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Sonntag, 19. November 2017

Eine geistliche Bankrotterklärung




Liebe Hörerinnen und Hörer, 

um welche Uhrzeit gehen Sie üblicherweise in die Sonntagsmesse? Gibt es in Ihrer Ortspfarrei verschiedene Termine zur Auswahl? Wie lange dauert die Messe in Ihrer Pfarrei durchschnittlich, und wann kommt bei Ihnen sonntags das Mittagessen auf den Tisch? Und wenn der Pfarrer mal etwas länger predigt als gewöhnlich, wird es dann zeitlich „eng“ für Sie? 

Vielleicht erscheinen Ihnen diese Fragen banal, und das könnte ich Ihnen nicht verübeln; aber es gibt Menschen, die sich sehr ernsthaft beruflich mit solchen und ähnlichen Fragen befassen. Pastoraltheologen und Religionssoziologen zum Beispiel. 

Einer von diesen ist Detlef Pollack, Professor für Religionssoziologie im Rahmen des „Exzellenzclusters Religion und Politik“ an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Jüngst hielt Pollack in Bonn bei der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) einen Vortrag über die Frage, wie man den Sonntagsgottesdienst für eine größere Zahl von Menschen attraktiver machen könne. Bedenkt man, dass in den Teilkirchen der EKD nur rund 3% der Mitglieder regelmäßig am Sonntagsgottesdienst teilnehmen, begreift man die Dringlichkeit dieser Frage. Die katholische Kirche in Deutschland mobilisiert allsonntäglich gut dreimal so viele Gläubige; dennoch ist auch das natürlich keine befriedigende Quote. Somit überrascht es nicht unbedingt, dass Pollacks Vortrag auch auf katholischer Seite auf Interesse stieß; das Online-Portal katholisch.de, das Kölner Domradio und andere katholische Medienformate berichteten darüber. 


Was hatte Professor Pollack nun aber im Einzelnen zum Thema zu sagen? Dass „Menschen wegbleiben“, so erklärte er gegenüber der Synode, liege „vor allem daran, dass sie am Sonntagvormittag schlichtweg anderes zu tun haben, das ihnen wichtiger ist“. Das mag rein faktisch wohl zutreffen; die Konsequenzen, die er daraus zieht, darf man allerdings wohl einigermaßen bizarr finden. Polemisch zugespitzt: Wenn es zu wenige Menschen gibt, denen der Sonntagsgottesdienst wirklich wichtig ist, muss man, um die Kirchen voller zu kriegen, denen gegenüber Zugeständnisse machen, denen er nicht so wichtig ist. Und was für Zugeständnisse sollen das sein? – „Man erleichtere es Menschen, am Gottesdienst teilzunehmen, wenn er kürzer sei“, meint Pollack; konkret gesagt: keinesfalls „länger als 50 oder 60 Minuten“. 

Ginge es hier nicht um die Kirche, sondern um irgendeinen Anbieter von Waren oder Dienstleistungen, müsste man sich fragen: Wie verzweifelt, wie wenig überzeugt von seinem Produkt muss ein Anbieter sein, um mit dem Argument zu werben „Wenn es euch nicht gefällt, ist es wenigstens schnell vorbei“? Macht sich eine solche Einstellung gegenüber dem eigenen „Angebot“ aber innerhalb der Kirche breit, ist das im Grunde noch dramatischer. 

Folgerichtig betont die Redakteurin Gabriele Höfling in einem Kommentar auf katholisch.de, damit die Sonntagsmesse für die Menschen attraktiver werde, müsse sie nicht kürzer werden, sondern besser. „Will die Kirche den Wettbewerb um die knappe (Wochenend-)Zeit der Menschen häufiger gewinnen, dann darf sie beim Gestalten der Gottesdienste kein Potential ungenutzt lassen.“ 

Im Bistum Essen ist man diesbezüglich schon einen Schritt weiter. Dort wurde bereits im Oktober ein „Feedback-Projekt zur Gottesdienstqualität“ gestartet: Die Liturgiereferentin Nicole Stockhoff und der Pfarrer Sven Christer Scholven haben einen Fragebogen erarbeitet, anhand dessen die Gottesdienstbesucher bewerten können, „ob sie 'die Gebete gut mitbeten' konnten, der Inhalt der Feier 'zu meinem Leben und Glauben' passte oder 'mich getröstet / mir Mut gemacht' hat“, heißt es in einem Bericht der Katholischen Nachrichtenagentur KNA. „Auch zur Qualität der Predigt, der Sprache und der Musik können sich die Menschen äußern.“ 

Sehen wir einmal davon ab, dass ein solches „Feedback-Projekt“ naturgemäß nur diejenigen erreichen kann, die sowieso schon da sind, und somit lediglich der „Bestandskundenpflege“ dienen kann – darauf komme ich noch zurück. Noch problematischer erscheint es, dass die zitierten Punkte des Fragebogens den Fokus eindeutig auf die Befindlichkeiten des Einzelnen richten – und nicht auf Gott. Was bei diesem individualistischen Ansatz völlig unter den Tisch fällt, ist ausgerechnet das, was nach katholischem Verständnis eigentlich der zentrale Punkt der Heiligen Messe sein sollte: das Sakrament der Eucharistie. Man ist geneigt zu sagen: Würden die Größe, die Tiefe und vor allem die Heilsrelevanz des heiligen Messopfers auch nur ansatzweise begriffen, müsste man eigentlich zu dem Schluss kommen, dass alles, was man diesem an „Gestaltungselementen“ hinzufügen könnte, letztlich nur nebensächlich sein kann. Damit soll nicht gesagt sein, dass es prinzipiell überflüssig wäre, sich über Gestaltungsfragen Gedanken zu machen; man sollte sich aber der Grenzen dessen bewusst sein, was man allein auf dem Weg der Gestaltung erreichen kann. 

Natürlich kann man – um ein Beispiel zu nennen, das abwegig klingen mag, aber beispielsweise in evangelikalen Kreisen durchaus im Kommen ist – im Foyer der Kirche eine Espresso-Bar eröffnen. Aber was wäre damit gewonnen, wenn die Leute nur wegen des Espressos kommen, aber nicht wegen Gott

Hinzuzufügen wäre, dass dieser Ansatz, den Gottesdienst in ein marktkonformes Konsumprodukt zu verwandeln, nicht einmal unter seinen eigenen Prämissen funktioniert. Die Leute werden nämlich nicht für den Espresso kommen – den sie schließlich auch woanders, und dort wahrscheinlich sogar besser, bekommen können –, wenn man ihnen nicht begreiflich machen kann, dass sie im Gottesdienst etwas viel Wertvolleres und Einzigartigeres finden können: die Begegnung mit Jesus Christus in Wort und Sakrament. Dasselbe gilt übrigens auch für Detlef Pollacks Ansatz, die Gottesdienste attraktiver zu machen, indem man sie kürzer macht: Wem grundsätzlich nicht einsichtig ist, weshalb der sonntägliche Gottesdienstbesuch seine Zeit wert sein sollte, den wird man ebenso wenig für 50 Minuten in die Kirche locken können wie für 90. 

Wohlgemerkt: Eine Konzentration der Kirche auf ihr „Alleinstellungsmerkmal“, wie ich sie hier anmahne, darf nicht einfach eine Marketing-Maßnahme sein; vielmehr muss die Kirche sich deshalb darauf konzentrieren, den Menschen die Begegnung mit Jesus Christus in Wort und Sakrament zu ermöglichen, weil das nun mal ihr Auftrag ist. Es ist ausgesprochen frappierend, wie wenig dieser Gedanke in der Argumentation eines Detlef Pollack präsent ist. „Die Verbreitung des Evangeliums an alles Volk mag theologisch geboten sein“, räumt er zwar ein, fügt aber hinzu: „Unter zweckrationalen Gesichtspunkten ist es effektiver, sich vor allem um diejenigen zu kümmern, die in der Kirche sind, genauer, noch in der Kirche sind und an ihrem Rande stehen.“

Diese Berufung auf „Zweckrationalität“ ist nichts Geringeres als eine geistliche Bankrotterklärung. Zwar ist es eine gängige Unternehmensberater-Weisheit, dass es effizienter sei, seine Ressourcen für Bestandskundenpflege einzusetzen als für Neukundengewinnung; eine Kirche aber, die dieser Logik folgt, verfehlt ihren göttlichen Auftrag und kann keine missionarische Kraft entfalten, sondern ist dazu verdammt, stets auf die Befindlichkeiten und Eitelkeiten ihrer „Stammkundschaft“ Rücksicht zu nehmen und auf unbequeme Botschaften lieber zu verzichten. 

Dabei ist es eben der Auftrag der Kirche, nicht das zu verkündigen, was die Menschen gern hören wollen, sondern Jesus Christus zu verkündigen. Und der ist nun einmal, wie schon der greise Simeon bei der Darstellung im Tempel voraussah, „ein Zeichen, dem widersprochen wird“. In Johannes 6 lesen wir, wie Jesus Christus nach einer Predigt in der Synagoge von Kafarnaum einen großen Teil Seiner Anhängerschaft verlor. „Was er sagt, ist unerträglich. Wer kann das anhören?“, murrten viele Seiner Zuhörer. Modifizierte Jesus daraufhin Seine Botschaft, um sie „attraktiver“ zu machen? Nein; stattdessen fragte Er Seine Jünger nur: „Wollt auch ihr weggehen?“ Stellvertretend für die Zwölf Apostel antwortete Simon Petrus:„Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens.“ Und aus denen, die blieben, ist die Kirche entstanden. Kein Wunder, dass auch sie in ihrer Geschichte immer wieder die Erfahrung gemacht hat, dass die Wahrheiten, die sie verkündet, nicht gern gehört werden.

Untergegangen ist die Kirche in 2000 Jahren dennoch nicht, und das wird sie auch nicht, solange sie daran festhält, Kirche Jesu Christi zu sein. Ist sie das nicht mehr, dann ist sie überhaupt nichts mehr; oder allenfalls noch ein mehr oder weniger schlecht organisierter Dienstleistungsanbieter auf dem Markt für Spiritualität und Lebenshilfe, den als solchen aber im Grunde kaum noch jemand braucht – und umso weniger braucht, je weniger sein „Angebot“ sich von anderen auf diesem Markt unterscheidet. 

Ihnen, liebe Hörerinnen und Hörer, wünsche ich, dass Sie sich an diesem Sonntag ausreichend Zeit für die Begegnung mit Christus nehmen können. Auch wenn es länger als eine Stunde dauern sollte. 



Kommentare:

  1. Meine Frau und ich konnten uns am Sonntag ausreichend Zeit für die Begegnung mit Christus nehmen. Auf dem Nachhauseweg in Vorfreude auf eine leckere Tasse dampfenden Kaffee und Tee, begegneten wir einem Jogger, der bei einer Außentemperatur von 5 Grad und in strömenden Regen unser Bedauern hatte. Auf den mitleidenden Blick meiner Frau meinte ich: Wir haben den besseren Teil gewählt. Der soll uns nicht genommen werden. Danke für diesen erhellenden Artikel. Auch im Namen meiner Frau. Was genau macht eigentlich ein Religiossoziologe? Logisches Denken fällt wohl nicht darunter.

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    1. Und wenn der am Vorabend war?

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    2. Was war am Vorabend? Ich steh wohl auf der Leitung.

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    3. Der Jogger in der Kirche.

      Oder er war in der Frühmesse, wenn ihr z. B. im Hochamt am späten Vormittag wart, und ist nachher laufen gegangen.

      Und jetzt tut er etwas für die Gesundheit seines Körpers und freut sich auf das wohlige Gefühl, etwas geschafft zu haben, und auf das alkoholfreie Weißbier danach. Oder das alkoholische. Es ist ja Sonntag.

      Vielleicht hat er nebenher auch einen Rosenkranz gebetet, wie es viele gläubige Hobbysportler tun.

      (My point was... something about jumping to conclusions.)

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    4. Wenn ich den Sportsmann nicht kennen würde, träfe dies alles wohl zu. Dann wären meine Schlussfolgerungen reine Spekulation und wohl auch teilweise falsch.

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  2. "...wenn man ihnen nicht begreiflich machen kann, dass sie im Gottesdienst etwas viel Wertvolleres und Einzigartigeres finden können: die Begegnung mit Jesus Christus in Wort und Sakrament."

    Ich glaube ja mittlerweile, dass man das Leuten, die keine oder nur mehr eine sehr lose,feiertagschristliche Bindung zur Kirche haben, wirklich kaum(mehr) begreiflich machen kann. Es ist, als würde man intensiv, langsam und wohlgesetzt Swahili mit jemandem sprechen, der nur Hindi kann. Da ist der Ansatz, die Leute über Lebenshilfeservices schlicht mal zur Türe reinzulocken vielleicht nicht der Verkehrteste.

    Aber zum Trost: ich las auf cyber-coenobites einen Blogpost darüber (den ich jetzt nicht mehr finden konnte, um ihn zu verlinken), dass schon im 19. Jh. über den Rückgang der Kirchenbesucher aus den Working classes gejammert wurde. Die waren wohl damals schon größtenteils relativ areligiös. Also kein ganz neues Problem.

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    1. Damals schon... oder damals, und heute wieder, und zwischendrin nicht.

      Den "Ansatz, die Leute über Lebenshilfeservices schlicht mal zur Türe reinzulocken" halte ich für legitim, das versteht sich, aber aus Gründen, die ich vielleicht später noch ausführe, für praktisch nicht zielführend.

      Da ist die Espressomaschine, oder besser das Nach-Meß-Weißwurstfrühstück, noch die erfolgversprechendere (und jedenfalls sympathischere) Variante.

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    2. es gibt freilich mindestens drei verschiedene Arten von "nicht ganz neu":

      1. war früher schon so und ist dabei geblieben,

      2. war früher so, zwischenzeitlich nicht, jetzt ist es wieder so, und

      3. war früher allenfalls in Ansätzen vorhanden und wurde überdramatisiert, ist aber jetzt ein echtes Problem... also so wie das Verhalten des deutschen Soldaten, dem im Ersten Weltkrieg vom Feind auf wohl doch eher stark übertreibender Grundlage alle möglichen bestialischen Verbrechen zugeschrieben wurden und der im Zweiten Weltkrieg dann tatsächlich alle diese und noch mehr begangen hat.

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    3. Ich habe leider den Artikel mit dem Zitat zum Thema nicht mehr gefunden, aber die Quelle klang schon dramatisch - so nach dem Motto: die Kirchen sind sonntags in den Arbeitervierteln leer...
      ich glaube, man neigt dazu, die individuelle Gläubigkeit zu überschätzen, trotz intensiver Durchdringung der Gesellschaft mit christlichem Gedankengut, Glaubenswissen und christlicher Alltagspraxis.
      Meine Urgroß- und Großelterneneration waren allesamt völlig areligiös, und die waren genau das, was man sich unter konservativen Traditionalisten vorzustellen pflegt - Bauersleut', gingen brav sonntags zur Kirche und erfüllten auch sonst den Buchstaben des Gesetzes - aber das taten sie, weil "man das halt so tat", nicht aus innerer Überzeugung. Privat ließen sie schon durchblicken, dass sie den "Pfaffen" nix, aber auch gar nichts glaubten.
      Und mit der Haltung können sie ja nicht allein gewesen sein!

      Der Unterschied zu heute war die viel rigidere soziale Kontrolle und eben eine Durchdringung der Gesellschaft mit christlichem Gedankengut. Meine Familie glaubte zwar nicht dran, konnte aber den Rosenkranz, die 10 Gebote, alle möglichen Heiligenlegenden, grundlegende Bibelstellen hatten sie x-mal gehört...und das muss doch irgendwie die persönliche Ethik prägen, denke ich mir.

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  3. Mich erinnert die Situation etwas an die 80er Jahre auf dem Land: Damals standen in der Kirche ganz hinten nahe dem Hauptportal Männer mit verschränkten Armen und "feierten" auf diese Weise schweigend die Hl. Messe mit. Nach genau 45 Minuten gingen einige von ihnen raus und kamen erst am darauffolgenden Sonntag wieder. Der Sohn einer dieser Männer klärte mich mal über dieses Phänomen auf: Sein Vater sei nicht bereit, länger als eine Dreiviertelstunde die Sonntagsmesse zu besuchen. Ich gehe fest davon aus, daß dieser Vater wie vermutlich viele andere heute gar nicht mehr kommen. Ob die Länger-als-eine-Dreiviertelstunde-Sonntagsmesse daran schuld ist? Ich glaube kaum.

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