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Samstag, 26. November 2016

Nächstes Mal gehe ich lieber wieder zur Antifa

Sagen wir mal so: Wenn man den Presseverteiler des Erzbistums Berlin abonniert hat, bekommt man alle Nase lang Einladungen zu allen möglichen Veranstaltungen. Zuweilen ist das so viel, dass ich das gar nicht alles lese. So gesehen war es gewissermaßen eher Zufall, dass ich mir die Pressemitteilung zum "Ökumenischen Frauengottesdienst" unter dem Motto "Hört! Nein heißt Nein" mitsamt anschließendem Informationsgespräch doch etwas genauer angesehen habe. Je nach Betrachtungsweise mag man hinzufügen: ein unglücklicher Zufall. 

Dazu, was mir an dieser Pressemitteilung sauer aufstieß, habe ich mich ja bereits ausführlich geäußert, aber fassen wir's ruhig noch einmal stichpunktartig zusammen: Verwendung ideologisch aufgeladenen Vokabulars, fragwürdige Interpretation bzw. Instrumentalisierung eines Bibeltexts, vor allem aber der Umstand, dass zu dem "Informationsgespräch" ausgerechnet und ausschließlich zwei profilierte Gegnerinnen des Lebensschutzes als Referentinnen geladen wurden. 

Mein diesbezüglicher Artikel fand schnell große Resonanz; am Tag vor der Veranstaltung erschien er auch auf kath.net. Nebenbei zeigte sich, wie wertvoll es sein kann, in den verschiedenen Sozialen Netzwerken unterschiedliche Filterbubbles zu haben: Während mein Artikel auf Twitter teilweise recht scharf kritisiert wurde, war das Feedback auf Facebook fast einhellig positiv. Einwände kamen hier nur vom Account des Erzbistums Berlin - dabei handelte es sich jedoch nicht um inhaltliche Kritik, sondern lediglich um Kritik an der Wortwahl. Die Formulierung "Kollaboration mit dem Feind" sei "historisch belastet". "Wäre 'Appeasement' Ihnen lieber?", blaffte ich zurück, womit ich natürlich eine Steilvorlage bot, mir unter die Nase zu reiben, der Begriff "Appeasement" enthalte ebenfalls eine Nazi-Anspielung. Dieser Hinweis unterblieb jedoch. Fast gleichzeitig zeigte ja die abstruse Debatte über "Nazi-Codes" in der Edeka-Weihnachtswerbung, dass man, frei nach Paul Watzlawick formuliert, nicht NICHT in Form von Nazi-Codes kommunizieren kann.

Stattdessen verwies die Facebook-Seite des Erzbistums auf ein vom Osnabrücker Bischof Bode verfasstes Statement der Deutschen Bischofskonferenz zur Beteiligung der Kirche am Aktionstag gegen Gewalt an Frauen. Ich bin nicht unbedingt ein Fan von Bischof Bode - muss ich auch nicht sein, er ist ja nicht mein Oberhirte -, aber den Text fand ich gut. Angesichts der von ihm aufgeführten Beispiele für Gewalt an Frauen, gegen die die Kirche sich engagieren müsse, fragte ich mich: Wieso gibt es in Berlin keine Informations- bzw. Diskussionsveranstaltung zu einem dieser Themen? Wieso hat man nicht, beispielsweise, Referentinnen vom Verein SOLWODI eingeladen? Hätte doch gepasst!

Aber okay, man kann sich's halt nicht aussuchen. So oder so wollte ich mir die Veranstaltung nicht entgehen lassen, und schon um der Gefahr zu entgehen, mich in meiner Sicht auf die Dinge allzu sehr von meinem male privilege blenden zu lassen, war ich recht froh darüber, dass zwei Frauen mich begleiteten: meine Liebste sowie eine gemeinsame Freundin und Bloggerkollegin. Los ging's um 18 Uhr mit dem Ökumenischen Frauengottesdienst in der St.-Bonifatius-Kirche in Berlin-Kreuzberg. Da waren wir erst kürzlich beim Nightfever gewesen.

Aufsteller im Eingangsbereich der Kirche
Ich muss an dieser Stelle sagen, dass ich kurz erwogen habe, die Schilderung dieses Gottesdienstes in meinem Artikel einfach zu übergehen, um schneller auf den Punkt zu kommen. Habe mich dann aber doch anders entschieden. Ein Facebook-Freund erinnerte mich an den Grundsatz lex orandi - lex credendi und merkte dazu an: "Wer komisch betet, glaubt auch komisch." Somit kann ich nicht verschweigen, dass ich schon bei der Begrüßungsansprache die Motten bekam. "Lasst uns unter die vielen Namen Gottes stellen", hieß es da; von "endloser Zärtlichkeit" war die Rede, und schließlich wurde der Gottesdienst eröffnet "im Namen der (!) Dreieinen". Auch im weiteren Verlauf wurden für Gott konsequent weibliche Pronomina verwendet.  

Wie bereits der Pressemitteilung zu entnehmen gewesen war, sollte die Geschichte der Susanna aus dem Buch Daniel im Mittelpunkt des Gottesdienstes stehen. Zu diesem Zweck wurde NICHT der biblische Text verlesen; stattdessen wurde die Geschichte - aufgeteilt auf vier "Stationen" mit den Überschriften "Susanna im Garten", "Die Entscheidung", "Sich zeigen können" und "Eine Frau erfährt Recht" - aus Sicht Susannas nacherzählt, und zwar in Form eines Interviews, bei dem Gabriele Kraatz, Referentin für Frauenseelsorge im Erzbistum Berlin, in die Rolle der Susanna schlüpfte. Hier mal, ohne Kommentar, einige "Highlights": 
"Nach unserem Gesetz hätte ich getötet werden können, wenn es rauskam. [...] Ich war wütend über diese ungerechten, von Männern gemachten Gesetze."
"Natürlich glaubten alle den Männern. Es war Demütigung pur."
"Es gab auch noch etwas Anderes in mir, das ließ zu, dass ich mich aufrichtete. Ich musste mich nicht schämen, weder für mich noch für meinen Körper. Ich hatte keine Lust mehr, mich zu verbergen."
"Heute weiß ich: Die Gerechtigkeit Gottes macht keinen Unterschied zwischen Männern und Frauen." 
Der Prophet Daniel wird in dieser Lesart dadurch befähigt, Susanna Gerechtigkeit zu verschaffen, dass er noch ein sehr junger Mann ist - "aus meiner Sicht fast noch ein Kind" - und darum "noch nicht in unseren Schubladen verhaftet". Okay, es wird durchaus angesprochen, dass auch seine "Gottesbeziehung" eine Rolle spielt; aber Gott - daran erinnerten die Gottesdienstgestalterinnen ihr Publikum mehrmals nachdrücklich - "hat viele Namen". 


Zwischendurch wurde ein Gedicht von Gioconda Belli vorgetragen, die zu diesem Anlass als "katholische Dichterin" apostrophiert wurde; technisch gesehen stimmt das wohl, also in dem Sinne, dass sie katholisch getauft ist. Man hätte sie auch als "sozialistische Dichterin" bezeichnen können, das hätte auch gestimmt. Zum Abschluss der Susanna-Geschichte wurde betont, die in diesem Bibeltext dargestellte Verhandlung kennzeichne "die Anfänge der demokratischen Rechtsprechung", und es wurde ein expliziter Bezug zur jüngsten Reform des Sexualstrafrechts hergestellt, um die es in der anschließenden Informationsveranstaltung gehen sollte. 

"Und jetzt ist es Zeit, in der Kirche unterwegs zu sein... vom Hören ins Spüren und in die Bewegung zu kommen." 


Ich kam mir vor, als wäre ich bei einem Treffen einer obskuren feministischen Sekte gelandet, die sich zwar rudimentär eines aus der jüdisch-christlichen Tradition entlehnten Vokabulars bedient, aber ansonsten nichts erkennbar Christliches an sich hat. Ich habe zwar keine direkten Vergleichsmöglichkeiten, stelle mir aber vor, bei einer Versammlung des Wicca-Kults würde es ähnlich zugehen. Na ja, vielleicht etwas bunter und wilder. 

Absolut unbezahlbar fand ich die Begegnung mit einer offenbar asiatisch-stämmigen Frau, die sich - und mich - völlig irritiert fragte, wo sie denn hier gelandet sei: "Ich dachte, hier wäre ein ökumenischer Gottesdienst!" - "Ja", bestätigte ich, "das soll einer sein." 

Gegen Ende der... äh... Feier. Nennen wir's mal Feier, das klingt schön neutral. Also, gegen Ende der Feier wurden die Teilnehmer aufgefordert, "mit den Worten" zu beten, "die Jesus von Nazaret, Sohn der Maria, uns überliefert hat"; ein Vaterunser war das nun folgende Gebet aber dennoch nicht, denn der patriarchal-heteronormative Begriff "Vater" wurde natürlich vermieden. 
"Gott, du eine in den Himmeln..." 
Danach ging der Text des Gebets erst mal "normal" weiter. Zwar fehlte in der Gottesdienstbroschüre die Zeile "wie auch wir vergeben unseren Schuldigern", aber die Leiterin stellte klar, das sei lediglich ein Versehen. Na gut. Wär's Absicht gewesen, hätte es auch ins Bild gepasst. Ebenso war es wohl ein "Versehen", dass in der Broschüre zwar der Satz 
"Und führe uns in der Versuchung" 
stand, die meisten Teilnehmer jedoch, wohl schon aus Gewohnheit, trotzdem "und führe uns nicht in Versuchung" beteten. 

Näher mag ich auf diesen sogenannten Gottesdienst nicht eingehen - man kann sich's ja in etwa vorstellen. Nur am Rande sei vermerkt, dass der Altersdurchschnitt der Teilnehmerinnen (Männer waren auch da, aber nur vereinzelt - ihr Anteil lag sicher unter 10%) die Hoffnung aufkommen ließ, diese Form feministischer Spiritualität sei ein Relikt aus den 70er Jahren, das sich in sehr absehbarer Zeit überlebt haben werde. Davon abgesehen bleibt zu hoffen, dass die St.-Bonifatius-Kirche nach diesem Pseudo-Gottesdienst erst mal gründlich mit Weihrauch ausgeräuchert wird. 

Immerhin, die musikalische Gestaltung (Flois Knolle-Hicks, Sabine Albrecht) war gut.  
Weiter ging's dann im Pfarrsaal, wo es zunächst Tee und Stullen mit vegetarischem Aufstrich gab und dann Eva Högl, Bundestagsabgeordnete für die SPD, und Birte Rohles, Referentin für häusliche und sexualisierte Gewalt bei Terre des Femmes, über die Verankerung des Grundsatzes "Nein heißt Nein" im deutschen Sexualstrafrecht sprachen. Moderiert wurde dieses Informationsgespräch von Anne Borucki-Voß vom ökumenischen Frauenzentrum Evas Arche

Von links: Eva Högl, Birte Rohles, Anne Borucki-Voß
Fangen wir mal mit dem Positiven an: Die Ausführungen von Frau Högl und Frau Rohles über die Unterschiede zwischen der früheren und der neuen Gesetzeslage sowie über die Entstehungsgeschichte der Gesetzesänderung waren ausgesprochen informativ, und die Referentinnen verstanden überzeugend darzulegen, warum sie diese Änderung der rechtlichen Beurteilung sexueller Gewalt als wichtig und notwendig erachteten und sich entsprechend vehement dafür eingesetzt hatten. 

Auffällig war allerdings, dass der ganze Vortrag wie auch die Moderation von der stillschweigenden Voraussetzung geprägt war, alle Anwesenden seien prinzipiell sowieso derselben Meinung. Es wurde zwar erwähnt, dass es in Regierung und Parlament zunächst erhebliche Vorbehalte gegen eine Verschärfung des Sexualstrafrechts gegeben habe, aber diskutiert wurden diese Einwände nicht. Es bestand offenkundig kein Interesse daran, das "Nein heißt Nein"-Gesetz oder gar die ihm zugrunde liegenden Auffassungen von Selbstbestimmung und Einvernehmlichkeit irgendwie zu hinterfragen; vielmehr lag der Akzent eindeutig darauf, das neue Gesetz als "Sieg des Feminismus" zu feiern

Ein heikler Punkt des Vortrags war die Erwähnung der Ereignisse der Silvesternacht in Köln und anderen Städten, die, so die Referentinnen, einen Umschwung in der öffentlichen Debatte zu Thema sexuelle Gewalt bewirkt hätten. Zwar hätte die durch die Silvesternacht-Vorfälle angeheizte migrantenfeindliche Stimmung ihnen Sorge bereitet, erklärten die Referentinnen; dennoch hätten sie bzw. die von ihnen repräsentierten Gruppen sich dazu entschlossen, diesen "Schwung mitzunehmen", um für ihr Gesetzesvorhaben zu werben. -- Einer der ersten Beiträge der Publikumsdiskussion knüpfte in gewissem Sinne an diesem Punkt an: Eine Frau berichtete, sie sei vor einiger Zeit mit ihrer jüngsten Tochter in Kreuzberg unterwegs gewesen, und die Tochter sei währenddessen mehrfach sexuell belästigt worden - und zwar jeweils von jungen Männern mit Migrationshintergrund, anscheinend aus dem arabischen Raum. Von diesem persönlichen Erlebnis ausgehend, schickte die Diskussionsteilnehmerin sich an, das Problem radikal-islamischer "Parallelgesellschaften" und deren genereller Missachtung nicht-muslimischer Frauen anzusprechen, und im Saal brach eine gewisse Unruhe aus - woraufhin die Moderatorin sich beeilte, eine Debatte zu diesem Thema zu unterbinden. Einige andere Teilnehmerinnen gingen dann doch noch auf diesen Redebeitrag ein, allerdings durchweg mit dem (sicher richtigen) Hinweis, eine Einengung der Debatte über sexuelle Gewalt auf eine bestimmte Tätergruppe sei eher kontraproduktiv. 

Der Großteil der Diskussion verlief jedoch eher, sagen wir mal, konsensorientiert: Man versicherte sich gegenseitig seiner tadellosen Gesinnung, Meinungsdifferenzen bewegten sich im Minimalbereich. Dass fast alle Anwesenden sich untereinander zu kennen schienen, trug erheblich zu diesem Gesamteindruck bei: Ein bisschen kam man sich vor wie bei einem Teekränzchen in Ehren ergrauter 70er-Jahre-Schwanz-ab-Feministinnen, die auf Veranstaltungsteilnehmer von "außen" im Grunde gar nicht eingestellt waren. 

Unter diesen Umständen sah ich kaum Möglichkeiten, in die Diskussion einzusteigen - als Mann schon gar nicht, male privilege und so. Und eine Gelegenheit, die Haltung der Referentinnen zum Thema Abtreibung zu thematisieren, schien sich erst recht nicht zu bieten. Aber Bloggerkollegin Claudia traute sich schließlich doch - zu einem Zeitpunkt, als es absehbar war, dass die Diskussion sich dem Ende zuneigte. Einem "Jetzt oder nie"-Zeitpunkt gewissermaßen. Sie eröffnete ihren Diskussionsbeitrag sehr freundlich und respektvoll, indem sie die Referentinnen für ihren informativen Vortrag und ihren entschiedenen Einsatz für den Schutz von Frauen vor Gewalt lobte. Dann leitete sie behutsam zur Frage nach dem Schutz ungeborener Menschen vor Gewalt über - und noch bevor sie das Wort "Ungeborene" zu Ende ausgesprochen hatte, brach lautstarker Protest aus. Moderatorin Borucki-Voß dekretierte "Darüber werden wir hier nicht reden", eine Handvoll Stimmen aus dem Publikum äußerten sich (in bemerkenswert aggressivem Tonfall) im selben Sinne. Daraufhin verschärfte Claudia ihren Tonfall etwas, und nun musste auch ich mich einmischen - wenn auch nur, indem ich gegen den Versuch protestierte, Claudia den Mund zu verbieten. "Wir wussten schon, dass Sie davon anfangen würden", bekannte ein grauhaariger, leicht bärtiger Mann grimmig. "Wir haben auch ihren Artikel auf kath.net gelesen, diesem... Hetzportal!" -- Ach so. Die hatten also geradezu auf diesem Moment gewartet. Inszenierte Empörung, wie schön. Claudia bestand darauf, ihre Frage zu Ende zu formulieren; das wurde ihr nach einigen weiteren wütenden Unterbrechungen schließlich gewährt, und dann entschied Frau Borucki-Voß abschließend, dies sei nicht Thema der Veranstaltung, darum solle diese Frage weder beantwortet noch sonstwie weiter darauf eingegangen werden. 

Ihn hat keiner gefragt, ob Er sich das antun will. 
-- Ich muss schon sagen: Ich bin ja Einiges gewöhnt, schon weil ich mich auch immer mal wieder in linksradikalen Zirkeln herumtreibe; aber eine Moderatorin, die - mit Unterstützung eines signifikanten Teils des Publikums - die Podiumsteilnehmer (in diesem Fall: -innen) so entschlossen gegen unerwünschte Fragen bzw. Wortmeldungen abschirmt: Das habe ich so noch nie erlebt. Nach dem Ende der Diskussionsrunde beschwerte eine Frau mit kurzen grauen Haaren sich noch bei uns, weil wir versucht hätten, "die Veranstaltung zu sprengen", und "Gott sei Dank" sei uns das nicht gelungen. Als ich sie in zugegebenermaßen ziemlich gereiztem Tonfall fragte, wieso sie sich so entschlossen einer inhaltlichen Auseinandersetzung mit unseren Einwendungen verweigere, sagte sie. "Sie sind so aggressiv - das muss ich mir nicht anhören" und wandte sich ab. Claudia lachte schallend. Ich selbst konnte nur halbherzig in dies Gelächter einstimmen.

Fragen wir uns also mit ein paar Stunden Abstand zu den Geschehnissen: Was war da los? Warum gebärden sich Mitglieder kirchlicher Frauenverbände, sobald das Thema Abtreibung auch nur sachte angetippt wird, plötzlich wie die Antifa? (Okay, zugegeben, körperliche Gewalt wurde uns nicht angedroht. Das war aber auch nahezu der einzige Unterschied.) -- Nun gut, ich habe den sehr "konsensorientierten" Charakter der Veranstaltung schon hervorgehoben. Es gab auch noch ein paar andere eher als missliebig empfundene Wortmeldungen, die ziemlich kurz und entschlossen abgebügelt wurden. Aber keine davon, nicht einmal die oben erwähnte Einlassung über sexuelle Übergriffe durch Migranten, löste auch nur halb soviel Aufregung und Empörung aus wie die bescheidene Frage nach den Rechten Ungeborener. Wie kommt das? -- Das einzige Argument, dessen man uns würdigte, war der Hinweis, die Frage nach der Haltung zur Abtreibung gehöre nicht zum Thema des Abends. Stimmt das? Nun ja: Die Veranstalterinnen und ihre Gleichgesinnten wollten nicht, dass diese Frage zum Thema des Abends gehört. Von der Sache her tut sie es nämlich sehr wohl. Wenn der Leitgedanke der in dieser Veranstaltung thematisierten Gesetzesänderung "körperliche Selbstbestimmung" lautet, dann gehört Abtreibung definitiv in diesen Kontext. Zumindest insoweit, dass man den Standpunkt der Referentinnen zu diesem Thema nicht einfach als irrelevant für das Thema des Abends betrachten kann. Bei genauerem Nachdenken kann ich mir eigentlich überhaupt kaum ein "kirchenrelevantes" Thema vorstellen, für das die Haltung der Referenten zum Thema Abtreibung irrelevant wäre - schließlich rührt die Frage nach dem Lebensrecht der Ungeborenen an die Grundlagen des christlichen Menschenbildes schlechthin. Mir ist aus vielen Diskussionen sehr bewusst, dass man in der Frage, wie das ungeborene Leben am besten zu schützen sei, legitimerweise sehr unterschiedliche Auffassungen haben kann. Wer aber offensiv für ein "Recht" auf Abtreibung eintritt, der negiert das Lebensrecht und die Menschenwürde ungeborener Kinder prinzipiell. Und da muss die Kirche in ihrer Verantwortung vor Gott und den Menschen laut und deutlich Einspruch erheben. 

Ein anderer Aspekt, der mich schon im Vorfeld und dann auch während der Veranstaltung beschäftigt hat, ist: Wie nehmen die Referentinnen das eigentlich von ihrem Standpunkt aus wahr? Sie sind zu Gast in einer Einrichtung der Katholischen Kirche, in einem Erzbistum, dessen Erzbischof und Weihbischof den Marsch für das Leben unterstützt und persönlich daran teilgenommen haben - jenen Marsch für das Leben, den sie, die Referentinnen, aktiv bekämpft haben. Sie lassen sich also von einer Organisation, deren oberste Repräsentanten in ihrer Wahrnehmung zu jenen "christlich-fundamentalistischen Gruppen" gehören, "die der Gesellschaft ihre überkommenen Moral- und Wertevorstellungen aufzwingen wollen" und damit versuchen, "uns gesellschaftlich um mehr als 40 Jahre zurückzuwerfen" (so Eva Högl im Jahr 2014) einladen, beköstigen, beklatschen und mit Topfblumen beschenken? Ist ihnen das nicht zumindest irgendwie peinlich?

An dieser Stelle eine kleine Anekdote, die eigentlich nur ganz am Rande mit den hier in Frage stehenden Vorkommnissen zu tun hat. Vor rund 20 Jahren war ich mal bei einem mehrtägigen Seminar in einer Erwachsenenbildungs-Einrichtung der Katholischen Kirche, und in einer Pause fragten ein paar Seminarteilnehmer den Dozenten, wie das denn sei, für die Kirche zu arbeiten. Ob man da nicht sehr stark reglementiert werde. Der Dozent lachte und erwiderte, er habe schon für allerlei unterschiedliche Bildungsträger gearbeitet, z.B. auch für partei- oder gewerkschaftsnahe Stiftungen, und nirgends habe er so viel Freiheit gehabt wie unter dem Dach der Katholischen Kirche. -- Nun finde ich diese große Toleranz der Kirche ja prinzipiell durchaus sympathisch und schätzenswert (wiewohl man es tragikomisch finden mag, wie wenig davon im öffentlichen Bewusstsein ankommt). Man darf oder muss sich aber wohl doch fragen, ob es nicht irgendwo Grenzen geben müsse. Ob die Kirche es sich erlauben kann und darf, in ihren eigenen Reihen eine Parallelkultur zu dulden und zu fördern, die der kirchlichen Lehre diametral entgegenarbeitet. Wenn es bei einer von kirchlichen Verbänden verantworteten Veranstaltung im Pfarrsaal einer katholischen Pfarrgemeinde nicht mehr möglich ist, eindeutige Positionen des kirchlichen Lehramts auch nur anzusprechen - wenn man bei dem Versuch, das zu tun, vielstimmig niedergebrüllt und als "Hetzer" diffamiert wird - dann ist diese Grenze wohl erreicht.

Eine kirchenrechtliche Prüfung der Angelegenheit sollte man sich wohl zumindest vorbehalten.


Kommentare:

  1. Danke für die umfangreiche Zusammenfassung. Es bleibt aber doch die Frage offen, warum ein katholischer Blogger eine Organisation, die für ihr caritatives Engagement gegen Gewalt an Frauen mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde, als "Feind" bezeichnet. "Feind" von was? Mir ist nicht bekannt, dass die Kirche ein Befürworter von Gewalt an Frauen wäre - auch wenn einige Äußerungen zum Beispiel im Zuge des Themas "Vergewaltigung in der Ehe" schon bemerkenswert waren (etwa wenn im Zuge der Diskussion um die Strafbarkeit dieser Art. 6 Grundgesetz ins Spiel gebracht wurde). Mir ist auch nicht ganz klar, was Sie unter "Abtreibungsbefürworter" und "Recht auf Abtreibung" versehen. Ein "Befürworter" wäre für mich jemand, der einer Frau zur Abtreibung rät, sie dafür bezahlt oder sich darüber freut. Meines Wissens nach tut das aber niemand. Terres des Femmes ist nur gegen eine umfassende Strafandrohung - genau wie mehr als 90 % aller praktizierenden Katholiken in diesem Land auch. Nach einer - leider schon 8 Jahre alten Studie - sind von diesen 58 % für eine Indikationslösung, 31 % für die Beratungslösung, 4 % für eine Fristenlösung und 7 % für ein totales Verbot. De facto ist Terres des Femmes also genau in Linie mit den Katholiken im Land.

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  2. Terre des Femmes ist explizit für ein "Recht" auf Abtreibung. Dieser Punkt wurde hier erklärt. Er wird auch auf meinem Blog erklärt. Mehr noch, er wird von Terre des Femmes alle Naselang hervorgehoben als etwas besonders Wünschenswertes.
    Wenn man der Ansicht ist, Abtreibung sei etwas Teuflisches, dann ist Terre des Femmes eine Angestellte des Feindes. Unterstützt wird sie von Frau Högl, die ausdrücklich für Störaktionen gegen den Marsch für das Leben geworben hat (was schon aus juristischer Sicht bedenklich ist, siehe Demonstrationsrecht).

    Terre des Femmes macht ein paar gute Sachen und ist außerdem dafür, Ungeborene ohne Weiteres umzubringen. Die echten Errungenschaften von Terre des Femmes sind in meinen Augen so etwas wie die Autobahn.

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  3. Um hier eine sinnvolle Diskussion zu ermöglichen müsste man die Begriffe "Recht auf Abtreibung" und "Abtreibungsbefürworter" definieren. Wenn man unter "Recht auf Abtreibung" versteht, dass eine Frau unter gewissen Bedingungen straffrei und unter medizinisch einwandfreien Bedingungen abtreiben kann, dann sind 90 % aller Abgeordneten im Bundestag für ein "Recht auf Abtreibung". Man könnte dann de facto als katholische Organisation nur mehr rechts-außen Abgeordnete der CDU/CSU und Abgeordnete von AFD und NPD zu katholischen Veranstaltungen einladen. Und da hätte man dann wohl wieder das Problem mit deren Einstellungen zu Flüchtlingen und zu Menschenrechten allgemein. Und das ist auch katholischer Sicht ja auch nicht. Das Thema "Abtreibung" wurde von TDF in letzer Zeit im übrigen nur im Zusammenhang mit der selektiven Abtreibung von weiblichen Föten thematisiert, wenn man google Glauben schenken darf. Den im letzten Absatz insinuierten Vergleich von TDF mit dem Unrechts-Regime der Nazis haben Sie wohl nicht so gemeint, deshalb gehe ich auch nicht darauf ein.

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    1. Entschuldigung, aber wenn *Sie* schon nicht wissen, was ein "Recht" ist, sollte man doch wenigstens von Juristen erwarten können, das zu wissen (Frau Dr. Högl z.B.ist Juristin). Rechtmäßigkeit und Straffreiheit sind zwei verschiedene Paar Schuhe, das gilt nicht nur für das Thema Abtreibung, sondern ganz generell. Wenn etwas "unter bestimmten Bedingungen straffrei" ist, dann gibt es gerade *kein* "Recht" darauf.

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    2. >>, dann sind 90 % aller Abgeordneten im Bundestag für ein "Recht auf Abtreibung".

      Um so schlimmer für die Abgeordneten.

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  4. Der Teufel hat es geschafft, das Thema Abtreibung vollends in einer Schweigespirale verschwinden zu lassen. Eine sinnvolle Diskussion über Abtreibung kann es gar nicht geben. Das wäre genauso sinnlos als wenn Jesus über seine Brotrede diskutiert hätte. Hat er aber nicht. Man kann gehen oder bleiben. Das bei einer Abtreibung auch feministische Kämpferinnen auf der Strecke bleiben könnten, interessiert die lebenden Feministen einen feuchten Kehricht und natürlich wollen sie das nicht zum Thema machen. Darüber sollte man sich nicht wundern. Ach ja, wo "kirchlicher Frauenverband" draufsteht ist meistens nur heiße Luft drin. Eigentlich ist immer nur heiße Luft drin.

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    1. Wieso denken Sie, dass, immer wenn sich Frauen kirchlich zusammenschließen, nur "heiße Luft" also kein Inhalt drin ist?
      Was haben Sie gegen Feministen? Finden Sie es nicht komisch und unnötig, dass in der katholischen Kirche Männer so eklatant den Kurs angeben?

      Meine Mutter organisiert mit anderen Frauen aus der Gemeinde, in der ich aufgewachsen bin, seit vielen Jahren den örtlichen Weltgebetstag der Frauen mit. Ich dachte bis vor ein paar Jahren immer, naja, was wird das wohl für eine muffige Veranstaltung sein... Dann nahm ich zum ersten Mal an dem "Weltgebetstag der Frauen"-Gottesdienst teil und es war so großartig. Und von einer unfassbar positiven und besonderen Energie getragen.

      Egal ob Frau, Mann oder trans ...jeder/m sollten die selben Rechte als Mensch zustehen. Das heißt nicht, dass (wie scheinbar häufig missverstanden wird) es keine verallgemeinerbaren Unterschiede zwischen Männern und Frauen gäbe. (Allerdings halte ich die Unterschiede für geheimnisvoller und schwieriger ergründbar als häufig angenommen und es entspricht eben unserer Denkweise Verhaltensweisen in der Binarität der Geschlechter zuzuordnen- auch wenn manchmal gerade eine Person des anderen Geschlechts diesen "weiblichen" oder "männlichen" Aspekt aufweist.) Es ist doch wichtig, dass das "Weibliche" im Gottesdienstfeiern und Erleben von Spiritualität nicht zu kurz kommt. Mit "weiblich" meine ich in diesem Kontext eine besondere Feinfühligkeit. Ein ausgeprägtes Gespür fürEINANDER...
      Und ganz konkret. Frauen sind 50% der Bevölkerung. Sie sollten Kirche doch bitte mit prägen. Und ja, Frauen sind keine homogene Masse. Natürlich finden nicht alle "FRAUEN" Gottesdienste, wie hier einer besucht wurde, ansprechend. Aber das muss doch auch nicht sein.

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  5. Mir wurde einmal von einem weisen Priester geraten, das Martyrium nicht bewusst zu suchen. (Übrigens ebensowenig wie besondere Gnaden, aber das nur nebenbei). Insofern gratuliere ich erstmal, dass ihr diese fegefeurige Erfahrung unbeschadet überstanden habt. Leider muss ich die Erfahrung der vehementem Diskursverweigerung aus sich besonders progressiv gebenden nominell-katholischen Zirkeln bestätigen. Keine Ahnung wieso. Gerade die vorsichtige Erwähnung genderspezifischer Abtreibung wäre doch sachlich betrachtet konsensfähig gewesen. Gerade Terre de Femmes müsste aus ihrer täglichen Arbeit bestätigen können, dass in vielen Ländern der Welt weibliche Föten gezielt abgetrieben werden und auch weibliche Babies nach der Geburt gefährlicher leben als männliche.

    Ich betrachte mich übrigens als lebenden Beweis für diese These.

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  6. Mein ursprünglicher Kommentar ist offenbar nicht angekommen, deshalb nochmal ein neuer:

    Mein ganz großer Respekt und meine uneingeschränkte Hochachtung für Ihren und vor allem auch Frau C. Sperlichs Mut, in diesem "Wespennest" öffentlich Zeugnis zu geben und kritisch die Abtreibung offen in Frage zu stellen.

    Auch Ihre entsprechenden informativen Artikel hier im Blog sind äußerst wertvoll.

    Zu so einer mutigen Haltung gehört schon etwas.

    Wir - insbesondere meine Frau - hatten eigene Erfahrungen mit derartigen Auseinandersetzungen bestimmter "progressiver" Gruppen im kirchlichen Bereich.

    Wir hielten das aber nur kurze Zeit durch - unsere Nerven/Gesundheit wurden dadurch zu sehr strapaziert.

    Wir halten uns von diesen Leuten seitdem nach Möglichkeit fern, suchen nicht von uns aus aktiv die Auseinandersetzung mit ihnen, geben aber unsere Meinung klar zu erkennen, wenn und wo es nötig ist.

    Aktiv unterstützen wir seit einigen Jahren die Stiftung "Ja zum Leben" finanziell und machen für sie in unserer Umgebung/Bekanntenkreis Werbung.

    Wir geben z.B. nichts mehr in die kirchlichen Kollekten und spenden die jeweils eingesparten, gesammelten Beträge besagter Stiftung, die sich aktiv um Frauen im Schwangerschaftskonflikt und auch danach kümmert.

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  7. Wie The Cathwalk meldet, hat die u.a. von der Stiftung "Ja zum Leben" unterstützte überkonfessionelle Schwangeren-Konfliktberatungsinitiative 1000plus bereits jetzt das für 2016 selbst gesteckte Jahresziel von 3000 beratenen Frauen im Schwangerschaftskonflikt erreicht:

    https://thecathwalk.net/2016/11/29/neuer-rekord-bei-1000plus/#comments

    Bis 2020 möchte 1000plus es erreichen, jährlich 10000 Frauen im Schwangerschaftskonflikt [ohne Scheinausgabe!] zu beraten; das Nahziel für 2017 sind 4500 Beratungen.

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  8. Krass diese Engstirnigkeit. Und gleichzeitig chapeau, dass Sie dort waren. Wenn wir Gottesdienst in einer Sprache feiern können, die die meisten Menschen nicht verstehen. Warum nicht auch in einer Sprache, die uns Gottes Wahrheit neu verstehen und erahnen lässt, aber von der Regel abweicht? Wer denkt denn auch, dass es in einer ökumenisch-feministischen Wort-Gottes-Feier zugeht, wie in einem Sonntagsgottesdienst? Vor was haben Sie denn Angst? Ich denke Gottes Geist ist größer als unsere Vorstellungen von Gottesdienstfeiern und Liturgie. Weiter als unsere Trennung zwischen konservativ und liberal und unser binäres Denken. Adventliche Grüße!

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