Mittwoch, 8. November 2017

Halali in Wald und Flur

Am kommenden Wochenende werden in meinem allerzweitliebsten Bistum die Pfarreiräte gewählt - und es wird kräftig die Werbetrommel dafür gerührt, offenbar in der Hoffnung, der schwächlichen Wahlbeteiligung (7,1% bei den letzten Wahlen im Jahr 2013) auf die Sprünge zu helfen. In diesem Zusammenhang ist es wohl auch zu betrachten, dass das aktive Wahlalter erstmals von 16 auf 14 Jahre abgesenkt wurde. Na, wenn das mal nicht nach hinten losgeht. Denn zunächst einmal erhöht man dadurch ja nur die absolute Zahl der Wahlberechtigten - und wenn sich nun die auf diese Weise hinzugekommenen potentiellen Wähler, sprich: die 14- und 15jährigen, nur unterdurchschnittlich an der Wahl beteiligen, dann passiert mit der prozentualen Wahlbeteiligung WAS genau, liebe Freunde der Mathematik...? 

Genau. 

Grafik (c) Johannes Schlund 
(Das Original-Logo der Kampagne zur Wahl sieht übrigens geringfügig anders aus.) 

Aber nicht nur die aktive, sondern auch die passive Wahlbeteiligung bereitet Kummer: In nicht wenigen Pfarreien hat es sich als schwierig erwiesen, überhaupt eine ausreichende Zahl an Kandidaten für die Wahl zusammenzubekommen. Dass dies nun wiederum der aktiven Wahlbeteiligung nicht gerade förderlich ist - wenn es sowieso nicht mehr Bewerber als zu vergebende Sitze gibt und es somit, wie Franz Josef Degenhardt es einst zu formulieren geruhte, "gar keine Wahl gibt bei den Wah-hah-len" -, kann man sich leicht ausmalen. 

Wie man hört, stellen einige Pfarrer im Münsterland (und wohl nicht nur dort) bereits mehr oder weniger offen die Frage, ob man auf ein Gremium wie den Pfarreirat nicht gleich ganz verzichten könne, wenn sich offenkundig sowieso niemand für ihn interessiert. Wird dieses Gremium mancherorts vom Pfarrer gern dazu eingesetzt, sich Rückendeckung für unpopuläre Entscheidungen zu verschaffen, klagen andere, der Pfarreirat verursache nur Probleme, die es ohne ihn nicht gäbe. 

Spannend dürfte es jedenfalls in meiner Heimatpfarrei St. Willehad werden, wo - wie sich Mancher erinnern wird - der letzte regulär gewählte Pfarreirat im Frühjahr 2015 nach dem Rücktritt eines Großteils seiner Mitglieder aufgelöst worden war, nicht einmal eineinhalb Jahre nach Beginn der eigentlich vierjährigen Wahlperiode. Anfang 2016 war dann ein informelles Übergangsgremium gebildet worden, bestehend aus Vertretern aller in der Pfarrei aktiven "Kreise und Gruppen". Wie es scheint, hat dieses seither recht geräusch- und problemlos seine Arbeit gemacht. Aber nun werden die Karten neu gemischt. Ich hätte ja gern kandidiert, aber ich glaube, das kann man nur in der Pfarrei, auf deren Territorium man wohnt. Ist ja ehrlich gesagt auch sinnvoll. Also, wenn es mit dem Haus in Tossens auf kurze Sicht nicht klappt, kandidiere ich wohl lieber bei den nächsten Berliner Pfarrgemeinderatswahlen... (Wann sind die eigentlich?) 

Aber bleiben wir thematisch erst mal noch in St. Willehad. Dort war unlängst nämlich - wie natürlich auch sonst vielerorts in der katholischen Welt - Hubertusmesse, und erst mit einigen Tagen Verspätung bekam ich den diesbezüglichen Veranstaltungshinweis auf der Facebook-Seite der Pfarrei zu Gesicht. Dieser war garniert mit einem Foto eines jungen Mädchens in Tarnkleidung, das mit einem leicht verdrossen dreinblickenden Jagdhund und einem grooooßen Gewehr posierte. Hui, dachte ich, das ist ja mal originell, ansprechend -- und ein bisschen kontrovers, insbesondere in Hinblick auf die in der Bildkomposition sehr dominant positionierte Waffe. Das wird Ärger geben bzw. schon gegeben haben, sagte ich mir und schaute mir daraufhin mal die Kommentare zu diesem Facebook-Beitrag an. Und siehe, meine Ahnung hatte mich nicht getrogen. Ein alter Bekannter von mir, genauer gesagt ein ehemaliger Mitschüler, hatte die Darstellung eines "[j]unge[n] Menschen mit Waffe" bemängelt, weitere mir nicht persönlich bekannte Facebook-Nutzer hatten sich der Kritik angeschlossen und nebst einigen nicht unbedingt zitierfähigen Frotzeleien über die Katholische Kirche beispielsweise angemerkt, man hätte doch lieber einen "Herren mittleren Alters mit Lodenmantel und [J]agdhut abbilden" sollen. 

Hier eine verfremdete Version des inkriminierten Bildes - (c) Peter Esser 
Hier fühlte ich mich denn doch veranlasst, meiner Heimatpfarrei, an der ich sonst ja nicht unbedingt mit Kritik spare, zur Seite zu stehen, und einige Gleichgesinnte aus der Gruppe "Ein ungenanntes Bistum" machten mit. "Weshalb sollte hier plötzlich der Anteil jünger Damen an den aktiven Jägern unterschlagen werden?", wurde beispielsweise gefragt. Schließlich werde es doch sonst überall "begrüßt, wenn Frauen gesellschaftlich sichtbar werden". Im Übrigen liege das "Mindestalter zum Erwerb des Jagdschein[s] (mit waffenrechtlichen Einschränkungen) [...] bei 16 Jahren". In der geschlossenen Gruppe äußerten sich einige Diskussionsteilnehmer - übrigens vorzugsweise junge Frauen! - noch deutlicher: 
"Ist die Aussage jetzt, Mädels dürfen nicht jagen? Jagen ist moralisch anrüchig, aber nur, wenn es junge Mädels / junge Leute machen? Für mich schaut das Bild ja eher nach einem netten Girls'-Day-Motiv aus, aber gut. - Außerdem haben die Herren Kommentatoren anscheinend schon lange keinen Schützenverein mehr besucht, wenn sie glauben, nur 'Herren mittleren Alters mit Lodenmantel und Jagdhut' würden Gewehre in die Hand nehmen." 
Oder: 
"Offensichtlich ist das Abbilden einer jungen Frau schon suggestiv genug. Vielleicht sollte man sich an der eigenen Nase (oder anderen Körperteilen) packen, wenn das schon zum Problem wird.
Man könnte bei den Reaktionen ja meinen, dass die Gemeinde ein Bild aus dem Tittenkalender der NRA gepostet hat." 
Und übrigens: 
"Eigentlich werden immer mehr Mädchen Jäger und Förster, weil die flexiblen Arbeitszeiten und das Arbeiten an der frischen Luft mit Tieren für Frauen generell attraktiv ist. Wenn man erst mal aus der Ausbildung raus ist, muss man dann nämlich auch nicht mit den männlichen Chauvi-Kollegen im Transporter sitzen, wie z.B. als Maler und Lackierer..." 
Angemerkt sei außerdem noch, dass auch die Jägerschaft Wesermarsch e.V. auf ihrer Website mit Fotos junger (wenn auch nicht ganz so junger) Mädchen in Outdoor-Kluft wirbt. -- Jedenfalls, und auch wenn ein großer und vielleicht der interessanteste Teil der Diskussion quasi "hinter verschlossenen Türen" stattfand, kann man feststellen: So viel Interaktion war selten auf der Facebook-Seite von St. Willehad! Das kann sich die Social-Media-Abteilung der Pfarrei (die meines Wissens im Wesentlichen aus dem hauptamtlichen Ständigen Diakon besteht) allemal als Erfolg anrechnen. Wobei ich aus Erfahrung leise Zweifel daran habe, ob man im beschaulichen Nordenham die Weisheit "any publicity is good publicity" wirklich verinnerlicht hat... 

Mit Blick auf das Motto der anstehenden Pfarreiratswahlen merkte übrigens ein Facebook-Freund an, schön wäre es doch gewesen, die Nordenhamer hätten das Bild der jungen Jägerin mit dem Slogan "Gleich knallt's!" garniert: 

"Wenn schon Shitstorm, dann richtig!" 



3 Kommentare:

  1. zur Frage wann sind PGR-Wahlen in Berlin: Nach meiner Kenntnis sind die Pfarrgemeinderäte in Berlin abgeschafft worden.

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    1. Erstaunlich, wurden sie doch im November 2015 zuletzt gewählt (http://www.erzbistumberlin.de/wir-sind/pgr-kv-wahlen-2015/). Falls sie doch nicht inzwischen abgeschafft worden sein sollten: gewählt wurde bisher alle 4 Jahre, also wär's 2019 wieder dran.

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  2. Ich finde das Foto der jungen Dame mit Vorderlader(?) äußerst ansprechend. Ein wohltuender Kontrast zu der Masse an jungen Ladys, die ihre primären oder sekundären Geschlechtsteile in den Fokus der Kameras rücken.
    @ anonym: Der richtige Begriff lautet: Pfarreiratswahlen, mit drei R: zwei vor dem Ei und eins hinter dem Ei.

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