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Dienstag, 23. Mai 2017

Was ist dran an der "Benedict Option"? (Teil 2)

So, Freunde! Nachdem ich vor einer Woche damit begonnen habe, Rod Drehers in den USA vieldiskutiertes, hierzulande aber noch weitgehend unbekanntes Buch "The Benedict Option" vorzustellen, und mich dabei zunächst auf das Vorwort beschränkt habe, wird es wohl langsam mal Zeit, dass ich mich dem ersten Kapitel zuwende. Zuvor aber noch eine Anmerkung zum Thema "hierzulande noch weitgehend unbekannt": Wie ich über Twitter erfahren habe, kommt im Herbst eine französische Ausgabe des Buches heraus. Für eine deutsche Ausgabe hat sich hingegen noch kein Verleger gefunden. Das müsste sich doch ändern lassen!

Nun aber zum ersten Kapitel. Dieses trägt die Überschrift "Die Große Flut", und der erste Satz lautet: "Niemand sah die Große Flut kommen." Bibelkundige Leser werden da vermutlich sogleich an die Sintflut denken und die Überschrift mithin als metaphorisch verstehen; so ist es erst einmal eine Überraschung, dass Mr. Dreher zunächst auf eine ganz buchstäbliche Flut zu sprechen kommt, die er selbst miterlebt hat - eine Überschwemmungskatastrophe im US-Bundesstaat Louisiana im August 2016
"Ich verbrachte den Sonntag der Flut in einer improvisierten Notunterkunft in Baton Rouge. Mein Sohn Lucas und ich halfen dabei, die Geretteten aus Hubschraubern der Nationalgarde auszuladen, und gemeinsam mit Scharen anderer Freiwilliger versorgten wir Tausende von Flüchtlingen, die aus der weiteren Umgebung hereinströmten, mit Nahrung und anderen Hilfsgütern. [...]
Während wir den hungrigen und verstörten Evakuierten Jambalaya servierten, hörte wir wieder und wieder dieselbe Geschichte. Wir haben alles verloren. Wir hätten so etwas niemals erwartet. Da, wo wir herkommen, gab es noch nie Überschwemmungen. Wir waren nicht vorbereitet." 
Aber keine Bange: Auf die metaphorische Bedeutung dieser Flutgeschichte kommt der Autor gleich darauf zu sprechen, und da sind Sintflut-Assoziationen durchaus angemessen und sicher auch gewollt. 
"Uns Christen im Westen droht unsere eigene Jahrtausendflut - oder, wenn man dem emeritierten Papst Benedikt XVI. Glauben schenken mag, eine Eineinhalb-Jahrtausende-Flut: Im Jahr 2012 sagte der damalige Pontifex, die spirituelle Krise, die den Westen ergreift, sei die gravierendste seit dem Untergang des Römischen Reiches gegen Ende des 5. Jahrhunderts. Das Licht des Christentums ist überall im Westen am Verlöschen. Menschen, die heute leben, werden vielleicht noch in ihrer Lebenszeit Zeugen des effektiven Todes des Christentums innerhalb unserer Zivilisation werden. Mit Gottes Gnade mag der Glaube auf der Südhalbkugel und in China weiterhin florieren, aber ohne eine dramatische Umkehrung gegenwärtiger Trends wird der Glaube in Europa und Nordamerika so gut wie verschwinden. Das ist vielleicht nicht das Ende der Welt, aber es ist das Ende einer Welt - und man müsste willentlich blind sein, um das zu bestreiten. Lange Zeit haben wir die Anzeichen heruntergespielt oder ignoriert. Jetzt ist die Flut da - und wir sind nicht bereit." 
Hans Baldung, genannt Grien: Die Sintflut (1516) 
Nicht wenige Leser haben Rod Dreher bezüglich seiner Einschätzung, das Christentum in der westlichen Welt sei akut vom Untergang bedroht, Alarmismus und Weltuntergangsrhetorik vorgeworfen. Nun gut, diese Leser kommen im 1. Kapitel voll auf ihre Kosten. Ich denke allerdings, es ist tatsächlich schwer, die Krisensymptome, die er nennt, zu leugnen. Der Autor selbst zeigt sich überzeugt, dass die Leugner - die es bis in hohe Ränge der kirchlichen Hierarchie hinein gibt, und gerade da - ein wesentlicher Teil des Problems sind: 
"Unsere religiösen Führungspersönlichkeiten haben uns versichert, es würde genügen, die Dämme von Gesetz und Politik zu verstärken, um die Flut des Säkularismus abzuwehren. Die allgemeine Auffassung war: Es gibt nichts, was man nicht dadurch in den Griff bekommen könnte, dass man das tut, was Christen schon seit Jahrzehnten getan haben - zum Beispiel, vor allem, die Republikaner zu wählen." 
Auf Deutschland übertragen, müsste man wohl sagen, dass hochrangige Kirchenvertreter es als ein wesentliches Heilmittel betrachten, nicht die AfD zu wählen. Überhaupt steht das kirchliche Establishment hierzulande im Großen und Ganzen wohl politisch wesentlich weiter "links" als in den USA; das kann man gut oder schlecht finden, festzuhalten ist jedenfalls, dass viele Repräsentanten der Kirche(n) hier wie dort eine gewisse Neigung zur Überbewertung von Politik, und zwar auch ganz konkret von Parteipolitik, an den Tag legen.

Gerade europäische Leser äußern sich nicht selten überrascht bis verständnislos, dass Dreher das gesellschaftliche Klima in den USA als "postchristlich" und tendenziell sogar antichristlich wahrnimmt, und wenden ein, gerade in den USA sei der christliche Glaube in der Gesellschaft doch noch weit präsenter und einflussreicher als in Europa. Nun trifft es sicherlich zu, dass eine aggressive Säkularisierung der Gesellschaft in Europa schon erheblich früher eingesetzt hat; aber die USA holen kräftig auf, und vielleicht nehmen die dortigen konservativen Christen den Säkularisierungsdruck gerade deshalb umso schmerzhafter wahr, weil er dort - zumindest scheinbar - so abrupt eingesetzt hat. In Europa ist man dergleichen einfach schon länger gewöhnt. - Dreher führt einige politische und juristische Entscheidungen aus jüngster Zeit auf, in denen er ein massives Zurückdrängen der Religionsfreiheit sieht; als einen Höhepunkt dieser Entwicklung betrachtet er die Entscheidung des Obersten Gerichtshofs im Fall Obergefell v. Hodges, mit der ein verfassungsmäßiges Recht gleichgeschlechtlicher Paare auf Eheschließung proklamiert wurde. In der Folge dieses Gerichtsentscheids, so Dreher, 
"werden christliche Überzeugungen über die Komplementarität der Geschlechter in der Ehe als verabscheuungswürdige Vorurteile angesehen - und in einer wachsenden Zahl von Fällen als strafbar. Der öffentliche Raum ist verloren." 
Auf diese Feststellung folgt harsche Kritik am Zustand der Kirchen:
"Und nicht nur den öffentlichen Raum haben wir verloren, sondern auch das vermeintliche Hochplateau unserer Kirchen ist kein sicherer Boden mehr. Man könnte ja denken: Na, was macht das schon, wenn die Leute um uns herum unsere Moralvorstellungen nicht teilen? Wir können unseren Glauben und unsere Lehren immer noch innerhalb unserer Kirchenwände bewahren. Aber diese Annahme setzt ein ungerechtfertigtes Vertrauen in die Gesundheit unserer religiösen Institutionen. Die Veränderungen, die den Westen in der modernen Zeit ergriffen haben, haben absolut alles revolutioniert - sogar die Kirche, die nicht mehr Seelen formt, sondern Egos verpflegt." 
Man mag diese Einschätzung überzogen und allzu verallgemeinernd finden, aber ich würde sagen, die Tendenzen sind unübersehbar da - auch und gerade in Deutschland. da muss man sich nur mal, beispielsweise, die Facebook-Seite des Bistums Münster oder das Veranstaltungsprogramm des Referats Frauenseelsorge im Erzbistum Berlin ansehen. Gleichzeitig ist zu beobachten, dass die Kirchen mit all ihrer Anbiederung an den gesellschaftlich-kulturellen Mainstream ihren allgemeinen Bedeutungsverfall offenbar nicht aufzuhalten vermag: 
"Lasst euch nicht täuschen von der großen Zahl von Kirchen, die es heute gibt. Eine noch nie dagewesene Zahl junger Erwachsener in Amerika bekennt sich dazu, keinerlei religiöse Bindung zu haben. Dem Pew Research Center zufolge hat sich ein Drittel der 18- bis 29jährigen von der Religion abgewandt - sofern sie überhaupt jemals religiös gewesen sind. Wenn die demographischen Trends sich fortsetzen, werden unsere Kirchen bald leer sein." 
Das ist hierzulande nicht gar so sehr anders, oder? 
"Und was noch beunruhigender ist: Viele Kirchen, die weiterhin offen bleiben, werden von einer heimtückischen Art von Säkularismus ausgehöhlt, mit dem Ergebnis, dass das dort gelebte 'Christentum' seine Kraft und Lebendigkeit verliert. In den meisten Kirchen hat dieser Prozess bereits eingesetzt." 
Und hier wird es nun interessant: Dreher äußert sich ausführlich zu den Ergebnissen einer Studie der Soziologen Christian Smith und Melinda Lundquist Denton aus dem Jahr 2005, in der "das religiöse und spirituelle Leben amerikanischer Teenager unterschiedlichster Herkunft" untersucht wurde. Das zentrale Ergebnis dieser Studie war,
"dass die meisten Teenager einer schwammigen Pseudoreligion anhängen, für die die Forscher die Bezeichnung 'Moralistisch-Therapeutischer Deismus' (MTD) prägten."  
Der Begriff "Moralistisch-Therapeutischer Deismus" war mir schon früher einmal begegnet, in Gestalt eines ungewöhnlich textlastigen Werks des evangelikalen Cartoonzeichners Adam Ford. Ford bezeichnet darin den "Moralistisch-Therapeutischen Deismus" als "missratenen Stiefcousin des Christentums". Sowohl Ford als auch Dreher zitieren die "fünf grundlegenden Glaubenssätze" des MTD nach Smith und Denton wie folgt: 
  • Ein Gott existiert, der die Welt erschaffen hat und in Ordnung hält und über das Leben der Menschen auf der Erde wacht. 
  • Gott will, dass die Menschen gut, freundlich und fair miteinander umgehen, wie es die Bibel und die meisten Weltreligionen lehren. 
  • Das wesentliche Ziel des Lebens ist es, glücklich und mit sich selbst im Reinen zu sein. 
  • Es ist nicht nötig, Gott einen besonders bedeutenden Platz im eigenen Leben einzuräumen, außer man braucht Ihn, um ein Problem zu lösen. 
  • Gute Menschen kommen in den Himmel, wenn sie sterben. 
Haben wir sowas schon mal gesehen oder gehört? - Dreher führt weiter aus:
"Dieses Glaubensbekenntnis ist, wie die Forscher feststellten, besonders unter katholischen und klassisch-protestantischen Jugendlichen verbreitet. Evangelikale Jugendliche schnitten signifikant besser ab, aber auch diese erwiesen sich als weit entfernt von historischer, biblisch fundierter Rechtgläubigkeit. Smith und Denton stellten die These auf, dass MTD die bestehenden christlichen Kirchen unterwandert, das biblisch fundierte Christentum von innen her zerstört und es durch ein Pseudo-Christentum ersetzt, das 'nur dürftig mit der eigentlichen historischen Tradition des Christentums zusammenhängt'." 
Und da wird mir dann doch Einiges klar. Auch und gerade in Hinblick auf die erwähnte Facebook-Seite des Bistums Münster. Die Leute, die diese Seite verantworten, glauben wirklich, ihre Beiträge wären christlich. Sie verstehen einfach den Unterschied zwischen Christentum und MTD nicht. - Rod Dreher räumt ein: 
"MTD ist nicht ganz und gar falsch. Immerhin existiert Gott tatsächlich, und Er will wirklich, dass wir gut sind. Das Problem mit MTD, in seiner progressiven wie auch in seiner konservativen Variante, ist, dass es darin hauptsächlich darum geht, das eigene Selbstwertgefühl und das subjektive Glücksgefühl zu steigern und gut mit anderen auszukommen. Es hat wenig mit dem Christentum der Schrift und der Tradition zu tun, das Buße, aufopferungsvolle Liebe und Reinheit des Herzens lehrt und Leiden - den Weg des Kreuzes - als Weg zu Gott empfiehlt. Obwohl oberflächlich christlich, ist MTD die natürliche Religion einer Kultur, die das Ego und materielles Wohlergehen anbetet." 
Aber es kommt noch ärger: 
"So trostlos Christian Smiths Forschungsergebnisse von 2005 auch waren: Seine nachfolgenden Studien, deren dritte Folge 2011 veröffentlicht wurde, ergaben ein noch düstereres Bild. Bei der Untersuchung der moralischen Anschauungen von 18- bis 23jährigen stellten Smith und seine Mitarbeiter fest, dass nur 40 Prozent der befragten jungen Christen angaben, ihre persönlichen Moralvorstellungen gründeten auf der Bibel oder irgendeiner anderen Form religiösen Bewusstseins. Selbst von diesen Gläubigen ist kaum anzunehmen, dass ihr Glaube biblisch kohärent ist. Viele dieser 'Christen' sind in Wirklichkeit entschiedene moralische Individualisten, die eine kohärente biblisch begründete Moral nicht einmal kennen, geschweige denn praktizieren." 
Und was hat das nun für konkrete, praktische Auswirkungen? 
"Erstaunliche 61 Prozent der kommenden Generation von Erwachsenen hatte keinerlei moralische Vorbehalte gegenüber Materialismus und Konsumismus. Weitere 30 Prozent äußerten gewisse Bedenken, kamen letztlich aber zu dem Schluss, es lohne sich nicht, sich darüber besondere Sorgen zu machen. In dieser Sichtweise, so stellten Smith und Denton fest, erscheint die menschliche Gesellschaft lediglich als 'eine Ansammlung autonomer Individuen, die darauf aus sind, das Leben zu genießen'." 
Klingt irgendwie nach den Piraten. Okay, die sind als Partei ja nun wohl endgültig passé, aber damit verschwindet diese Geisteshaltung ja nicht. - Wichtig ist dabei allerdings die Feststellung: 
"Dies sind keine schlechten Leute. Vielmehr sind es junge Erwachsene, die von ihrer Familie, ihrer Kirche und anderen Institutionen, die ihr Gewissen und ihre Vorstellungskraft gebildet oder vielmehr gerade nicht gebildet haben, furchtbar im Stich gelassen wurden." 
Rod Dreher resümiert: 
"MTD ist die faktische Religion nicht nur der amerikanischen Teenager, sondern auch der amerikanischen Erwachsenen. Zu einem signifikanten Grad haben die Teenager lediglich die religiösen Haltungen ihrer Eltern übernommen. Wir sind schon seit einiger Zeit eine MTD-Nation." 
Auch hier würde ich wieder sagen: Das ist bei uns nicht so sehr viel anders. Und somit gilt nicht nur für die USA, sondern ebenso auch für uns: 
"Jede einzelne Kirchengemeinde [...] muss sich fragen, ob sie so große Kompromisse mit der Welt eingegangen ist, dass sie damit ihre Glaubenstreue kompromittiert hat." 
Es folgt eine meiner Lieblingsstellen des Kapitels - provokant, aber einfach hübsch formuliert:
"Niemand außer den verblendetsten 'Religiösen Rechten' alter Schule glaubt noch daran, dass diese kulturelle Revolution wieder zurückgedrängt werden könnte. Die Welle kann nicht aufgehalten werden, man kann sie nur reiten. Mit wenigen Ausnahmen sind christlich-konservative politische Aktivisten so ineffektiv wie exilierte russische Aristokraten, die in ihren Pariser Salons sitzen, Tee aus Samowaren trinken und Pläne zur Restauration der Monarchie schmieden. Man wünscht ihnen alles Gute, aber tief im Innern weiß man, dass diese Leute nicht die Zukunft sind." 
Und damit nähert der Autor sich so allmählich einer Antwort auf die Frage: Wenn politischer Lobbyismus kein geeignetes Mittel ist, die Dechristianisierung der westlichen Gesellschaften aufzuhalten - was denn dann? 
"Könnte es sein, dass der beste Weg, die Flut zu bekämpfen, darin besteht... die Flut nicht zu bekämpfen? Aufzuhören, Sandsäcke aufzutürmen, und stattdessen eine Arche zu bauen, die Schutz bietet, bis das Wasser zurückweicht und wir unsere Füße wieder auf trockenes Land setzen können? Statt unsere Energie und Ressourcen in politischen Kämpfen zu verschwenden, die wir nicht gewinnen können, sollten wir daran arbeiten, Gemeinschaften, Institutionen und Netzwerke des Widerstands aufzubauen, die die feindliche Übermacht überlisten, überdauern und schließlich überwinden können.
Habt keine Furcht! Wir sind schon einmal in einer solchen Situation gewesen. In den ersten Jahrhunderten des Christentums überlebte und wuchs die frühe Kirche unter römischer Verfolgung, und ebenso nach dem Zusammenbruch des Imperiums im Westen. Wir Christen einer späteren Zeit müssen von ihrem Beispiel lernen - und ganz besonders vom Beispiel des Heiligen Benedikt." 
Und so kommt Dreher also auf den Namenspatron seiner "Option" zu sprechen, und darauf, was er an ihm als vorbildlich betrachtet. 
"Als er Rom verließ, um sich in die Wildnis zurückzuziehen, ahnte Benedikt nicht, dass seine Gründung von Schulen für den Dienst des Herrn im Laufe der Zeit so dramatische Auswirkungen auf die westliche Zivilisation haben würde. [...] Innerhalb des Rahmens der Kirche bot das Mönchtum der bäuerlichen Bevölkerung eine dringend benötigte Hilfe und Hoffnung, und dank Benedikt veranlasste eine erneuerte Konzentration auf das geistliche Leben viele Männer und Frauen dazu, die Welt zu verlassen und sich innerhalb der Mauern eines Klosters und unter der Ordensregel ganz Gott zu widmen. Diese Klöster erhielten in ihren Mauern Glauben und Gelehrsamkeit am Leben, evangelisierten barbarische Völker, lehrten sie, Feldfrüchte anzubauen und Gebäude zu errichten. Im Laufe der folgenden Jahrhunderte bereiteten sie die verwüsteten Gesellschaften des nachrömischen Europa auf eine Wiedergeburt der Zivilisation vor.
All das wuchs aus dem Senfkorn des Glaubens, das ein gläubiger junger Italiener gepflanzt hatte, der nichts anderes wollte, als in einer gläubigen Gemeinschaft, die errichtet worden war, dem Chaos und Verfall zu widerstehen, die sie umgaben, Gott zu suchen und Ihm zu dienen. Benedikts Beispiel gibt uns heute Hoffnung, denn es zeigt, was eine kleine Truppe von Gläubigen ausrichten kann, wenn sie kreativ auf die Herausforderungen ihrer Zeit und ihrer Umgebung antwortet, indem sie die Gnade, die sie in Folge ihrer radikalen Offenheit für Gott durchströmt, weitergeben und diese Gnade in einer spezifischen Lebensweise zum Ausdruck bringen." 
Wie Dreher bereits im Vorwort zu erkennen gegeben hat, ist er auf den Vergleich zwischen dem gegenwärtigen Zustand der Kultur und dem Untergang des Römischen Reiches sowie auf das Vorbild Benedikt nicht von allein gekommen, sondern mit Hilfe des Buches Der Verlust der Tugend des Philosophen Alasdair MacIntyre. Darin stellt dieser die These auf,
"dass der Westen die Vernunft und das traditionelle Verständnis von Tugend zugunsten eines Relativismus aufgegeben habe, der unsere Welt heute überflutet. Wir werden weder vom Glauben noch von der Vernunft oder irgendeiner Kombination dieser beiden beherrscht, sondern von etwas, das MacIntyre Emotivismus nennt: die Vorstellung, alle moralischen Entscheidungen seien nichts anderes als der Ausdruck eines individuellen Gefühls dafür, was richtig sei." 
Dieser Emotivismus ist gewissermaßen das "weltliche" Pendant zur "Pseudoreligion" MTD - man könnte auch sagen: die kulturelle Voraussetzung für diese. 

Eine Gesellschaft, die nicht von Vernunft und/oder Tugend, sondern von Emotivismus geleitet wird, erfordert laut MacIntyre, dass man

  • objektive moralische Standards aufgibt; 
  • sich weigert, irgendwelche religiös oder kulturell verankerten Narrative zu akzeptieren, die man nicht selbst hervorgebracht oder zumindest selbst gewählt hat; 
  • Erinnerungen an die Vergangenheit als irrelevant zurückweist; und 
  • sich von der Gemeinschaft wie auch von nicht selbst gewählten sozialen Verpflichtungen abkoppelt. 
Rod Dreher führt aus:
"Eine solche Geisteshaltung kommt dem Zustand nahe, den man Barbarismus nennt. Wenn wir an Barbaren denken, stellen wir uns wilde, räuberische Horden vor, die durch die Städte toben und ohne Sinn und Verstand die Strukturen und Institutionen der Zivilisation zerstören, einfach weil sie es können. Barbaren werden einzig von ihrem Willen zur Macht beherrscht, und von dem, was sie vernichten, haben sie weder eine Ahnung, noch kümmern sie sich darum.
So verstanden, leben wir in der modernen westlichen Welt, trotz all unseres Wohlstands und unserer hohen technologischen Entwicklung, im Zustand des Barbarismus - auch wenn wir das nicht erkennen. Unsere Wissenschaftler, unsere Richter, unsere Fürsten, unsere Gelehrten und Schriftsteller arbeiten daran, den Glauben, die Familie, die Geschlechterordnung, ja sogar die Definition, was es heißt, Mensch zu sein, niederzureißen. Die Barbaren unserer Zeit haben die Tierfelle und Speere der Vergangenheit gegen Designeranzüge und Smartphones eingetauscht." 
Klingt das alarmistisch? Übertrieben kulturpessimistisch? Ich würde sagen, für mich hört es sich ziemlich realistisch an. Vielleicht liegt das daran, dass ich in Berlin lebe. -- Wie aber lauten nun die praktischen Konsequenzen aus dieser Zustandsbeschreibung?
"Christen, die von den reißenden Fluten des Moderne bedrängt werden, warten auf jemanden wie Benedikt - jemanden, der Archen baut, die sie und den lebendigen Glauben durch das Meer der Krise tragen können - durch ein Dunkles Zeitalter, das Jahrhunderte andauern könnte." 
Wie solche "Archen" konkret aussehen können, darum soll es also im weiteren Verlauf des Buches gehen:
"In diesem Buch stelle ich Männer und Frauen vor, die die Benedikts von heute sind. Manche leben auf dem Land, andere in der Großstadt, wiederum andere in den Vorstädten. Sie alle sind gläubige orthodoxe Christen - und mit 'orthodox' meine ich hier: theologisch konservativ innerhalb eines der drei Hauptzweige des historischen Christentums -, und sie wissen: Wenn die Gläubigen nicht aus Babylon ausziehen und sich absondern - zum Teil metaphorisch, zum Teil aber auch wortwörtlich -, dann wird ihr Glaube in dieser Kultur des Todes nicht für eine oder zwei weitere Generationen überleben. Sie erkennen eine unpopuläre Wahrheit: Politik wird uns nicht retten. Statt zu versuchen, die gegenwärtige Ordnung zu stützen, haben sie erkannt, dass das Reich, dessen Bürger sie sind, nicht von dieser Welt ist, und haben beschlossen, dieses Bürgerrecht nicht kompromittieren zu wollen." 
Und weiter:
"Das, was diese strenggläubigen Christen derzeit tun, sind die Samenkörner dessen, was ich die Benedikt-Option nenne: eine Strategie, die sich auf die Autorität der Schrift und die Weisheit der Alten Kirche beruft, um [...] eine lebendige Gegenkultur zu bilden. Da sie die Gifte des modernen Säkularismus wie auch die durch den Relativismus verursachte Fragmentierung [der Gesellschaft] erkennen, suchen 'Benedict Option'-Christen in der Heiligen Schrift und in Benedikts Ordensregel nach Wegen, [geistliche] Praktiken und Gemeinschaften zu kultivieren. Statt in Panik zu geraten oder in Selbstgefälligkeit zu verharren, erkennen sie, dass die neue Ordnung der Dinge nicht ein Problem ist, das es zu lösen gilt, sondern vielmehr eine Realität, mit der man leben muss. Diese werden es sein, die lernen, mit Glauben und Kreativität auszuharren, ihr eigenes Gebetsleben zu vertiefen und [geistliche] Praktiken aufzugreifen, sich auf Familien und Gemeinschaften zu konzentrieren statt auf Parteipolitik, und Kirchen, Schulen und andere Institutionen aufzubauen, in denen der orthodoxe christliche Glaube inmitten der Flut überleben und gedeihen kann." 
Kurz und schlicht gesagt, der Grundgedanke besteht darin, eine geistliche Erneuerung des Christentums in der westlichen Welt dadurch anzustreben, dass man zunächst einmal das eigene Glaubensleben vertieft. Und zwar in Gemeinschaft. Der Vorwurf einer "Ghetto"- bzw. "Wagenburgmentalität", die dem Auftrag der Kirche, in die Gesellschaft hinein zu wirken, widerspreche, mag hier nahe liegen; aber wie ich schon an anderer Stelle erwähnte, hat der Autor hierauf eine deutliche Antwort:
"Es geht nicht nur um unser eigenes Überleben. Wenn wir für die Welt das sein wollen, von dem Christus will, dass wir es seien, dann werden wir mehr Zeit abseits von der Welt verbringen müssen, in tiefem Gebet und umfangreichem spirituellem 'Training' - ebenso wie Jesus sich zum Gebet in die Wüste zurückzog, ehe Er die Menschen lehrte. Wir können der Welt nicht geben, was wir selbst nicht haben. Wären die alten Hebräer von der Kultur Babylons assimiliert worden, hätten sie aufgehört, ein Licht für die Welt zu sein. Und genauso ist es mit der Kirche." 
Und schließlich:
"Die Realität unserer Situation ist in der Tat alarmierend, aber wir können es uns nicht leisten, in eine Untergangshysterie zu verfallen. Es steckt ein verborgener Segen in dieser Krise, wenn wir ihn nur wahrnehmen wollten. So wie Gott im Alten Testament Züchtigungen benutzte, um Sein Volk zu rufen, zu Ihm zurückzukehren, so sendet Er womöglich einer Kirche und einem Volk, die durch Egoismus, Hedonismus und Materialismus erkaltet sind, ein ähnliches Gericht. Der kommende Sturm könnte das Mittel sein, mit dem Gott uns rettet." 
Zum Abschluss des Kapitels kommt Dreher nochmals auf die eingangs angesprochene Überschwemmung vom August 2016 zurück:
"Wenn man im Süden Louisianas aufgewachsen ist, hat man die Erfahrung gemacht: Immer wenn ein Hurrikan herannahte, holte jemand den schmiedeeisernen Kessel heraus, kochte einen großen Topf Gumbo und lud, nachdem er die Schotten dicht gemacht hatte, die Nachbarn zum Essen ein. Man erzählte sich Geschichten, feierte fröhlich, und dann zog man gemeinsam hinaus in den Sturm. Diese Einstellung prägte auch die Reaktion auf die Große Flut von 2016. Noch während das Wasser anstieg, eilten in ganz Süd-Louisiana kleine Trupps hinaus, um die Eingeschlossenen zu retten, den Obdachlosen Unterkunft und den Hungrigen zu Essen (meist Berge von Jambalaya) zu geben und die Gebrochenen und die mit gebrochenen Herzen zu trösten.
Das war keine von oben verordnete Reaktion. Sie ergab sich spontan, aus der Liebe, die die Einheimischen für ihre Nachbarn hatten, und aus dem Verantwortungsgefühl gegenüber denen, die von der Flut arm und nackt zurückgelassen worden waren. Tugendhafte Männer und Frauen - die Cajun Navy, Leute aus Kirchengemeinden und andere - warteten nicht darauf, dass jemand ihnen sagte, was sie zu tun hätten. Sie erkannten die Schwere der Krise und handelten." 
Not sehen und handeln - darum geht es. Mir scheint, gerade hierzulande können wir von dieser Einstellung ganz gut eine größere Portion gebrauchen. Vielfach ist es - nicht nur, aber auch und besonders auf die geistliche Krise unserer kirchlichen Institutionen bezogen - wohl eher so, dass man sich entweder einzureden versucht, sooo schlimm sei das ja alles gar nicht, oder aber darauf wartet, dass jemand Anderes sich darum kümmert. Letzteres vielleicht noch nicht einmal unbedingt aus Trägheit oder falschem Anspruchsdenken heraus, sondern oft wohl auch einfach aufgrund der Annahme, man selber könne gar nichts tun. Und gerade das ist - so jedenfalls mein bisheriger Lektüreeindruck - das Faszinierende und das ungemein Wertvolle an der Benedict Option: dass es hier um konkrete Anregungen dafür geht, was jeder Einzelne in seinem persönlichen Umfeld zu einer geistlichen Erneuerung der Kirche beitragen kann. Man muss - das schicke ich schon mal voraus - durchaus nicht alle diese Anregungen gut finden. Es spricht theoretisch auch durchaus nichts dagegen, sie lediglich als Denkanstöße zu nutzen, um letztlich auf Ideen und Strategien zu kommen, die in Drehers Buch gerade nicht vorkommen. Dies umso mehr, als die Rahmenbedingungen in Deutschland zum Teil erheblich andere sind als in den USA. Aber darauf komme ich noch.


[Fortsetzung folgt!] 



Kommentare:

  1. Vor einer Antwort gibt's einen kleinen Musikbeitrag:

    https://www.youtube.com/watch?v=xnKOVPXhlnE

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  2. "Niemand außer den verblendetsten 'Religiösen Rechten' alter Schule glaubt noch daran, dass diese kulturelle Revolution wieder zurückgedrängt werden könnte. Die Welle kann nicht aufgehalten werden, man kann sie nur reiten."

    Da hat Dreher uneingeschränkt recht. Danke für diese schlichten aber grundsätzlichen Gedanken und deren Erläuterung. Vielleicht mit dem Hinweis, dass es diese Wellenreiter schon gibt. Ein mir bekannter Priester aus den Niederlanden(!) sagte mir: Wir müssen Jesus lieben und mit ihm sprechen! Er hat in seiner Gemeinde den Donnerstag für die Anbetung vor dem Allerheiligsten reserviert. In einer Gemeinde wo vielleicht noch 3% der meist älteren Gläubigen an kirchlichem Leben teilnimmt, schafft es dieser Priester diesen Tag der Anbetung über 10 Jahre zu etablieren und nicht nachzulassen. Und das über den ganzen Tag verteilt, ist immer jemand vor den Allerheiligsten.

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  3. Wieso ich Rod Drehers Analyse der gegenwärtigen Situation nicht in allen Punkten teile:

    1) Zumindest hierzulande ist wahrscheinlich die Mehrheit der jüngeren Christen (damit meine ich hauptsächlich die Millenials, also meine Generation) deutlich entschiedener christlich als ihre Eltern. *Entweder* man gibt das Christsein ganz auf (oder geht bestenfalls noch an Ostern und Weihnachten mit der Familie in die Messe, weil das irgendwie dazugehört, versteht sich aber trotzdem nicht mehr als Christ), und ja, die Mehrheit der Leute wählt diesen Weg; *oder aber* man macht sich den Glauben wieder ganz zu eigen. "Moralistic Therapeutic Deism" jedenfalls wird *weniger* - zumindest nach meinem subjektiven Eindruck. Eine Bistum-Münster-Spiritualität lockt doch niemanden hinter dem Ofen hervor (eher braucht es z. B. eine Bistum-Passau- oder Bistum-Augsburg-Spiritualität :) ).

    - Crescentia.

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  4. 2) Vergleichen wir doch mal die ach so schlimme Gegenwart mit der Vergangenheit.

    - In England waren Katholiken ab dem 16. Jahrhundert teilweise verfolgt (Priester wurden oftmals mit dem Tod bestraft), teilweise bloß benachteiligt, auf jeden Fall galten sie tendenziell als Landesverräter. Erst 1829 wurden im Zuge der "Katholikenemanzipation" die meisten Einschränkungen der Bürgerrechte (z. B. was den Zugang zu öffentlichen Ämtern betraf) für sie aufgehoben, und erst 1850 gab es wieder katholische Bischöfe in England. (https://de.wikipedia.org/wiki/Katholikenemanzipation, https://de.wikipedia.org/wiki/Wiederherstellung_der_katholischen_Hierarchie_in_England )
    - In Frankreich setzte sich die Revolutionsregierung hauptsächlich in den Jahren 1793-94 (der Zeit der Schreckensherrschaft) das Ziel, das Christentum auszulöschen, und glaubte tatsächlich, das auch in wenigen Jahren erreichen zu können. Es wurde ein neuer Kalender eingeführt, Heiligennamen wurden aus Ortsnamen getilgt, neue Kulte (z. B. der Kult der Vernunft) wurden eingeführt, Orden waren natürlich schon längst verboten (seit 1790 bzw. '92), Priester wurden verfolgt und guillotiniert oder nach Südamerika deportiert (auch noch in den späten 1790ern). Als die Franzosen Pius VI. aus Rom entführten und er 1799 auf der Reise starb, nannte man ihn ironisch Pius den Letzten. (Bis 1800 dann doch noch Pius VII. gewählt werden konnte.) Die Situation verbesserte sich mit dem Konkordat von 1801 ein wenig.
    - Im Jahr 1803 wurde durch die Säkularisierung im Heiligen Römischen Reich nicht nur die weltliche Herrschaft diverser Bischöfe, Äbte und Äbtissinnen beendet, sondern es wurden auch in vielen Gebieten (z. B. auch im katholischen Bayern) sämtliche Klöster aufgelöst (wodurch nebenbei Armenfürsorge und Bildungswesen auf dem Land entsetzlich litten, weshalb kein Historiker, den ich kenne, die Säkularisierung im Ganzen positiv bewertet). Junge Nonnen mussten sich irgendwo Arbeit als Mägde suchen, alte Nonnen durften in "Krepierinstituten" verbleiben.
    - Während des deutschen Kulturkampfs in den 1870ern wurden wiederum Ordensgemeinschaften aufgelöst, die Jesuiten des Landes verwiesen, politische Predigten verboten, Priester und Bischöfe kamen ins Gefängnis.
    - Zwischen 1902 und 1904 löste die französische Regierung tausende katholische Schulen und sämtliche Ordensgemeinschaften auf. 1905 führte sie das "Gesetz zur Trennung von Kirche und Staat" ein, das immer noch gilt und deutlich schlimmer ist als z. B. das vor kurzem eingeführte Berliner Neutralitätsgesetz (z. B. wurden Kirchengebäude zu Staatseigentum erklärt und in Schulen dürfen nicht nur die Lehrer, die ja in gewisser Weise den Staat repräsentieren, sondern auch Schüler oder Eltern, die zu Gesprächen mit Lehrern kommen, keine religiösen Symbole tragen).
    - Vom Kommunismus wollen wir hier gar nicht anfangen, dafür reichen mir Zeit und Platz nicht.

    (Übrigens könnte man sogar fürs christliche Mittelalter häretische Bewegungen wie die Albigenser, Waldenser, Hussiten etc., das Morgenländische Schisma, die nominalistische Theologie, das Große Abendländische Schisma, die "Babylonische Gefangenschaft der Kirche" oder die andauernde Bedrohung durch die Expansion des Islam (z. B. Eroberung Spaniens, Schlacht von Tours und Poitiers 732, ständige Piratenangriffe im Mittelmeer usw. usf.) anführen.)

    - Crescentia.

    AntwortenLöschen
  5. Und heute? Wir haben in allen oben genannten Ländern, sogar in Frankreich, Priester, Bischöfe und Ordensgemeinschaften, die ihren Tätigkeiten ungestört nachgehen können. Wir können friedlich leben und uns als Christen bekennen. Aggressiv antichristliche Einstellungen in der Elite sind im Vergleich zum späten 18. oder frühen 20. Jahrhundert zurückgegangen, ebenso aggressiver Antikatholizismus unter Protestanten. Das Christentum ist nicht verschwunden. Lourdes oder Santiago de Compostela sind bedeutende Pilgerstätten, zum Weltjugendtag kommen 1,6 Millionen Leute (und die reisen nicht alle aus Afrika oder China an). Natürlich gibt es anderes, was im Vergleich zu 1793 oder 1905 deutlich schlechter geworden ist - vor allem die religiöse Bindung in der Unter- und Mittelschicht, in der breiten Masse. (Wobei z. B. in den Industriestädten des späten 19. Jahrhunderts die Unterschicht auch nicht unbedingt christlich, sondern eher mal kommunistisch dachte.) Natürlich gibt es vieles Schlechte heutzutage. Die langwierige Arbeit von Religionsfeinden, vor allem die der Kommunisten in Gegenden wie Ostdeutschland, hat über die Jahre hinweg durchaus Wirkung gezeigt. Aber sie konnte nie erreichen, was sie sich vorgenommen hatte, nämlich das Verschwinden der Religion. Tatsächlich kommt sogar unter säkular aufgewachsenen Menschen zumindest eher wieder in Mode, an "irgendetwas ist da oben" zu glauben, anstatt einen kämpferischen, materialistischen Wir-sind-ja-alle-so-aufgeklärt-Atheismus zu vertreten - ein sehr kleiner Fortschritt, aber besser als gar nichts.

    - Crescentia.

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  6. Kurz gesagt, ich denke, die Geschichte (auch die der Neuzeit) war vielmehr ein ständiges Auf und Ab als ein kontinuierlicher Niedergang (Chesterton stellt das übrigens auf sehr interessante Weise in dem Kapitel "The five deaths of the faith" in seinem Buch "The everlasting man" dar.)

    Des weiteren: Dreher stellt hier falsche Dychotomien auf. Sich selbst zurückziehen, um seinen Glauben zu vertiefen, und in die Welt hinein zu wirken, das ist kein Gegensatz. Das ist eine Frage der Ausgewogenheit und der Verteilung der Kräfte, und natürlich eine Frage der jeweiligen Berufung (ein Karmeliter hat nun mal eine andere Berufung als ein Laie!). Man kann beten, Exerzitien machen, auf Pilgerfahrt gehen, und sich dann wieder für christliche Politik engagieren.

    Dass Dreher bei "christlicher Politik" nur "Republikaner wählen" einfällt... also, wenn man das unter "christlicher Politik" verstehen müsste, dann würde ich christliche Politik auch ablehnen. Muss man aber nicht.

    Eins noch zu etwas, was Sie über die Hierarchie geschrieben haben: Die ist in Amerika, nach meinem Eindruck von gemeinsamen Verlautbarungen der Bischofskonferenz jedenfalls, auch nicht besonders entschieden "rechts" (republikanisch), sondern gibt sich stärker Mühe, überparteilich zu sein und zu betonen, dass man nicht eine Partei mit der christlichen Seite gleichsetzen kann. Eher sind es bekannte christliche Laien, die im Sinne von "republikanisch = christlich" denken.

    - Crescentia.

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  7. Noch ein Grund, wieso ich vielleicht etwas optimistischer bin als Dreher in Bezug auf Dinge wie die Zukunft der Genderideologie:

    Ich habe zwar noch nicht so viel, aber doch immerhin ein bisschen was von Autoren wie G. K. Chesterton (1874-1936) und Robert Hugh Benson (1871-1914) gelesen, also Schriftstellern, die mit den Ideologien des frühen 20. Jahrhunderts zu tun hatten. Manchmal, wenn ich deren Essays gelesen habe, ist mir schon mit Freude aufgefallen, dass das, gegen das sie anschrieben und das in ihrer Zeit als Inbegriff des Modernen galt, heute schon wieder kaum mehr bekannt ist geschweige denn vertreten wird - Spiritismus, Christian Science (die esoterische Sekte von Mrs. Baker-Eddy, es geht NICHT um eine Vereinbarkeit von Christentum und Wissenschaft, das musste ich auch erst googeln), Rudolf Steiners Anthroposophie, aber auch Rassendenken, Eugenik, Sozialdarwinismus und dergleichen. Wer weiß, vielleicht geht es den Gender Studies in hundert Jahren ähnlich wie jetzt Studien über die Kopfformen von "Bantunegern" und "Semiten".

    - Crescentia.

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    1. Erstmal kurz:

      Ich denk mir bei Chesterton allerdings immer: hat der diese Probleme damals schon beschrieben.

      Wobei das in den von Dir genannten Punkten schon stimmt, außer beim Sozialdarwinismus, bei dem meines Erachtens (leider) nur der Name uncool geworden ist, der aber im übrigen durchaus fröhliche Urständ feiert (und von den Linken durchaus und nicht ganz zu unrecht unter dem falschen Namen "Neoliberalismus" beklagt wird).

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    2. Es gibt Probleme, die hat Chesterton schon beschrieben und die sind jetzt noch schlimmer geworden, und dann gibt es andere, die wieder verschwunden sind oder sich sehr stark verändert haben.

      Hm... beim Sozialdarwinismus ist mein Eindruck anders. (Außer vielleicht, man schaut auf us-amerikanische Sozialpolitik; aber in Europa findet sich das doch nicht so sehr... oder? Wo konkret siehst du Beispiele für heutigen Sozialdarwinismus? Ich meine, abgesehen davon, dass es in jeder Gesellschaft immer bis zu einem gewissen Grad Verachtung für die geben wird, die nicht erfolgreich sind und den Standards nicht entsprechen, ohne dass das offiziell als gut gilt...)

      - Crescentia.

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  8. Dass man in Zukunft wahrscheinlich damit zurechtkommen muss, stärker in der Minderheit zu sein, und eine entschiedene Minderheit mit einer klaren Identität sein sollte (wie es z. B. zurzeit auch die Evangelikalen und Pfingstler in Deutschland hinzukriegen scheinen; oder meinetwegen auch die Zeugen Jehovas), ist eine Binsenweisheit. Grausige Christenverfolgungen und das Verschwinden der Kirche des Westens erwarte ich für die kommenden Jahre trotzdem nicht.

    - Crescentia.

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  9. "Sobald die weltlich Gesinnten merken, dass du ein frommes Leben zu führen beginnst, werden sie ihre Zungen über dich wetzen. Schlechte Menschen werden sagen, das alles sei nur Heuchelei, Betschwesterei und Verstellung, oder auch, du seist von der Welt enttäuscht und nur deswegen zu Kreuze gekrochen. Gute Freunde wieder werden sich verpflichtet fühlen, dir eine Menge ihrer Ansicht nach gescheiter und gut gemeinter Warnungen zukommen zu lassen: 'Du wirst ganz trübsinnig werden; man wird dir kein Vertrauen mehr schenken; du wirst unausstehlich, wirst vor der Zeit altern, deine häuslichen Angelegenheiten werden darunter leiden; man kann in den Himmel auch ohne diese Geschichten kommen; wenn man schon in der Welt lebt, muss man auch leben wie die Welt ...' und so fort.
    Das alles ist dummes und leeres Geschwätz. Diesen Leuten ist es weder um deine Gesundheit noch um deine Interessen zu tun. 'Wäret ihr von der Welt', sagt der Heiland, 'dann würde die Welt lieben, was von ihr ist; weil ihr aber nicht von der Welt seid, deswegen hasst sie euch' (Joh 15,19). Man sieht Männer und Frauen die ganze Nacht oder sogar mehrere Nächte hindurch beim Karten- oder Schachspiel; gibt es eine Aufmerksamkeit, die ernster, anstrengender und empfindlicher ist als die der Spieler? Dazu sagt man nichts, die Kinder der Welt ebenso wenig wie ihre Freunde. Wegen einer Betrachtung von einer Stunde aber, oder weil man etwas früher aufstehen musste, um zur heiligen Kommunion zu gehen, läuft alles zum Arzt, um uns von Melancholie und Gelbsucht zu kurieren. Man kann dreißig Nächte hintereinander tanzen, keiner regt sich darüber auf; aber wegen der einzigen Christmette hustet man und jammert am nächsten Tag über Leibschmerzen. Wer sieht da nicht, dass die Welt ein parteiischer Richter ist, huldvoll für ihre Kinder, hart und streng gegen die Kinder Gottes?!"

    Aus der "Philothea" ("Einführung in das fromme Leben") vom hl. Franz von Sales, erstmals erschienen im Jahr 1609. Das war, habe ich mal gelesen, so ungefähr die Zeit in der französischen Geschichte, in der die Kirche den größten gesellschaftlichen Einfluss hatte. Die gute alte Zeit eben. (Ja, in manchen Dingen waren manche Zeiten - mein Liebling ist immer das dreizehnte Jahrhundert - "gute alte Zeiten", aber man sollte das eben nie überschätzen. Wir müssen ständig gegen Fluten kämpfen und werden nie ganz gewinnen.)

    - Crescentia.

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    1. >>Das war, habe ich mal gelesen, so ungefähr die Zeit in der französischen Geschichte, in der die Kirche den größten gesellschaftlichen Einfluss hatte.

      Unter Heinrich IV.? Nein, eher nicht.

      Zu dem "die guten alten Zeiten waren nicht gut" später nochmal was.

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    2. Kann auch sein, dass es sich weniger auf die Zeit unter Henri IV. und eher auf die Zeit zwischen ca. 1610 und 1650 bezog - eben die Zeit eines Franz von Sales, eines Vinzenz von Paul, usw.; das weiß ich nicht mehr ganz genau.

      - Crescentia.

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    3. *das* kann allerdings recht gut sein (auf Frankreich bezogen).

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  10. Noch eine kurze Bemerkung zu Moralistic Therapeutic Deism...

    Dreher meint ja, dass das wahre Christentum (im Gegensatz zu MTD) "Leiden - den Weg des Kreuzes - als Weg zu Gott empfiehlt". Nicht ganz, wenn man es genau nimmt. Leid an sich ist schlecht; die *Annahme* von Leid, das man nicht ändern kann, gehört zum Weg zu Gott. Leid zu *suchen* ist dagegen nicht besonders christlich. "Mein Vater, wenn es möglich ist, gehe dieser Kelch an mir vorüber. Aber nicht wie ich will, sondern wie du willst." (Mt 26,39)

    So, ich glaube, das war's mit meiner Kritik für diesen Artikel erstmal wieder :)

    - Crescentia.

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    1. Sehr richtig.

      (Mein Kommentar weiter unten war bevor ich das gelesen hatte.)

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  11. Noch ein allerletzter Kommentar zu Moralistic Therapeutic Deism:
    Wenn man übrigens so scheußliche Konfessionen wie den Calvinismus als christlich gelten lassen will (oder gar noch als "historische biblisch fundierte Rechtgläubigkeit"), dann gibt es nicht wirklich viele Gründe, MTD als nichtchristlich zu bezeichnen...

    - Crescentia.

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  12. Und ich frage mich schön langsam auch, ob nicht Mr. Dreher vor allem auf die Situation des Weströmischen Reiches in den sogenannten Dunklen Jahrhunderten anspielt...

    "dunkel" heißt hier präzise "der Geschichtsschreibung eingeschränkt zugänglich".

    So schlecht muß es um den christlichen Glauben damals gar nicht gestanden haben, speziell nicht in dem von ihm gemeinten Westen. Die großen Dekadenzen wie der Ikonoklasmus haben sich damals vor allem im Osten abgespielt.

    Die Abdankung von Romulus Augustulus war nicht der Weltuntergang, als den spätere Geschichtsschreiber ihn dargestellt haben, und die nachfolgenden Herrscher haben sich durchaus in römischer Tradition gesehen und auch das Christentum übernommen. Hier wäre zum Beispiel von den Heiligen der hl. Remigius zu nennen, der Chlodwig getauft hat (St. Remigius Option?), oder der Hl. Hermenegild, der später die Rückkehr Spaniens zum orthodoxen Christentum sichergestellt hat.

    Was freilich die westliche Kultur betrifft, hat ihr die Diagnose schon Sallust (De conjur. Cat. 10ff.) ausgestellt: Seit 1991 mangelt es schlicht und ergreifend an einem geeigneten äußeren Feind...

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    1. Ha! Mir ist durch deinen Kommentar gerade erst klar geworden, wie unpassend Drehers Analogie eigentlich ist, wenn man es durchdenkt. In einer Situation, in der im Westen äußerlich Chaos herrschte (auch wenn man eine einzelne Abdankung nicht als totalen Weltuntergang sehen will, es herrschte tatsächlich sehr viel Chaos im fünften oder sechsten Jahrhundert) und heidnische (oder arianische, siehe die Ostgoten) Barbaren auf oftmals ziemlich brutale Weise nach und nach die Macht über das christliche Römische Imperium übernahmen, wie reagierten da die Bischöfe und Päpste? Sie schickten Missionare (wie einen Augustinus von Canterbury, um noch ein anderes Beispiel eines Heiligen zu nennen) zu den Fürsten von Franken, Langobarden, Angeln, Sachsen, Goten usw., und die bekehrten diese, und so wurden dann die Barbarenvölker top-down zum Christentum bekehrt (und am Anfang nahmen wahrscheinlich sowohl Fürsten als auch Volk den Glauben eher als den Kult irgend so eines neuen, ihnen bisher unbekannten Gottes an, der ihnen vielleicht größeren Erfolg im Krieg usw. garantieren würde). So entstand dann das christliche Mittelalter. Graswurzelbewegung total überzeugter Basisgemeinden, die sich aus Kultur und Politik einer sich vom Christentum abwendenden Gesellschaft zurückziehen, um sich eine Arche für ihr Überleben zu schaffen, eindeutig!

      Hm, ich habe das Gefühl, der Islam könnte wieder zu einem passenden äußeren Feind werden.

      - Crescentia.

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    2. Gerade musste ich auch an die irischen und angelsächsischen Wandermönche denken, die ja im 6., 7., 8. Jahrhundert hierzulande für die Christianisierung sorgten - St. Kolumban, St. Winfried Bonifatius, St. Magnus, St. Willibrord usw. Die kann man nun schon eher als Graswurzelbewegung bezeichnen, auch wenn sie sich bekanntlich ihre Missionsvollmacht vom Papst bestätigen ließen. Aber die sahen ja andererseits gerade das In-die-Fremde-Ziehen für Christus als ihr Charisma, im Gegensatz zur stabilitas loci der Benediktiner, die Dreher auch propagiert. Diese beiden Lebensweisen (allein zu den Heiden ziehen vs. in stärker abgeschiedener Gemeinschaft stabil zusammenleben) können sich natürlich gut ergänzen, aber Dreher meint ja offenbar, in barbarischen Zeiten sei nur das eine nötig...

      - Crescentia.

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  13. Weiter zur Ideensammlung:

    >>Dieses Glaubensbekenntnis [MTD] ist, wie die Forscher feststellten, besonders unter katholischen und klassisch-protestantischen Jugendlichen verbreitet. Evangelikale Jugendliche schnitten signifikant besser ab

    Kunststück.

    Wo doch dieser sogenannte MTD spezifisch von den Evangelikalen beschrieben worden ist, um das auszudrücken, was ihnen nicht gefällt. Aber wenn Mr. Dreher "einräumt",

    >>MTD ist nicht ganz und gar falsch

    dann muß man einmal nüchtern sagen, daß er da völlig recht hat und zwar
    *von den fünf Propositionen des MTD drei richtig sind, nämlich die erste,
    *zweite und
    * - ja, auch wenn das den Protestanten nicht paßt, aber: ja! - auch die fünfte (mit dem Einschub "ggf. nach einer Zeit im Fegfeuer");
    * daß die Nr. 3 zwar offensichtlich, so wie sie dasteht, falsch ist: das ist nicht "das wesentliche" Ziel, was aber vermutlich ohnehin nur auf die seinerseits moralisierende Übertreibung des Beschreibers zurückgeht; sehr wohl ist das nämlich "ein legitimes" und der Einzelperson dann im allgemeinen auch "wichtiges" Ziel (sofern nicht einer ein Sonderopfer bringen will) und schließlich
    * geht Punkt 4 offensichtlich auf den Eifer des Beschreibers zurück, wenn das, was er tatsächlich meint, nicht ist, daß die Leute wirklich *vertreten*, Gott brauche keinen bedeutenden Platz, sondern es nur nicht *zuwegebringen*, ihm einen solchen einzuräumen, und was hier tatsächlich vorliegt, bloß das alte Sprichwort "Not lehrt beten" ist, wozu die katholische Einstellung keineswegs Verachtung und "das ist ja gar kein Christentum" ist, sondern Bedauern, daß ohne Not nicht soviel gebetet wird, verbunden durchaus mit "wenigstens die Not lehrt dann aber das Beten".

    Und selbst *so* ist die Bezeichnung als "Deismus" inhaltsleere Propaganda, denn wenn es Deismus wäre, würde das Beten *auch und gerade in der Not* für wertlos gehalten werden. Das Lobpreisgebet ohne speziellen Anlaß ist sicher an sich das höhere, aber gerade *dazu* läßt sich eventuell auch ein Deist noch überreden, während *gerade das Bittgebet*, das voraussetzt, daß Gott tatsächlich Abhilfe schaffen kann und Gebete erhört, sich am *wenigsten* mit Deismus in Einklang bringen läßt.

    (wird fortgesetzt)

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  14. (Fortsetzung)

    >>Es hat wenig mit dem Christentum der Schrift und der Tradition zu tun, das Buße, aufopferungsvolle Liebe und Reinheit des Herzens lehrt und Leiden - den Weg des Kreuzes - als Weg zu Gott empfiehlt.

    Mit Verlaub: ganz so einseitig ist unser Christentum dann durchaus auch wieder nicht.

    Das könnte ich jetzt begründen, aber ich spare mir mal den Zeitaufwand und sage "offensichtlich".

    Tatsächlich handelt es bei einer derart einseitigen Genußverachtung durchaus um einen gewichtigen Teil des Problems. "Begin with a heresy in morals, whether it be a negative or a permission, and it will ‘bid in the worst and wildest licence that could follow on the loosest permission." Das Pendel schlägt dann in die Gegenrichtung aus, sobald die gebeutelte Natur - die wir Katholiken im Gegensatz zu anderen bekanntlich *nicht* vernichten wollen - Gelegenheit dazu bekommt.

    >>Obwohl oberflächlich christlich, ist MTD die natürliche Religion einer Kultur, die das Ego und materielles Wohlergehen anbetet.

    Und der moralisierende Übertreibungseifer schlägt wieder zu: es ist sicher richtig, daß unsere Kultur materielles Wohlbefinden und eine gewisse Selbstverwirklichung für gut befindet (*und erstmal auch völlig zurecht*); es ist sicher auch richtig (und schon nicht mehr so gut), daß sie beim Genuß dieser Dinge bisweilen das Maß nicht einhält (was aber kein Weltuntergang ist, sondern bei vorhandener Gelegenheit immer vorkommt und Anlaß ist, mit der Gnade Gottes mitzuwirken und an sich zu arbeiten); von einer "Anbetung" kann aber deswegen - auch beim Sünder - noch überhaupt keine Rede sein.

    Kurz: bei "MTD" scheint es sich mir inhaltlich um das Prinzip zu handeln: "Beschreibe die - durchaus unstrittig tatsächlich defizitäre - religiöse Praxis unter den weniger eifrigen Christen, füge etliche Übertreibungen, moralisierende Abqualifizierungen und sachlich unrichtige Ausdrücke in der Beschreibung hinzu und behaupte dann, das sei eine ganz andere Religion als das Christentum".

    So kann man sich eine Krise natürlich auch herbeireden.

    Tatsächlich handelt es sich hingegen, wenn der Schwachgläubige noch gläubig ist, um ein ganz entschiedenes Zeichen der *Stärke* einer Religion in der Gesellschaft.

    - Ist das Beschriebene deshalb unproblematisch? Nein, das natürlich auch nicht. Aber es ist ein Fall für das, was man "Leute zum religiösen Eifer anstacheln" genannt hat, was zum Beispiel der Sinn und Zweck der Volksmissionen ist, oder auch anderer entsprechender Angebote. Das ist durchaus notwendig; aber es ist kirchenintern und nicht der Kampf einer Religion gegen eine Gegenreligion.

    (Einen solchen gibt es durchaus *auch*; aber die, die der Autor als MTD-Anhänger beschreibt, dürften großteils kampfschwache, teils auch meuternde - aber kaum verräterisch gesinnte - eigene Truppen, nicht feindliche sein - natürlich auch mit allen Problemen, die *das* mit sich bringt; einen offenen Feind, dem nur hervorragend in Schuß stehende eigene Truppen gegenüberstehen, hätte sicher mancher lieber, aber das ändert an der Lage nichts.)

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    1. Anmerkung:

      >>So kann man sich eine Krise natürlich auch herbeireden.

      Damit ich nicht mißverstanden werde: Selbstverständlich *gibt* es eine Krise.

      Um so bedeutender, sich nicht eine ganz andere herbeizureden.

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    2. Ich würde sagen, das Problematische an MTD (dass die Bezeichnung "Deismus" nicht so richtig passt, ist mir auch schon aufgefallen, aber da mag man sich bei den Soziologen Smith und Denton beschweren) ist nicht so sehr das, was die genannten fünf Glaubenssätze aussagen - abgesehen von den von Dir genannten Einwänden -, sondern vielmehr, dass dieser Glaube inhaltlich nicht wesentlich über diese Sätze *hinausgeht* - und somit auch da, wo er dem christlichen Glauben nicht dezidiert *widersprucht*, kaum etwas explizit Christliches an sich hat.

      Zu behaupten, dass dies der Fall sei, mag eine polemische Zuspitzung sein, aber ich möchte sagen, sowohl die "Impulse" gewisser Bistumsseiten auf Facebook als auch einige Gespräche, die ich mit jungen Erwachsenen (Katholiken, und kirchlich sogar ziemlich aktiv) geführt habe, deuten schon ziemlich stark in diese Richtung.

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    3. Gewiß.

      Das halte ich allerdings für eine andere Baustelle, die sich recht schön unter den etwas sperrigeren Namen eines "Antidogmatismus" einerseits, dem Zurückschrecken vor der christlichen Moral andererseits und im Hinterkopf dem (laut MTD-Konzept ja offiziell ausgeschlossenen) Hintergedanken, daß es so ganz sicher ja doch nicht sei, daß es Gott gebe, ausdrücken lassen...

      was eine andere Baustelle ist.

      MTD, wie es beschrieben wird, klingt eben ganz anders, nämlich nach religiösem Mitläufertum, das gegenüber dem wahren Glauben dann auch regelmäßig Desinteresse, aber außer in Moralangelegenheiten in der Regel auch keinen Widerspruch entgegenbringt, und dazu würde ich sagen: solche Probleme hätten wir hier gern. (Crescentia hat ja ganz richtig beschrieben, daß die - zumindest auf Stadtgebiet, Anm. - Tendenz im Verschwinden begriffen ist; nur sehe ich das außer bei denen paar, die dadurch vielleicht zu religiös eifrigen Christen gehen, durchaus nicht nur positiv.)

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    4. Dass ich es "nur positiv" sehen würde, habe ich nicht gesagt.

      - Crescentia.

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    5. @ KingBear: Ja, genau so ist es; MTD ist nicht falsch, sondern zu wenig. Aber die Kritiker von MTD fallen dann manchmal eben, weil ihnen MTD nicht genug ist, leider in das Muster, MTD (implizit) auch als *falsch* darzustellen.

      Z. B. heißt es ja hier, bei MTD ginge es hauptsächlich darum, "das eigene Selbstwertgefühl und das subjektive Glücksgefühl zu steigern und gut mit anderen auszukommen". Das ist noch nicht spezifisch christlich, geschenkt. Aber da kommt dann implizit irgendwie so rüber, es wäre was Schlechtes, ein normales, gesundes Selbstwertgefühl zu haben (bzw. bei Menschen, die ein krankhaft niedriges Selbstwertgefühl haben, dieses zu steigern), und glücklich, zufrieden und nett zu sein und gut mit seinen Mitmenschen auszukommen. Irgendwas muss man wohl falsch machen, wenn man in seinem Leben nicht genügend Opfer bringt und Leid und Verfolgung erlebt, hm? Das ist wohl nicht die Aussageabsicht, aber so kann es gelegentlich rüberkommen. Psychische Gesundheit und soziale Intelligenz ist nichts, was man heruntermachen muss.

      - Crescentia.

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  15. Lehrer Lämpel24. Mai 2017 um 08:44

    Lt. MTD gibt es u.a. folgende angebliche Maximen für ein gelingendes Leben:

    *Das wesentliche Ziel des Lebens ist es, glücklich und mit sich selbst im Reinen zu sein. 

    **Es ist nicht nötig, Gott einen besonders bedeutenden Platz im eigenen Leben einzuräumen, außer man braucht Ihn, um ein Problem zu lösen. 

    Jesus Christus lehrt uns dagegen das Doppelgebot der Gottes- und der Nächstenliebe:

    "Du sollst den Herrn, Deinen Gott, lieben aus ganzem Herzen, aus ganzer Seele und mit all Deinem Gemüt."

    Und gleichbedeutend wichtig:

    "Du sollst Deinen Nächsten lieben wie Dich selbst."

    DAS ist etwas diametral Anderes, als insbesondere das, was nach MTD unter ** ausgesagt ist!

    Aber genau das Doppelgebot der Liebe ist und bleibt die eigentliche Lebensaufgabe des Christen in der Welt, und wenn er sich konsequent darauf einlässt, wird er wirklich das wahre Glück erfahren und mit sich selbst auch am Ende des Erdenlebens im Reinen sein, wie es von der MTD unter * dem Menschen zur Lebensaufgabe gestellt wird.

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    1. Wie gesagt: die Definition geht auf den Beschreiber zurück und ist natürlich unfreundlich formuliert. Tatsächlich dürften die, die er mit der Beschreibung zu treffen intendiert, weder das eine für "das wesentliche" Ziel halten noch das andere wirklich für "ausreichend". Sie verhalten sich so als ob. Aber mit Sünde hat das Christentum immer zu kämpfen gehabt.

      Und natürlich kann man jede Abweichung letztlich auch irgendwo als diametrale solche darstellen. Der entscheidende Punkt ist, es ist eine Abweichung - oder wäre eine, wenn es denn wirklich so gemeint wäre.

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  16. Lehrer Lämpel24. Mai 2017 um 14:03

    Dass nach den beiden zitierten Maximen des MTD heute wirklich konkret gelebt wird, kenne ich leider zur Genüge; schmerzlicherweise bis in unser familiäres Umfeld hinein.

    Es ist wirklich so - da gibt es nichts zu beschönigen.

    Und ich vermute, ich bin da nicht allein mit meinen diesbezüglichen traurigen Erfahrungen...

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  17. Noch ein paar unsortierte Gedanken, die mir beim erneuten Lesen des Artikels gekommen sind (ich glaube, bei diesem Thema mache ich langsam Imrahil Konkurrenz mit der Länge meiner Kommentare ;) ):

    1) Was Obergefell vs. Hodges angeht: Man verzeihe mir meine relative Gleichgültigkeit in Bezug auf dieses Thema, aber ich halte eine "Wiederheirat" nach Scheidung zum Beispiel für etwas sehr viel Widernatürlicheres und Schlimmeres (und noch dazu ist es weiter verbreitet und richtet daher mehr Schaden an, z. B. bei Kindern, die mit wechselnden Partnern ihrer beiden Elternteile klarkommen müssen) als homosexuelle "Ehen"... und das gibt es nicht erst seit gestern, und die meisten (auch die meisten der von Dreher wohl als orthodox charakterisierten) protestantischen Kirchen haben trotz der vielen biblischen Stellen hierzu, die an Klarheit nicht das Geringste zu wünschen übrig lassen, kein Problem damit... Und was Supreme-Court-Entscheidungen angeht, nach Roe vs. Wade konnte es eigentlich nicht mehr wirklich schlimmer kommen. Wo man den Höhepunkt des scheußlichen Modernismus sieht, ist halt auch Ansichtssache.
    (Das ist jetzt kein wirklich wichtiger oder auch bloß besonders stichhaltiger Kritikpunkt an Dreher. Ich finde es nur seltsam, dass in manchen Kreisen immer die gerade letzte schlechte Entscheidung eines Gerichts oder Parlaments als der endgültige Anbruch der schlechten neuen Zeit zu gelten scheint, und wollte das noch loswerden.)

    2) Was die politische Ausrichtung der hiesigen Bischöfe angeht: Auch wenn die empfehlen, nicht die AfD zu wählen, da ist doch der Grund dahinter nicht, dass sie meinen, dass eine christliche Kultur durch Nicht-AfD-Wählen gerade noch erhalten werden könne und man damit „die Flut des Säkularismus abwehren“ könne? Eher wird umgekehrt ein Schuh daraus: Christen (Bischöfe fallen mir keine ein), die *dafür* sind, die AfD zu wählen (z. B. natürlich die „Christen in der AfD“), meinen, dass *das* der einzige Weg sei, um das „christliche Abendland“ zu retten.

    - Crescentia.

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  18. 3) Zu den exilierten russischen Aristokraten... ich finde den Vergleich interessant, weil meiner Meinung nach von selbst ziemlich deutlich wird, an welchen Stellen er hinkt.
    In Russland gab es damals nicht nur den Zarenmord und die Abschaffung des Adels, sondern neue Staatsdoktrin wurde mit den Kommunisten auch der Atheismus; Königtum, Adel und Kirche wurden von ihnen gleichermaßen bekämpft. Ebenso wie über hundert Jahre vorher schon von anderen Revolutionären in Frankreich. Und auch für die Gegner dieser verschiedenen Revolutionäre gehörten diese Dinge (die alte politische Ordnung und die Religion) damals oft mehr oder weniger zusammen (nicht völlig, ich weiß, aber z. B. die Bauern in der Vendée, die ab 1793 gegen die Revolutionsregierung rebellierten (witzigerweise war der direkte Anlass für den Aufstand eine Truppenaushebung, sie kämpften also gegen die Regierung, weil sie nicht für sie kämpfen wollten; aber tiefere Gründe waren natürlich die Entchristianisierung und die Hinrichtung Ludwigs XVI.), zogen bekanntlich mit einer Fahne mit dem Herz Jesu und der Inschrift „Dieu / Le roi“ (also für „Gott und den König“) in den Kampf). Und da kann man jetzt natürlich schauen:
    - Wie viele Monarchisten gab es, sagen wir mal, im Jahr 1920 in Russland, oder im Jahr 1795 in Frankreich?
    - Wie viele Monarchisten gibt es heutzutage in Russland und in Frankreich?
    - Wie viele orthodoxe Christen gab es 1920 in Russland, oder Katholiken 1795 in Frankreich?
    - Wie viele Orthodoxe bzw. Katholiken gibt es heutzutage in Russland bzw. Frankreich?
    Ich würde mal zu behaupten wagen, dass die Zahl der Christen, die es heutzutage noch gibt, die der Monarchisten, die es heutzutage noch gibt, in beiden Ländern schon übersteigt. Man würde dem Glauben doch eine etwas längere Überlebensdauer zugestehen als politischen Ideologien und Bewegungen!

    - Crescentia.

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  19. Ich finde ein Zitat von Chesterton dazu sehr schön (aus „The everlasting man“):

    „At least five times, therefore, with the Arian and the Albigensian, with the Humanist sceptic, after Voltaire and after Darwin, the Faith has to all appearances gone to the dogs. In each of these five cases, it was the dog that died. [...]
    A thousand things have been said about the Oxford Movement and the parallel French Catholic revival; but few have made us feel the simplest fact about it; that it was a surprise. It was a puzzle as well as a surprise; because it seemed to most people like a river turning backwards from the sea and trying to climb back into the mountains. To have read the literature of the eighteenth and nineteenth centuries is to know that nearly everybody had come to take it for granted that religion was a thing that would continually broaden like a river, till it reached an infinite sea. Some of them expected it to go down in a cataract of catastrophe, most of them expected it to widen into an estuary of equality and moderation; but all of them thought its returning on itself a prodigy as incredible as witchcraft. [...] People were so certain about the direction that they only differed about the pace. [...] In short, the whole world being divided about whether the stream was going slower or faster, became conscious of something vague but vast that was going against the stream. [...]
    ’Heaven and earth shall pass away, but my words shall not pass away.’ The civilisation of antiquity was the whole world; and men no more dreamed of ist ending than of the ending of daylight. They could not imagine another order unless in were in another world. The civilisation of the world has passed away and those words have not passed away. In the long night of the Dark Ages feudalism was so familiar a thing that no man could imagine himself without a lord; and religion was so wovon into that network that no man would have believed they could be torn asunder. Feudalism was torn to rags and rottet away in the popular life of the true Middle Ages; and the first and freshest power in that new freedom was the old religion. Feudalism had passed away, and the words did not pass away. The whole medieval order, in many ways so complete and almost cosmic a home for man, wore out gradually in its turn; and here at least it was thought that the words would die. They went forth across the radiant abyss of the Renaissance and in fifty years were using all its light and learning for new religious foundations, new apologetics, new saints. It was supposed to have been withered up at last in the dry light of the Age of Reason; it was supposed to have disappeared ultimately in the earthquake of the Age of Revolution. Science explained it away; and it was still there.“

    (Und nein, ich glaube übrigens nicht, dass wir Deutschland in ein paar Jahrzehnten wieder zu einem katholischen Land machen könnten oder so was; das heißt, theoretisch wäre es möglich, bei Gott ist alles möglich, aber ich rechne nicht damit. Aber das ist auch nicht unbedingt notwendig, um als Christen hier zu überleben. Dreher erwähnt China. Die Kirche in China wächst, sicherlich, aber die Christen dort wären froh, wenn sie annähernd die Rechte hätten, die wir hier haben. Und sie sind immer noch eine, aufs Ganze gesehen, relativ kleine Minderheit.)

    - Crescentia.

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  20. 7) An einer Stelle heißt es in Bezug auf die MTD-Studien: "Erstaunliche 61 Prozent der kommenden Generation von Erwachsenen hatte keinerlei moralische Vorbehalte gegenüber Materialismus und Konsumismus. Weitere 30 Prozent äußerten gewisse Bedenken, kamen letztlich aber zu dem Schluss, es lohne sich nicht, sich darüber besondere Sorgen zu machen." Da würde mich einfach interessieren, welche Fragen genau die den Teilnehmern der Studie gestellt haben - ich meine, die werden ja wahrscheinlich nicht einfach geschrieben haben "Haben Sie überhaupt keine moralischen Vorbehalte gegenüber Materialismus und Konsumismus?" (Da hätten sie nämlich sicher nicht diese Antwort herausgekriegt.) Bei Studien kommt es halt auch immer drauf an, was genau man wissen will, wie man formuliert. Ich meine es ganz ernst: Es wäre sehr interessant, zu erfahren, was genau die gefragt haben, und was man da dann herauslesen kann. Steht in dem Buch mehr dazu?

    8) Ich denke, das Problem mit der modernen Welt ist nicht *in erster Linie* ein Fehlen moralischer Maßstäbe und totale Selbstsucht, sondern es sind vielmehr *falsche* moralische Maßstäbe - eine Überbetonung bestimmter Werte, wie der Toleranz, eine Unterbetonung anderer Werte (wie Mut, Wahrhaftigkeit, Gerechtigkeit, Glaube, Hoffnung, Liebe). Zum Beispiel liegt in der Ansicht, es sei falsch, zu behaupten, es gebe eine absolute Wahrheit, tatsächlich eine gewisse Demut; man hat erkannt, dass man nicht alles erkennen kann, dass der eigene Standpunkt begrenzt ist, und zieht daraus den falschen Schluss, es gebe überhaupt keine objektive Wahrheit. Es ist eine verdrehte Form der Demut, die vergisst, dass das Streben danach, die Wahrheit zu erkennen, eine sehr wichtige Tugend ist, aber es ist eine Verdrehung einer wirklichen Tugend. Natürlich bieten manche moralischen Maßstäbe heutzutage auch leichte Rechtfertigungen für Unmoralisches, z. B. im Namen von Selbstbestimmung oder Selbstverwirklichung, aber es gibt auch gute Impulse, die nur in die falsche Richtung gelenkt wurden, und die manchmal auch für zu *rigorose* moralische Maßstäbe sorgen können (z. B. bei Leuten, die es für ihre moralische Pflicht halten, vegan zu leben).

    - Crescentia.

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  21. Sorry, aber was sollen denn diese ganzen historischen Vergleiche und Haarspaltereien?
    Man muss doch nur vor der eigenen Haustür schauen, um das Problem zu sehen:
    Wo bitte sollen denn unsere Kinder christliche, rechtgläubige Freunde und Familien herbekommen mit denen sie aufwachsen können wenn wir nicht selbst anfangen, eine Community aufzubauen?
    Wir sind als gläubige Christen in der absoluten Minderheit. Und in unserer Gemeinde und auch im Bistum insgesamt sind wir als rechtgläubige Katholiken ebenfalls in der Minderheit.
    Von wem sollen sie es denn lernen, wo soll die Unterstützung für unsere Absicht, sie im Glauben zu erziehen, herkommen?

    Von den Erstkommunionkursen in denen nicht mal erklärt wird was die Eucharistie ist? Von dem Diozösanrat der gerade beschlossen hat, der Marsch für das Leben sei nicht unterstützenswert? Von Pfarrgemeinderäten die den Priester wegmobben, weil er einfach nur katholisch ist und unerlaubte Praxen wie z.B. Selbstintinktion nicht unterstützen will? Von der Gemeinderreferentin die der Meinung ist, man könne doch im Pfarrsaal einen wöchentlichen Tai Chi Kurs anbieten? Von dem Gemeindereferenten der der Meinung ist, es wäre doch schlimm, wenn man die Wichtigkeit und Heiligkeit der Eucharistie und der Sakramente betonen würde? Von den mehrheitlich nicht katholischen Lehrern an der katholischen Schule denen das morgendliche Gebet vor Unterrichtsbeginn sichtlich eine peinliche und lästige Pflicht ist? Von den Familien und Kindern die nach der Taufe zum ersten Mal zur Erstkommunion in der Kirche wieder auftauchen?
    Verständnis oder gar Unterstützung für mit der katholischen Lehre vereinbare Ansichten haben wir in der Gesellschaft nicht zu erwarten.

    Eben darum geht es.

    Zum gelebten Katholizismus gehört auch eine Kultur. Sei es Gebetstreffen, Gottesdienste, aber auch kulturelle Veranstaltungen mit christlichem Schwerpunkt. Ebenso wie ein Klima in dem es nicht unnormal ist, mit 16 noch Jungfrau zu sein usw. usf.

    Darum geht es Dreyer. Dass wir uns diese Kultur selbst schaffen müssen. Egal ob auf dem Land oder in der Stadt.
    Gemeinsam leben; durch gemeinsame Treffen der religiösen und nicht religiösen Art, seien es Gebete, Gottesdienste oder einfach mal ne Grillparty, ne Lesung, gegenseitige Hilfe beim Umzug.

    Ich war schon in vielen Gemeinden neu. Und auch als neue bei z.B. Gemeindefesten.
    Dass da mal einer mit dir redet, wenn du nicht dazu gehörst, eine Verbindung herstellt, dich einbindet ist höchst selten.
    Da muss es einen besseren Zusammenhalt geben, Nachbarschaftshilfe, Hauskreise, Offenheit für neu hinzukommende... All das fällt nicht vom Himmel.

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    1. Ich habe gerade Lust auf und Zeit für Haarspaltereien, das sollen sie :) Ja, das Problem ist da. Ja, man kann solche Lösungen dafür finden. Aber ob man bei Dreher so viele hilfreiche Anregungen findet, oder die nicht auch genauso gut anderswo finden kann, wo nicht solche blödsinnigen Behauptungen über die antiken Christen stehen, oder solche falsch klingenden bis falschen Behauptungen hineingemischt sind?

      - Crescentia.

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    2. Allmählich wird mir die Debatte jetzt aber auch zu blöd. Und ich war echt geduldig bisher.

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    3. Hm. Ich weiß jetzt zwar nicht, auf welche Textstelle Sie sich da beziehen, die angeblich "blödsinnige Behauptungen über Antike Christen" enthält aber gut.
      Das ist dann wohl auch eher ein Problem Ihres intellektuellen Dünkels als eines von Deyers Buch.

      Zur der Frage mit den nützlichen Tipps: ja, findet man.
      Zu der Frage ob "die nicht genau so woanders" zu finden seien: möglich. Dreyher behauptet ja auch nicht, etwas völlig Neues oder Einzigartiges vorzuschlagen. Was übrigens schon der Titel seines Buches sagt, der ja da einen klaren Bezugspunkt setzt.

      Doch darauf aufmerksam zu machen und dazu zu ermutigen, an der Lösung solcher Probleme zu arbeiten ist doch ein berechtigtes Anliegen.
      Ich kenne keine andere Monografie aus der katholischen Welt die sich dieser Sache so klar und konsequent annimmt.

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    4. Ich sehe keinen Grund, jetzt mit persönlichen Beleidigungen anzufangen. Ich entschuldige mich übrigens, wenn ich in den Kommentaren oben unfreundlich gewesen bin. Ich beziehe mich darauf, dass sein Vergleich mit dem Benediktinerorden einfach nicht passt, weil das Christentum in der Spätantike / dem frühen Mittelalter sein Überleben nicht (geschweige denn bloß) dem Rückzug der Benediktiner verdankte! Und das zeigt ein Problem mit seiner These, wenn er die von der Geschichte mit dem Benediktinerorden ableiten will! Die Klarheit und Konsequenz sehe ich hier eben gerade, u. a. *deshalb*, nicht, *das* ist mein Problem, weil eben das Fundament nicht passt.

      Das ist ein sehr berechtigtes Anliegen, selbstverständlich. Wenn das alles völliger Unsinn wäre, müsste man sich ja gar nicht damit beschäftigen.

      Ich glaube, ich lasse das weitere Kommentieren jetzt besser, ich hab hier schon genügend die Geduld sämtlicher Beteiligter erschöpft, schönen Abend noch!

      - Crescentia.

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  22. Ja, ich gebe zu, dass ich mich durch die früheren Kommentare zu diesem Watschen habe hinreißen lassen.

    Sind sie Historikerin?
    Ich denke, man sollte diesen Vergleich nicht so eng sehen und etwas mehr Kreativität aufbringen um mit dieser Metapher umzugehen.

    Das Christentum braucht Oasen in denen es in seiner ganzen Tiefe/Fülle/... gedeihen kann das ist gemeint denke ich.

    Und die große Rolle der Klöster bei der Entwicklung der europäischen Kultur kann man sicher - auch mit mehr Fachwissen als z.B. ich es habe nicht leugnen.

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    1. Ich bin keine fertig ausgebildete Historikerin, bloß Studentin, also besondere Expertin bin ich da nicht. Ich gebe zu, dass ich mittlerweile eine gewisse Abneigung gegen verschiedene Aspekte der Benedict Option und gegen manches von dem, was Dreher allgemein so redet, gefasst habe (aber meiner Ansicht nach keine grundlose) und manchmal arbeite ich mich dann an solchen Sachen, die ich nicht leiden kann, sehr ab.

      Ja, dem kann man grundsätzlich mal zustimmen... Und natürlich waren die Klöster, gerade auch die Benediktiner, für Europa sehr wichtig.

      - Crescentia.

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