so zu gestalten, dass Mitglieder der Gemeinde wenigstens für einige Stunden am Tag vor dem Tabernakel „Gebetswache“ halten. Wäre dies nicht auch ein fruchtbares Feld für das oft vehement eingeforderte Engagement der Laien in den Pfarrgemeinden? 



Samstag, 8. April 2017

Die Stille neben dem pulsierenden Leben des Kreta-Grills

I. 

Unlängst war ich in einer Berliner Kirche, die hier ungenannt bleiben möge, zur Kreuzwegandacht, und die war ziemlich schlimm. Wobei, "schlimm" ist natürlich eine Frage der Einstellung. Man könnte auch sagen, sie war ziemlich illustrativ. Kurz zuvor hatte ich mich nämlich - für einen Wochenkommentar auf Radio Horeb - recht eingehend mit Kardinal Sarahs Eröffnungsreferat zur Liturgischen Tagung in Herzogenrath befasst, und nun fand ich, diese Kreuzwegandacht war geradezu ein Lehrbuchbeispiel für die Missstände, die Kardinal Sarah beklagt. In Stichworten: die Neigung, liturgische Formen lediglich als Material oder als Rahmen für "kreative" Eigenleistungen zu betrachten und zu benutzen; "Entsakralisierung und Banalisierung"; "rein soziale und horizontale Sicht der Mission der Kirche"; letztlich, als Wurzel allen Übels, der Befund, dass Gott nicht mehr im Mittelpunkt steht

Es ging damit los, dass der Pfarrer munter verkündete, er habe aus den 14 Stationen des Kreuzwegs fünf ausgewählt, "die alle etwas mit dem Thema 'Fallen' zu tun haben". Es sei doch mal eine "Abwechslung", meinte er, nicht den ganzen Kreuzweg zu beten, sondern nur ausgewählte Stationen, auf die man sich dafür dann umso intensiver einlassen könne. -- Na ja. Ich sag mal so: Unter Umständen mag es legitim sein, bei einer Kreuzwegandacht einzelne Stationen wegzulassen. Zum Beispiel, wenn man meint, sie würde sonst zu lange dauern oder 14 Kniebeugen seien zu anstrengend für die oft ja schon ziemlich bejahrten Teilnehmer(innen). Aber so zu tun, als hätte diese "Konzentration" auf einige ausgewählte Stationen eine positive Qualität? - Okay: Wenn die Meditationen zu diesen ausgewählten Stationen dann eine außergewöhnliche Tiefe und Intensität hätten, ja, dann vielleicht. 

Nun, glücklicherweise war nicht alles schlecht an diesem Kreuzweg. Die Schriftlesungen zu den einzelnen Stationen wurden aus dem Gotteslob (Nr. 683-684) übernommen und waren damit wirklich gut ausgewählt. Auch zwei oder drei der Lieder waren recht schön, nur dass sie zum falschen Zeitpunkt gesungen wurden: nämlich just an jenen Stellen, an denen in der Kreuzwegandacht im Gotteslob STILLE vorgesehen war. Für die "heilige Stille, ohne die man" - so Kardinal Sarah - "Gott nicht begegnen kann", war kein Platz bzw. keine Zeit. -- Die Meditationstexte wurden nicht aus dem Gotteslob übernommen; man muss ja auch zugeben, dass die ziemlich fußpilzauslösend sind. Aber schlimmer geht's eben immer. In den offenbar vom Pfarrer selbstgestrickten Texten zu den Stationen 2,3,7,9 und 14 wurde jeweils im ersten Satz einmal Jesus erwähnt, und im weiteren Verlauf ging es dann nur noch um "uns" - also um so ein unpersönliches pastorales "Uns", mit dem irgendwie die Menschheit als Ganze gemeint ist, oder besser gesagt: die conditio humana, das "wie-der-Mesch-nun-mal-so-ist". Zum Abschluss wurde dann auch noch die Hoffnung auf die Auferstehung zum Ewigen Leben in ein zaghaftes "vielleicht" eingekleidet. 

(Disclaimer: Die Kirche, in der dieses Foto aufgenommen wurde, ist nicht die Kirche, in der die hier geschilderte Anacht stattfand.) 

Fragen wir uns an dieser Stelle: Worum geht's eigentlich bei einer Kreuzwegandacht, oder genauer, worum sollte es dabei gehen? Warum wird der Kreuzweg in der Passionszeit gebetet? Die Antwort ist im Grunde simpel: um sich das heilbringende Leiden Jesu Christi zu vergegenwärtigen. Punkt. Und nun frage ich mich, was jemanden dazu veranlasst, zu einer Kreuzwegandacht Texte zu verfassen und vorzutragen, in denen es darum gerade nicht geht

Man mag vermuten, der Schlüssel zur Beantwortung dieser Frage liege in dem eingangs erwähnten Stichwort "Abwechslung". Die Auffassung, gottesdienstliche Feiern (im weitesten Sinne) bräuchten heutzutage mehr "Abwechslung", um "attraktiv zu sein", ist ja tatsächlich weit verbreitet. Aber mal ganz davon abgesehen, dass diese Sichtweise die große Stärke und Schönheit verkennt, die gerade in der Konstanz liturgischer Formen liegt, bietet eine Kreuzwegandacht mit ihrem Wechsel aus Gebet, Schriftlesung, Meditation und Gesang eigentlich genug Raum für "Abwechslung". Gute Meditationstexte zum Kreuzweg, die man in einschlägigen Büchern oder im Internet finden kann, gibt es wahrhaftig genug, als dass man obendrein noch schlechte bräuchte. Vollends wird die Auffassung, man müsse "den Leuten" - wer auch immer damit konkret gemeint sein mag - "mal was Neues" bieten, fragwürdig, wenn dieses "Neue" lediglich aus banalen Wald-und-Wiesen-Moralismen besteht. -- Bei einer Kreuzwegandacht an einem Werktag in einer ganz normalen Pfarrkirche dürfte es zwar insgesamt eher unwahrscheinlich sein, dass da jemand hineingerät, der "nur mal gucken" will und nicht so genau weiß, was ihn erwartet; wäre dies bei der besagten Andacht aber doch der Fall gewesen, glaube ich nicht, dass der in diesen schalen und verwässerten Meditationstexten irgend etwas gefunden hätte, was ihn motiviert hätte, sich näher darauf einzulassen, was es mit dem Glauben der Kirche auf sich hat. 

II. 

In den Letzten Gesprächen Benedikts XVI. Goethes mit Peter Seewald Eckermann findet sich die folgende schöne Passage
"Shakespeare [...] gibt uns in silbernen Schalen goldene Äpfel. Wir bekommen nun wohl durch das Studium seiner Stücke die silberne Schale, allein wir haben nur Kartoffeln hineinzutun, das ist das Schlimme!" 

III. 

Nach diesem Kreuzweg-Desaster reagierte ich umso aufmerksamer und interessierter auf einen Zeitungsartikel mit dem Titel "Erst schweigen, dann beten", auf den ich wenig später beim Stöbern in der Online-Ausgabe der Nordwest-Zeitung stieß. "Im evangelischen Gemeindehaus begann die 'Reise' mit 14 Stationen", heißt es im Teaser-Absatz. "Die Teilnehmer genossen die ganz besondere Atmosphäre." Aufgemerkt: 14 Stationen? Sollte es etwa...? Und richtig: 
"Schirme oder Fackeln waren völlig überflüssig: Auf einen derart traumhaften lauen Abend hatte bei den Planungen des ersten ökumenischen Lemwerderaner Kreuzwegs niemand zu hoffen gewagt. Mehr als 20 Männer und Frauen fanden sich im evangelischen Gemeindehaus ein. Von dort begann die aus 14 Stationen bestehende 'Pilgerreise'."
Ort des Geschehens: Lemwerder, eine ländliche 7.000-Einwohner-Gemeinde nördlich von Bremen. Tiefste Diaspora also, aber immerhin gibt es dort zwei Werften sowie eine Firma, die Flügel für Windkraftanlagen herstellt, und früher obendrein ein Flugzeugwerk - und mithin Arbeitsmigration. Was wohl der Hauptgrund dafür sein dürfte, dass Lemwerder eine katholische Kirche (mit dem recht Ökumene-tauglichen Patrozinium Heilig Geist) hat. Bereits vor rund zwei Wochen erschien in der NWZ ein Vorbericht zum Ökumenischen Kreuzweg - unter dem bezeichnenden Titel "Ein alter Brauch wird wiederbelebt". Also alles Folklore?  

Ehe ich mit der Auswertung des neueren Berichts fortfahre, muss ich fairnesshalber einräumen, dass ich nicht einschätzen kann, zu welchem Grad oder Anteil der bizarre Eindruck, den diese Veranstaltung macht, auf das Konto der Berichterstatterin geht. Anders ausgedrückt, ich bin mir selbst nicht ganz sicher, ob die folgenden Zitate und meine Anmerkungen dazu eher in das Genre Liturgiekritik oder in das Genre "Perlen des Lokaljournalismus" fallen. 
"Von Macht, die auf Einschüchterung und Unterdrückung zielt, um die Angst vor dem Kaiser, Hass auf die jüdische Bevölkerung und von manipulierten Massen handelten die kurzen Texte, die die Lektoren unter dem schweren, aus rohem Holz gezimmerten Kreuz verlasen. [...] Neben den biblischen Texten von der Verurteilung Jesu bis zur Grablegung wurde an jeder Station ein Bezug zur aktuellen Lage hergestellt." 
Halten wir uns, liebe Leser, nicht unnötig bei dem holprigen Satzbau auf, sondern konzentrieren uns lieber darauf, wie gründlich die Passionsgeschichte hier durchpolitisiert wird. Der "Erfolg" dieser Lesart zeigt sich weiter unten: 
"Erschreckend fand eine andere Teilnehmerin, dass nichts aus den 2000 Jahre alten Fehlern gelernt wird. Alles wiederhole sich, man müsse sich nur umschauen, bedauerte sie." 
Na das habt ihr ja prima hingekriegt, liebe Lemwerderaner Kreuzweg-Gestalter: Schwuppdiwupp schrumpft der singuläre, Alles entscheidende Höhe- und Mittelpunkt der Heilsgeschichte zu einem Fallbeispiel für die Ewige Wiederkehr des immer Gleichen, für die Unbelehrbarkeit des Menschengeschlechts - ja gar zu einem "2000 Jahre alten Fehler", ungefähr auf einem Schreckenslevel mit Brexit und Trump. 

Aber erst mal weiter der Reihe nach. 
"Vom Eine-Welt-Laden über die Terrasse und durch den Jugendraum führten die 14 Stationen zur Heilig-Geist-Kirche, in der der Kreuzweg vor dem Altar und mit Worten von Pastor Norbert Steffen endete.
Im katholischen Gemeindehaus hatten die Mitglieder der evangelischen und katholischen Kirchenkreise für einen Imbiss gesorgt, bei dem der Kreuzweg bei angeregten Gesprächen ausklang." 
Ich kann's mir nur zu gut vorstellen, denn in so einem Milieu bin ich aufgewachsen. Mich schaudert's. [*]
"Für Gerda M[.], Mitglied der Heilig-Geist-Gemeinde, gehört der Kreuzweg zur österlichen Vorbereitung. Ihr Sohn Till, der mit 20 Jahren der jüngste Teilnehmer war, genoss besonders die Stille." 
Punkt für Kardinal Sarah! 
"Auch für Marion M[.] ist die katholische Tradition ein Bestandteil der Fastenzeit. Sie genoss die Ökumene und könnte sich vorstellen, den Kreuzweg vielleicht eines Tages über öffentliche Plätze in der Gemeinde auszudehnen."
Revolutionäre Idee: Kreuzweg in der Öffentlichkeit! "Eines Tages" jedenfalls "vielleicht". Why not? Mich allerdings treibt ein anderes Detail dieser Passage um: Kann man "Ökumene genießen"? Für mein Empfinden ist Ökumene eher etwas, was man ertragen muss, aber okay, das kann an mir liegen. Und ja, ich weiß schon: "Siehe, wie fein und wie lieblich ist's, wenn Brüder" undsoweiter. Also gut, sich an Ökumene erfreuen, das kann ich mir unter Umständen noch vorstellen. Aber "Genuss" ist vielleicht doch noch etwas Anderes. Na ja, geschenkt. 
"Weitgehend neu war die Teilnahme dagegen für die meisten Mitglieder der evangelischen Kirche. Warum wird Ostern gefeiert? Welches Opfer hat Jesus damals gebracht?" 
Klar: Woher soll man das auch wissen, wenn man evangelisch ist. (Sarkasmus off: Ich unterstelle mal gutwillig, dass die NWZ-Mitarbeiterin gar nicht gemerkt hat, was sie da geschrieben hat. Obwohl man andererseits auch Verständnis dafür haben kann, dass dieser Kreuzweg solche Fragen aufwirft. Huch, da ist der Sarkasmus wieder angegangen. Sorry-not-sorry.) 
"Viel geht im Alltag verloren, machte sich Christel K[.]-H[.] so ihre Gedanken. Sie würdigte den Mut, aus der Masse herauszutreten und nicht einfach Mitläufer zu sein. Für die vielfältig ehrenamtlich engagierte Lemwerderanerin war es der erste Kreuzweg, an dem sie teilnahm. Das Schweigen während des Marsches hat ihr gut gefallen."
Und noch ein Punkt für Kardinal Sarah! 
"Beim nächsten Kreuzweg wieder mitgehen wollte auch eine andere Dame, die ihre Gedanken während des Schweigemarsches überallhin schweifen ließ." 
Überallhin? Echt überallhin? Beeindruckend. Aber vielleicht hätte ein bisschen mehr Fokussierung auch gut tun können. 
"Mit wenig Aufwand wurde eine wunderschöne Atmosphäre geschaffen, so das Fazit von Pastor Jochen Dallas. Besonders beeindruckte ihn, dass das Schweigen direkt neben dem pulsierenden Leben des Kreta-Grills so gut klappte." 
Hm. Vielleicht sollte ich bei meinem nächsten Heimaturlaub doch mal in Lemwerder Station machen. Um das pulsierende Leben des Kreta-Grills zu bewundern. 

Der weiter oben erwähnte Vorbericht gibt aber immerhin einen Fingerzeig, auf was für Ideen man bezüglich der Frage kommen kann, welchen Sinn eigentlich eine Kreuzwegandacht habe, wenn nicht den, sich das heilbringende Leiden Christi zu vergegenwärtigen
"Den Teilnehmern wird bei diesem Brauch, der bis ins 14. Jahrhundert zurückreicht, Gelegenheit gegeben, die Leidenserfahrungen der eigenen Zeit bei Gebet und Meditation mit hineinzunehmen. Der Brauch, den Kreuzweg zu gehen, kann helfen, die Haltung des Mitleidens wiederzugewinnen, heißt es." 
Ach so. Na dann. Herzlichen Dank auch. Aber man kann sagen, was man will: Das klingt echt ökumenisch.

Wie dem auch sei: Ich schätze, im nächsten Jahr werden meine Liebste und ich wohl selbst mal eine Kreuzwegandacht gestalten müssen. Ob in der Kirche oder bei gutem Wetter am Ufer des Tegeler Sees entlang (oder so), wird sich zeigen. Oder vielleicht in Lemwerder...? (Unwahrscheinlich.) 

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[* Wer dieses Schaudern nicht intuitiv nachvollziehen kann, dem sei gesagt, dass Veranstaltungen wie diese eine erhebliche Mitschuld daran tragen, dass ich in meinen späten Teenagerjahren auf Distanz zur Kirche gegangen bin. Ich habe über ein Jahrzehnt gebraucht, um wieder zu ihr zurückzufinden.] 

Donnerstag, 23. März 2017

Liturgiefreier Montag verdrängt Hochfest. Finde den Fehler.

Mein Artikel über schwach oder gar nicht besuchte Werktagsmessen, der inzwischen auch von kath.net übernommen wurde, hat ein breites und vielschichtiges Echo gefunden. U.a. wurde ich von mehreren Lesern darauf hingewiesen, dass die Aussage "Ohne mich hätte die Messe nicht stattfinden können" so nicht stimmt. Den von mir zitierten Canon 906 des CIC - "Ohne gerechten und vernünftigen Grund darf der Priester das eucharistische Opfer nicht ohne die Teilnahme wenigstens irgendeines Gläubigen feiern" - müsse man im Zusammenhang mit Canon 904 lesen, wo es heißt: 
"Immer dessen eingedenk, dass sich im Geheimnis des eucharistischen Opfers das Werk der Erlösung fortwährend vollzieht, haben die Priester häufig zu zelebrieren; ja die tägliche Zelebration wird eindringlich empfohlen, die, auch wenn eine Teilnahme von Gläubigen nicht möglich ist eine Handlung Christi und der Kirche ist, durch deren Vollzug die Priester ihre vornehmste Aufgabe erfüllen."
Obendrein heißt es im maßgeblichen lateinische Wortlaut von Canon 906 "ne celebret" - das ist Konjunktiv und wäre richtiger mit "möge nicht / soll nicht feiern" als mit "darf nicht feiern" zu übersetzen. Eine öffentlich angekündigte Messe muss also nicht ausfallen, wenn außer dem Zelebranten niemand erscheint. 

Nun ging es mir in meinem Artikel natürlich hauptsächlich darum, eine Lanze für den häufigen Messbesuch zu brechen. Dennoch sind diese Hinweise wichtig und bedenkenswert. Zumal mir andere Pfarreien bekannt sind, in denen regelmäßige Termine für Werktagsmessen aus dem Wochenplan gestrichen werden, wenn sie wenig besucht werden. -- Speziell meine Leser in Nordenham, Butjadingen und Stadland mögen es mir verzeihen, wenn ich wieder einmal St. Willehad als Beispiel heranziehe. Es gäbe auf dem platten Lande sicher mehr als genug andere Beispiele, wenn ich sie denn kennte. Aber zu St. Willehad später; bleiben wir zunächst mal bei allgemeinen Beobachtungen. 

Wenn, wie es wohl häufig der Fall ist, eine Großpfarrei oder ein Pastoraler Raum mehr Gottesdienststandorte als Priester hat, dann leuchtet es ein, wenn nicht an jedem Standort täglich eine Messe gefeiert wird. Wenn aber nicht einmal in der gesamten Pfarrei (bzw. dem gesamten Pastoralen Raum) an jedem Tag der Woche eine Messe gefeiert wird, dann gibt das schon zu denken. Kommen die betreffenden Priester der eindringlichen Empfehlung des CIC zur täglichen Zelebration dann an den anderen Tagen durch nichtöffentliche Messfeiern nach? Und wenn ja: Wieso können sie dann nicht ebensogut öffentlich zelebrieren? Wenn das "ne celebret" aus Canon 906, im Zusammenhang mit Canon 904 gelesen, überhaupt eine praktische Bedeutung haben soll, dann doch wohl die, dass die Zelebration mit "Volk" nach Möglichkeit der Zelebration ohne "Volk" vorzuziehen ist. 

Nach Möglichkeit, wie gesagt. Im Einzelfall kann es durchaus "gerechte und vernünftige Gründe" für die nichtöffentliche Zelebration geben. In Diskussionen auf Facebook haben sich zu dieser Frage auch Priester zu Wort gemeldet. Es ist unschwer einzusehen, dass ein Gemeindepriester Tag für Tag sehr viel mehr zu tun hat, als es nach außen hin wahrnehmbar ist. Besonders beim leitenden Pfarrer einer Großpfarrei kann man sich leicht vorstellen, dass er in Ausübung seines Dienstes auch sehr viel unterwegs ist. Nun sollte man annehmen oder zumindest hoffen, dass sich auch bei einem sehr vollen Terminkalender noch 20-30 Minuten am Tag für die Zelebration der Eucharistie locker machen lassen; wenn diese Zelebration aber öffentlich stattfinden soll, dann sollte es eine verlässliche Anfangszeit geben, und möglichst jede Woche dieselbe. Dass das nicht für jeden Priester immer zu gewährleisten ist, kann ich mir durchaus vorstellen. 

Andererseits heißt es schon in der Benediktsregel: "Dem Gottesdienst ist nichts vorzuziehen." Der Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 1324, nennt die Eucharistie unter Verweis auf die Dogmatische Konstitution Lumen Gentium des II. Vatikanischen Konzils "Quelle und Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens"; vgl. dazu auch Canon 897 des CIC. -- So ziemlich Jeder kennt wohl, in unterschiedlichen Varianten, die tatsächlich sehr weise Lebensregel "Lege die größten Steine zuerst in den Topf". Sie besagt, dass die Dinge, die im Leben am wichtigsten sind, auch die Fixpunkte des Terminkalenders sein sollten - weil sonst die eigentlich unwichtigen Kleinigkeiten überhand nehmen und die wichtigen Dinge verdrängen. So gesehen wäre zu fragen, ob es für einen Priester, gerade wenn er viel zu tun hat, nicht ratsam wäre, der täglichen Messfeier einen festen Platz in seinem Tagesablauf zu geben. Und wenn es um 6 Uhr morgens ist. Nun höre ich schon den Einwand: "Zu einer öffentlichen Messfeier um 6 Uhr morgens kommt doch sowieso niemand." Mal abgesehen davon, dass ich das nicht glaube - vielleicht kämen um 6 Uhr sogar mehr Gläubige als um 9 Uhr, zum Beispiel Berufstätige, die an einem normalen Werktag um 9 Uhr beim besten Willen nicht in die Kirche kommen können - : Selbst wenn's so wäre, was wäre damit verloren, im Vergleich zu einer nichtöffentlichen Zelebration, zu der schließlich auch und erst recht niemand kommen kann? 

Schauen wir nun, wie schon angekündigt, einmal exemplarisch auf die Pfarrei St. Willehad Nordenham/Butjadingen/Stadland. Eine Pfarrei mit einem Einzugsbereich von knapp 330 km² und drei regelmäßigen Gottesdienststandorten. (Bis 2014 waren es sogar sechs, aber damals hatte die Pfarrei auch noch zwei Priester; jetzt ist es nur noch einer.) Ein Blick in den Wochenplan verrät: Neben einer Sonntagsmesse in der Pfarrkirche und einer Vorabendmesse in einer der Filialkirchen gibt es dort in der Regel an zwei der drei Standorte je eine Werktagsmesse pro Woche - am Dienstag und Mittwoch; zuweilen fällt aber auch eine dieser Messen aus, zum Beispiel, wenn auf denselben Tag eine Beerdigung fällt. Am dritten Standort findet donnerstags ein Wortgottesdienst statt, manchmal (einmal im Monat?) aber stattdessen auch eine "richtige" Messfeier. Hinzu kommt ungefähr jeden zweiten Freitag im Monat eine Messe in einem Seniorenheim. Wenn man bedenkt, dass alle diese Termine von einem einzigen Priester wahrgenommen werden, kann man feststellen, dass dieser der "eindringlich empfohlenen" täglichen Zelebration schon relativ nahe kommt. Zum Vergleich: Der Pastorale Raum, in dem ich für gewöhnlich zur Kirche gehe, ist flächenmäßig erheblich kleiner als die Pfarrei St. Willehad, umfasst allerdings ganze sieben Kirchen - dafür gibt es hier aber zwei in Vollzeit tätige Priester und zwei weitere, die in Teilzeit in diesem Pastoralen Raum tätig sind; und mindestens einen emeritierten Priester gibt es wohl auch noch. Zusammen bringen sie es auf 23 öffentliche Messfeiern in der Woche - andere Formen gottesdienstlicher Feiern, die es auch noch gibt, nicht mitgerechnet. Das muss man erst mal hinkriegen. 

Nicht eingezeichnet: der liturgiefreie Montag (farblos).
(Grafik erstellt von Samuel-Kim Nguyen, Quelle hier.) 

Was mir an den Gottesdienstzeiten in St. Willehad allerdings besonders ins Auge sticht, ist der liturgiefreie Montag, der, wie es scheint, geradezu dogmatischen Rang hat. (Wie ich hörte, gibt es den auch in nicht wenigen anderen Pfarreien; meine alte Heimatgemeinde dient hier also wieder einmal lediglich als Beispiel.) -- Kürzlich feierten wir ja das Hochfest des Hl. Josef. In seiner Eigenschaft als Bräutigam der Allerseligsten Jungfrau und Gottesmutter Maria und Pflegevater Jesu wird der Hl. Josef als Schutzpatron der ganzen Kirche verehrt; deshalb ist sein Gedenktag am 19. März so wichtig, dass er sogar die Fastenzeit unterbricht. Dieses Jahr allerdings fiel der 19. März auf einen Sonntag, und da gilt im liturgischen Kalender die Regel: Fastensonntag verdrängt Hochfest. Darum wurde das Hochfest des Hl. Josef in diesem Jahr am Montag, dem 20. März, gefeiert - weltweit, außer in St. Willehad. Dort verdrängte der liturgiefreie Montag das Hochfest auf den Dienstag. 

Damit nicht genug: Am kommenden Sonntag, dem 26. März, ist der Gedenktag des Hl. Liudger, der zur Zeit Karls des Großen als Missionar bei den Sachsen und Friesen tätig war, das Kloster Werden gründete und erster Bischof von Münster wurde. Aus letzterem Grund wird sein Gedenktag in "seinem" Bistum als Hochfest begangen - dieses Jahr allerdings, aufgrund der oben genannten Regel "Fastensonntag verdrängt Hochfest", erst einen Tag später. Also wiederum am Montag. Den Nordenhamern jedoch ist das Hochfest ihres Bistumsgründers keine Messe wert. Es gibt lediglich, wie jeden Montag, in der Filialkirche Herz Mariä in Burhave ein "Friedensgebet" und "anschließend Klönschnack". 

Irgendjemand sollte da vielleicht mal seine Prioritäten überdenken. 



Samstag, 18. März 2017

Mittwochsklub im Café J... an einem Freitag

In der Torstraße 168 in Berlin-Mitte, ungefähr auf halbem Wege zwischen dem U-Bahnhof Rosenthaler Platz und dem S-Bahnhof Oranienburger Straße, liegt das Café  J - eine Location, die, wie jedenfalls meine Liebste und ich finden, geradezu danach schreit, als Operationsbasis für ein Graswurzel-Laienapostolat (um nicht immer "Punk-Pastoral" zu sagen) genutzt zu werden. Die Räumlichkeiten gehören zur Kirche St. Adalbert, Träger des Cafés ist das Erzbischöfliche Amt für Jugendseelsorge, und betrieben wird es ehrenamtlich von Freiwilligen. Eröffnet wurde das Café J bereits am 09.09.2000 und beschreibt sich selbst als "Ort der Begegnung und des Austauschs, zum Feiern und gemütlichen Beisammensein". Das J im Namen steht übrigens nicht, wie man denken könnte, für Jesus, sondern - berlinerisch - für "Jott". Wat hebbt wi lacht. 

Im Ernst: Das Café J ist schön, gemütlich und außerordentlich gut gelegen - aber es hat leider nur allzu selten geöffnet. Daraus kann man dem Team schwerlich einen Vorwurf machen, schließlich arbeiten wie gesagt alle Teammitglieder ehrenamtlich dort und haben auch noch was Anderes zu tun. Fänden sich mehr Ehrenamtliche, die mitziehen, ließen sich die Öffnungszeiten sicherlich ausweiten. 

Vor über zehn Jahren war ich ein paarmal im Café J gewesen und dann ewig lange nicht mehr; aber da meine Liebste und ich von Herbst 2015 bis Frühjahr 2016 einigermaßen regelmäßig in St. Adalbert zur Sonntagsmesse zu gehen pflegten, wussten wir immerhin vom Sehen, dass es das Café immer noch gibt. Anfang Dezember waren wir dann erstmals gemeinsam dort - bereits mit dem Hintergedanken, mal zu sondieren, ob man da mal eigene Veranstaltungen anbieten könnte, also zum Beispiel Lesungen, Vorträge, eventuell auch Filmabende oder was sich sonst noch so entwickelt. Der erste Eindruck war recht ermutigend: Das Team ist grundsätzlich ziemlich aufgeschlossen für solche Anregungen bzw. Initiativen, nicht zuletzt auch, da es im Café J in jüngerer Zeit insgesamt nicht mehr so viele Veranstaltungen gibt wie "früher mal". Zu den regelmäßigen Veranstaltungen zählen Kneipenquiz- und Cocktailabende, Kartenspielturniere und Fußballübertragungen. Alles nett und fein, aber ein paar Veranstaltungen mit explizit christlichem Content wären in einem Lokal in kirchlicher Trägerschaft sicherlich auch nicht direkt fehl am Platz. Sieht das Team grundsätzlich genauso. Man muss halt nur Ideen haben. Und die haben meine Liebste und ich reichlich. 

Folglich haben wir uns mit dem Café-Team auf einen ersten Termin für eine von uns gestaltete Abendveranstaltung geeinigt - und dieser ist am kommenden Freitag, dem 24. März, ab 19 Uhr: 


Das Programm für den Abend ist bereits erprobt: Am 9. Februar habe ich im Kreis junger Erwachsener der Pfarrei St. Antonius in Berlin-Friedrichshain über die diesjährige MEHR-Konferenz berichtet, und nun werde ich mein damaliges Vortragsmanuskript also in teilweise überarbeiteter Form erneut zum Einsatz bringen. Außer um persönliche Eindrücke von der MEHR 2017 wird es auch allgemein um Hintergründe zur Charismatischen Erneuerungsbewegung, zur Gebetshausbewegung etc. gehen, sowie nicht zuletzt darum, was für Impulse man daraus für das eigene Glaubensleben im Alltag und ggf. auch für die Mitarbeit in der eigenen Kirchengemeinde beziehen kann. Bei der Gelegenheit wird es sich anbieten, auch mal ganz allgemein die Initiative "Der Mittwochsklub" vorzustellen und ein paar Erläuterungen dazu loszuwerden, was der Mittwochsklub eigentlich will, plant und beabsichtigt. 

Wenn die Technik uns nicht im Stich lässt, wird's auch einige Video-Schnipsel von der MEHR geben. Und natürlich Lobpreismucke! 

Wir hoffen also auf rege Beteiligung -- und wenn der Abend gut läuft, sind wir optimistisch, mit dem Café-Team noch weitere Termine für zukünftige Veranstaltungen an diesem schönen Ort aushandeln zu können. Mindestens ein weiteres Programm ist bereits so gut wie fertig vorbereitet (und wird demnächst im Kreis junger Erwachsener "uraufgeführt"), ungefähr drei weitere befinden sich in Planung. Und bis wir damit durch sind, ist uns bestimmt noch viel mehr eingefallen...! 



Donnerstag, 16. März 2017

Bioethik in Tegel

Am kommenden Dienstag, dem 21. März, um 19 Uhr findet im Pfarrsaal der Gemeinde Herz Jesu in Berlin-Tegel (Brunowstraße 37) ein Informationsabend zum Thema 

"Betreffen bioethische Fragen auch mich?" 

statt. Als Referent wurde Dr. Walter Ramm, der Vorsitzende der "Aktion Leben e.V.", eingeladen. 

Dr. Ramm zählt mit der von ihm begründeten Aktion Leben zu den Pionieren der Lebensschutzbewegung im deutschsprachigen Raum; bereits seit den 1970er Jahren ist er für den Lebensschutz aktiv. Informiert man sich in der - sagen wir mal vorsichtig - "lebensschutz-kritischen" Medienlandschaft über die Aktion Leben, kann man feststellen, dass die Akteure dieses Vereins vielfach als ausgesprochene Hardliner dargestellt werden - u.a. deshalb, weil sie so genannte "Gehsteigberatungen" vor Abtreibungskliniken durchführen. Okay, da kann man nun natürlich sagen: Was soll man auch von Leuten erwarten, die den Versuch, abtreibungswillige Schwangere noch im letzten Moment umzustimmen, als "Gewaltakt" bewerten, das Vergiften, Ausschaben, Absaugen oder Zerstückeln eines ungeborenen Menschenkindes hingegen nicht? -- Gleichwohl ist mir durchaus bewusst, dass im Lebensschutzbereich auch Leute unterwegs sind, die mit ihrem allzu forschen und aggressiven Auftreten ihrem Anliegen letztlich mehr schaden als nützen. Man darf sich also fragen: Gilt das auch für die Aktion Leben

Nun, in der Tegeler Herz-Jesu-Kirche liegen regelmäßig Flyer der Aktion Leben aus, und die machen ganz dezidiert nicht diesen Eindruck. Im Gegenteil: Einer dieser Flyer stellt explizit die Sorge um und für Frauen, die abgetrieben haben, in den Mittelpunkt. Davon, dass - wie es insbesondere christlichen Lebensschützern nicht selten vorgeworfen bzw. unterstellt wird - Frauen, die abgetrieben haben, "verdammt" würden, kann da keine Rede sein; stattdessen liest man auf dem Flyer u.a.: 
  • Kein Mensch hat das Recht, Sie zu verurteilen. 
  • Wenn Ihr Gewissen Sie verurteilt: Gott kann Sie freisprechen! 
  • Es gibt einen Ausweg aus der Schuld und Heilung für Ihre Seele. 

Hier steht also ganz klar die Überzeugung im Fokus, dass bei einer Abtreibung nicht nur das Kind ein Opfer ist, sondern auch die Mutter. - Bei der Informationsveranstaltung am kommenden Dienstag geht es allerdings nicht allein um das Thema Abtreibung, sondern um bioethische Fragestellung in einem breiteren Sinne - und, wie es in der Veranstaltungsankündigung heißt, um "die modernen Herausforderungen der genetischen Forschung und deren Auswirkungen auf die gesamte Schöpfung". An den Vortrag von Dr. Walter Ramm wird sich ein offenes Gespräch anschließen: "Von A wie Abtreibung über Organspende, Patientenverfügung und Sterbehilfe bis Z wie Zeitgeist wird die Themenvielfalt reichen." 


Didacus Valades: Die große Kette des Seins. In: Rhetorica Christiana (1579). 

Ich selbst werde wegen anderweitiger Termine wohl nicht an der Veranstaltung teilnehmen können (oder allenfalls verspätet dazustoßen). Umso mehr möchte ich diejenigen meiner Leser, die die Möglichkeit dazu haben, einladen, hinzugehen -- und gegebenenfalls unten in den Kommentaren ihre Eindrücke zu schildern!