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Donnerstag, 18. Mai 2017

St. Joseph Tegel: Benedict Option anno 1919

Für die aktuelle Berliner Ausgabe der Bistumszeitung "Tag des Herrn", erschienen am 14. Mai, habe ich einen Artikel über die Geschichte der Kirchengemeinde St. Joseph im Berliner Ortsteil Tegel verfasst, aus Anlass des dortigen Patronatsfests am 1. Mai ("Hl. Josef der Arbeiter"). In der Online-Ausgabe ist er leider nicht enthalten, und da die Redaktion Wert auf Kürze legt, konnte ich die Hintergründe der Entstehung dieser Gemeinde zudem nur relativ knapp skizzieren. Daher möchte ich nun meinen Blog nutzen, um diesem Thema etwas breiteren Raum zu geben - und dabei auch darzulegen, was ich daran so spannend finde. 

In der Kirche St. Joseph, die mitten in einem recht beschaulich-vorstädtisch anmutenden Wohngebiet liegt, war ich vor dem besagten Patronatsfest nur weniger Male gewesen: letztes Jahr an St. Nikolaus, dann am Valentinstag (äh, ich meine: an St. Cyrill und Methodius) sowie - zusammen mit meiner Liebsten - am Gründonnerstag und Karfreitag. Am Gründonnerstag gab es im Anschluss an die Messe von Letzten Abendmahl ein Agape-Mahl im Gemeindehaus, und bei dieser Gelegenheit hörte ich - im Gespräch mit dem Kaplan und einigen alteingesessenen Gemeindemitgliedern, von denen einer mit Stolz betonte, er sei im ersten Jahr des Bestehens der Kirche getauft worden - erstmals etwas über die Geschichte der Gemeinde. Das ganze Wohngebiet, in dem die Kirche steht, sei in den 20er Jahren als rein katholische Arbeitersiedlung entstanden. Den katholischen Charakter der Siedlung könne man auch heute noch an den Straßennamen (Bonifaziusstraße, Kettelerpfad, Liebfrauenweg) erkennen. 

Das Gehörte machte mich neugierig, und als dann das Patronatsfest näher rückte, sagte ich mir, vielleicht gäbe die Geschichte dieser Siedlung ja eine interessante Story ab. Also recherchierte ich ein bisschen. Auf der Website der Pfarrei war allerlei zu den Hintergründen zu erfahren, und sogar bei Wikipedia. Und was ich da erfuhr, war sogar noch spannender, als ich es erwartet hatte. 

Fassade der Kirche St. Joseph Berlin-Tegel, mit einer Skulptur von Josef Thorak.
Die Gründung der Spar- und Siedlungsgenossenschaft St. Joseph am 23.11.1919 - und anderer, ähnlicher katholischer Siedlungsprojekte an anderen Orten - war nämlich eine Reaktion auf antikirchliche politische Maßnahmen in der Frühzeit der Weimarer Republik. Besonders der Umstand, dass im Zuge der Novemberrevolution mit dem sozialistischen Politiker Adolph Hoffmann (1858-1930) ein prominenter Kirchengegner ins preußische Ministerium für Wissenschaft, Kultur und Volksbildung berufen wurde, löste bei gläubigen Katholiken und Protestanten Besorgnis aus: Hoffmann war 1891 mit der gegen den gesellschaftlichen Einfluss der Kirchen gerichteten Kampfschrift "Die zehn Gebote und die besitzende Klasse" bekannt geworden und trug seitdem den Spitznamen Zehn-Gebote-Hoffmann. Zwar schied er schon im Januar 1919 wieder aus dem Ministerium aus, setzte in seiner kurzen Amtszeit aber immerhin die Abschaffung der kirchlichen Schulaufsicht durch und trug mit seiner radikal antiklerikalen Rhetorik erheblich dazu bei, dass kirchennahe - besonders katholische - Teile der Bevölkerung ein tiefes Misstrauen gegenüber der jungen Republik entwickelten. 

Aus diesem Grund entwickelte der 1890 gegründete Volksverein für das katholische Deutschland das Projekt katholischer Siedlungsgemeinschaften: Um inmitten eines ihnen feindlich gesonnenen gesellschaftlichen Klimas ihren Glauben unbehelligt leben und an ihre Kinder weitergeben zu können, sollten Katholiken ihre eigenen Wohnsiedlungen gründen und dort konfessionelle Einrichtungen wie Schulen, Krankenhäuser, Kinder- und Altenheime schaffen und unterhalten – und natürlich auch Kirchen. 

An dieser Stelle stutzte ich schon mal ganz erheblich, denn im Kern ist das ja exakt das, was Rod Dreher in seinem aktuellen Bestseller "The Benedict Option" als Rezept für das Überleben des christlichen Glaubens in einer zunehmend glaubensfeindlichen Umgebung empfiehlt. Spannend, dachte ich, vor knapp hundert Jahren waren wir also schon mal soweit

Aber bevor ich diesen Gedanken weiter vertiefe, schauen wir uns erst mal an, wie es mit der Siedlungsgenossenschaft St. Joseph weiterging. Die Gründung dieser Genossenschaft, deren Ziel die Errichtung einer katholischen Arbeitersiedlung in Tegel war, wurde wesentlich durch den umtriebigen Arbeiter- und Großstadtseelsorger Carl Sonnenschein (1876-1929) angeschoben, über den Kurt Tucholsky schrieb, er sei "für die ganz Feinen eine etwas suspekte Erscheinung, ein Zigeuner der Wohltätigkeit" gewesen. Zum Konzept der St.-Josephs-Siedlung, die ab 1922 ganz in der Nähe der bereits 1895 gegründeten, sozialdemokratisch orientierten Genossenschaftssiedlung Freie Scholle entstand, gehörte es nicht nur, eine homogen katholische Nachbarschaft zu schaffen; angestrebt wurde daneben auch, für gesündere und familienfreundlichere Wohnverhältnisse zu sorgen, als die großstädtischen Mietskasernen sie boten. Der Zuschnitt der Grundstücke sollte den Familien einen landwirtschaftlichen Nebenerwerb (und damit auch eine gewisse Absicherung gegen Arbeitslosigkeit) ermöglichen. 

1927 erwarb der Gesamtverband der katholischen Kirchengemeinden Groß-Berlin von der Siedlergemeinschaft ein Grundstück zum Bau einer Kirche; da sich der geplante Bau jedoch im Zuge der Weltwirtschaftskrise verzögerte, wurde 1931 zunächst eine Notkapelle in einer ehemaligen Tischlerwerkstatt eingerichtet. 1932 erfolgte dann der erste Spatenstich zum Bau der Kirche St. Joseph, die am 19.02.1933 geweiht wurde. 


Ab 1928/29 war übrigens, ebenfalls auf Initiative Carl Sonnenscheins, im Süden Berlins, im Stadtteil Marienfelde, eine weitere katholische Wohnsiedlung namens "Mariengarten" entstanden, in deren Nähe 1931/32 das Redemptoristenkloster St. Alfons gegründet wurde. Bereits seit 1905 gab es in Marienfelde ein Kloster der Schwestern vom Guten Hirten. Auch in der St.-Josephs-Siedlung in Tegel hatte es um 1923 Bestrebungen zur Zusammenarbeit mit einer Ordensgemeinschaft - hier den Salesianern - gegeben, um die religiöse Betreuung der Siedler sicherzustellen; diese Pläne konnten damals jedoch nicht verwirklicht werden.


Fassen wir bis hierher mal zusammen: Unter dem Eindruck eines der Kirche und dem Glauben zunehmend feindlich gegenüberstehenden gesellschaftlichen und politischen Klimas setzte die katholische Siedlungsbewegung auf den Zusammenschluss von Gläubigen zu lokalen Gemeinschaften mit in Eigeninitiative geschaffener Infrastruktur, mit Elementen von auf Selbstversorgung ausgerichteter Landwirtschaft sowie, soweit möglich, in engem Kontakt zu Ordensgemeinschaften bzw. Klöstern. Ich würd mal sagen: wenn das nicht nach "Benedict Option" avant la lettre klingt, dann weiß ich auch nicht! 


Nun wäre natürlich zu fragen, was man aus der Geschichte dieser Siedlungsprojekte für die Gegenwart und Zukunft lernen kann. Um diese Frage sinnvoll beantworten zu können, fehlen mir freilich einerseits historische Detailinformationen über die damaligen Siedlungen und andererseits wohl auch gegenwartsbezogene Sach- und Fachkenntnisse. Aber ein paar Gedankensplitter will ich trotzdem mal festhalten. Vielleicht kann ja der Eine oder Andere etwas damit anfangen. 


  • In St. Joseph wurde mir erzählt, dass die Siedlung schon nach einer Generation keine rein katholische Wohngegend mehr war. Über die Gründe hierfür ließe sich sicher Mancherlei sagen. Ich würde spekulieren, dass sich da einerseits die dramatischen Umwälzungen in der Bevölkerungsstruktur ausgewirkt haben, die zuerst durch den Krieg und dann durch Flucht und Vertreibung verursacht wurden; vielleicht noch mehr aber ein "kirchenpolitischer" Paradigmenwechsel in der Nachkriegszeit, weg von konfessioneller Abgrenzung und hin zur Ökumene. Als noch wesentlicher würde ich aber annehmen, dass die Notwendigkeit der Gründung oder Erhaltung von "Kolonien" für die Gläubigen in der Nachkriegszeit nicht mehr (oder nicht mehr so sehr) gesehen wurde - was wiederum einerseits damit zu tun gehabt haben mag, dass die Kirche(n) - jedenfalls im Westen - wieder mehr in die "Mitte der Gesellschaft" rückte(n), andererseits aber auch mit einem allgemeinen Rückgang der religiösen Bindung in der Bevölkerung. Man könnte nun weidlich darüber spekulieren, ob und wie diese beiden Aspekte womöglich miteinander zusammenhängen, aber das wurde an dieser Stelle zu weit führen. -- Heute strahlt die katholische Gemeinde von St. Joseph (bis 2004 eine eigenständige Pfarrei, dann zusammengelegt mit Herz Jesu Alt-Tegel und St. Marien Heiligensee) immer noch ein spezifisches Identitäts- und Zusammengehörigkeitsgefühl aus - das war jedenfalls mein Eindruck -, aber als "Hotspot" einer katholischen "Gegenkultur" würde ich sie nun nicht unbedingt bezeichnen. 
  • Die Schaffung zusammenhängender Wohngebiete für eine bestimmte Klientel dürfte unter den heutigen Bedingungen des Wohnungsmarktes zumindest im urbanen Raum kaum mehr möglich sein (oder wenn doch, dann nur mit sehr, SEHR viel Geld); im dünn besiedelten ländlichen Raum wäre dies naturgemäß erheblich einfacher, aber das wäre dann ein wesentlich anderes Konzept. 
  • Trotzdem auch dazu noch ein Hinweis: Ganz interessant ist in diesem Zusammenhang das, wie mir scheint, wenig bekannte Faktum, dass das Niedersächsische Schulgesetz die Konfessionsschule als Regelschule vorsieht. Also, theoretisch. Praktisch heißt das: Wenn über 50% der Eltern an einem Schulstandort wollen, dass eine Konfessionsschule eingerichtet wird, dann muss das gemacht werden. Das hat doch Potential, oder? 
  • Zurück zum urbanen Raum: Nicht nur angesichts der oben angesprochenen Situation auf dem Wohnungsmarkt, sondern auch angesichts des Umstands, dass einem die Leute, die Interesse an "gegenkulturellen" christlichen Graswurzelprojekten haben, wohl nicht gerade die Tür einrennen, muss man hier vielleicht grundsätzlich in kleineren Einheiten denken, also etwa auf der Basis einzelner Häuser statt ganzer Wohnsiedlungen. 
  • Hier greift nun natürlich wieder mein gar-nicht-mal-so-heimlicher Denkansatz "von der linken Szene lernen heißt siegen lernen" - und der hat ja offenbar Tradition: Vor der St.-Josephs-Siedlung, ich erwähnte es bereits, gab es ganz in der Nähe schon die Freie Scholle. Denkt man heute an "christliche Wohnprojekte im urbanen Raum", kann es sicher nicht schaden, sich mal anzusehen, was beispielsweise die "Recht auf Stadt"-Bewegung so zu sagen hat. 
  • Nicht vergessen sollte man auch, dass Kirchengemeinden oft über beträchtlichen Immobilienbesitz verfügen. Wo sie als Vermieter von Wohnungen fungieren, da dient dies zwar nicht selten der Querfinanzierung anderer Tätigkeitsbereiche der Pfarrei, weshalb Kirchengemeinden als Vermieter nicht unbedingt weniger gewinnorientiert agieren als andere Vermieter auch; andererseits kann man davon ausgehen, dass es eine ganze Reihe kirchlicher "Funktionsimmobilien" (Pfarrhäuser, Pfarrbüros, Gemeindezentren etc.) gibt, die im Zuge der Bildung von Großpfarreien bzw. "Pastoralen Räumen" ihre bisherige Funktion verlieren werden oder schon verloren haben. Ich mein ja nur. 
  • Nicht zuletzt greift das Prinzip "von der linken Szene lernen" auch im Bereich der Lebensmittel-(Teil-)Selbstversorgung im urbanen Raum. Ich werfe da einfach mal die Stichworte Foodsharing/Foodsaving und Urban Gardening in den Raum. Gerade für Letzteres ist übrigens auch wieder der erhebliche Grundstücksbesitz der Kirche ziemlich interessant.
So, jetzt habe ich ziemlich viel aus meiner unaufgeräumten Gedankenschublade geplaudert. Toll, wozu der Besuch beim Patronatsfest einer kleinen Kirchengemeinde einen anregen kann. Ich lade meine Leser gern ein, die hier aufgeworfenen Ideenfragmente selbständig weiterzudenken. Ich selbst tue das auch. 



Kommentare:

  1. Was den "Rückgang der religiösen Bindung" angeht: Gab es nicht in der Nachkriegszeit erstmal (bis dann etwa zu den 60ern) noch einen deutlichen ANSTIEG der religiösen Bindung?

    - Crescentia

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    1. Für die unmittelbare Nachkriegszeit stimmt das wohl - zumindest was die äußeren Fakten (Gottesdienstbesuch etc.) angeht. Allerdings muss es unter der Oberfläche wohl auch gegenläufige Tendenzen gegeben haben - sonst wäre der massive Einbruch an den 60er Jahren nicht zu erklären. Oder allenfalls durch das Tradi-Narrativ zu erklären, "das Konzil" habe eine bis dahin blühende und kerngesunde Kirche "top-down" ruiniert. Und das bezweifle ich doch sehr...

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    2. Das stimmt natürlich auch wieder. Aber vielleicht kamen diese (gesamtgesellschaftlichen, nicht top-down orchestrierten) Tendenzen eben auch erst in den 60ern, also einfach *zufälligerweise zeitgleich* zum Konzil, so richtig zum Tragen? Da braucht man kein Tradi-Narrativ; dass etwas gleichzeitig passiert, ergibt ja noch nicht automatisch einen direkten Zusammenhang.

      - Crescentia.

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