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Montag, 29. Mai 2017

Sacropop-News: Wessen Gott ist "Mein Gott"?

In meiner Fotoreportage vom 36. Deutschen Evangelischen Kirchentag hatte ich am Rande erwähnt, dass meine Liebste und ich das neue Album von Miriam Buthmann & Band, "Mein Gott", erworben haben; und ich hatte dort auch schon zu Protokoll gegeben, ich hätte "den Verdacht, dass [es] nicht ganz so gut sein [werde] wie das Vorgängeralbum 'Mit einem anderen Blick'". Woher rührte dieser Verdacht? 

Nun, zunächst einmal hatte das vor zwei Jahren erschienene Album "Mit einem anderen Blick" die Messlatte ziemlich hoch gehängt. Zwölf Songs, von der musikalischen Seite her solider, eingängiger Pop mit Elementen von Rock, Reggae, Funk, Jazz und HipHop, vom Text her sämtlich Psalmen-Nachdichtungen in einer Sprache, die "heutig" wirkte, ohne banal zu sein oder zu allzu plumpen Aktualisierungen zu greifen. Insgesamt eine Scheibe, die ich stundenlang rauf und runter hören könnte. 

Demgegenüber enthält das neue Album "Mein Gott" nur neun Nummern, und darunter sind zwei Lieder, die jeweils in einer hoch- und einer plattdeutschen Version ("Du bist ein Gott, der mich anschaut"/"Du büst en Gott, de mi ankiekt"; "Allens, wat du bruukst"/"Das, was du brauchst") vertreten sind. Somit reduziert sich die Anzahl der verschiedenen Songs auf sieben; zwei davon habe ich bei Mires Auftritt auf der "Bühne im Sommergarten" live gehört, ein weiteres sogar schon beim letzten Kirchentag in Stuttgart vor zwei Jahren, und eins ist als YouTube-Video auf Mires Website verlinkt. Viel Raum für Überraschungen blieb da also nicht übrig. 



Nun gut: Fangen wir mal vorne an. Der erste Song des Albums ist jener, den ich schon vom Video auf der Website her kannte: "Du bist ein Gott, der mich anschaut" - ein Titel, der sicherlich nicht zufällig mit dem Kirchentagsmotto "Du siehst mich" korrespondiert. Im CD-Booklet trägt der Song den Untertitel "Hagars Lied". Aha, ein biblischer Bezug! Worin besteht er? - Hagar, das werden einige von uns wissen, ist die ägyptische Nebenfrau Abrahams, mit der er seinen ersten Sohn Ismael zeugt. In Genesis 16 kann man nachlesen, wie die schwangere Hagar aus Angst vor Abrahams Hauptfrau Sara in die Wüste flieht und dort einem Engel des Herrn begegnet, der sie zu Abraham zurückschickt, ihr aber immerhin eine Prophezeiung über ihre Nachkommenschaft mit auf den Weg gibt. "Da nannte sie den Herrn, der zu ihr gesprochen hatte: El-Roï (Gott, der nach mir schaut). Sie sagte nämlich: Habe ich hier nicht nach dem geschaut, der nach mir schaut?" (Gen 16,13). Tatsächlich ist auch das Kirchentagsmotto dieser biblischen Episode entnommen, und der Generalsekretärin des Kirchentags, Ellen Ueberschär, war es bei der Vorstellung des Mottos besonders wichtig, darauf hinzuweisen, dass diese Episode nicht nur in der Bibel, sondern auch im Koran vorkommt. Was an sich nicht besonders überraschend ist, da Hagars Sohn Ismael als Stammvater der Araber gilt. 

Ein Lied Hagars gibt es in der Bibel nicht, aber halb so wild: Jetzt gibt es eins. Den Text dazu hat - als einzigen des Albums - nicht Mire Buthmann selbst verfasst, sondern Susanne Brandt. Der Refrain lautet:
"Du bist ein Gott, der mich anschaut
Du bist die Liebe, die Würde gibt
Du bist ein Gott, der mich achtet
Du bist die Mutter, die liebt." 
Der letzte Vers klingt verdächtig nach einer Verbeugung in Richtung der feministischen Theologie und verursacht mir daher einen gewissen Juckreiz, aber vielleicht sehe ich das zu eng. Schließlich gibt es durchaus Bibelstellen, die die mütterlichen Eigenschaften Gottes hervorheben - exemplarisch sei Jesaja 66,13 genannt ("Wie eine Mutter ihren Sohn tröstet, so tröste ich euch"). -- Interessant ist allerdings auch, dass in diesem Refrain die Achtung, die Gott dem Menschen zu Teil werden lässt, betont wird - und nicht etwa umgekehrt. Merken wir uns das für später. 

Während der Text des Liedes also keine rechte Begeisterung bei mir aufkommen lässt, tut es die Musik noch weniger. Eine locker-flockige Uptempo-Nummer mit leichtem Country-Einschlag -- erinnert sich noch irgendwer an Deutschlands Beitrag zum Eurovision Song Contest 2006, "No no never" von Texas Lightning feat. Olli Dittrich? So ähnlich klingt das. Für ein geistliches Lied allzu banal, finde ich. 

Der zweite Titel, "Allens, wat du bruukst", war, wie ich soeben nachrecherchiert habe, schon auf dem Kirchentag 2013 in Hamburg vorgestellt worden und auch 2015 in Stuttgart im offiziellen Kirchentags-Liederbuch enthalten gewesen. Dass es jetzt, Jahre später, auf CD erscheint (und das auch noch in zwei Fassungen), verstärkt den Verdacht, dass es an neuem Material fehlte, um die CD einigermaßen voll zu kriegen. Der Song an sich ist aber so übel nicht: Musikalisch ein nettes, vielleicht etwas allzu harmloses Liedchen, vom Text her eine Mahnung zum Gottvertrauen, bei der der bibelkundige Hörer an Matthäus 6,31f. denken mag: 
"Macht euch also keine Sorgen und fragt nicht: Was sollen wir essen? Was sollen wir trinken? Was sollen wir anziehen? Denn um all das geht es den Heiden. Euer himmlischer Vater weiß, dass ihr das alles braucht." 
Ein bisschen schade ist es freilich, dass ein inhaltliches Äquivalent zum folgenden Vers - "Euch aber muss es zuerst um Sein Reich und um Seine Gerechtigkeit gehen; dann wird euch alles andere dazugegeben" - im Liedtext fehlt; aber man kann wohl nicht alles haben.

Es folgt der Titelsong des Albums: "Mein Gott". Er ist funky und tanzbar, hätte für meinen Geschmack im Mix ruhig noch etwas schärfer und kantiger rüberkommen können, aber okay. Richtig schlimm ist hier der Text
"Mein Gott steht auf Männer und auf Frau'n" - 
Was soll das? - Wollte man diesen Satz mit "Gottes Liebe gilt Männern und Frauen gleichermaßen" übersetzen, dann wäre die Aussage zweifellos richtig, allerdings nicht unbedingt originell. Die Formulierung klingt jedoch arg nach "Gott ist bisexuell", und ich kann mir kaum vorstellen, dass diese Assoziation nicht gewollt sein sollte. Ein Hat-Tip an die Regenbogenfraktion. Weiter geht's wie folgt: 
"steht auf alle, die sich trau'n" - 
"Trauen" im Sinne von "Trauung"? Ehe für alle? Okay, das mag jetzt eine Überinterpretation meinerseits sein. 
"steht auf Mut und Gerechtigkeit" - 
Fair enough
"Mein Gott steht auf für jede Minderheit,
für die Bedrängten dieser Zeit" - 
Dagegen ist nun inhaltlich nicht viel zu sagen, außer dass es auf enervierende Weise politically correct klingt. Womit es natürlich ausgezeichnet auf den Evangelischen Kirchentag passt. Und schließlich: 
"versteckt sich nicht hinter Heiligkeit". 
Und was soll der Scheiß jetzt? Inwiefern sollte Heiligkeit etwas sein, wohinter Gott sich "versteckt"? Auf dem Vorgängeralbum "Mit einem anderen Blick" gab es noch einen Song mit dem Titel "Denkt daran, dass Er heilig ist". Nun, so scheint es, wird ein "desakralisiertes" Gottesbild gepredigt. Nachdem der Refrain die soziale oder, wenn man so will, "sozialpolitische" Dimension seines Gottesbildes betont hat, kommt in den Strophen eine stark individualisierte Gottesbeziehung zum Ausdruck, was in Sätzen gipfelt wie "Und das, was ich verschieben will auf morgen / das macht Gott Sorgen". -- Unversehens gewinnt das Possessivpronomen "mein" im Titel des Songs - der ja zugleich der Titel des ganzen Albums ist - eine neue Bedeutung: Es scheint, als werde hier ein Gott gepriesen, der sich quasi in "Privatbesitz" befindet - ein Flaschengeist, den man zu Hause im Regal stehen hat und bei Bedarf hervorholt. Und dessen wesentliche Aufgabe darin zu bestehen scheint, das Selbstbild seines "Besitzers" zu bestätigen oder nötigenfalls aufzupolieren. Das ist ein Gottesbild, das perfekt zu jenem Phänomen passt, dem die US-Soziologen Christian Smith und Melinda Lundquist Denton den Namen "Moralistisch-Therapeutischer Deismus" (MTD) gegeben haben: eine "schwammige Pseudoreligion", deren Inhalt nicht wesentlich über "Gott hat uns alle lieb und möchte, dass wir nett zueinander sind" hinausgeht. Wenn man es recht bedenkt, sind auch die anderen Songtexte auf "Mein Gott" - und tendenziell oder zum Teil auch die auf dem Vorgängeralbum - mit diesem reduzierten Gottesbild kompatibel. Was wohlgemerkt nicht zwingend bedeutet, dass sie so gemeint sind. Dass es von Fall zu Fall so schwierig ist, MTD und authentisches Christentum voneinander zu unterscheiden, liegt ja nicht zuletzt daran, dass die Aussage "Gott hat uns alle lieb und möchte, dass wir nett zueinander sind" zwar arg harmlos und banal formuliert daherkommt, aber nicht direkt falsch ist. Das Problem ist vielmehr, dass eine Verengung des Gottesbildes auf allein diese Aussage wesentliche Aspekte des christlichen Glaubens unterschlägt. Von einem Liedtext wird man aber keine umfassende Theologie erwarten, und somit gibt es zweifellos eine Menge christliches Liedgut älteren wie jüngeren Datums, von dem man behaupten könnte, es sei durch und durch MTD-kompatibel. Das ist im Prinzip nicht schlimm. Aber die doch sehr ausgeprägte MTD-haftigkeit des Songs "Mein Gott" - moralistisch im Refrain, therapeutisch in den Strophen - gibt doch zu denken. Dass all dies nur allzu gut zum Evangelischen Kirchentag passt, auf dem ein über MTD-Plattitüden hinausgehendes Bekenntnis zum christlichen Glauben ja insgesamt eher unerwünscht zu sein schien, habe ich ja bereits angemerkt. 

Somit bleiben auf dem neuen Buthmann-Album noch vier Songs, die eine genauere Betrachtung verdienen - zwei in englischer und zwei in deutscher Sprache, und alle vier präsentieren sich als Nachdichtungen biblischer Texte: "Never ending story" basiert auf 1. Korinther 13 ("Die Liebe hört niemals auf"), "Seek Peace" - das auf das Motto des 101. Deutschen Katholikentags in Münster im kommenden Jahr, "Suche Frieden", vorausweist - auf Psalm 34, "Wo die Sonne aufgeht" auf Psalm 139 und "Gott, segne uns" auf Psalm 67. Musikalisch kommen diese vier Nummern eher ruhig und langsam daher, wenngleich "Seek Peace" einen dezidiert rockigen Gitarrensound aufweist. An den Texten gibt es - wohl auch dank der soliden biblischen Fundierung - nicht viel zu bemängeln; lediglich zu "Wo die Sonne aufgeht", das Mire und ihre Band gerade spielten, als ich an der Bühne im Sommergarten ankam, habe ich zwei kleine Anmerkungen zu zwei aufeinanderfolgenden Versen: 
"Du hast mich gewollt, so, wie ich bin" - 
Da wittere ich wieder einen Hauch von MTD, denn so ein Satz kann nur allzu leicht zur Rechtfertigung des eigenen Selbstbildes eingesetzt werden: Ich bin gut so, wie ich bin, schließlich hat Gott mich so geschaffen. Das Problematische an dieser Sichtweise ist, dass sie den Sündenfall und folgerichtig die Erbsünde ignoriert. Der Mensch nach dem Sündenfall ist eben nicht (mehr) so, wie Gott ihn gewollt hat. Gott liebt die Menschen zwar so, wie sie sind, aber gerade weil Er sie liebt, will Er nicht, dass sie so bleiben, wie sie sind. 
"Schon vor der Geburt hast du mich gesehn" - 
Da kann ich nun nur applaudieren. Klare Pro-Life-Message. Hätte ich so gar nicht erwartet. Aber das steht nun mal so drin in dem Psalm. 

Während "Gott, segne uns" - sparsam arrangiert mit Akustikklampfe und mehrstimmigem Gesang - ein bisschen an das gute alte böse alte NGL-Genre erinnert, würden die drei anderen zuletzt genannten Songs auf einer Compilation charismatischer Lobpreislieder - etwa im Rahmen der Reihe "Feiert Jesus!" oder in trauter Nachbarschaft zu Songs aus dem Gebetshaus Augsburg, der Bethel Church oder der Hillsong Church - nicht unbedingt aus dem Rahmen fallen. Ich würde diese drei Nummern definitiv als die Highlights des Albums bezeichnen; an Knüller des Vorgängeralbums wie "Dankt Ihm", "Du gibst Dich mit uns ab" oder "Beschützer der Welt"  reichen sie allerdings beiweitem nicht heran. 

Wie lautet also mein abschließendes Urteil? - Sagen wir so: Beim Titelsong "Mein Gott" ist der Text eine Zumutung und bei "Du bist ein Gott, der mich anschaut" die Musik; davon abgesehen ist die Scheibe nicht schlecht. Man kann sie sich anhören. 

Muss man aber nicht. 




Kommentare:

  1. Die Zeile "versteckt sich nicht hinter Heiligkeit" ist ja wirklich ganz und gar grässlich.
    Mich erinnert sie irgendwie an das Konzept der Verantwortungsethik / des Utilitarismus: Wenn man nicht Böses tun will, um Gutes zu erreichen, ist man im Grunde selbstsüchtig, will sich bloß die eigene weiße Weste, das eigene gute Gewissen, die eigene "Heiligkeit" bewahren, obwohl man doch so viel Gutes wirken könnte, wenn man nicht so feige, pingelig und kleinkariert wäre. Diese Ansicht ist ja tatsächlich erstaunlich weit verbreitet; aber wie die Verantwortungsethik in der Praxis funktioniert, haben wir ja zum Beispiel wunderbar in der Geschichte des Kommunismus gesehen.*
    Ich weiß nicht, ob Frau Buthmann dieselben Assoziationen dabei hatte, vielleicht (wahrscheinlich) ging es ihr nicht um moralisches Handeln, sondern eher darum, dass Gott nicht nur fern im Himmel droben ist, sondern sich auch der Sünder annimmt, oder so... aber gerade das gehört doch zu Seiner Heiligkeit, dass Er Seine Geschöpfe liebt, also ist der Satz so auch wieder falsch. Und wenn man meint, Er nähme auch die Sünde nicht so genau, ist er natürlich wieder noch viel falscher. Wenn man es wohlwollend interpretieren wollte, könnte man sagen, sie wendet sich gegen ein falsches Verständnis von Heiligkeit, das sie als „Mit Sündern will ich nix zu tun haben“ versteht... Der Satz ist trotzdem blöd, einfach weil er den Begriff „Heiligkeit“ diffamiert. Da klingt schon irgendwie so an „Gott schert sich nicht wirklich um die ganzen Regeln und das himmlische Hofzeremoniell, mit allem, was mit Heiligkeit und Ehrfurcht und Anbetung zu tun hat, muss man es nicht so genau nehmen“. (Dabei ist Anbetung ja einfach nur die Antwort auf das Erkennen von Gottes Heiligkeit, die Er nun mal einfach besitzt, und nicht etwas, das Gott von uns haben will, damit Er sich gut fühlt oder so.)
    Sorry für den langen Kommentar zu so einem Randaspekt... Trotzdem halte ich die Zeile für sehr vielsagend, da sieht man, zu welchem falschen Verständnis schwammige Vorstellungen über das Wesen Gottes und des Guten führen können. Der Text von "Mein Gott" scheint im Ganzen ja wirklich schlimm zu sein - zwar nach meinem Eindruck weniger "mein Gott ist das, was mir gerade angenehm ist" und mehr "mein Gott ist das, was bei der Welt gut ankommt" (das mit der Ehe für alle klingt schon nach einer gewollten Interpretationsmöglichkeit), aber das ist ja gehupft wie gesprungen und läuft hier auf dasselbe hinaus.

    * Man müsste natürlich noch anmerken, dass auch die Gesinnungsethik in der Form, wie manche sie der Verantwortungsethik gegenüberstellen wollen (als totales Verbot von Güterabwägung in irgendeiner Form und so), wenn sie zu Ende gedacht wäre, nicht funktionieren würde – aber übrigens auch nie in dieser Weise von irgendeinem Philosophen vertreten wurde (soweit ich weiß), und eher ein Strohmannargument ist. Aber dazu hat ja Robert Spaemann hier (http://www.kath-info.de/verantwortungsethik.html) schon alles geschrieben, was zu sagen ist.

    - Crescentia.

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  2. >>Mich erinnert sie irgendwie an das Konzept der Verantwortungsethik / des Utilitarismus: Wenn man nicht Böses tun will, um Gutes zu erreichen, ist man im Grunde selbstsüchtig, will sich bloß die eigene weiße Weste, das eigene gute Gewissen, die eigene "Heiligkeit" bewahren, obwohl man doch so viel Gutes wirken könnte, wenn man nicht so feige, pingelig und kleinkariert wäre. Diese Ansicht ist ja tatsächlich erstaunlich weit verbreitet; aber wie die Verantwortungsethik in der Praxis funktioniert, haben wir ja zum Beispiel wunderbar in der Geschichte des Kommunismus gesehen.

    Ich würde mal anmerken, daß sich die wilhelminischen Imperialisten als Beispiel noch viel besser eignen.

    Bei den Kommunisten, speziell (naturgemäß) im Westen, wo sie keine Regierungsverantwortung hatten, gab es immer noch viele "Häretiker guten Willens", die eigentlich als Gesinnungsethiker zu erfassen wären.

    Wenn man übrigens Gesinnungsethik als die Ethik definiert, die danach strebt, erstmal böse Handlungen zu vermeiden, weil böse Handlungen einfach böse sind... und dann vielleicht noch was anderes tut... ist sie übrigens auch nicht selbstwidersprüchlich.

    Aber was wollte ich eigentlich sagen?

    Genau:

    "Jeder ist sich selbst der Nächste."

    Zitiert von wo?

    Zitiert aus Ferdinand Elger, Lehrbuch der katholischen Moraltheologie, Imprimatur Leitmeritz 1851.

    Im Zusammenhang: Band II § 241 III. "Das eigene Wohl geht voran dem Wohle des Nächsten. Denn jeder ist sich selbst der Nächste. Dies lehrt der Cat. Rom. [...] und der hl. Thomas [...]. Aus diesem Grundsatze folgt nun: daß niemand, um für das Seelenheil anderer zu sorgen, auch nur eine läßliche Sünde begehen [...] darf."

    Oder salopp gesagt: "selbstsüchtig? ja, schön und gut, aber da es hier um wirklich wichtige Dinge geht, *sind* wir eben so selbstsüchtig, recte selbstliebend. Selbstliebend und auch noch stolz darauf! Nun sagt ihr uns aber bitte schön, warum eigentlich wir es nicht sein sollten? Weil es das Christentum verbietet? Nö, das ist nicht das Christentum, daß das verbietet; das ist bloß die gefühlig-uninformierte Rezeption der christlichen Moral unter denen, die von der Moral noch etwas behalten wollen, aber eigenlich nicht mehr glauben. *Das Christentum* aber, das gebietet hier geradezu das, was ihr Selbstsucht nennt."

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    1. Ja, ganz genau.

      Bei den Kommunisten dachte ich natürlich eher an die Länder, wo der Kommunismus regiert (hat), oder auch an die RAF, oder z. B. auch an ein Stück von Brecht namens "Die Maßnahme", wo es an einer Stelle heißt: "Welche Niedrigkeit begingest du nicht, um die Niedrigkeit auszutilgen? Könntest du die Welt endlich verändern, wofür wärest du dir zu gut?" Im Marxismus war die Verantwortungsethik eben ein Teil der Ideologie. Aber es gibt natürlich auch andere gute Beispiele. (Mit dem preußischen Imperialismus kenne ich mich ehrlich gesagt nicht besonders gut aus.)

      Bei dem Kommentar zur Gesinnungsethik ging es mir nur drum, dass man die katholische Ethik nicht mit dem Strohmann verwechseln soll, den manche aus dem, was sie Gesinnungsethik nennen, machen, mehr nicht :) (Ein totaler Pazifismus, der auch Krieg zur Selbstverteidigung in keinem Fall erlaubt, wäre ein Beispiel für eine falsch verstandene Form der Gesinnungsethik. Da liegt eben der Fehler in einer falschen Vorstellung davon, was gut und böse ist.)

      Es kann gar nicht unangebracht selbstsüchtig sein, keine Sünden begehen zu wollen. Sünden schaden am Ende immer allen am meisten. (Es geht ja bei der "Verantwortungsethik" übrigens auch nicht nur darum, die Verantwortung gegenüber sich selbst zu vernachlässigen, sondern auch darum, die Verantwortung gegenüber konkreten anderen Menschen, mit denen man jetzt zu tun hat, zu vernachlässigen, um irgendwann in Zukunft der ganzen Menschheit zu nützen. Wieder sind ein gutes Beispiel RAF-Terroristen wie Ulrike Meinhof, die ihre Kinder verlassen haben, um für die angeblich gute Sache zu kämpfen.)

      - Crescentia.

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    2. Hier vielleicht noch ein ausführliches Zitat aus dem Spaemann-Artikel:

      "[...] Eine rein deontologische [gesinnungsethische] Ethik kann es gar nicht geben. Sie ist eine bloße Karikatur. Ein Mensch, dessen Moral darin bestünde, ohne Rücksicht auf die Umstände immer bestimmte Handlungen auszuführen und andere zu unterlassen, wäre ein nicht lebensfähiger Idiot. Güterabwägung ist selbstverständlich die normale Art, sich sittlich, und das heißt immer auch vernünftig, zu verhalten. Von den Handlungsfolgen absehen kann man überhaupt nicht, wenn man handelt. Handeln heißt ja: bestimmte Wirkungen hervorbringen. Man kann Handlungen nicht einmal als Handlungen beschreiben, ohne ihren teleologischen Charakter in die Beschreibung aufzunehmen. Andernfalls beschreiben wir nur Körperbewegungen, was unter Umständen einen sehr komischen Effekt machen kann.
      Im Streit um Deontologie und Konsequentialismus geht es also gar nicht darum, ob wir für bestimmte Wirkungen unserer Handlungen die Verantwortung zu tragen haben oder nicht, sondern es geht darum, für welche Wirkungen – ob nur für diejenigen, die eine Handlung definieren, oder auch für die beabsichtigten ferneren Folgen oder auch für die Nebenfolgen, die in Kauf genommen werden, und wenn ja, für welche und in welchem Umfang? […] Was eigentlich ist Gegenstand unserer sittlichen Verantwortung, wenn wir handeln oder eine bestimmte Handlung unterlassen?
      Der Konsequentialist antwortet: prinzipiell alles, zumindest alles, was wir hätten voraussehen können. Jeder hat die Pflicht, mit jeder Handlung und Unterlassung den Gesamtzustand der Wirklichkeit zu optimieren. [...]
      Das normale sittliche Bewußtsein versteht sich ganz anders. Die Pflicht, ein Versprechen zu halten, ergibt sich gar nicht als Funktion eines Gesamtnutzens, also etwa der Erhaltung jener Annehmlichkeit, die sich aus dem allgemeinen Vertrauen unter Menschen ergibt. Es handelt sich gar nicht primär um die Pflicht gegen eine unbekannte Zahl unbekannter Personen, die irgendwo von einer Vertrauensverletzung mitbetroffen wären, sondern um eine Verantwortung, die sich aus diesem konkreten sittlichen Verhältnis ergibt, in das ich mich begeben habe, als ich ein Versprechen gab. […]
      Verantwortung ergibt sich stets aus Situationen, in denen wir uns befinden, aus sittlichen Verhältnissen. Sittliche Verhältnisse sind: Freundschaft, Ehe, das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern, zwischen Arzt und Patient, zwischen Lehrern und Schülern, zwischen Berufskollegen usw., usw. [...]
      Nun befinden wir uns in einer Vielzahl sittlicher Verhältnisse, aus denen Verantwortungen resultieren und die zueinander in Konflikt treten können. Ich kann hier nicht versuchen, die Theorie einer Rangordnung solcher Verantwortlichkeit zu entwickeln. […]

      - Crescentia.

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    3. (Fortsetzung)

      "Gibt es Handlungsweisen, die ohne Ansehen der Umstände immer gut oder immer verwerflich sind? Wir können die Frage auch so stellen: Gibt es Verantwortlichkeiten, denen wir nur durch eine ’deontologische’ Praxis gerecht werden können? [...]
      Verantwortung gründet in sittlichen Verhältnissen, in denen wir miteinander stehen. Auch mit dem fremdesten Menschen kann ich ohne mein Zutun in ein Verhältnis der Nähe geraten, wo seine oder meine Existenz davon abhängt, daß der eine den ’anderen liebt wie sich selbst’. […] Die Verantwortung, die sich aus diesem Verhältnis generell ergibt, hat Kant mit der Formel ausgedrückt: ’Handle so, daß du die Menschheit sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden andern jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchest.’ […] Die Grenze besteht darin, daß der andere nicht auf eine solche Weise Mittel und Objekt für mich werden darf, daß dabei sein Status als Subjekt eigener Zwecke, in deren Verfolgung wiederum auch ich als Mittel zu fungieren habe, vernichtet wird. Daraus folgt zum Beispiel die Unsittlichkeit eines Sklavenstatus, der den Untergebenen aller Rechte beraubt und seine ganze Lebenszeit zur Disposition seines Herrn stellt. […]
      Schon Aristoteles und ihm folgend die gesamte europäische Tradition kennt daher Handlungen, die kontextunabhängig immer als verwerflich gelten. ’Kontextunabhängig’ ist aber hier das falsche Wort. Jeder Mensch ist schon für sich selbst ein ’Kontext’, ein Sinnganzes. […]
      Es sind drei Sphären, in denen sich die Personalität unmittelbar ausdrückt und zu denen sie sich deshalb nicht rein instrumentell verhalten kann, ohne die eigene oder die Würde anderer zu verletzen: das organische Leben, die Sprache und die Sexualität. Dem entspricht, daß in der klassischen philosophischen und theologischen Tradition die absichtliche und die direkte Tötung unschuldiger und wehrloser Menschen, die absichtliche Täuschung des Vertrauens durch unwahre Rede und die Herauslösung der Sexualität aus ihrem integralen humanen Kontext jeder weiteren Güterabwägung entzogen und für jederzeit unverantwortlich erklärt wurde. Lediglich mit Bezug auf die Lüge gab es unter den theologischen Moralisten gewisse Meinungsverschiedenheiten, die mit einem ungenügenden Begriff von Sprache zusammenhingen. [...] Zu den Handlungen, die niemals verantwortbar sind, gehört ferner die Folter […]
      Wer daran festhält, daß es Dinge gibt, die man nicht tun darf, der muß natürlich zugestehen, daß niemand für die Folgen der Unterlassung solcher Dinge die Verantwortung zu tragen hat. Eine atheistische Zivilisation neigt schon deshalb zum totalen Konsequentialismus in der Moral, weil dort, wo Gott nicht als Herr der Geschichte verstanden wird, Menschen versucht sind, die Totalverantwortung für das, was geschieht, zu übernehmen und so die Differenz zwischen Moral und Geschichtsphilosophie aufzuheben."

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    4. (Fortsetzung)

      "Die Entlastung von der Verantwortung für die Folgen der Unterlassung einer schlechten Handlung hatte der Gesetzgeber des alten Rom so formuliert: 'Was gegen die Ehrfurcht, die Pietät, die guten Sitten ist, muß so betrachtet werden, als ob es unmöglich wäre.' Der Sinn des Textes ist klar. Die Folgen der Unterlassung von physisch Unmöglichem hat bekanntlich niemand zu verantworten. Es gibt aber auch moralisch Unmögliches; und der Gesetzgeber verlangte, daß dies wie etwas physisch Unmögliches angesehen wird. Jener Polizist, dem befohlen wurde, ein 12jähriges Judenmädchen zu erschießen, das ihn um sein Leben anflehte, hat wirklich geschossen. Sein sadistischer Vorgesetzter hatte ihm eine Alternative vor Augen gestellt: die Erschießung von 12 anderen unschuldigen und wehrlosen Personen. Der Polizist schoß und wurde wahnsinnig. Er tat, was er nicht mußte, weil er es nicht hätte können müssen. Jeder Mensch muß einmal sterben. Den Tod jener 12 Menschen hätte der Polizist sowenig zu verantworten gehabt, als wenn er keine Hände gehabt hätte. Hätte er nicht auch im Besitz von Händen sagen können: 'Ich kann nicht'?. [...]
      Es gibt eine Verantwortung für uns selbst. Was sich aus ihr ergibt, ist u. a. vorgezeichnet durch die natürliche Struktur der menschlichen Person. Diese Verantwortung setzt jeder anderen Verantwortung ihre Grenze. [...]"

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