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Dienstag, 6. Dezember 2016

Worauf warten wir eigentlich?




Kann man behaupten, unter den "geprägten Zeiten" des Kirchenjahres sei der Advent eine besonders schwierige? - Ich denke, man kann. Für die säkulare Gesellschaft ist der Advent schlicht "Vorweihnachtszeit" - ja, in gewissem Sinne sogar die eigentliche Weihnachtszeit, denn wenn die Geschenke ausgepackt sind und der Gänsebraten verputzt ist, ist Weihnachten aus weltlicher Sicht ja schon wieder so gut wie vorbei - der Baum nadelt schon und muss bald raus, zumal man ja auch Platz für die Silvester-Deko braucht. Dass die liturgische Weihnachtszeit mit dem Weihnachtsfest erst beginnt, dürfte Nicht-Kirchgängern kaum vermittelbar sein. Muss ja auch nicht. Aber was bedeutet der Advent denn nun für Christen

Eine Zeit der Vorbereitung soll der Advent sein, heißt es. Aber Vorbereitung worauf? Auf Weihnachten? Da würde der nichtchristliche Weihnachtsmarktbesucher ja noch zustimmen, auch wenn Weihnachten für ihn etwas Anderes bedeutet. Christen feiern an Weihnachten das Mysterium der Menschwerdung Gottes, ein zentrales Ereignis der Heilsgeschichte, und natürlich soll die Adventszeit auch der inneren Vorbereitung darauf dienen. Aber Advent bedeutet noch mehr als das: Die Adventszeit soll auch und nicht zuletzt eine Zeit sein, in der Christen sich auf die Wiederkunft Christi vorbereiten. Und da wird es schwierig. 
"Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und schaut zum Himmel empor? Dieser Jesus, der von euch ging und in den Himmel aufgenommen wurde, wird ebenso wiederkommen, wie ihr ihn habt zum Himmel hingehen sehen." (Apostelgeschichte 1,11
Wir bekennen es allsonntäglich im Credo: "Von dort wird Er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten". Aber glauben wir das eigentlich wirklich? Oder, präziser gefragt: Leben wir so, wie es diesem Glauben entspräche? Mir geht in diesem Zusammenhang immer mal wieder ein Liedtext von Manfred Siebald durch den Kopf: 
Wir haben es uns gut hier eingerichtet
der Tisch, das Bett, die Stühle steh'n
der Schrank mit guten Dingen vollgeschichtet
wir sitzen, alles zu besehn.
Dann legen wir uns ruhig nieder
und löschen, müd' vom Tag, das Licht
und beten laut: Herr, komm doch wieder
und denken leise: Jetzt noch nicht.
(Wer alle vier Strophen des Liedes nachlesen möchte, kann das hier tun. Es lohnt sich.)

Wir machen so viele Pläne für die Zukunft. Wir arbeiten für unsere Rente. Wir haben immer etwas vor, haben Ziele, im privaten wie im beruflichen Bereich. Wenn der Herr wiederkommt, werden all diese Pläne und Vorbereitungen für die Zukunft hinfällig sein. Kann es sein, dass wir das eher als eine Bedrohung empfinden - und deshalb so ungern daran denken? 

Freilich: Wenn der Herr wiederkommt, dann kommt Er, um die Welt zu richten. Das allein mag schon ein Grund sein, Seine Wiederkunft lieber nicht allzu bald erwarten zu mögen. So sehr mit Gott und seinen Nächsten im Reinen ist wohl kaum jemand, dass ihn der Gedanke an das Gericht nicht mit einem gewissen Unbehagen erfüllen würde. Eben darum ist die Adventszeit, ebenso wie die Fastenzeit vor Ostern, auch eine Bußzeit, eine Zeit, in der wir in besonderem Maße zur Umkehr aufgerufen sind. Aber ich vermute, die Furcht vor dem Gericht ist nicht der einzige, vielleicht nicht einmal der hauptsächliche Grund, weshalb wir in unserem Alltag dazu neigen, den Gedanken an die Wiederkunft Christi möglichst weit von uns wegzuschieben. Ein viel banalerer Grund ist, dass wir - trotz aller Misshelligkeiten des täglichen Lebens - einfach viel zu sehr an diese Welt und dieses Leben gewöhnt sind, als dass wir uns ohne Weiteres mit dem Gedanken anfreunden könnten, diese Welt und dieses Leben könnten plötzlich zu Ende sein

Im Neuen Testament finden sich allerlei Hinweise darauf, dass die ersten Christen - oder zumindest einige von ihnen - die Wiederkunft Christi noch zu ihren Lebzeiten erwartet haben. Seither sind rund zwei Jahrtausende vergangen, und der Herr ist noch immer nicht wiedergekommen; das allein mag ein nachvollziehbarer Grund dafür sein, dass der Gedanke an die Parusie im täglichen Leben vieler Christen nicht besonders präsent ist: Wenn es bisher so lange gedauert hat, kann es auch nochmals sehr lange dauern, und warum sollten wir davon ausgehen, dass ein Ereignis, auf das die Christenheit seit bald 2000 Jahren wartet, ausgerechnet in unserer Lebenszeit stattfinden sollte? Andererseits hat es in der Geschichte des Christentums, auch in jüngerer Zeit, nicht an Versuchen gefehlt, den "Termin" des Jüngsten Gerichts vorauszuberechnen oder zumindest anhand bestimmter "Zeichen der Zeit" festzustellen, das Weltende müsse unmittelbar bevorstehen. Gegenüber beiden Einstellungen - der vermeintlich "sicheren" Naherwartung wie auch der vermeintlichen Gewissheit "Mein Herr kommt noch lange nicht!" (Matthäus 24,48) - gilt es jedoch an die Mahnung Jesu zu erinnern: "Den Tag und die Stunde kennt niemand" (Matthäus 24,36). -- Die Tageslesungen der Adventszeit, insbesondere die Tagesevangelien, rufen dazu auf, wachsam zu sein: 
"Denn wie es in den Tagen des Noach war, so wird es bei der Ankunft des Menschensohnes sein. Wie die Menschen in den Tagen vor der Flut aßen und tranken und heirateten, bis zu dem Tag, an dem Noach in die Arche ging, und nichts ahnten, bis die Flut hereinbrach und alle wegraffte, so wird es auch bei der Ankunft des Menschensohnes sein. Dann wird von zwei Männern, die auf dem Feld arbeiten, einer mitgenommen und einer zurückgelassen. Und von zwei Frauen, die mit derselben Mühle mahlen, wird eine mitgenommen und eine zurückgelassen. Seid also wachsam! Denn ihr wisst nicht, an welchem Tag euer Herr kommt."
(Matthäus 24,37-42; Evangelium vom 1. Adventssonntag) 
"Darum, Brüder, haltet geduldig aus bis zur Ankunft des Herrn! Auch der Bauer wartet auf die kostbare Frucht der Erde, er wartet geduldig, bis im Herbst und im Frühjahr der Regen fällt. Ebenso geduldig sollt auch ihr sein. Macht euer Herz stark, denn die Ankunft des Herrn steht nahe bevor."
(Jakobus 5,7f.; aus der 2. Lesung zum 3. Adventssonntag) 
Die Adventszeit mahnt uns, jeden Tag so zu leben, dass der Herr jederzeit wiederkommen könnte; und mehr noch: Sie ruft uns dazu auf, die Wiederkunft Christi nicht als etwas zu betrachten, das wir fürchten müssten, sondern sie vielmehr freudig zu erwarten.  Im Zuge der Vorbereitung dieses Beitrags habe ich ein bisschen im Gotteslob geblättert, und als ich im Stichwortverzeichnis nach dem Begriff "Wiederkunft" suchte, wurde ich auf einen Andachtstext verwiesen, der sich unter der Nummer 680,9 findet. Mit einigen Auszügen aus diesem Text möchte ich schließen: 
"Am Ende der Zeiten wird Jesus Christus wiederkommen in Herrlichkeit. Den Tag Seines Kommens weiß nur der Vater. Aber, dass Er kommt, ist gewiss. Was bewegt uns, wenn wir daran denken: Angst oder Erwartung, Bangen oder Hoffnung?
[...]
Herr Jesus Christus, einst wirst Du kommen, um Alles zu vollenden.
Dann werden die Mächte des Bösen entmachtet
und der Tag Deines Reiches bricht an.
Dann werden die Herren der Welt entwaffnet
und Deine Herrschaft wird offenbar.
[...]
Herr Jesus Christus, Deine Wiederkunft wird Gericht sein und in ein Fest münden. Der Himmel wird neu, die Erde wird neu. Die Völker werden sich in Deinem Frieden versammeln. Ostern wird sein für alle im Himmlischen Jerusalem. Lass uns dabei sein und leben in Ewigkeit. 
Amen." 

(Das nächste Türchen im Blogoezesen-Adventskalender öffnet sich morgen im Blog "Geistliches Schatzkästchen"!) 



Freitag, 2. Dezember 2016

Konservatismus im Karohemd

Na, lieber Leser und vor allem liebe Leserin: Hast du schon die lang und bang erwartete neue Gilmore Girls-Staffel auf Netflix gesehen? - NEIN? - Hast du es denn noch vor? Wenn ja, dann hör sofort auf zu lesen. Spoileralarm und so. 

-- Na gut: Ein Absatz geht noch. Wie ich schon einmal ausgeführt habe, bin ich ja erst recht spät auf den Gilmore Girls-Geschmack gekommen, und das verdanke ich, wie so Vieles, meiner Liebsten, die schon während der deutschen Erstausstrahlung der zwischen 2000 und 2007 entstandenen Serie ein Fan war. Im zurückliegenden Frühjahr hat sie mich dazu angestiftet, die komplette Serie - sieben Staffeln! - mit ihr zusammen anzuschauen; oft so um die drei Episoden an einem Abend. Das Ziel war, damit fertig zu sein, ehe auf Netflix die Fortsetzung Gilmore Girls - A Year In The Life erschiene. Tatsächlich waren wir sogar deutlich früher am Ende der 7. Staffel angelangt, und dann ging's erst mal auf den Jakobsweg. Nach unserer Rückkehr gab es mindestens zwei Anläufe meiner Liebsten, mich zum Anschauen der Fortsetzung zu überreden, worauf ich erwiderte, ich fühle mich "innerlich noch nicht bereit dazu". Letztlich erübrigte sich da jegliche Diskussion, da sich herausstellte, dass die neue Staffel ohnehin noch gar nicht draußen war. Am Freitag, dem 25.11., kam sie dann endlich - aber an dem Abend hatten meine Liebste und ich Anderes zu tun. Also begannen wir am Samstag mit dem Anschauen und schafften die vier Episoden in drei Tagen.  

(Bildquelle hier.)

Zur Freude der Fans ist nahezu die gesamte Originalbesetzung der Serie wieder mit von der Partie. Die bedeutendste Ausnahme betrifft "Grandpa" Richard Gilmore: Der Darsteller dieser Rolle, Edward Herrmann, starb im Jahr 2014, folglich musste auch sein Rollencharakter sterben. Eine umfangreiche Rückblende in der ersten Episode von A Year In The Life schildert seine Beerdigung und Trauerfeier; und natürlich hat der Umstand, dass er nicht mehr da ist, erhebliche Auswirkungen auf die Entwicklung des Verhältnisses zwischen den Gilmore-Frauen, besonders zwischen Emily und Lorelai. Dieser Umstand prägt die gesamte Staffel bis zum Schluss. 

Lange auf der Kippe stand die Mitwirkung von Melissa McCarthy als Sookie - bedingt dadurch, dass Ms. McCarthys Schauspielkarriere seit der letzten Gilmore Girls-Staffel erheblich Fahrt aufgenommen hat; u.a. war sie jüngst in einer der Hauptrollen im Remake von Ghostbusters zu sehen. Aber nachdem dreieinhalb Episoden lang darüber geredet wird, warum Sookie nicht da ist und wie sehr sie vermisst wird, taucht sie pünktlich zum Finale doch wieder auf - nur für eine Szene, aber das ist eine Sookie-Szene wie aus dem Bilderbuch. 
Ansonsten fehlen von den wichtigen Seriencharakteren eigentlich nur Liz und T.J. (von denen gleichwohl wiederholt die Rede ist: Sie befinden sich vorübergehend in den Fängen einer obskuren Gemüse-Sekte), und der Vollständigkeit halber könnte man noch Max Medina und Dave Rygalski erwähnen, die aber ja schon lange aus der Serie verschwunden waren. Insgesamt unterstreicht es den warmherzigen, liebevollen Charakter, der die Serie von jeher ausgezeichnet hat, dass in diesem Revival sogar ausgesprochen episodischen Charakteren ein kleines Comeback gegönnt wird; sogar Robert, Colin und Finn, Logan Huntzbergers verrückte Freunde aus der Life & Death Brigade, haben in der letzten Episode einen ausgesprochen grandiosen Gastauftritt. 

Gleichzeitig ist festzuhalten, dass das im Vergleich zur ursprünglichen Serie erheblich veränderte Sendeformat  - nur vier Episoden, diese dafür aber jeweils in Spielfilmlänge - auch eine erheblich veränderte Dramaturgie bedingt. Für eigenständige Nebenhandlungsstränge um andere Charaktere als die Mitglieder der Familie Gilmore ist da kein Platz mehr. In besonders auffälligem Maße betrifft das Rorys beste Freundin Lane, die in den früheren Staffeln phasenweise eine gleichberechtigte Hauptfigur war, in A Year In The Life hingegen zu einer bloßen Randfigur schrumpft. Das ist ein bisschen schade, aber man kann nun mal nicht Alles haben.  

Soweit in loser Folge einige erste Eindrücke. Nun aber mal ans Eingemachte. Nachdem ich mir vorerst nur die erste der vier neuen Episoden angesehen hatte, entdeckte ich mittels der Sozialen Netzwerke zwei Rezensionen zu Gilmore Girls - A Year In The Life, die ich, da sie ebenfalls Spoiler enthielten, zunächst nur anlas, inzwischen aber, nachdem ich mit dem Gucken fertig bin, doch ganz gelesen habe: eine von Amy Plitt im Rolling Stone und eine von Gracy Olmstead im Federalist. Beide Rezensentinnen sind sich in überraschend vielen Punkten einig, und in einigen davon kann auch ich ihnen zustimmen. Voll des Lobes, und zwar zu Recht, sind sie über die Entwicklung des Verhältnisses zwischen Lorelai Gilmore und ihrer Mutter Emily. Durch den Tod ihres Mannes droht Emilys wohlgeordnetes Upper-Class-Leben zwischenzeitlich gründlich aus den Fugen zu geraten, aber letztlich reift sie daran, und im Zuge dessen reift auch ihre Beziehung zu ihrer Tochter. Das ist eindringlich und liebevoll dargestellt und tut dem Zuschauer wohl. -- Ein wesentlicher Kritikpunkt beider Rezensentinnen - den, unabhängig davon, auch eine Gilmore-Girls-begeisterte Facebook-Freundin und Bloggerkollegin von mir geäußert hat - betrifft hingegen Rory. So erstaunlich wenig sie sich über die Jahre äußerlich verändert hat, so deutliche Brüche weist ihr Charakter auf. Nachdem die zu Beginn der Serie 15-jährige Rory in der alten Serie stets - wenn auch mit einem auffälligen postpubertären "Durchhänger" in Staffel 6 - ein ausnehmend kluges, vernünftiges, verantwortungsbewusstes und strebsames Mädchen mit hohen moralischen Ansprüchen an sich selbst gewesen ist, wirkt die "Thirtysomething"-Rory von A Year In The Life weit unreifer als ihr jüngeres Selbst. Eine nachgeholte Rebellion? Gegen wen oder was? Während des größten Teils der vier Episoden ist Rory antriebsschwach, unentschlossen und sprunghaft - so kennt man sie gar nicht! Beruflich kommt sie auf keinen grünen Zweig, und ihr Liebesleben ist erst recht ein einziges Chaos: Seit zwei Jahren hat sie eine Fern- bzw. Pendelbeziehung mit einem jungen Mann, der so farblos und uninteressant ist, dass sie wiederholt vergisst, mit ihm Schluss zu machen - das ist als running gag durchaus witzig, aber sympathisch ist was Anderes -; und parallel dazu hat sie eine Affäre mit ihrem Exfreund Logan, der allerdings verlobt ist. 

Einig sind sich die Rezensentinnen Plitt und Olmstead auch darin, dass ihnen der Schluss missfällt - obwohl die Kritik im Rolling Stone in der Überschrift behauptet, es sei "der Schluss, den die Fans schon immer wollten". Verraten werde ich den Schluss hier nicht - so viel Spoiler muss dann doch nicht sein -, aber Gracy Olmstead weist im Zusammenhang mit ihrer Kritik am Schluss der Serie auf einen Umstand hin, der mir bemerkenswert scheint. Gilmore Girls - A Year In The Life war nicht zuletzt deshalb ein Herzensanliegen für die Serienerfinderin Amy Sherman-Palladino und ihren Ehemann Daniel Palladino, weil sie aufgrund von Meinungsverschiedenheiten mit dem produzierenden Studio Warner Brothers an der 7. Staffel der ursprünglichen Serie nicht mehr beteiligt gewesen waren und der Serie daher nicht den Schluss hatten geben können, der ihnen vorschwebte. Mit A Year In The Life haben sie nun den "richtigen" Schluss quasi "nachgeliefert" - aber inzwischen sind nun mal neun Jahre vergangen und die Charaktere entsprechend älter. Wie Gracy Olmstead sehr überzeugend ausführt, wäre der Schluss von A Year In The Life erheblich glaubwürdiger und befriedigender, wenn er neun Jahre früher stattgefunden hätte - mit einer Rory, die gerade das College abgeschlossen hat, anstelle einer über 30-jährigen Rory. 

Aber reden wir nicht über den Schluss, den ich ja nicht verraten will; viel interessanter finde ich etwas Anderes. Die großen Übereinstimmungen zwischen den Kritiken von Amy Plitt und Gracy Olmstead fand ich nicht zuletzt deshalb bemerkenswert, weil sie in so unterschiedlich ausgerichteten Publikationen erschienen sind. Während der Federalist als betont konservativ gilt, kann man den Rolling Stone wohl als ausgesprochen linksliberal bezeichnen. Dass in beiden Periodika Besprechungen der neuen Gilmore Girls-Staffel erschienen sind, die bei aller Kritik doch eine tiefe Liebe zur "Marke" Gilmore Girls erkennen lassen, zeigt schon mal, dass diese Serie ein - sagen wir mal - "weltanschaulich" sehr gemischtes Publikum anzusprechen und für sich einzunehmen vermag. Letzteres übrigens unbeschadet der Tatsache, dass die Protagonistinnen der Serie unverkennbar der Demokratischen Partei nahe stehen: Im Laufe der Serie werden Bill und Hillary Clinton mehrfach lobend bis bewundernd erwähnt, auch gelegentliche Seitenhiebe auf George W. Bush fehlen nicht, und am Ende der 7. Staffel erhält die angehende Journalistin Rory das Angebot, Barack Obama auf seiner Wahlkampftour zu begleiten. Dass die Serie dennoch so zu sagen "überparteilich" populär war und ist, mag man darauf zurückführen, dass die Autoren es zu vermeiden gewusst haben, irgendeine gesellschaftliche Gruppe allzu sehr zu verprellen; aber interessanterweise gelingt dies gerade nicht dadurch, dass kontroverse Themen ausgespart würden. Vielmehr werden solche Themen auf eine so mehrdeutige Weise zur Sprache gebracht, dass unterschiedlich gesonnene Zuschauer ihren jeweiligen Standpunkt irgendwie in der Serie "wiederfinden" können.  

Zum Teil wird das dadurch erreicht, dass unterschiedliche, ja sogar widersprüchliche Einstellungen und Ansichten auf verschiedene Charaktere "verteilt" werden - aber auch dies nicht in einem so einschichtigen Sinne, wie man sich das vielleicht vorstellen könnte. Es gehörte für mich von jeher zum besonderen Charme der Serie, dass sie den Zuschauer dazu bringt, absolut jede Serienfigur früher oder später liebzugewinnen. Am längsten habe ich dafür bei Taylor Doose gebraucht, dem Supermarktbesitzer, tyrannischen Stadtverordneten und unermüdlichen Organisator von Stadtfesten und sonstigen skurrilen Events in Stars Hollow. Klar: Taylor nervt. Er ist ein autoritärer Charakter, unfassbar eitel und auf sonderbare Weise gleichzeitig einfältig und verschlagen. Aber er ist einfach unverzichtbar für das Universum von Stars Hollow - das zeigt sich spätestens, als er in Staffel 5 vorübergehend vom Amt des Stadtverordneten abgewählt wird. Taylor illustriert exemplarisch, dass Innovation und Spießigkeit sich nicht ausschließen: Er ist ständig bestrebt, Stars Hollow zu "modernisieren" - sei es, dass er für die Installation einer (praktisch gesehen überflüssigen) Fußgängerampel kämpft oder, in der neuen Staffel, für den Anschluss des Ortes ans Kanalisationsnetz; gleichzeitig ist er bestrebt, das historische Erbe von Stars Hollow zu pflegen, hat aber leider überhaupt keine Ahnung von Geschichte, weshalb seine diesbezüglichen Bemühungen auf ein verkitschtes Zerrbild einer "historischen" Kleinstadt hinauslaufen. Sein ewiger Gegenspieler - bei all seinen Unternehmungen - ist Luke, der wirkliche Konservative im Serienkosmos und zugleich die nahezu einzige Stimme des gesunden Menschenverstands im Exzentrikernest Stars Hollow. Irgendwann begreift man: Es braucht einen Taylor, um in Stars Hollow jene skurril-überzeichnete Idylle zu schaffen, die dieses Städtchen so liebenswert macht - und es braucht einen Luke, damit diese skurrile Idylle nicht völlig unerträglich wird. 

Ich komme auf diesen Punkt - und insbesondere auf Lukes Rolle als "Stimme des gesunden Menschenverstands" - noch zurück. Gleichzeitig entschuldige ich mich an dieser Stelle schon mal für eine gewisse Sprunghaftigkeit im Aufbau dieses Artikels. Ich kann nichts dafür: Diejenigen Aspekte, die ich an Gilmore Girls - A Year In The Life besonders bemerkenswert und kommentarwürdig finde, sind so facettenreich, dass ich nicht anders kann, als sie aus einer Vielzahl verschiedener Blickwinkel anzugehen. Einer davon ist, dass trotz der oberflächlich betrachtet recht "liberalen" Ausrichtung der Serie (oder zumindest ihrer beiden Haupt- und Titelfiguren) die Rezension im konservativen Federalist keinerlei eindeutig "weltanschaulich" motivierte Kritik enthält, diejenige im eher "linken" Rolling Stone hingegen schon - wenn auch nur in einem Detail: Rezensentin Amy Plitt bemängelt, es fehle der Serie - schon immer und immer noch - an "diversity"; als positiv hebt sie an dieser Stelle jedoch hervor, Michel, der Concierge von Lorelais Hotel, sei in der neuen Staffel endlich "out and proud" - nämlich mit einem Mann verheiratet, der ihm obendrein mit einem Kinderwunsch in den Ohren liegt. Ich gestehe, ich fand diese Wendung nicht so toll. In den früheren Staffeln zeichnete sich Michel zwar durch einen Gestus aus, der in vielerlei Hinsicht gängigen Schwulenklischees entsprach, aber ob oder dass er tatsächlich homosexuell ist, wurde nie thematisiert; das fand ich erheblich reizvoller. Dass das Thema Homo-Ehe in der neuen Staffel eine Rolle spielen musste, ist aus Gründen, auf die ich in Kürze eingehen werde, durchaus einsichtig, und es war wohl schlicht naheliegend, dafür auf die Figur Michel zurückzugreifen; man könnte aber mit einigem Recht sagen: ein bisschen zu naheliegend. 

Und wo wir schon bei kontroversen Themen sind: In einem früheren Artikel habe ich mich über die implizite Pro-Life-Message geäußert, die man in der Familiengeschichte der Gilmores erkennen kann, wenn man denn will. Als ich das schrieb, war ich noch nicht ganz mit der ersten Staffel fertig; in einer späteren Staffel wurde das Thema dann noch erheblich direkter angesprochen, in Form einer Rückblende, die den Zuschauer in die Zeit von Lorelais Schwangerschaft katapultierte. In dieser Rückblende debattieren Lorelais und Christophers Eltern über den Umstand, dass ihre jeweiligen Kinder ein gemeinsames Kind erwarten, und Christophers Vater - so ziemlich der einzige durch und durch unsympathische Charakter der gesamten Serie - deutet an, man könne das "Problem" durch eine Abtreibung "lösen". Emily widerspricht energisch: Das komme überhaupt nicht in Frage. Viel deutlicher kann man's wohl kaum zeigen: In letzter Konsequenz verdankt Rory Gilmore die Tatsache, dass sie überhaupt geboren werden konnte, der bedingungslosen Pro-Life-Einstellung ihrer Großmutter. Da wirkt es dann schon ein bisschen ironisch, dass in den Staffeln, in denen Rory in Yale studiert, an der Wand ihres Wohnheimzimmers ein Plakat von Planned Parenthood hängt, mit dem Schriftzug "Stop The War On Choice". Ein eindrucksvolles Beispiel für die gemischten Botschaften, die die Serie in weltanschaulichen Fragen aussendet. Man darf hoffen, dass Planned Parenthood sich dieses product placement Einiges hat kosten lassen. Damit wären die staatlichen Fördermittel wenigstens gut angelegt. Und noch ein anderes Thema aus dem Gesamtbereich Lebensschutz kommt in der Serie zur Sprache: In irgendeiner Folge - welche Staffel das war, habe ich mir nicht gemerkt - nehmen Rory und ihre Kommilitonin Paris Geller an einem Debattierwettbewerb teil und sollen über Sterbehilfe sprechen. Das Los entscheidet, dass Paris und Rory sich aussuchen dürfen, ob sie den Pro- oder den Contra-Standpunkt vertreten, und Paris entscheidet sich enthusiastisch für Pro. Okay, zu Paris passt das. Aber Rory macht immerhin mit. -- Was hat das nun mit der neuen Staffel zu tun? Oberflächlich betrachtet nicht viel, aber in einem tieferen Sinne schon. In der ersten Episode nämlich steht die Frage im Raum, ob Lorelai und Luke zu ihrem Glück womöglich ein gemeinsames Kind fehlt; da Lorelai aber schon weit über 40 ist, erwägt sie, diesem Kinderwunsch mit Hilfe einer Leihmutter abzuhelfen. Die ethische Problematik von Leihmutterschaft wird an dieser Stelle nicht einmal ansatzweise diskutiert; stattdessen scheitert das Projekt ganz einfach daran, dass Luke - wie gesagt, die Verkörperung des gesunden Menschenverstands in der Serie - diese Vorstellung von vornherein bizarr findet; und dass der Zuschauer dazu neigt, sich dieser Sichtweise anzuschließen, wird außer durch Lukes Position als unangefochtener Sympathieträger auch dadurch unterstützt, dass die Chefin der Vermittlungsagentur für Leihmütter und künstliche Befruchtung niemand anders ist als eben die manisch-soziopathische Paris Geller. 

Diese für die weitere Handlung letztlich folgenlose Thematisierung von Leihmutterschaft reiht sich ein in eine bunte Abfolge von Episoden und Anekdoten, die sich mit gesellschaftlichen Trends und medialen Entwicklungen der jüngsten Zeit befassen; in diese Reihe gehört bespielsweise die neueste Geschäftsidee des allzeit umtriebigen Kirk, nämlich eine dilettantische Imitation eines Carsharing-Services, den er Ooober nennt; der running gag, dass Luke in seinem Café neuerdings WLAN hat, seinen Gästen aber ständig falsche Passwörter gibt, weil er nicht will, dass die es benutzen; Taylors Plan, in Stars Hollow eine Gay Pride-Parade zu veranstalten, was jedoch daran scheitert, dass es im Kleinstädtchen nicht genug Schwule gibt (in diesem Zusammenhang wird auch die Idee geäußert, man könne sich ja Schwule aus anderen Orten "ausleihen"); und der Auftrag des Magazins Gentleman's Quarterly an Rory, eine Reportage über "Schlangestehen als Trend" zu schreiben (was übrigens darauf hinausläuft, dass Rory einen One-Night-Stand mit einem Mann im Wookie-Kostüm hat). Und ich möchte behaupten, auch das wie gesagt am Beispiel von Michel ins Spiel gebrachte Thema Homo-Ehe gehört in diesen Kontext. - Absolut unbezahlbar ist auch der Kurzauftritt von Lukes Tochter April zu Beginn der dritten Episode. Sie geriert sich als typische links-feministische Studentin, schwärmt von einer Begegnung mit Noam Chomsky und schockiert ihren Vater mit der Information, dass sie eine Kampagne zur Legalisierung von Marihuana unterstütze; aber als sie einen Moment lang allein mit Rory ist, hat sie aus heiterem Himmel eine Panikattacke und gesteht: "Ich habe Noam Chomsky nie gesehen. Pot geraucht habe ich nur ein einziges Mal - und danach Käse gegessen." Ebenfalls in Folge 3 werden ausgiebig die Proben zu einem (natürlich von Taylor initiierten) Stars Hollow-Musical geschildert; dieses Musical, oder zumindest die Tatsache, dass es so breiten Raum in dieser Serienepisode einnimmt, finden die Rezensentinnen Plitt und Olmstead einhellig doof - weshalb ihnen, so jedenfalls meine These, ein wichtiger hermeneutischer Schlüssel für die Interpretation von Gilmore Girls - A Year In The Life schlicht entgeht. Die Ausschnitte aus diesem Musical enthalten derart viele gleichermaßen bizarre wie beziehungsreiche Details, dass man darüber unschwer einen eigenen Artikel verfassen könnte; den Höhepunkt bildet jedoch ein Lamento über die Ärgernisse der modernen Welt: 

The world is a terrible place 
There's junk mail and terrorism
Tiny airplane seats 
New weird viruses 
Really small print 
And tank tops 
Anything by Jeff Koons 
Spam (not the food) 
Those 'Occupy' radicals 
What restaurants charge for wine 
And Putin...  

Wenn im weiteren Verlauf dieser Musical-Nummer das Städtchen Stars Hollow gewissermaßen als Refugium vor all diesen Verrücktheiten der modernen Welt angepriesen wird, handelt es sich dabei natürlich um eine typische Taylor-Phantasie, von der der Zuschauer nur zu genau weiß, dass sie nicht stimmt. Dennoch hat mich diese Musical-Szene entscheidend in der Auffassung bestärkt, dass all die weiter oben aufgeführten anekdotischen Handlungselemente zwar nicht unbedingt Kritik, aber doch so etwas wie eine vorkritische Irritation darüber implizieren, wie sonderbar und verwirrend die Welt in den Jahren seit der letzten Gilmore Girls-Staffel geworden ist. Letztlich wird sogar Rorys so untypische Ziellosigkeit und Unentschlossenheit als ein über-individuelles Zeitsymptom kontextualisiert: In Stars Hollow gibt es einen "Um-die-30-Club", dessen Mitglieder nach diversen gescheiterten Versuchen, in der "Welt da draußen" Fuß zu fassen, wieder bei ihren Eltern wohnen; und folgerichtig gibt es auch einen Elternkreis des Um-die-30-Clubs, der Lorelai als Mitglied zu gewinnen sucht. 

Alles in Allem lautet mein Fazit: War die Serie Gilmore Girls unterschwellig "schon immer" konservativer, als sie es auf den ersten Blick scheinen mag, so gilt das für A Year In The Life erst recht; ein Umstand, den Gracy Olmstead im Federalist zweifellos gewürdigt haben würde, wenn sie ihn denn bemerkt hätte. - Keine Gnade findet in den Augen dieser Kritikerin auch die Wendung, dass Lorelai am Ende der dritten Folge auf die Idee kommt, zur "Selbstfindung" auf den Pacific Crest-Wanderweg zu gehen - auf den Spuren des Bestsellers "Wild" (dt. "Der große Trip") von Cheryl Strayed. Das passe nicht zu ihr, meint Gracy Olmstead; schließlich könne man sich auf der Basis der bisherigen sieben Serienstaffeln kaum eine Person vorstellen, die weniger zu Outdoor-Aktivitäten aufgelegt sei als Lorelai Gilmore. Da kann ich nur sagen: Das ist doch gerade der WITZ, Gracy! Gerade vor dem Hintergrund meiner noch frischen Jakobsweg-Erfahrung hatte ich enormen Spaß daran, zuzusehen, wie Lorelai sich zu Beginn der vierten und letzten Episode tatsächlich aufmacht, diese Schnapsidee in die Tat umzusetzen - und dabei auf lauter gleichgesinnte Frauen trifft, die sich lediglich darin unterscheiden, ob sie nach dem Buch oder nach dem Film wandern. Das ist natürlich satirisch zugespitzt, aber SO weit weg von der Realität ist es wohl nicht - es gibt schließlich auch Leute, die wegen Hape Kerkeling auf den Jakobsweg gehen, und die sind wirklich so drauf. In den Gesprächen zwischen Lorelai und den anderen Möchtegern-Abenteurerinnen habe ich jedenfalls so Einiges wiedererkannt. Und wenn man dann sieht, wie Lorelai ihren Rucksack packt - und wie sie ihn trägt - dann weiß man, wenn man auch nur ein Minimum an Erfahrung mit derartigen Wandertouren hat: Das kann nicht gut gehen. Und tut es natürlich auch nicht. Am ersten Tag ist das Wetter zu schlecht, also wird der Aufbruch erst einmal verschoben; und am zweiten Tag gibt sie dann ganz auf. Ein Scheitern ist das aber im Grunde doch nicht - denn die Selbsterkenntnis, die Lorelai sich von diesem Trip erhofft hat, findet sie auch so. Das ist inmitten all der Komik eine berührende und ergreifende Szene -- und mehr soll hier nicht verraten werden.  

P.S.: Der/die Erste, der/die in der letzten Episode die ausgesprochen lustige Anspielung auf den Film The Social Network entdeckt, darf sich bei mir ein Thema für einen künftigen Artikel wünschen! :) 




Dienstag, 29. November 2016

Droht ein neues Limburg?

April, April: NEIN, in diesem Artikel soll es NICHT um die St.-Hedwigs-Kathedrale in Berlin gehen. Zwar wären die kontroversen Reaktionen auf den Beschluss des Erzbistums, die Kathedrale nicht nur zu sanieren, sondern umfassend umzugestalten, durchaus einen Blogartikel wert, aber zum gegebenen Zeitpunkt scheint es mir ratsamer, das Thema erst einmal ruhen zu lassen. Die Umbaugegner, vor allem jene aus dem Kreis der "Freunde der St. Hedwigs-Kathedrale", haben ohnehin schon so viel Schaum vor dem Mund, dass es mir, der ich nun auch nicht gerade ein euphorischer Befürworter der Umbaupläne bin, für den Moment jegliche Lust zu einer differenzierten Auseinandersetzung nimmt. Früher oder später wird wohl doch noch auf dieses Thema zurückzukommen sein, aber im Moment geht es mir um etwas Anderes - nämlich um meine Heimatpfarrei St. Willehad in Nordenham. Wo ich übrigens in gut drei Wochen mal wieder für ein paar Tage vorbeischauen werde - meine Leser können sich also schon mal auf einige Vor-Ort-Berichte freuen. 

Symbolbild; Quelle: pixabay.com. Und nein, einen Berg gibt es in Nordenham nicht. 

Also, was geht in good old Nordenham? -- In der zweiten Oktoberwoche wurde das marode und schon seit längerer Zeit nicht mehr genutzte Pfarrhaus von St. Willehad (hier ein Bild aus besseren Tagen) abgerissen; auf der nun freien Fläche soll nicht etwa einfach ein neues Pfarrhaus, sondern ein "Pfarrzentrum" entstehen. Die Nordwest-Zeitung berichtet: 
"Das neue Pfarrzentrum wird als zweigeschossiger Flachdachbau in L-Form mit einer Grundfläche von circa 380 Quadratmetern errichtet. Im Erdgeschoss sollen ein Empfangsbereich, ein Besprechungsraum sowie Büros für den Pfarrer, die Pfarrsekretärin, die Rechnungsführung und einen Pastoralreferenten entstehen. Im Obergeschoss werden sich die Wohnung des Pfarrers und eine Gästewohnung befinden." 
Diese Pläne sind an sich nicht neu. Tatsächlich hatte die NWZ bereits im Juli 2014 darüber berichtet: "Neubau soll Begegnungsstätte werden", lautete damals die Überschrift. Schon damals also lagen die Pläne auf dem Tisch, die nicht nur vorsahen, das alte Pfarrhaus abzureißen und durch einen Neubau zu ersetzen, sondern auch, dass dieser Neubau neben einer Wohnung für den Pfarrer auch "moderne Büroräume für Pfarrer, Pastoralreferent, Provisor und Pfarrsekretärin, ein Besprechungszimmer sowie ein[en] Versammlungsraum für Sitzungen des Pfarreirates und des Verwaltungsausschusses" beherbergen sollte. Im Juli 2014 hatte gerade der später heftig umstrittene Torsten Jortzick sein Amt als Pfarrer von St. Willehad angetreten, und der damalige NWZ-Artikel stellt die Neubaupläne - ob zu Recht oder zu Unrecht, kann ich nicht beurteilen - als ein sehr wesentlich von Jortzick persönlich betriebenes Projekt dar: "Für ihn kommt es darauf an, dass das neue Pfarrhaus zu einer einladenden Begegnungsstätte für die ganze Gemeinde und Gäste wird", heißt es da, und: "Pfarrer Torsten Jortzick wünscht sich, dass es ein einladendes Gebäude mit barrierefreiem Zugang und angenehmen Arbeitsplätzen wird". 

Als ich im Oktober 2015, unmittelbar nach der Bekanntgabe von Torsten Jortzicks Rücktritt als Pfarrer von St. Willehad, in Nordenham war und einige Gespräche mit Anhängern und Gegnern des Pfarrers führte, hatte ich den Eindruck, dass dieses Bauprojekt durchaus ein Thema war, das bei der Stimmungsmache gegen ihn eine gewisse Rolle gespielt hatte. Wirklich verstehen konnte ich das nicht - schließlich stand schon damals fest, dass nicht die Gemeinde, sondern das Bischöflich Münstersche Offizialat in Vechta die Kosten für den Neubau tragen würde. Aber darauf kam es wohl nicht an. Jedenfalls vermittelten Gespräche mit Jortzick-Gegnern mir das Gefühl, sie betrachteten es mit einer gewissen Schadenfreude, dass der zurückgetretene Pfarrer in "sein" neues Pfarrhaus niemals einziehen werde. 

Aber nun gibt es ja einen neuen Pfarrer, und mit dem ist ja alles anders. Oder doch nicht? Ich werde ja, wie gesagt, bald Gelegenheit haben, mir selbst ein Bild von Pfarrer Jasbinschek zu machen; bis dahin kann ich nur zu Protokoll geben, dass es mich ein bisschen misstrauisch macht, wenn - zumindest aus der Ferne betrachtet - der Eindruck entsteht, sämtliche Konflikte innerhalb der Gemeinde hätten sich seit dem Amtsantritt des neuen Pfarrers in Wohlgefallen aufgelöst. Nun gut, vielleicht sind die verfeindeten Fraktionen einfach des Kämpfens müde. Oder vielleicht ist Pfarrer Jasbinschek tatsächlich so begnadet im Ausgleichen von Interessengegensätzen. Kann ja sein. Im aktuellen NWZ-Artikel zum geplanten "Pfarrzentrum" taucht weder sein Name noch sein Gesicht auf. 

Indessen kann nicht ausgeschlossen werden, dass dieses Bauprojekt zu einer neuen Belastungsprobe für die Stimmung in der Gemeinde wird - obwohl, wie die NWZ erneut hervorhebt, "nicht die St.-Willehad-Gemeinde, sondern das Bischöflich Münstersche Offizialat Vechta" der Bauherr ist. "Dort wurde der Neubau zusammen mit einem Architektenbüro auch konzipiert." Als im Juli 2014 erstmals von den Umbauplänen die Rede war, waren laut NWZ "die Kosten noch nicht ermittelt", und es war "auch noch kein Architektenauftrag erteilt" worden. Diesbezüglich hat sich inzwischen Einiges getan. Im Haushaltsplan 2015 des Offizialats war ein Betrag von 640.000 € für den Neubau eingeplant worden; nach jetzigem Stand sind "die Kosten für den Neubau einschließlich der Gestaltung der Außenanlagen [...] auf 960000 Euro veranschlagt". Das sind mal eben 50% mehr als zunächst geplant. Und dabei ist noch nicht einmal der erste Spatenstich getan. Wie sich die Kosten von Bauprojekten zu entwickeln pflegen, wenn sie erst einmal im Gange sind, das kennt man ja. Ein Bloggerkollege und Facebook-Freund, der sich in solchen Fragen erheblich besser auskennt als zum Beispiel ich, merkt dazu an: 
"Ehrlicherweise muss man sagen, das ein Objekt mit Wohn-, Gäste-, Büro- und Besprechungsräumen nicht viel günstiger zu bauen ist, da man kirchlicherseits ja heute superökoenergiesparendfairgehandelt bauen muss." 
Gleichzeitig hat "die Kirche" - unabhängig davon, aus welchem Topf das Geld nun genau kommt - praktisch immer und automatisch ein Imageproblem, wenn sie viel Geld für etwas ausgibt, das ihr selbst zu Gute kommen soll. Bereits vor rund zwei Wochen berichtete die Kreiszeitung Wesermarsch über die Pläne zum Bau des neuen Pfarrzentrums; dieses Blatt hat zwar keine frei zugängliche Online-Ausgabe, veröffentlichte dafür aber einen "Teaser" auf seiner Facebook-Seite -- und die Leserkommentare zu diesem ließen an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig: 
"Kirche, allen voran die katholische = Mafia, wenn nicht noch schlimmer!"
"960000 €.... Für ein Haus.... Naja, man will es sich ja auch gut gehen lassen. Außerdem muss man sich ja auch vom schnöden Volk absetzen... *kopfschüttel*"
"Der Grund, warum ich mit 19 aus der Kirche ausgetreten bin."
"Das ist doch irre[,] soviel Geld für ein Haus [-] ist das aus Gold[?] ...... Wenn man bedenkt[,] wenn man normal bauen und ein bisschen sparen würde[,] könnte man mit dem übrig gebliebenen Geld viel [G]utes tun. Das wäre christlich[.]"
"Irgendwo muss [d]ie Kirchensteuer ja hin."
"Baut doch gleich ne Villa[.]"
"... kommt Franz-Peter Tebartz-van Elst nach Nordenham ... ???" 
Man kann wohl davon ausgehen, dass diese Stimmen schwerpunktmäßig nicht unbedingt aus der Kirchengemeinde selbst kommen; dennoch zeigen diese Reaktionen, dass das keine einfachen Zeiten für St. Willehad werden. Derweil weiß die NWZ zu berichten, dass die Erdarbeiten für den Neubau noch im laufenden Kalenderjahr beginnen sollen - also schon sehr bald. "Einen Bauzeitenplan soll es noch nicht geben, jedoch soll das neue Pfarrzentrum in 2017 bezugsfertig sein." Wie das Bistum Münster bekanntgibt, soll ein Teil der Kosten aus Fördermitteln des Bonifatiuswerks bestritten werden: 
"Mit 14 Millionen Euro unterstützt das Bonifatiuswerk 2016 die Katholiken in der Diaspora in Deutschland, Nordeuropa und im Baltikum. Davon gehen 66.500 Euro ins Bistum Münster [...]. Mit dem Geld wird der Bau des Pfarrhauses in St. Willehad Nordenham [...] unterstützt." 
Hm. Verstehe ich das richtig, dass das Bistum Münster seinen Anteil an den diesjährigen Zuwendungen des Bonifatiuswerks komplett in dieses Bauprojekt steckt? Falls ja, dann wären damit zwar nur knapp 7% der veranschlagten Gesamtkosten gedeckt, aber gleichzeitig würde das Geld dann natürlich woanders fehlen. Auf jeden Fall wirft diese Verwendung der Fördergelder ein bemerkenswertes Licht darauf, was für eine hohe Priorität das Bistum dem neuen Pfarrzentrum in diesem abgelegenen Winkel der Diaspora einräumt. Da fragt man sich dann auch, wie das eigentlich kommt. Ich schätze, es wird spannend sein, die Angelegenheit weiter zu beobachten... 




Montag, 28. November 2016

Gemeindezentrum mit Sakralraum

Katholisches Leben in Berlin ist eigentlich wunderbar bunt und facettenreich. So gut und wichtig es für das persönliche Glaubensleben ist, eine Ortsgemeinde als Fixpunkt und Anlaufstelle zu haben, so interessant und bereichernd kann es sein, hin und wieder auch mal andere Pfarreien zu besuchen. Ich selbst kenne - bedingt durch Wohnungs- und Arbeitsplatzwechsel und natürlich auch durch persönliche Kontakte - in Berlin ohnehin mehrere Pfarrgemeinden, denen ich mich in besonderem Maße verbunden fühle und die ich immer mal wieder gern besuche; aber hin und wieder verschlägt es mich dann auch mal wieder ganz woanders hin, und das ist dann oft besonders interessant. Über einige Erfahrungen, die ich damit beispielsweise in der Fastenzeit 2015 und während des Triduum Sacrum 2016 gemacht habe, habe ich ja schon mal geschrieben. Nun, am 1. Advent, war ich mit meiner Liebsten - aus einem besonderen Anlass persönlicher Art - in St. Lambertus im Spandauer Ortsteil Hakenfelde zur Messe. Da war ich vorher noch nie gewesen. Nicht einmal in der Nähe. Daher war es gut, dass ich mir im Vorfeld des Besuchs schon mal im Internet angeschaut hatte, wie das Gebäude von außen aussieht, denn ohne dieses Vorwissen wären wir womöglich daran vorbeigelatscht. Das Gebäude ist geformt wie ein Schuhkarton. Mit Deckel. "Weihnachten im Schuhkarton" gewinnt da eine ganz neue Bedeutung. 

Streng genommen ist St. Lambertus keine Kirche, sondern ein Gemeindezentrum mit Sakralraum. So lautet - das wurde mir jedenfalls gesagt - die offizielle Bezeichnung. Außerdem wurde ich unmittelbar vor dem Betreten des Sakralraums augenzwinkernd darauf hingewiesen, es gebe eine "streng nach kirchenpolitischem Standpunkt getrennte Sitzordnung". Nun ja: "Kirchenpolitischer Standpunkt" ist vielleicht nicht exakt die Formulierung, die ich gewählt hätte, aber als ich eintrat, sah ich auf den ersten Blick, wie diese Aussage gemeint war. 

Das muss ich jetzt wohl erklären. 


Die Orgel steht im Altarraum? - Jo. Aber das ist nicht das einzige Originelle an diesem Raumkonzept. 
Das obige Bild, das den Altarraum von St. Lambertus zeigt, ist aus der Kirchenbank heraus aufgenommen. Was man darauf nicht erkennen kann, ist, dass sich rechts an den Altarraum ein weiterer Raum für die Gemeinde anschließt - und da gibt es keine Kirchenbänke, sondern Stühle. Ohne Kniebänke. Der bestuhlte Bereich ist größer als der mit den Bänken, und ein signifikanter Teil der Messbesucher setzte sich von vornherein dorthin, obwohl in den Bänken noch Plätze frei waren. 

Nicht unerwähnt bleiben soll, dass der bestuhlte Bereich durch eine Faltwand abgetrennt werden kann und allem Anschein nach nur zu Sonn- und Feiertagsmessen geöffnet wird. Für Werktagsmessen reichen die Bänke aus. Umso mehr, als diejenigen Gläubigen, die Werktagsmessen besuchen, mit hoher Wahrscheinlichkeit auch Wert auf die Möglichkeit zum Knien legen. Denn was macht man während der Wandlung, wenn man keine Kniebank hat? Richtig: Man muss stehen. Schön ist das nicht. 

Die beschriebene Erweiterung des Raumes um den bestuhlten Bereich verlangt es vom Priester, gewissermaßen in zwei Richtungen zu zelebrieren. Die nahezu quadratische Form des Altarraums wie auch des Altars selbst macht's möglich. Man beachte im obigen Bild auch die diagonale Ausrichtung des Ambos.

Tabernakel

Muttergottesstatue, für mein Empfinden etwas hinduistisch anmutend 
Die künstlerische Ausgestaltung des Sakralraums - von Egino Weinert - gefiel mir übrigens alles in allem durchaus gut. Dass ich mit der "nach kirchenpolitischem Standpunkt getrennten Sitzordnung" nicht ganz glücklich war, ist wohl schon deutlich geworden, aber dass die Sonntagsmessen hier so gut besucht sind, dass es diese Erweiterung des Raumes braucht (und an diesem ersten Adventssonntag waren beide Abteilungen annähernd voll besetzt), kann man auch einfach erfreulich finden. 

Ausnehmend gut war die Predigt. Der Kaplan, der die Messe zelebrierte, ging auf beide Lesungen und das Evangelium des Tages ein und hob die Bedeutung der Adventszeit im Kirchenjahr hervor, die nicht einfach eine Vorweihnachtszeit sei, sondern eine Zeit der geistlichen Besinnung und Reinigung, eine Zeit zur Vertiefung des Glaubens und der Hingabe an Gott. "Wir erwarten einen hohen Gast - den König der Welt." Auch ganz praktische Anregungen dazu, wie jeder Einzelne die Adventszeit in diesem Sinne gestalten könne, fehlten nicht. Einen inspirierenderen und motivierenderen Einstieg in diese Zeit des Kirchenjahres hätte ich mir nicht wünschen können; schon allein dafür hat der Ausflug nach Hakenfelde sich gelohnt. 

Überrascht war ich, als zu Beginn der Gabenbereitung eine große Schar kleiner Kinder, zum Teil in Begleitung ihrer Eltern, in den Sakralraum strömte. Wie ich erfuhr, gibt es in dieser Gemeinde üblicherweise einmal im Monat parallel zum Wortgottesdienst ein separates Kinderprogramm ("Mini-Kirche"), im Advent jedoch jede Woche. Grundsätzlich stehe ich solchen Kindergottesdienst-Modellen eher kritisch gegenüber; zu den Gründen vergleiche man dieses Video: 


Vergessen wir an dieser Stelle nicht, dass das II. Vatikanische Konzil in seiner Liturgiekonstitution Sacrosanctum Concilium, Nr. 56, die enge Zusammengehörigkeit von Wortgottesdienst und Eucharistiefeier betont hat und daher "die Seelsorger eindringlich [ermahnt hat], sie sollen in der religiösen Unterweisung die Gläubigen mit Eifer belehren, an der ganzen Messe teilzunehmen, vor allem an Sonntagen und gebotenen Feiertagen". Und gerade an diesem speziellen Sonntag hätte ich mir eigentlich besonders gewünscht, dass die Kinder - und ihre Eltern! - auch den Wortgottesdienst mitbekommen hätten: die Segnung des Adventskranzes und Entzündung der ersten Kerze, die liturgischen Texte zum ersten Advent und nicht zuletzt auch die Predigt. Na ja. Andererseits war es aber einfach schön zu sehen, wie viele Kinder bei der "Mini-Kirche" gewesen waren und nun zur Eucharistiefeier kamen. Das freute auch den Zelebranten sichtlich. Nach der Kommunion, vor den Vermeldungen, wurde darüber gesprochen, was das Thema der "Mini-Kirche" gewesen war: Die Kinder hatten etwas über die Hl. Elisabeth von Thüringen gelernt und verteilten nun Rosen an ältere Gemeindemitglieder. Das war sehr süß. 

An den kommenden Sonntagen werden meine Liebste und ich wohl "ganz normal" in Tegel in die Messe gehen, aber da wir in dieser Gemeinde auch erst seit September beheimatet sind, wird auch das eine neue Advent-Erfahrung sein. Davon abgesehen hoffe ich, dass ich es in der diesjährigen Adventszeit auch in die eine oder andere Werktagsmesse schaffe. Nach Möglichkeit auch mal in eine Rorate-Messe. Je nachdem, wie die Messzeiten in den einigermaßen wohnortnahen Kirchengemeinden gestaltet sind, wird es wohl auch dabei wieder einige neue Orte zu entdecken geben. Seien wir gespannt! 


Samstag, 26. November 2016

Nächstes Mal gehe ich lieber wieder zur Antifa

Sagen wir mal so: Wenn man den Presseverteiler des Erzbistums Berlin abonniert hat, bekommt man alle Nase lang Einladungen zu allen möglichen Veranstaltungen. Zuweilen ist das so viel, dass ich das gar nicht alles lese. So gesehen war es gewissermaßen eher Zufall, dass ich mir die Pressemitteilung zum "Ökumenischen Frauengottesdienst" unter dem Motto "Hört! Nein heißt Nein" mitsamt anschließendem Informationsgespräch doch etwas genauer angesehen habe. Je nach Betrachtungsweise mag man hinzufügen: ein unglücklicher Zufall. 

Dazu, was mir an dieser Pressemitteilung sauer aufstieß, habe ich mich ja bereits ausführlich geäußert, aber fassen wir's ruhig noch einmal stichpunktartig zusammen: Verwendung ideologisch aufgeladenen Vokabulars, fragwürdige Interpretation bzw. Instrumentalisierung eines Bibeltexts, vor allem aber der Umstand, dass zu dem "Informationsgespräch" ausgerechnet und ausschließlich zwei profilierte Gegnerinnen des Lebensschutzes als Referentinnen geladen wurden. 

Mein diesbezüglicher Artikel fand schnell große Resonanz; am Tag vor der Veranstaltung erschien er auch auf kath.net. Nebenbei zeigte sich, wie wertvoll es sein kann, in den verschiedenen Sozialen Netzwerken unterschiedliche Filterbubbles zu haben: Während mein Artikel auf Twitter teilweise recht scharf kritisiert wurde, war das Feedback auf Facebook fast einhellig positiv. Einwände kamen hier nur vom Account des Erzbistums Berlin - dabei handelte es sich jedoch nicht um inhaltliche Kritik, sondern lediglich um Kritik an der Wortwahl. Die Formulierung "Kollaboration mit dem Feind" sei "historisch belastet". "Wäre 'Appeasement' Ihnen lieber?", blaffte ich zurück, womit ich natürlich eine Steilvorlage bot, mir unter die Nase zu reiben, der Begriff "Appeasement" enthalte ebenfalls eine Nazi-Anspielung. Dieser Hinweis unterblieb jedoch. Fast gleichzeitig zeigte ja die abstruse Debatte über "Nazi-Codes" in der Edeka-Weihnachtswerbung, dass man, frei nach Paul Watzlawick formuliert, nicht NICHT in Form von Nazi-Codes kommunizieren kann.

Stattdessen verwies die Facebook-Seite des Erzbistums auf ein vom Osnabrücker Bischof Bode verfasstes Statement der Deutschen Bischofskonferenz zur Beteiligung der Kirche am Aktionstag gegen Gewalt an Frauen. Ich bin nicht unbedingt ein Fan von Bischof Bode - muss ich auch nicht sein, er ist ja nicht mein Oberhirte -, aber den Text fand ich gut. Angesichts der von ihm aufgeführten Beispiele für Gewalt an Frauen, gegen die die Kirche sich engagieren müsse, fragte ich mich: Wieso gibt es in Berlin keine Informations- bzw. Diskussionsveranstaltung zu einem dieser Themen? Wieso hat man nicht, beispielsweise, Referentinnen vom Verein SOLWODI eingeladen? Hätte doch gepasst!

Aber okay, man kann sich's halt nicht aussuchen. So oder so wollte ich mir die Veranstaltung nicht entgehen lassen, und schon um der Gefahr zu entgehen, mich in meiner Sicht auf die Dinge allzu sehr von meinem male privilege blenden zu lassen, war ich recht froh darüber, dass zwei Frauen mich begleiteten: meine Liebste sowie eine gemeinsame Freundin und Bloggerkollegin. Los ging's um 18 Uhr mit dem Ökumenischen Frauengottesdienst in der St.-Bonifatius-Kirche in Berlin-Kreuzberg. Da waren wir erst kürzlich beim Nightfever gewesen.

Aufsteller im Eingangsbereich der Kirche
Ich muss an dieser Stelle sagen, dass ich kurz erwogen habe, die Schilderung dieses Gottesdienstes in meinem Artikel einfach zu übergehen, um schneller auf den Punkt zu kommen. Habe mich dann aber doch anders entschieden. Ein Facebook-Freund erinnerte mich an den Grundsatz lex orandi - lex credendi und merkte dazu an: "Wer komisch betet, glaubt auch komisch." Somit kann ich nicht verschweigen, dass ich schon bei der Begrüßungsansprache die Motten bekam. "Lasst uns unter die vielen Namen Gottes stellen", hieß es da; von "endloser Zärtlichkeit" war die Rede, und schließlich wurde der Gottesdienst eröffnet "im Namen der (!) Dreieinen". Auch im weiteren Verlauf wurden für Gott konsequent weibliche Pronomina verwendet.  

Wie bereits der Pressemitteilung zu entnehmen gewesen war, sollte die Geschichte der Susanna aus dem Buch Daniel im Mittelpunkt des Gottesdienstes stehen. Zu diesem Zweck wurde NICHT der biblische Text verlesen; stattdessen wurde die Geschichte - aufgeteilt auf vier "Stationen" mit den Überschriften "Susanna im Garten", "Die Entscheidung", "Sich zeigen können" und "Eine Frau erfährt Recht" - aus Sicht Susannas nacherzählt, und zwar in Form eines Interviews, bei dem Gabriele Kraatz, Referentin für Frauenseelsorge im Erzbistum Berlin, in die Rolle der Susanna schlüpfte. Hier mal, ohne Kommentar, einige "Highlights": 
"Nach unserem Gesetz hätte ich getötet werden können, wenn es rauskam. [...] Ich war wütend über diese ungerechten, von Männern gemachten Gesetze."
"Natürlich glaubten alle den Männern. Es war Demütigung pur."
"Es gab auch noch etwas Anderes in mir, das ließ zu, dass ich mich aufrichtete. Ich musste mich nicht schämen, weder für mich noch für meinen Körper. Ich hatte keine Lust mehr, mich zu verbergen."
"Heute weiß ich: Die Gerechtigkeit Gottes macht keinen Unterschied zwischen Männern und Frauen." 
Der Prophet Daniel wird in dieser Lesart dadurch befähigt, Susanna Gerechtigkeit zu verschaffen, dass er noch ein sehr junger Mann ist - "aus meiner Sicht fast noch ein Kind" - und darum "noch nicht in unseren Schubladen verhaftet". Okay, es wird durchaus angesprochen, dass auch seine "Gottesbeziehung" eine Rolle spielt; aber Gott - daran erinnerten die Gottesdienstgestalterinnen ihr Publikum mehrmals nachdrücklich - "hat viele Namen". 


Zwischendurch wurde ein Gedicht von Gioconda Belli vorgetragen, die zu diesem Anlass als "katholische Dichterin" apostrophiert wurde; technisch gesehen stimmt das wohl, also in dem Sinne, dass sie katholisch getauft ist. Man hätte sie auch als "sozialistische Dichterin" bezeichnen können, das hätte auch gestimmt. Zum Abschluss der Susanna-Geschichte wurde betont, die in diesem Bibeltext dargestellte Verhandlung kennzeichne "die Anfänge der demokratischen Rechtsprechung", und es wurde ein expliziter Bezug zur jüngsten Reform des Sexualstrafrechts hergestellt, um die es in der anschließenden Informationsveranstaltung gehen sollte. 

"Und jetzt ist es Zeit, in der Kirche unterwegs zu sein... vom Hören ins Spüren und in die Bewegung zu kommen." 


Ich kam mir vor, als wäre ich bei einem Treffen einer obskuren feministischen Sekte gelandet, die sich zwar rudimentär eines aus der jüdisch-christlichen Tradition entlehnten Vokabulars bedient, aber ansonsten nichts erkennbar Christliches an sich hat. Ich habe zwar keine direkten Vergleichsmöglichkeiten, stelle mir aber vor, bei einer Versammlung des Wicca-Kults würde es ähnlich zugehen. Na ja, vielleicht etwas bunter und wilder. 

Absolut unbezahlbar fand ich die Begegnung mit einer offenbar asiatisch-stämmigen Frau, die sich - und mich - völlig irritiert fragte, wo sie denn hier gelandet sei: "Ich dachte, hier wäre ein ökumenischer Gottesdienst!" - "Ja", bestätigte ich, "das soll einer sein." 

Gegen Ende der... äh... Feier. Nennen wir's mal Feier, das klingt schön neutral. Also, gegen Ende der Feier wurden die Teilnehmer aufgefordert, "mit den Worten" zu beten, "die Jesus von Nazaret, Sohn der Maria, uns überliefert hat"; ein Vaterunser war das nun folgende Gebet aber dennoch nicht, denn der patriarchal-heteronormative Begriff "Vater" wurde natürlich vermieden. 
"Gott, du eine in den Himmeln..." 
Danach ging der Text des Gebets erst mal "normal" weiter. Zwar fehlte in der Gottesdienstbroschüre die Zeile "wie auch wir vergeben unseren Schuldigern", aber die Leiterin stellte klar, das sei lediglich ein Versehen. Na gut. Wär's Absicht gewesen, hätte es auch ins Bild gepasst. Ebenso war es wohl ein "Versehen", dass in der Broschüre zwar der Satz 
"Und führe uns in der Versuchung" 
stand, die meisten Teilnehmer jedoch, wohl schon aus Gewohnheit, trotzdem "und führe uns nicht in Versuchung" beteten. 

Näher mag ich auf diesen sogenannten Gottesdienst nicht eingehen - man kann sich's ja in etwa vorstellen. Nur am Rande sei vermerkt, dass der Altersdurchschnitt der Teilnehmerinnen (Männer waren auch da, aber nur vereinzelt - ihr Anteil lag sicher unter 10%) die Hoffnung aufkommen ließ, diese Form feministischer Spiritualität sei ein Relikt aus den 70er Jahren, das sich in sehr absehbarer Zeit überlebt haben werde. Davon abgesehen bleibt zu hoffen, dass die St.-Bonifatius-Kirche nach diesem Pseudo-Gottesdienst erst mal gründlich mit Weihrauch ausgeräuchert wird. 

Immerhin, die musikalische Gestaltung (Flois Knolle-Hicks, Sabine Albrecht) war gut.  
Weiter ging's dann im Pfarrsaal, wo es zunächst Tee und Stullen mit vegetarischem Aufstrich gab und dann Eva Högl, Bundestagsabgeordnete für die SPD, und Birte Rohles, Referentin für häusliche und sexualisierte Gewalt bei Terre des Femmes, über die Verankerung des Grundsatzes "Nein heißt Nein" im deutschen Sexualstrafrecht sprachen. Moderiert wurde dieses Informationsgespräch von Anne Borucki-Voß vom ökumenischen Frauenzentrum Evas Arche

Von links: Eva Högl, Birte Rohles, Anne Borucki-Voß
Fangen wir mal mit dem Positiven an: Die Ausführungen von Frau Högl und Frau Rohles über die Unterschiede zwischen der früheren und der neuen Gesetzeslage sowie über die Entstehungsgeschichte der Gesetzesänderung waren ausgesprochen informativ, und die Referentinnen verstanden überzeugend darzulegen, warum sie diese Änderung der rechtlichen Beurteilung sexueller Gewalt als wichtig und notwendig erachteten und sich entsprechend vehement dafür eingesetzt hatten. 

Auffällig war allerdings, dass der ganze Vortrag wie auch die Moderation von der stillschweigenden Voraussetzung geprägt war, alle Anwesenden seien prinzipiell sowieso derselben Meinung. Es wurde zwar erwähnt, dass es in Regierung und Parlament zunächst erhebliche Vorbehalte gegen eine Verschärfung des Sexualstrafrechts gegeben habe, aber diskutiert wurden diese Einwände nicht. Es bestand offenkundig kein Interesse daran, das "Nein heißt Nein"-Gesetz oder gar die ihm zugrunde liegenden Auffassungen von Selbstbestimmung und Einvernehmlichkeit irgendwie zu hinterfragen; vielmehr lag der Akzent eindeutig darauf, das neue Gesetz als "Sieg des Feminismus" zu feiern

Ein heikler Punkt des Vortrags war die Erwähnung der Ereignisse der Silvesternacht in Köln und anderen Städten, die, so die Referentinnen, einen Umschwung in der öffentlichen Debatte zu Thema sexuelle Gewalt bewirkt hätten. Zwar hätte die durch die Silvesternacht-Vorfälle angeheizte migrantenfeindliche Stimmung ihnen Sorge bereitet, erklärten die Referentinnen; dennoch hätten sie bzw. die von ihnen repräsentierten Gruppen sich dazu entschlossen, diesen "Schwung mitzunehmen", um für ihr Gesetzesvorhaben zu werben. -- Einer der ersten Beiträge der Publikumsdiskussion knüpfte in gewissem Sinne an diesem Punkt an: Eine Frau berichtete, sie sei vor einiger Zeit mit ihrer jüngsten Tochter in Kreuzberg unterwegs gewesen, und die Tochter sei währenddessen mehrfach sexuell belästigt worden - und zwar jeweils von jungen Männern mit Migrationshintergrund, anscheinend aus dem arabischen Raum. Von diesem persönlichen Erlebnis ausgehend, schickte die Diskussionsteilnehmerin sich an, das Problem radikal-islamischer "Parallelgesellschaften" und deren genereller Missachtung nicht-muslimischer Frauen anzusprechen, und im Saal brach eine gewisse Unruhe aus - woraufhin die Moderatorin sich beeilte, eine Debatte zu diesem Thema zu unterbinden. Einige andere Teilnehmerinnen gingen dann doch noch auf diesen Redebeitrag ein, allerdings durchweg mit dem (sicher richtigen) Hinweis, eine Einengung der Debatte über sexuelle Gewalt auf eine bestimmte Tätergruppe sei eher kontraproduktiv. 

Der Großteil der Diskussion verlief jedoch eher, sagen wir mal, konsensorientiert: Man versicherte sich gegenseitig seiner tadellosen Gesinnung, Meinungsdifferenzen bewegten sich im Minimalbereich. Dass fast alle Anwesenden sich untereinander zu kennen schienen, trug erheblich zu diesem Gesamteindruck bei: Ein bisschen kam man sich vor wie bei einem Teekränzchen in Ehren ergrauter 70er-Jahre-Schwanz-ab-Feministinnen, die auf Veranstaltungsteilnehmer von "außen" im Grunde gar nicht eingestellt waren. 

Unter diesen Umständen sah ich kaum Möglichkeiten, in die Diskussion einzusteigen - als Mann schon gar nicht, male privilege und so. Und eine Gelegenheit, die Haltung der Referentinnen zum Thema Abtreibung zu thematisieren, schien sich erst recht nicht zu bieten. Aber Bloggerkollegin Claudia traute sich schließlich doch - zu einem Zeitpunkt, als es absehbar war, dass die Diskussion sich dem Ende zuneigte. Einem "Jetzt oder nie"-Zeitpunkt gewissermaßen. Sie eröffnete ihren Diskussionsbeitrag sehr freundlich und respektvoll, indem sie die Referentinnen für ihren informativen Vortrag und ihren entschiedenen Einsatz für den Schutz von Frauen vor Gewalt lobte. Dann leitete sie behutsam zur Frage nach dem Schutz ungeborener Menschen vor Gewalt über - und noch bevor sie das Wort "Ungeborene" zu Ende ausgesprochen hatte, brach lautstarker Protest aus. Moderatorin Borucki-Voß dekretierte "Darüber werden wir hier nicht reden", eine Handvoll Stimmen aus dem Publikum äußerten sich (in bemerkenswert aggressivem Tonfall) im selben Sinne. Daraufhin verschärfte Claudia ihren Tonfall etwas, und nun musste auch ich mich einmischen - wenn auch nur, indem ich gegen den Versuch protestierte, Claudia den Mund zu verbieten. "Wir wussten schon, dass Sie davon anfangen würden", bekannte ein grauhaariger, leicht bärtiger Mann grimmig. "Wir haben auch ihren Artikel auf kath.net gelesen, diesem... Hetzportal!" -- Ach so. Die hatten also geradezu auf diesem Moment gewartet. Inszenierte Empörung, wie schön. Claudia bestand darauf, ihre Frage zu Ende zu formulieren; das wurde ihr nach einigen weiteren wütenden Unterbrechungen schließlich gewährt, und dann entschied Frau Borucki-Voß abschließend, dies sei nicht Thema der Veranstaltung, darum solle diese Frage weder beantwortet noch sonstwie weiter darauf eingegangen werden. 

Ihn hat keiner gefragt, ob Er sich das antun will. 
-- Ich muss schon sagen: Ich bin ja Einiges gewöhnt, schon weil ich mich auch immer mal wieder in linksradikalen Zirkeln herumtreibe; aber eine Moderatorin, die - mit Unterstützung eines signifikanten Teils des Publikums - die Podiumsteilnehmer (in diesem Fall: -innen) so entschlossen gegen unerwünschte Fragen bzw. Wortmeldungen abschirmt: Das habe ich so noch nie erlebt. Nach dem Ende der Diskussionsrunde beschwerte eine Frau mit kurzen grauen Haaren sich noch bei uns, weil wir versucht hätten, "die Veranstaltung zu sprengen", und "Gott sei Dank" sei uns das nicht gelungen. Als ich sie in zugegebenermaßen ziemlich gereiztem Tonfall fragte, wieso sie sich so entschlossen einer inhaltlichen Auseinandersetzung mit unseren Einwendungen verweigere, sagte sie. "Sie sind so aggressiv - das muss ich mir nicht anhören" und wandte sich ab. Claudia lachte schallend. Ich selbst konnte nur halbherzig in dies Gelächter einstimmen.

Fragen wir uns also mit ein paar Stunden Abstand zu den Geschehnissen: Was war da los? Warum gebärden sich Mitglieder kirchlicher Frauenverbände, sobald das Thema Abtreibung auch nur sachte angetippt wird, plötzlich wie die Antifa? (Okay, zugegeben, körperliche Gewalt wurde uns nicht angedroht. Das war aber auch nahezu der einzige Unterschied.) -- Nun gut, ich habe den sehr "konsensorientierten" Charakter der Veranstaltung schon hervorgehoben. Es gab auch noch ein paar andere eher als missliebig empfundene Wortmeldungen, die ziemlich kurz und entschlossen abgebügelt wurden. Aber keine davon, nicht einmal die oben erwähnte Einlassung über sexuelle Übergriffe durch Migranten, löste auch nur halb soviel Aufregung und Empörung aus wie die bescheidene Frage nach den Rechten Ungeborener. Wie kommt das? -- Das einzige Argument, dessen man uns würdigte, war der Hinweis, die Frage nach der Haltung zur Abtreibung gehöre nicht zum Thema des Abends. Stimmt das? Nun ja: Die Veranstalterinnen und ihre Gleichgesinnten wollten nicht, dass diese Frage zum Thema des Abends gehört. Von der Sache her tut sie es nämlich sehr wohl. Wenn der Leitgedanke der in dieser Veranstaltung thematisierten Gesetzesänderung "körperliche Selbstbestimmung" lautet, dann gehört Abtreibung definitiv in diesen Kontext. Zumindest insoweit, dass man den Standpunkt der Referentinnen zu diesem Thema nicht einfach als irrelevant für das Thema des Abends betrachten kann. Bei genauerem Nachdenken kann ich mir eigentlich überhaupt kaum ein "kirchenrelevantes" Thema vorstellen, für das die Haltung der Referenten zum Thema Abtreibung irrelevant wäre - schließlich rührt die Frage nach dem Lebensrecht der Ungeborenen an die Grundlagen des christlichen Menschenbildes schlechthin. Mir ist aus vielen Diskussionen sehr bewusst, dass man in der Frage, wie das ungeborene Leben am besten zu schützen sei, legitimerweise sehr unterschiedliche Auffassungen haben kann. Wer aber offensiv für ein "Recht" auf Abtreibung eintritt, der negiert das Lebensrecht und die Menschenwürde ungeborener Kinder prinzipiell. Und da muss die Kirche in ihrer Verantwortung vor Gott und den Menschen laut und deutlich Einspruch erheben. 

Ein anderer Aspekt, der mich schon im Vorfeld und dann auch während der Veranstaltung beschäftigt hat, ist: Wie nehmen die Referentinnen das eigentlich von ihrem Standpunkt aus wahr? Sie sind zu Gast in einer Einrichtung der Katholischen Kirche, in einem Erzbistum, dessen Erzbischof und Weihbischof den Marsch für das Leben unterstützt und persönlich daran teilgenommen haben - jenen Marsch für das Leben, den sie, die Referentinnen, aktiv bekämpft haben. Sie lassen sich also von einer Organisation, deren oberste Repräsentanten in ihrer Wahrnehmung zu jenen "christlich-fundamentalistischen Gruppen" gehören, "die der Gesellschaft ihre überkommenen Moral- und Wertevorstellungen aufzwingen wollen" und damit versuchen, "uns gesellschaftlich um mehr als 40 Jahre zurückzuwerfen" (so Eva Högl im Jahr 2014) einladen, beköstigen, beklatschen und mit Topfblumen beschenken? Ist ihnen das nicht zumindest irgendwie peinlich?

An dieser Stelle eine kleine Anekdote, die eigentlich nur ganz am Rande mit den hier in Frage stehenden Vorkommnissen zu tun hat. Vor rund 20 Jahren war ich mal bei einem mehrtägigen Seminar in einer Erwachsenenbildungs-Einrichtung der Katholischen Kirche, und in einer Pause fragten ein paar Seminarteilnehmer den Dozenten, wie das denn sei, für die Kirche zu arbeiten. Ob man da nicht sehr stark reglementiert werde. Der Dozent lachte und erwiderte, er habe schon für allerlei unterschiedliche Bildungsträger gearbeitet, z.B. auch für partei- oder gewerkschaftsnahe Stiftungen, und nirgends habe er so viel Freiheit gehabt wie unter dem Dach der Katholischen Kirche. -- Nun finde ich diese große Toleranz der Kirche ja prinzipiell durchaus sympathisch und schätzenswert (wiewohl man es tragikomisch finden mag, wie wenig davon im öffentlichen Bewusstsein ankommt). Man darf oder muss sich aber wohl doch fragen, ob es nicht irgendwo Grenzen geben müsse. Ob die Kirche es sich erlauben kann und darf, in ihren eigenen Reihen eine Parallelkultur zu dulden und zu fördern, die der kirchlichen Lehre diametral entgegenarbeitet. Wenn es bei einer von kirchlichen Verbänden verantworteten Veranstaltung im Pfarrsaal einer katholischen Pfarrgemeinde nicht mehr möglich ist, eindeutige Positionen des kirchlichen Lehramts auch nur anzusprechen - wenn man bei dem Versuch, das zu tun, vielstimmig niedergebrüllt und als "Hetzer" diffamiert wird - dann ist diese Grenze wohl erreicht.

Eine kirchenrechtliche Prüfung der Angelegenheit sollte man sich wohl zumindest vorbehalten.


Freitag, 25. November 2016

Der seltsame Fall der eingekerkerten Nonne, Teil 9

Paris! Die Hauptstadt Frankreichs war um die Mitte des 19. Jahrhunderts in politischer, vor allem aber in kultureller Hinsicht gewissermaßen die Hauptstadt ganz Europas und somit aus eurozentristischer Sicht praktisch der ganzen Welt. Und vor allem war sie für die Verfasser von Kolportageromanen ein Sujet, das man sich nicht entgehen lassen durfte. Wo sonst fand man so effektvolle Kontraste zwischen der gloire des Kaiserhofs, den prächtigen Gebäuden und den modernen Boulevards einerseits und der schaurigen Halbwelt der engen, dunklen Gässchen, verrufenen Kaschemmen, Spelunken und Absteigen andererseits? -- Na gut, in London vielleicht noch. Aber Paris war, was das Verbrechermilieu betraf, in der Kolportageliteratur einfach State of the Art; dafür hatte Eugène Sue gesorgt, mit dem vermutlich ersten, auf jeden Fall aber international erfolgreichsten und für die weitere Entwicklung des Genres einflussreichsten aller Feuilleton-Fortsetzungsromane: Les Mystères de Paris (1842/43). 

Was Wunder also, dass auch Dr. A. Rode in seinem Kolportageroman Barbara Ubryk oder die Geheimnisse des Karmeliter-Klosters in Krakau (München 1869) - über den ich schon allzu lange nicht mehr berichtet habe - nicht auf eine in Paris spielende Episode verzichten konnte bzw. mochte. Aber wie gelingt es ihm, den Fortgang der Handlung mal eben schnell von der Weichsel an die Seine zu verlegen? -- Nichts einfacher als das für einen gewieften Kolportageschriftsteller. Gräfin Elka Zolkiewicz - eigentlich inzwischen eine verheiratete Ubryk, aber durch die Kriegsgefangenschaft ihres Mannes so was Ähnliches wie Witwe - befindet sich mit ihrem neuen Geliebten Hugo von Rassow auf Reisen; dabei besuchen sie natürlich auch Paris. Und Elkas Ex-Liebhaber Rebinsky, der im Auftrag des Jesuitenordens hinter Elkas überaus reichem Erbe her ist, reist ihr hinterher, allerlei unklare, aber jedenfalls finstere Machenschaften im Gepäck. Und wie dann weiter? -- Als Elka Rebinsky bei einer zufälligen Begegnung erkennt und sich von ihm verfolgt fühlt, beichtet sie Hugo die gesamte Vorgeschichte des Verhältnisses zwischen ihr und Rebinsky; Hugo argwöhnt, dass Rebinsky ein verkappter Jesuit sein könnte, und zieht seinen Freund Dubartie ins Vertrauen, der selbst einmal Schüler in einem Jesuitenkolleg war und sich daher mit den Machenschaften des Ordens auskennt. Eine Weile beschatten Hugo und Rebinsky einander gegenseitig; schließlich locken Hugo und Dubartie ihren Kontrahenten mit einem fingierten Brief aus dem Gartenhaus, das er gemietet hat, und brechen dort ein, um nach Beweisen für seine Identität zu suchen. Sie finden u.a. einen Brief des Ordensgenerals Brzozowski, in dem dieser vorschlägt, Elka kurzerhand ermorden zu lassen: "Bedenke, daß Sünden, die Du für den Orden begehst, keine Sünden sind" (S. 459). 

Da bei dem Einbruch weder Geld noch Wertsachen, sondern nur vertrauliche Papiere gestohlen wurden, hat Rebinsky sofort Hugo in Verdacht und wendet sich an den Rektor des örtlichen Jesuitenkollegs, Pater Deusdedit, um Hilfe. Eine polizeiliche Hausdurchsuchung bei Hugo bleibt erfolglos, da dieser die Papiere seinem Freund Dubartie zur Aufbewahrung anvertraut hat. Daraufhin heuert Pater Deusdedit in einem "verrufene[n] öffentliche[n] Haus" (S. 468) einen Schwerkriminellen namens Latif an, der Hugo und Elka, besonders aber letztere, ermorden soll. Latif nimmt die Hälfte des ihm versprochenen Lohns als Anzahlung, verrät dann aber das Mordkomplott an Hugo und Elka -- wiederum gegen Bezahlung. Er bietet ihnen an, Rebinsky für sie umzubringen, wovon Elka nichts wissen will - "Heiliger Gott, das nicht! [...] Suchen Sie den Mann nur auf einige Zeit unschädlich zu machen, aber tödten Sie ihn nicht!" (S. 474) -, doch Hugo geht ihm nach und beauftragt ihn ohne Elkas Wissen, Rebinsky doch zu töten: "Wir handeln im Stande der Notwehr; wenn wir ihn nicht zuvor tödten, tödtet er uns" (ebd.). Latif wirbt zwei Helfer an, mit denen er Rebinsky überfällt, ihm eine "Pechkappe" überwirft, unter der er ersticken soll, und ihn in einem mit Steinen beschwerten Sack in der Seine versenkt. 

Alles in allem sind die in Paris spielenden Kapitel XXXV-XXXVIII, die sich über mehr als die ganze 10. Lieferung erstrecken, von ins Leere laufenden episodischen Handlungen und zeilenschinderischen Dialogen geprägt; einige Details sind dennoch bemerkenswert. So wird den widersprüchlichen Altersangaben Elkas eine weitere hinzugefügt: Rebinsky gibt einem Polizeibeamten gegenüber ihr Alter mit "höchstens zweiundzwanzig Jahre[n]" an (S. 432). Auch kommt es erneut zu einige Namensverwechslungen: So wird auf S. 435 eine Vermisstenmeldung für den "Sekondelieutenant Jaromir Ubryk" herausgegeben - gemeint ist natürlich Kasimir, und vier Zeilen später wird dieser Name dann auch korrekt angegeben. (An gleicher Stelle ist übrigens vom "Großherzogthum Polen" die Rede; richtig wäre "Herzogtum Warschau".) Auf S. 434 gibt Rebinsky sich als Gutsbesitzer namens Ostraczarski aus, aber auf s. 449ff. wird sein angenommener Name mit "Jencykowski" angegeben - so heißt laut S. 424 der frühere Hauslehrer Wratislaws, dem Elka die Verwaltung von Schloss Bielow übertragen hat. Als Nebenfiguren führt der Autor auf S. 447 zwei Pariser Gassenjungen ein, von denen einer auf den urfranzösischen Namen Otto hört. 

Auf S. 463 wird der Polizeiminister Joseph Fouché (1759-1820) erwähnt, tritt aber nicht selbst auf. Fouché wurde am 03.07.1810 von Napoléon entlassen, die Handlung spielt aber ziemlich sicher vor diesem Zeitpunkt, also liegt hier kein historischer Fehler vor. 

Die vergleichsweise gelungenste Passage des in Paris spielenden Romanabschnitts ist eine Szene in einer Verbrecherkneipe (S. 476-479); hier konnte der Autor sich, wie eingangs schon erwähnt, am Vorbild Eugène Sues orientieren, oder auch an einer Fülle ihrerseits an Sue geschulter Kolportageromane seiner Zeit. In den Romanen von Dr. Rodes erfolgreicherem Zeitgenossen Sir John Retcliffe etwa finden sich Szenen wie diese mit einer gewissen Regelmäßigkeit; selbst der Name der Kneipe - "Zum blutigen Messer" - könnte an ein ähnliches Gasthaus aus dem I. Band von Retcliffes wohl bekanntestem Roman Nena Sahib (1858) angelehnt sein, das Gasthaus "Zum blutigen Arm". Freilich dürfte letzterer Name seinerseits durch eine Schurkenfigur aus den Mystères de Paris mit dem Spitznamen Rotarm angeregt worden sein. 

Die Hälfte des angekündigten Gesamtumfangs des Romans ist nunmehr überschritten, und wie es scheint, ist der bisher handlungsstärkste Charakter Rebinsky diesmal wirklich tot: "Die Wasser rauschten herauf und hernieder, / Den Jesuiten brachten sie nicht wieder!", reimt Dr. Rode in Anlehnung an Schillers Taucher (1797). Völlig ausschließen würde ich vorläufig allerdings nicht, dass der Autor sich doch noch irgendeinen Trick ausdenkt, um Rebinsky abermals wiederauferstehen zu lassen. 

Vorläufig hat Dr. Rode aber ganz andere Sorgen, denn er hat die Hälfte des ihm zur Verfügung stehenden Raumes verbraucht, und die Titelheldin seines Romans ist noch nicht mal geboren. Derweil befindet sich der junge Graf Wratislaw Zolkiewicz - und mit ihm auch sein Erbteil - in den Händen der Jesuiten; Elka gondelt einstweilen mit ihrem neuen Liebhaber Hugo von Rassow durch die Weltgeschichte, wird aber nun, da ihr Erzfeind aus dem Wege geräumt ist, eventuell nach Hause zurückkehren - wo die Tante inzwischen "plötzlich fromm" geworden ist. Sie "versprach sich dem Bräutigam der Seelen, weil ein anderer sich nicht einstellen wollte" (S. 421); das macht sie natürlich anfällig für weitere Intrigen des Jesuitenordens. Kasimir Ubryk schmort derweil in Sibirien; wenn aber Barbara Ubryk, wie zu erwarten steht, seine und Elkas Tochter sein soll, dann wird es allmählich Zeit, dass der Autor ihn aus der Verbannung zurückholt! 

Tatsächlich nimmt er dies denn auch gleich im nächsten Kapitel in Angriff, dessen Überschrift "Zehn Jahre später" einen erneuten Zeitsprung ankündigt. Nach den Erfahrungen aus Kapitel XXI ist man allerdings nicht allzu überrascht, dass die Handlung des XXXIX. Kapitels tatsächlich bereits im Sommer 1816 wieder einsetzt, was selbst bei sehr zurückhaltender Auslegung der Zeitangaben des Romans einen Zeitsprung von kaum mehr als sieben Jahren gegenüber der Paris-Handlung bedeutet. Elka ist mit ihrer Kammerfrau Ludmilla auf dem Weg nach Minsk; unterwegs kehren sie in einer Schenke ein und treffen dort auf einen zerlumpten und erschöpften Wanderer, der, wie sich zeigt, zu Fuß aus der Verbannung in Sibirien zurückgekehrt ist. Elka, die an ihren verschollenen Gatten Kasimir denkt, empfindet mitfühlendes Interesse an dem Wanderer und lässt sich von ihm seine Lebensgeschichte erzählen - und es stellt sich heraus, dass er tatsächlich Kasimir ist! -- Halten wir an dieser Stelle fest: Dass sie ihn nicht gleich erkannt hat, wirkt ja angesichts der Strapazen, die er hinter sich hat, einigermaßen glaubwürdig. Hingegen hat der Autor es offenbar versäumt, sich Gedanken darüber zu machen, warum er sie nicht erkennt... 

Elka jedenfalls reist daraufhin nicht nach Minsk, sondern nimmt Kasimir mit sich nach Warschau, und sobald er sich einigermaßen erholt hat, stellt sie ihn der Welt als ihren Ehemann vor. Auf S. 494 verkündet die Überschrift des XL. Kapitels triumphierend "Die Heldin erscheint" - was sich darauf bezieht, dass auf S. 502 endlich Barbara Ubryk, und zwar wie erwartet als Tochter von Elka und Kasimir, das Licht der Welt erblickt. Geboren wird sie übrigens auf Schloss Bielow, das bereits am Anfang des Romans, bis einschließlich Kapitel XX, Schauplatz der Haupthandlung war. In den nächsten Kapiteln spielt die kleine Barbara dann aber erst einmal keine Rolle, ja, sie wird kaum auch nur erwähnt; denn zunächst einmal muss der Autor einige lose Fäden in der bisherigen Handlung wieder aufgreifen und zu einem wenigstens vorläufigen Abschluss bringen. -- Aber das schauen wir uns in der nächsten Folge an!