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Dienstag, 19. September 2017

Wie viele Leute passen auf den Platz der Republik?

Ein paar Tage nach dem Marsch für das Leben stellt sich wie jedes Jahr die Frage: Was sagen denn "die Medien" so? -- Josef Bordat, der dieses Jahr leider nicht selbst  mit von der Partie sein konnte, hat bereits am Samstagabend auf einen Bericht der Berliner Zeitung hingewiesen, in dem von "mehr als 1000 Abtreibungsgegner[n]" die Rede war, während die Zahl der Teilnehmer an zwei vom "Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung" und dem Bündnis "What the Fuck?" ausgerichteten Gegenveranstaltungen auf insgesamt etwa 3000 beziffert wurde. Dieselben Angaben fanden sich ursprünglich auch in einem Bericht des RBB, der inzwischen allerdings teilweise überarbeitet wurde: Jetzt heißt es dort: "Nach Polizeiangaben versammelten sich dort laut Polizei am Mittag mehrere tausend Menschen. Laut Katholischer Nachrichtenagentur waren es 7.500 Teilnehmer." Über weite Strecken nahezu wortgleich wurde dieser Bericht auch von der sächsischen (evangelischen) Kirchenzeitung Der Sonntag übernommen - die Angabe zur Teilnehmerzahl allerdings nicht; diese liest sich dort so: "Etwa 3000 christliche Abtreibungsgegner und sogenannte Lebensschützer zogen nach Polizeiangaben mit einem 'Marsch für das Leben' vom Reichstag durch Berlin-Mitte zum Brandenburger Tor." 

Mehr als 1000? Sicherlich. Aber wie viel mehr, ist doch wohl die entscheidende Frage! 
Vergleicht man diese verschiedenen Zahlenangaben miteinander, kann man feststellen, dass "mehr als 1000" in jedem Fall zutrifft; aber die entscheidende Frage ist doch: wie viel mehr als 1000? Nun muss ich leider sagen, dass ich sehr, sehr schlecht im Schätzen von Menschenmengen (oder überhaupt von Mengen) bin. Trotzdem kann ich ja mal meine Beobachtungen schildern. Ich war am Samstag schon gegen halb Zwölf auf dem Platz der Republik, und zu diesem Zeitpunkt waren da erst ziemlich wenige Leute, abgesehen von solchen, die auf die eine oder andere Weise an der Organisation des Marsches bzw. der Auftaktkundgebung beteiligt waren. Also schaute ich zu, wie sich der Platz nach und nach füllte, und noch gegen halb Eins fand ich, es seien noch nicht so richtig doll viele Leute. Aber um Eins war der Platz voll. Und der Platz der Republik ist nun nicht gerade klein. Wie viele Menschen mögen da wohl draufpassen, selbst wenn man die Fläche der Bühne, des Infopavillons und der abgesperrten Bereiche abzieht? Mit aller Vorsicht gesagt: Die Formulierung "mehrere tausend" vermittelt wohl einen realistischeren Eindruck als "mehr als tausend"

Aber es kommt ja nicht nur auf die Teilnehmerzahl an. Was schreibt die Journaille denn sonst noch so über den Marsch? -- Im obigen Zitat aus der Kirchenzeitung Der Sonntag ist vielleicht dem einen oder anderen Leser schon die Formulierung "sogenannte Lebensschützer" aufgefallen. Wörtlich so stand's auch beim RBB. Nun hätte ich zwar eigentlich gedacht, in neutral sein wollender Berichterstattung (im Unterschied zu dezidierten Meinungsbeiträgen) hätten Vokabeln wie "sogenannte" (womit ja suggeriert wird, die Bezeichnung sei eigentlich unzutreffend) gar nichts zu suchen, aber diese Einstellung ist wohl ziemlich 90er. Wundern muss man sich übrigens auch nicht, dass der Evangelische Pressedienst (epd), der für den besagten Artikel verantwortlich zeichnet, dem Marsch für das Leben nicht wohlgesonnen ist. Schließlich befindet sich der epd in der Trägerschaft der EKD und deren Teilkirchen, und die legen ja schon seit Jahren größten Wert darauf, sich von den "sogenannten Lebensschützern" abzugrenzen.

Aber natürlich können andere Publikationen das noch toppen. Die taz etwa stellt sich in einem Artikel mit der Überschrift "Bunt und laut gegen weiße Kreuze" von vornherein explizit auf die Seite der Gegendemonstranten und schwärmt:
"Überall fliegen lila Luftballons herum, Regenbogenfahnen schwingen am Himmel und feministischer HipHop dröhnt aus dem Lautsprecherwagen. Die AbtreibungsgegnerInnen werden an den Seitenstraßen mit Trillerpfeiffen und 'My body, my choice'-Sprechchören empfangen. Ihr Ziel eines stillen Trauermarsches konnten sie nicht erreichen."  
Das Neue Deutschland zeigt ein Foto von einem zerbrochenen Holzkreuz und titelt dazu "'Lebensschützer' marschieren gegen die Rechte von Frauen"; "christlich-fundamentalistische Abtreibungsgegner und politische Unterstützer aus rechtskonservativen Kreisen", so lässt man die Leser wissen, träfen sich "zu ihrem sogenannten Marsch für das Leben".  Den Vogel schießt jedoch "Bento", das Spiegel-Online-SpinOff für die Zielgruppe der 18-30jährigen, ab. "So stellen sich Menschen in Berlin Abtreibungsgegnern in den Weg", lautet da die Überschrift - super, nicht? Auf der einen Seite Menschen, auf der anderen Abtreibungsgegner. Die Sympathien sind klar verteilt, was will man mehr. Im Teaser-Absatz wird behauptet, beim Marsch für das Leben würde "gegen das in Deutschland existierende Recht auf Abtreibung" demonstriert. Noch einmal langsam zum Mitschreiben: Es wird behauptet, in Deutschland existiere ein Recht auf Abtreibung. Da fällt es schon ziemlich schwer, nicht das L-Wort in den Mund zu nehmen.

Warum, so möchte man fragen, diese Lügen, diese Scheingefechte, diese Verdrehungen? Warum werden ausgerechnet Lebensschützer so sehr diffamiert? -- Sicherlich gibt es auf diese Frage mehr als eine richtige Antwort, aber die Antwort, die ich bevorzuge, lautet: Weil sie den Finger in eine sehr, sehr schmerzhafte Wunde legen. Weil sie auf ein himmelschreiendes Unrecht - die massenhafte grausame Tötung wehrloser Kinder - aufmerksam machen, das Andere lieber ausblenden oder zumindest so tun möchten, als wäre es keins. Ein Aspekt, der hierbei, wie ich glaube, oft unterschätzt wird, ist das Ausmaß der persönlichen Betroffenheit. Dabei kann man sich das eigentlich ganz leicht vor Augen führen: Wenn es laut offiziellen Zahlen in Deutschland jährlich etwas über 100.000 Abtreibungen gibt, dann kommen wir in einem Zeitraum von 20 Jahren auf mehr als 2 Millionen getötete Kinder. An diesen über zwei Millionen Abtreibungen in 20 Jahren waren aber jeweils nicht nur die schwangere Frau und das medizinische Personal, das den Eingriff durchführte, beteiligt, sondern in wahrscheinlich den meisten Fällen auch noch mehrere weitere Personen, die die schwangere Frau mehr oder weniger massiv zur Abtreibung gedrängt oder ihr zumindest dazu geraten haben - in vielen Fällen wohl der Kindsvater, in anderen Fällen Familie, Freunde oder das berufliche Umfeld der Schwangeren. Macht man sich das bewusst, kommt man auf eine sehr, sehr große Zahl von Personen, für die die Frage nach der ethischen Bewertung von Abtreibung sehr "close to home" ist.

Aus gutem Grund kommen deshalb bei der Kundgebung zum Marsch für das Leben regelmäßig auch Betroffene zu Wort. In diesem Jahr handelte es sich um ein junges Paar, das zu einem sehr frühen Zeitpunkt der Beziehung mit einer ungewollten Schwangerschaft konfrontiert worden war. Beide berichteten, praktisch ihr gesamtes Umfeld habe ihnen daraufhin suggeriert, so eine ungewollte Schwangerschaft sei ja "nicht so schlimm", schließlich könne man ja abtreiben. Ihnen wurde auch eingeredet, das, was da in der Gebärmutter der jungen Frau heranwachse, sei "noch kein Kind", sondern nur "Gewebe", das man ruhig "wegmachen" könne - das habe nichts mit Töten zu tun. Die Frau hatte übrigens schon früher einmal eine Abtreibung gehabt - und diese, wie sie berichtete, emotional nie richtig verarbeitet, sondern vielmehr verdrängt. Bei der zweiten Abtreibung kam dieses Verdrängte dann mit voller Wucht wieder hoch. Ich brauche hier wohl nicht weiter ins Detail zu gehen, um deutlich zu machen, worauf ich hinaus will: Nach einer Abtreibung sich selbst und anderen einzugestehen "Diese Entscheidung war falsch", erfordert großen Mut, aber es kann seelisch heilsam sein. Ein in der öffentlichen Debatte selten erwähnter, aber gar nicht unbedeutender Teil der Arbeit von Lebensschutzinitiativen besteht darin, Frauen, die abgetrieben haben, dabei zu helfen, mit ihren Schuldgefühlen fertig zu werden. Auch beim Abschlussgottesdienst zum Marsch für das Leben wird stets explizit für von Abtreibung betroffene Frauen gebetet. Die oft gehörte Behauptung, die Lebensschutzbewegung würde diese Frauen "stigmatisieren" oder gar "verdammen", ist somit ein ziemlich bizarrer Vorwurf - allerdings einer, der auch jenseits des Themas Abtreibung immer mal wieder gegen Christen erhoben wird, wenn sie es wagen, dieses oder jenes als Sünde zu bezeichnen. Das ist nun allerdings ein Thema für sich. An dieser Stelle will ich nur sagen: Schuld zu leugnen und Schuldgefühle folgerichtig zu verdrängen, ist eine sichere Methode, die seelische Wunde nicht verheilen zu lassen. Und dass man dann aggressiv reagiert, wenn jemand an diese Wunde rührt --- ja, das ist durchaus verständlich.



Man könnte noch sehr viel mehr dazu sagen, aber da ich immer wieder von Lesern zu hören bekomme, meine Artikel wären leichter lesbar, wenn sie nicht ganz so lang wären, mache ich hier erst mal einen Punkt. Eine heute Vormittag auf Facebook geführte Debatte mit einer Lebensschutz-Gegnerin ist dann vielleicht eher ein Thema für einen eigenständigen Artikel...



Kommentare:

  1. Es ist übrigens insofern nicht ganz unlogisch, daß die EKD mit den Lebensschützern nichts zu tun haben will.

    Ich sage das nicht aus Protestantenfresserei. Selbstverständlich ist die Verwerflichkeit der Abtreibung jedem einsichtig, so auch dem Protestanten (und dem Linken und dem Säkularen).

    Aber die Protestanten haben keine Beichte mehr; haben sie schon seit Luther nicht mehr. Und wo in - entlehnen wir das Wort einmal dem englischen Raum - hochkirchlichen Bewegungen innerhalb des Protestantismus eine Beichte wieder eingeführt wird, scheint es sich um ein Gebilde zu handeln, bei dem erstens teilweise *offiziell empfohlen* wird, statt konkreter Sünden ein allgemeines Bekenntnis zur Sündhaftigkeit des Menschen abzulegen, und bei dem zweitens, wenn doch jemand Sünden bekennt, man darunter Dinger versteht, die eine Gouvernante mit einem "du gäi, des macht ma fei net" zu beantworten gewohnt ist, also im Grunde gar keine wirklichen Sünden, wenn man's mal genau nimmt.

    Offensichtlich hinüber, offensichtlich herüber: um sich gegen Abtreibung wenden zu können, braucht es anscheinend ein Mittel, das geschehene Unrecht aus der Welt zu schaffen. Sonst könnte man das gar nicht aushalten.

    Was vielleicht einer der Sinne von dieser mich schon lange faszinierenden Bibelstelle ist (ich kenne sie nur in der deutschen Übersetzung und weiß daher nicht, ob das so korrekt ist): "Beim Herrn ist Vergebung, damit man in Ehrfurcht ihm dient."

    "damit". Nicht "weil" (weil ihr in Ehrfurcht dient, werden auch auch die Sünden vergeben), was in die semipelagianische Richtung ginge, und auch nicht "obwohl man nicht" (was der rechtgläubige Christ vielleicht erwarten würde): damit!

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    1. Sehr gut dargelegt! Da ist sicherlich was dran.

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    2. Leider muss ich widersprechen die Aussagen sind pauschalisierend und falsch, denn "die Protestanten" gibt es schon mal nicht.

      In den reformierten Kirchen und auch den lutherischen Kirchen, die ich kenne, dazu gehören die Landeskirchen und die SELK wird sehr wohl gebeichtet und das in jedem Gottesdienst in der SELK wird zumeist vor dem Abendmahl noch einmal eine extra Beichtliturgie abgehalten.

      Die Aussage die Beichte gibt es schon seit Luther nicht mehr ist also komplett fasch!

      Ich empfehle also dem Schreiber seine Aussagen mal zu korrigieren, sich mit lutherischer Kirche, bzw. dem Protestantismus ausgiebiger zu beschäftigen und nicht weiter Falschbeahuptungen und Verleumdungen in die Welt zu setzen und somit seine Abneigungen gegen den Protestantismus auszuleben, denn er versündigt sich gerade an seinen Geschwistern!

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    3. @Unknown:

      Ein Bußgottesdienst oder ein allgemeines Schuldbekenntnis ist aber etwas ganz Anderes als eine persönliche Beichte; oder findet so was vielleicht im Gottesdienst statt? Das war hier gemeint.

      @Imrahil:

      That said, es gibt natürlich genügend Protestanten, die sind gegen Abtreibung (tendenziell ja eher in den Freikirchen), und nehmen auch ohne Beichte die Vergebung der persönlichen Sünden, wozu Abtreibung gehören kann, ernst. Die verpassen auch Vorteile der Beichte, aber ohne jedes Konzept der Sündenvergebung sind sie ja offensichtlich nicht. Ich glaube nicht, dass die neuere Einstellung der Lutherischen zu dem Thema Abtreibung was damit zu tun hat; es ist ja eine neue Einstellung, die sie erst seit ein paar Jahrzehnten haben.

      Faszinierende Stelle.

      - Crescentia.

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    4. Nö, ich versündige mich nicht. Irrtum, wenn es denn einer wäre, ist keine Sünde. Vereinfachende Darstellung ist auch keine Sünde. Wenn sich hier überhaupt jemand versündigt, dann jemand, der dem Diskussionsgegner, bloß weil er widersprechen will, gleich einer Sünde bezichtigen muß, statt einfach "Das ist falsch" zu sagen!

      Daß übrigens der Kommentar nicht aus Abneigung gegen den Protestantismus erfolgt ist, habe ich oben ausdrücklich gesagt. Es stimmt auch. Der Antwortende darf mir ruhig glauben: Wenn ich etwas aus Abneigung gegen den Protestantismus schreiben würde à la "und das ist natürlich wieder **typisch** protestantisch", dann hätte ich *keinerlei* Probleme, das auch zu tun. ;-) Das ist hier nicht der Fall gewesen. Daß die Protestanten eigentlich gegen Abtreibung sein müßten, offiziell ja nebenbei bemerkt auch sind, ist jedem Protestanten klar und es ist auch jedem Katholiken klar. (Wir Katholiken rekurrieren natürlich in Fragen weltlicher Gesetze wie diesem hier gern aufs Naturrecht - und auch naturrechtlich ist die Verwerflichkeit der Abtreibung allerseits eingesehen). Es ging mir vor diesem Hintergrund *wirklich* um den Versuch einer Erklärung, wie denn bitteschön die armen Protestanten zu ihrer unverständlichen Haltung kommen, mit den Lebensschützern nichts zu tun haben zu wollen. Wenn es dem Antwortenden lieber ist, kann ich aber auch gern noch ein bißchen auf sie schimpfen.

      Und *natürlich* gibt es "die Protestanten". Daß es innerhalb des Protestantismus jede Menge Meinungen gibt, die sich teilweise ähnlich scharf streiten wie der Protestantismus und die katholische Kirche, ist mir bekannt, ändert aber nichts daran, daß es natürlich "den Protestantismus" durchaus gibt. Ich hatte im übrigen, wenn auch nicht ausdrücklich - nein, das muß man nicht - so doch offenkundig gesagt, was ich hier mit "die Protestanten" in einem deutschen Zusammenhang meine, nämlich die EKD.

      Ich könnte mich jetzt damit "herausreden" und sagen, nun, die Protestanten (sic) haben auf alle Fälle keine im Sinne des Sakraments *gültige* Beichte, und letztlich wird in hinreichend vielen Fällen das *echte* Sakrament doch gefühlsmäßig von stärkerer Wirkung als die bloße *Illusion* eines Sakraments sein, wenn auch der Pseudopönitent echt daran glaubt, als die Placebowirkung gewissermaßen.

      Damit hätte ich also schon einmal recht.

      Ich habe aber natürlich nicht nur das gemeint, sondern auch, daß überhaupt das Beichtwesen, Gültigkeit hin und her, im Protestantismus (will heißen: im deutschen EKD-Protestantismus, zu dem die SELK schon einmal gar nicht gehört) nicht vorkommt - und wenn, dann anders, vereinzelt, und in anderem Sinn.

      War das falsch?

      Nein.

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    5. (Fortsetzung)

      Es ist richtig, daß die Lutheraner offiziell irgendwo was lehren, was die Beichte vorsieht. Aber: mit "Beichte" meine ich ein persönliches Bekenntnis konkret begangener Sünden, auf das eine Absolution folgt (kein allgemeines Schuldbekenntnis der Gesamtgemeinde), und bitte welcher Lutheraner legt sowas ab und hält es nicht für was Katholisches? Ich erlaube mir in diesem Fall, aus Wikipedia mal einen wissen Herrn Hertsch zu zitieren: "Es gibt auch in der evangelischen Kirche Menschen, die regelmäßig zur Beichte gehen […] Die Beichte hat in früheren Zeiten andere Formen gehabt, die uns heute fremd wären. Sie ist im Lauf der Geschichte auch missverstanden und missbraucht worden und so in Verruf gekommen. Sie hat in der römisch-katholischen Kirche einen viel festeren Platz als bei uns und gilt deshalb vielen als ‚typisch katholisch‘. Aber all das ändert nichts daran," usw. usf. Brauch' ich noch was hinzuzufügen? Deutlicher könnte nicht zwischen den Zeilen stehen, daß die Beichte quasi nicht vorkommt, obwohl sie per Theorie eigentlich vorkommen sollte.

      Calvin ging ja darüber hinaus, die Beichte sei als Zugeständnis an den Schwachen im Glauben gestattet, aber eigentlich sinnlos und systemwidrig. (Es gibt übrigens durchaus Katholiken, die dann sagen: "wenn Luther Recht hätte, dann hätte auch Calvin Recht" und sich auch deswegen berechtigt fühlen, den Protestantismus von außen als Einheit zu betrachten; daß das aus dem sola fide et gratia im Lutherschen Sinn (also: non per sacramentum), wenn es denn stimmen würde, ziemlich genau so folgen würde kann man ja sehr deutlich sehen. Und wer gebraucht schon gern ein Zugeständnis an die Schwachen im Glauben, daß eigentlich systemwidrig ist?

      Übrigens erinnere ich mich an einen Abschnitt von Goethe, ich glaube "Aus meinem Leben" (leider ohne Zitat), wo er sich als Protestant das bedauert, daß man bei der damals noch üblichen lutherische Ohrenbeichte offiziell bloß eine allgemeine Feststellung der condicio humana post lapsum herunterbetete und eben nicht die konkreten Sünden; letzteres sei katholisch, aber vielleicht doch das bessere.

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    6. @Crescentia, ja gewiß. Wie gesagt, eigentlich ist "gegen Abtreibung zu sein" selbstverständlich und insbesondere auch für Protestanten selbstverständlich. Umso mehr verwundert mich - nicht, daß es protestantische Lebensschützer (aktive) und Lebensschutzbefürworter gibt, denn daß meine Abneigung gegen Protestantismus hier eben *keine* Rolle spielt, zeigt sich am besten darin, daß ich das für Selbstverständlichkeiten halte: sondern daß die EKD sich sonst schon schwer tut.

      Danke für den Hinweis noch, ich hatte es oben schon gesagt, aber es könnte untergehen: Daß die Protestanten ein *Confiteor* haben, habe ich nie bestritten (und daß sie das Confiteor wohl manchmal "Allgemeine Beichte" nennen, wußte ich nicht, es bleibt dadurch aber eben ein Confiteor). Ich habe bestritten, daß sie in nennenswertem Umfang heute und seit Jahrhunderten eine Beichte der persönlichen Sünden (und nicht des allgemeinen Sünderseins) haben.

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    7. @Imrahil:

      Ich glaube, das Problem bei der EKD ist, dass "gegen Abtreibung sein" für sie nicht mehr selbstverständlich ist. Ich weiß nicht, ob man da besonders tiefe Gründe suchen muss - vielleicht ist es einfach nur das banale "Die Welt wird schon recht haben", womit die evangelische Kirche ja eine gewisse Tradition hat, weil sie keine eigene verlässliche, autoritative Tradition hat. Zu Bismarcks und Kaiser Wilhelms Zeiten war man halt deutsch-national, in den 50ern gegen die Wiederbewaffnung, und heute mag man es nicht, wenn über Abtreibung so geredet wird, als wäre das was Schlimmes.

      - Crescentia.

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  2. Meine Frau arbeitet seid 30 Jahren in einer Werkstatt für Behinderte. Bei einer Betriebsversammlung 2017 wurde darüber gesprochen, dass man um jeden Behinderten kämpfen wird. Zumindest was die Erhaltung der Arbeitsplätze angeht. Ohne Behinderte keine Zuschüsse vom Staat oder vom Land. Es gab dort immer einen gewissen Anteil an Menschen mit dem Down-Syndrom, mit denen meine Frau immer sehr gerne gearbeitet hat. Das hat nun ein Ende. Als meine Frau die vorgeburtliche Diagnostik und die damit verbundene Tötung von Kindern mit Trisomie ansprach, erntete sie verständnisloses Kopfschütteln und Unverständnis. Machen wir uns nix vor: Der Teufel hat ganze Arbeit geleistet und nur das Gebet und das Aussprechen der Wahrheit wird uns retten. Wird meine Frau auch noch in 5 Jahren aussprechen können was sie heute kann, ohne ihren Arbeitsplatz zu gefährden? Die Angst geht um.

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  3. Wer dort war (ich war selber da) hat erlebt: es waren mindestens so viele Teilnehmer wie 2016! Aber unbequeme Fragen müssen eben kleingeredet, bzw. hier "kleingeschrieben" werden. Sonst müsste man sich ja mit dem Anliegen des Marsches befassen. Übrigens: die Redaktionen wissen schon, warum nicht life im Fernsehen übertragen wird: da könnte sich doch jeder selber ein Bild machen ...

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