Sonntag, 23. Juli 2017

In Alltagskleidung der Alltäglichkeit des Alltags entfliehen?

Die Urlaubssaison ist da, und nachdem meine Liebste und ich unseren Umzug innerhalb Berlins endlich weitestgehend über die Bühne gebracht haben und in Berlin und Brandenburg die Ferien begonnen haben, sind auch wir erst mal weggefahren. Derzeit befinden wir uns in Lourdes, worüber es selbstverständlich allerlei zu berichten geben wird, doch dazu später. Ab der zweiten Ferienwoche steht dann ein bisschen Heimaturlaub an. In meiner Heimat, heißt das. Also in Nordenham, voraussichtlich mit einigen Abstechern nach Butjadingen hinein. Zur Einstimmung habe ich schon vor dem Urlaub damit begonnen, meine Beobachtung der dortigen Lokalpresse zu intensivieren. Und zwar insbesondere soweit es Nachrichten aus dem kirchlichen Bereich betrifft.



Natürlicherweise stehen dort die Zeichen derzeit auf Urlauberseelsorge, besonders an den Strandbädern Butjadingens. Die Stadt Nordenham selbst verfügt ebenfalls über einen Strand, aber an diesem herrscht seit Menschengedenken Badeverbot. Nicht so der Touristenmagnet. Die örtliche evangelische Kirchengemeinde bemüht sich dennoch, diesen Strand für ein seelsorgerisches Angebot zu nutzen, das sowohl Urlauber als auch Einheimische ansprechen soll. Darüber berichtet die Lokalausgabe der Nordwest-Zeitung unter der Überschrift "Wir stehen hier - egal ob's regnet oder stürmt". Fehlt eigentlich nur noch "Wir können nicht anders, Gott helfe uns, Amen."  

"Nordenham hat viele Perlen", wird Pfarrerin Heike Boelmann-Derra in dem Artikel zitiert. „Eine davon ist der Strand. Hier wollen wir die Abendstimmung am Wasser einfangen, wollen uns an ihr erfreuen und den Menschen die Möglichkeit geben auszuspannen. Und wir wollen ihnen neue Impulse geben.“ Na okay, warum nicht! "Einen Tisch und eine Kerze – viel mehr brauchen die Pastoren nicht für ihre Abendandachten. [...] Die Liederzettel kommen in Folien. Schließlich ist auch die Kirche vor schlechtem Wetter nicht gefeit" - na, das wäre ja auch noch schöner! Aber mal im Ernst: Ich kann mir durchaus vorstellen, dass das mit den Abendandachten am Strand eine schöne Sache ist. Wenn der NWZ-Artikel allerdings gleich mit den Sätzen beginnt "Raus aus den altehrwürdigen Gemäuern der Gotteshäuser, rein in die Natur: Die evangelisch-lutherische Kirchengemeinde Nordenham geht nach draußen – ohne Altar und Talar, sondern ganz locker in Alltagskleidung", dann frage ich mich schon, ob man eine neue Idee nicht bewerben kann, ohne dabei das Alte, Gewohnte, Traditionelle abzuwerten. So als wäre es per se ein begrüßenswerter Fortschritt, auf "Altar und Talar" zu verzichten. 

Ich gehe aber mal wohlwollend davon aus, dass dieser Unterton auf das Konto des NWZ-Redakteurs geht und nicht auf das der beiden evangelischen Geistlichen. Die werden schließlich selbst am besten wissen, dass ihre Strandandachten kein Ersatz für einen "richtigen" Gottesdienst sind, sondern lediglich ein ergänzendes Angebot. Und dass es somit Quatsch wäre, das eine gegen das andere ausspielen zu wollen. Bezeichnend sind die zitierten Sätze aber trotzdem. Insbesondere registriere ich ein gewisses Spannungsverhältnis zwischen der lobenden Erwähnung der 'lockeren' Alltagskleidung und der Aussage des Pastors Christopher Iven "Die Menschen sollen mal ihrem Alltagsstress entfliehen können".

Nun gut: Wenn Mr. Rogers zu Beginn einer jeden Folge von Mr. Rogers' Neighborhood (kennste nich', lieber Leser? Unbedingt ansehen!) sein Sakko und seine Straßenschuhe aus- und eine Strickjacke und Sneakers anzieht, dann kann man durchaus sagen, beides sei auf seine Art Alltagskleidung. Dennoch ist der oben angedeutete Widerspruch keineswegs banal: Man sollte doch denken, wenn man den Menschen etwas anbieten will, was sie auf eine ihnen wohltuende Weise ihrem Alltag entrückt, dann sollte sich dieses Angebot auch äußerlich möglichst deutlich von ihrem Alltag unterscheiden. Dennoch scheint in der Pastoral seit einigen Jahrzehnten der gegenteilige Ansatz vorzuherrschen: Man will dem Alltag der Menschen möglichst nahe kommen. "Die Leute da abholen, wo sie stehen", nennt man das dann. In der Seelsorge: klar. Wo soll man die Leute sonst abholen, wenn nicht da, wo sie stehen. Aber im Gottesdienst? Vor ein paar Wochen, am 7. Juli, feierte Papst Franziskus eine Messe mit Angehörigen der vatikanischen Wirtschaftsbetriebe -- in einer Werkhalle. Sicher wird es Leute geben, die das für eine tolle Idee halten. Man sehe sich aber unbedingt an, was Benjamin Leven, Redakteur der Herder Korrespondenz, dazu zu sagen hat. Ein Auszug:
"Warum um alles in der Welt sollte ein Arbeiter dort den Gottesdienst feiern wollen, wo er schon den ganzen Tag an der Drehbank steht? [...] Das Leben ist so oft von Anstrengung, Sorgen und Ärger bestimmt. [...] Da sollte der Gottesdienst unbedingt so schön und heilig wie möglich sein, um uns zu erheben und uns näher zu Gott zu führen. Er sollte darum auf keinen Fall an einem 'Ort des Alltags' stattfinden. Was soll dieser Unsinn?" 
Dem 5. Kapitel der Benedict Option - das ich in Kürze ausführlich auszuwerten gedenke, vielleicht aber auch erst nach dem Urlaub - verdanke ich den Hinweis auf eine Studie des Kulturanthropologen Paul Connerton über Rituale, die das kulturelle Gedächtnis einer Gesellschaft prägen. Connerton stellt darin fest, dass solche Rituale umso wirkungsvoller sind, je deutlicher sie sich vom Alltag abheben. (Oder hat irgend jemand ernsthaft gedacht, Priester würden sich nur deshalb Messgewänder anziehen, weil das vor Jahrhunderten mal so festgelegt wurde und man es versäumt hat, "mit der Zeit zu gehen"?)

Gleichzeitig betont Connerton aber auch, dass Rituale davon leben, in ihren wesentlichen Elementen stets unverändert zu bleiben. Dank einer Schilderung des Hl. Justin, eines frühchristlichen Apologeten und Märtyrers, wissen wir, dass die grundlegenden Elemente des christlichen Gottesdienstes in ihrem Inhalt und in ihrer Abfolge schon im 2. Jh. im Wesentlichen dieselben waren wie in der Katholischen Kirche und vielen anderen christlichen Konfessionen (einschließlich der evangelisch-lutherischen) noch heute. Aber in jüngerer Zeit trifft man immer mal wieder auf die Auffassung, man müsse den Leuten "mal was Anderes" bieten. Das ist, ich deutete es schon an, nicht unbedingt immer und überall falsch. Die Annahme, es sei grundsätzlich ein Gewinn, etwas anders zu machen, als die Leute es "gewohnt" sind, krankt allerdings an mehreren Missverständnissen. Zunächst einmal verkennt diese Annahme den von Connerton betonten Charakter von Ritualen. Wer mit einem Ritual vertraut ist, den langweilt es nicht, dass es immer dasselbe ist - ebensowenig wie es ein Kind langweilt, immer wieder dieselbe Gutenachtgeschichte zu hören. Im Gegenteil, genau das will das Kind - und zwar immer im exakt selben Wortlaut. Abweichungen werden gern vorwurfsvoll korrigiert. Ein anderer Aspekt ist, dass dem heutigen Menschen in der westlichen Welt die tradierten religiösen Rituale vielfach gar nicht mehr so vertraut sind. Nicht nur im kirchlichen Bereich, sondern in nahezu allen Bereichen der Kultur hat es in der Generation der Baby-Boomer einen massiven Traditionsbruch gegeben: Traditionen wurden verworfen, einfach nur, weil sie Traditionen waren. Die Folge ist, dass für die Kinder und Enkel der Baby-Boomer das Althergebrachte vielfach gerade nicht mehr das Bekannte und Vertraute ist - weil sie, wie es so unschön heißt, nie daran herangeführt wurden. Wenn man diesen Generationen etwas (für sie) "Neues" bieten will, könnte man es also eigentlich erst mal mit dem "Alten" versuchen. Das Problem daran ist, dass der Mensch, wie gerade eben ausgeführt, zumeist eben doch an dem hängt, was ihm vertraut ist. Auf diese Weise treten "neue Traditionen" an die Stelle von alten - was den offenkundigen Nachteil hat, dass die von der Baby-Boomer-Generation installierten "neuen Traditionen" zumeist wesentlich banaler und doofer sind als die der vorherigen zwei Jahrtausende. Rom wurde eben nicht an einem Tag erbaut. An dieser Stelle noch einmal ein Rückgriff auf den NWZ-Artikel zu den Strandandachten in Nordenham: Was genau soll da laut Pfarrerin Boelmann-Derra eigentlich stattfinden? "Wir wollen gemeinsam bekannte Lieder singen." Ah ja. Alles klar. Keine weiteren Fragen, Euer Ehren.

Aber eigentlich will ich ja gar nicht meckern. Heike Boelmann-Derra ist eine erfahrene Seelsorgerin und hat das Konzept der Strand-Abendandachten schon acht Sommer lang auf Langeoog praktiziert. Sie wird wissen, was sie tut. Wenn die Andachten, die für jeden Mittwochabend im Juli geplant sind, im August nicht fortgesetzt werden, werden meine Liebste und ich wohl keine Gelegenheit haben, uns selbst von ihrer Qualität zu überzeugen; aber das ist vielleicht auch nicht so schlimm.

Dazu, was derweil die katholische St.-Willehad-Gemeinde in Sachen Urlauberseelsorge so auf die Beine stellt, wollte ich eigentlich auch noch was schreiben, aber dieser Artikel ist wohl schon lang genug geworden. Daher sage ich an dieser Stelle mal: Alles Weitere später!


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