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Freitag, 22. September 2017

Die menschliche Natur, als Käsekugel betrachtet

Dem Adverb "bekanntlich" wohnt eine erstaunliche Kraft inne, noch die aberwitzigsten Behauptungen mit einer Aura des Beglaubigten, nicht Bezweifelbaren zu umkleiden. Würde jemand beispielsweise schreiben "Die katholischen Kirchenoberen haben über Jahrhunderte behauptet, die Erde bestehe aus einer Scheibe Schweizer Käse", würde sich wohl so mancher Leser am Kopf kratzen und sich fragen, ob das wohl stimmen kann. Schreibt man hingegen "Die katholischen Kirchenoberen haben bekanntlich über Jahrhunderte behauptet, die Erde bestehe aus einer Scheibe Schweizer Käse", dann bleibt dem kritischen Leser nur noch, sich zu fragen, wie es sein kann, dass ihm diese allgemein anerkannte Tatsache bislang unbekannt war. 

Aus welcher Kultur stammt dieses Kosmos-Modell? Tipp: Nicht aus der christlichen!
(Bildquelle hier.)  

Der zitierte Satz steht in einem Leserbrief einer Yvonne W. aus N. an die Tagespost, die so freundlich war, dieses bemerkenswerte Stück Prosa tatsächlich zu drucken - wobei ich einräumen muss, dass der "Schweizer Käse" auf das Konto von Bloggerkollege Peter geht, der mich erst auf Frau W.s Leserbief aufmerksam gemacht hat. Ansonsten steht der Satz aber wortwörtlich so da. 

Worum geht's aber denn nun eigentlich in dem Leserbrief? - Das ist gar nicht so leicht zu erkennen und auf den Punkt zu bringen, aber der Anlass ist jedenfalls der Abschied Friedhelm Hofmanns von seinem Amt als Bischof von Würzburg. Dem scheidenden Bischof Hofmann ruft Yvonne W. nach, er habe "sich bis heute nicht mit der Lebenswirklichkeit angefreundet" und "also nichts hinzulernen" gekonnt. Ah ja. Aber was hätte er denn, Yvonne W.'s bescheidener Auffassung nach, hinzulernen können oder sollen

Nun, zum Beispiel, dass "der Schöpfergott, so es ihn gab beziehungsweise gibt [!], uns Menschen nicht ausschließlich als heterosexuelle Wesen geschaffen hat, sondern auch als Menschen mit homosexueller oder anderweitiger Orientierung". Hat man so ähnlich auch anderswo schon gehört oder gelesen -- aber ist es nicht interessant, wie sich Frau W. auf einen Schöpfergott beruft, von dem sie gleichwohl nicht ganz überzeugt ist, dass es ihn überhaupt gibt? Man könnte sagen, das verweise in aller wünschenswerten Deutlichkeit auf die Aporie des handelsüblichen "Wenn es Gott gibt, dann muss er aber auch so und so sein"-Geschwafels: Einen Gott, der genau so ist, wie man ihn gerne hätte, den kann man sich vielleicht vorstellen, aber so richtig echt an dessen objektive Existenz zu glauben, das ist schwer. Denn objektive Existenzen haben es im Allgemeinen so an sich, dass sie sich nicht meinen Vorstellungen darüber, wie sie zu sein hätten, anpassen. 

Gleich darauf folgt dann der Punkt mit der Erde als Scheibe. Was soll der in diesem Zusammenhang beweisen? Dass die Kirche keinen besonders tiefen Einblick in das objektive Wesen der Dinge habe, dass von "göttlicher Erleuchtung oder Eingebung" also "keine Rede sein" könne. Denn während die Kirche noch an der Lehre von der Scheibenform der Erde festgehalten habe, habe die "moderne Wissenschaft [...] längst erkannt, dass der Erdball kugelförmig strukturiert ist". Äh, Moment. Die moderne Wissenschaft hatte längst erkannt... Seit wann gibt es denn überhaupt eine moderne Wissenschaft? (Noch dazu eine, die von der Kirche unabhängig war... Aber stopp, dieses Argument könnte nach hinten losgehen.) Es kommt aber noch besser: 
"So dürfte es eines Tages auch bei der Frage der menschlichen Sexualität kommen." 
Das heißt dann wohl: Eines Tages wird die moderne Wissenschaft erkennen, dass die menschliche Sexualität kugelförmig strukturiert ist. Was ja beispielsweise Aristophanes schon vor rund zweieinhalb Jahrtausenden wusste. 
"Ähnlich wird es sich mit der Frauenordination entwickeln." 
Ach so? Heißt das, die ist auch kugelförmig? Oder vielleicht doch eher aus Käse? 

Aber mal im Ernst. Falls jetzt der eine oder andere Leser kritisch anmerken möchte, es sei doch ein bisschen billig, sich über Yvonne W.s ungelenke Formulierungen und unausgegorene Gedankengänge lustig zu machen, muss ich einräumen: Ja, stimmt. Dieses Phänomen, kraft der eigenen Wassersuppe viel besser über Gott, die menschliche Natur, Gut und Böse und alle Dinge überhaupt bescheid zu wissen, als die Kirche es in 2000 Jahren hingekriegt hat, findet man schließlich auch bei erheblich gebildeteren und eloquenteren Leuten als der guten Yvonne, die sich ihre gesammelten Weisheiten schwerlich ganz allein ausgedacht haben wird. Etwa, dass "Jesus aus Nazareth, der Wanderprediger, [...] keinerlei 'schriftliche Erklärungen'" hinterlassen habe, "denn die sogenannten Evangelien wurden etwa 50 bis 150 [!] Jahre nach seinem Tod verfasst, in griechischer Sprache, also nicht in Galiläa oder Palästina" [wo natürlich kein Mensch Griechisch sprach oder gar schrieb, schon klar]. Das hat sie doch bestimmt von irgendwelchen "fortschrittlichen" Theologen! "Es handelt sich also immer nur um Menschenwerk, ob nun gut gemeint oder nur schlecht gemacht", schlussfolgert sie. Nun wird's aber schon wieder aporetisch. Versucht man, den "historischen Jesus", den "Wanderprediger aus Nazaret", von dem Christus, den die Kirche verkündet und zu dem sie sich bekennt, zu unterscheiden und gegen diesen auszuspielen, stößt man schnell an das Problem, dass man über diesen geheimnisvollen Wanderprediger überhaupt nichts weiß und auch nichts wissen kann. Denn die "sogenannten Evangelien" und sonstigen Überlieferungen der Kirche sind dann ja schon aus Prinzip unglaubwürdig, und andere Quellen... gibt es nicht

Was mich übrigens an einen Blogartikel von Antje Schrupp erinnert, den ich neulich zu meinem Ärger gelesen habe. Antje Schrupp ist übrigens keine Theologin, auch wenn sie manchmal ganz gern so tut (dasselbe könnte man auch von mir behaupten, daher ist es nicht ganz so böse gemeint, wie es vielleicht klingt). Wie dem auch sei: Unter der Überschrift "Kein Argument gegen den historischen Jesus" setzte Frau Schrupp sich jüngst mit der Behauptung auseinander, "immer mehr" Wissenschaftler würden "die historische Existenz Jesu in Frage stellen". Das hauptsächliche Argument für solche Zweifel an der Historizität Jesu sei der Umstand, "dass es keine nicht-christlichen zeitgenössischen Zeugnisse über Jesus gebe". Das, meint Antje Schrupp, sei allerdings "kein wirkliches Argument"; soweit würde ich ihr noch zustimmen. Weiter führt sie jedoch aus: 
"Jesus selbst war quasi 'nur' ein Wanderprediger unter vielen. Er war zwar der 'Erlöser', aber wegen seiner Ethik, seiner Lehre [...]. Die Erlösung, die 'gute Nachricht', war [...] ein Vorschlag, das Leben auf der Erde anders zu gestalten und sich nach anderen Kriterien zu verhalten als die ansonsten üblichen[.]"
Die christliche Religion, so meint Antje Schrupp, sei 
"natürlich inspiriert von Jesu Lehre. Aber Jesus selbst war an der Ausarbeitung dieser Theologie und dieses Gottesverständnisses nicht mehr persönlich beteiligt. Er war ja schon tot." 
Wie ich an anderer Stelle schon mal schrieb: Bei Manchem, was so an Thesen und Deutungsmustern durch den theologischen Diskurs geistert, würde ich mir ein Warnschild oder auch eine Lautsprecherdurchsage wünschen, welche besagt: 
"Achtung, Sie verlassen soeben den Boden des Christentums. Bitte achten Sie auf Ihr Gepäck." 
Leserbrief-Autorin Yvonne W. aus N. braucht diesen Hinweis freilich nicht: Die hat sich schon vor längerer Zeit dazu entschlossen, "dem offiziellen Christentum den Rücken zu kehren". Wohingegen Antje Schrupp meint (oder jedenfalls anno 2014 meinte): 
"Alles, was sich so nennt, ist das Christentum, ob uns das passt oder nicht. Man darf der Versuchung nicht nachgeben, festlegen zu wollen, was rechtmäßig dazu gehört und was nicht." 
 Also, ich muss sagen: Im direkten Vergleich zu solchen Weisheiten ziehe ich es dann doch vor, mich vom Honigtau der Erkenntnisse einer eingestandenermaßen ex-christlichen Leserbriefschreiberin erquicken zu lassen... 



Kommentare:

  1. Immerhin sind die Selbstaussagen dieser Yvonne (daß sie schon früher Behauptungen der Kirche für "vermessen" hielt und mittlerweile der Kirche den Rücken gekehrt hat, worüber sie keine Reue empfindet) mit hoher Wahrscheinlichkeit richtig. Man kann also nicht behaupten, der Artikel enthielte gar nichts Richtiges.

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  2. Das Modell Käse ist gar nicht so übel. Die Löcher hat der Feind hinein gebohrt. Und Gott lässt es reifen und füllt dieselben. Ja , ja mein Gepäck.

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  3. Und auf dem Friedhof der ausgelassenen Wortspiele liegt jetzt der Einleitungssatz:

    "Dem Adverb 'bekanntlich' wohnt *bekanntlich* eine erstaunliche Kraft inne..."

    Möge er in Frieden ruhen;-)

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  4. Übrigens passend zum Thema:

    "Es ist immer dasselbe. Ein Kreis."

    (so ungefähr einziger Satz der Titelrolle in "Yvonne, die Burgunderprinzessin" von Witold Gombrowicz. Nein, das ja ich mit nicht ausgedacht.)

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  5. Also... keine Theologen, nicht mal die modernistischsten, würden heute noch behaupten, dass die Evangelien 150 Jahre nach Jesus geschrieben wurden. Und wer stellt bitte schön die historische Existenz Jesu in Frage?

    - Crescentia.

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  6. Nicht Äußerlichkeiten oder ausschließlich Gefühle sind geschlechtsbestimmend, sondern das Gehirn ist das größte „Geschlechtsorgan“. Dort finden sich die wichtigsten, prägendsten und auch bereicherndsten, unüberbrückbaren Unterschiede zwischen Frau und Mann in den Bereichen „physiologische Abläufe“, „zentralnervöse Informationsverarbeitung“ und „genuinen, also angeborenen Denk- und Bewertungsprinzipien“. In Denk- und Bewertungsprinzipien, welche sich eben nicht einfach beispielsweise mit unterschiedlichen sozialen Erfahrungen in der Kindheit oder sonstigen sozio-kulturellen Einflüssen erklären lassen.
    Frauen haben z. B. mehr graue Gehirnzellen und weniger verknüpfende Nervenfasern im Gehirn: „Frauen können die einen Dinge besser, Männern die anderen; wir müssen lernen, einander zu helfen“.
    Damit und mit weiteren Unterschieden in den männlichen und weiblichen Gehirnen ist eine optimale Ergänzungsmöglichkeit der beiden Geschlechter trotz Konfliktstoff gegeben; Gleichheit kann sich höchstens addieren, Verschiedenheit kann wesentlich mehr erreichen müssen (siehe Buch: „Vergewaltigung der menschlichen Identität. Über die Irrtümer der Gender-Ideologie, 6. Auflage, Verlag Logos Editions, Ansbach, 2015: ISBN 978-3-9814303-9-4]

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