Gesamtzahl der Seitenaufrufe

Mittwoch, 21. Juni 2017

Was ist dran an der "Benedict Option"? (Teil 4)

"Man kann nicht in die Vergangenheit zurückreisen, aber man kann nach Norcia gehen." Mit diesem Satz beginnt das 3. Kapitel von Rod Drehers Buch The Benedict Option, überschrieben "Eine Regel zum Leben". Den erzählerischen Rahmen für das Kapitel bilden reale Reiseeindrücke des Autors: 
"An einem warmen Februarmorgen reiste ich zum Kloster des Hl. Benedikt, der Heimat von fünfzehn Mönchen und ihrem Prior, Pater Cassian Folsom. Pater Cassian, ein 61jähriger Amerikaner, hatte das Kloster im Dezember 2000 mit einer Handvoll Benediktiner-Brüder wiedereröffnet, fast zwei Jahrhunderte nachdem der Staat die aus dem 10. Jahrhundert stammende Gebetsfestung geschlossen und ihre Mönche vertrieben hatte. [...] Die meisten der Männer, die das Kloster neubegründet haben, sind junge Amerikaner, die sich entschieden haben, als Benediktinermönche ihr Leben ganz und gar Gott hinzugeben - und nicht einfach als Mönche, sondern als Benediktiner, die entschlossen danach streben, die ganze Fülle ihrer Ordenstradition auszuleben." 
Die Abtei in Norcia, von der Dreher hier spricht, ist, wie wir wissen, inzwischen durch ein Erdbeben zerstört worden; darauf geht er im Nachwort des Buches ein. Im vorliegenden Kapitel hingegen schildert er das Leben in der am Geburtsort des Hl. Benedikt errichteten Abtei vor der Zerstörung - und gibt wieder, wie ihm in Gesprächen mit den dortigen Mönchen die Grund- und Leitgedanken der Ordensregel des Hl. Benedikt, die er durchweg nur The Rule, "DIE REGEL", nennt, nahegebracht wurden. 
"Die Benediktsregel ist eine detaillierte Zusammenstellung von Anweisungen zur Organisation und Leitung einer monastischen Gemeinschaft, in der Mönche (und, in separaten Klöstern, Nonnen) in Armut und Keuschheit zusammen leben. Dies gilt für alle monastischen Gemeinschaften, aber die Benediktsregel fügt noch drei besondere Gelübde hinzu: Gehorsam, Beständigkeit (stabilitas - die feste Zugehörigkeit zur selben Gemeinschaft von Mönchen bis zum Tod) und Bekehrung des Lebens, was soviel bedeutet wie die Hingabe an das lebenslange Werk vertiefter Buße. Die Ordensregel enthält auch Anweisungen zur Unterteilung des Tagesablaufs in Zeiten des Gebets, der Arbeit und der Lektüre der Heiligen Schrift und anderer geistlicher Texte. Der Heilige lehrte seine Anhänger, abgesondert von der Welt zu leben, aber auch Pilger und Fremde zu bewirten, die das Kloster besuchen.
Weit davon entfernt, eine Lebensweise für die Starken und Disziplinierten zu sein, ist Benedikts Regel für die Einfachen und Schwachen gedacht, um ihnen zu helfen, im Glauben zu wachsen und stärker zu werden. [...] Benedikt hatte ein bemerkenswertes Verständnis und Mitgefühl für menschliche Schwäche; daher betont er in der Vorrede zu seiner Ordensregel, er hoffe 'nichts Hartes und Belastendes' einzufordern, sondern lediglich streng genug zu sein, um die Herzen der Brüder dazu zu kräftigen, 'den Weg der Gebote Gottes mit unaussprechlicher Süßigkeit und Liebe zu verfolgen'." 
Man könnte somit sagen, das zentrale Thema des dritten Kapitels ist es, Antwort auf die Frage zu geben: Was ist benediktinisch an der Benedict Option? Dabei stellt der Autor von vornherein klar, dass es nicht darum gehen kann, Regeln für eine klösterliche Lebensweise Punkt für Punkt und wortwörtlich auf das alltägliche Leben christlicher Laien anzuwenden - wohl aber darum, aus den Kerngedanken dieser Regel Impulse zu beziehen: 
"Selbstverständlich ist die Ordensregel für das klösterliche Leben konzipiert, aber ihre Lehren sind einfach genug, dass Laienchristen sie für ihren eigenen Gebrauch adaptieren können. Die Ordensregel bietet Richtlinien für ein ernsthaftes und nachhaltiges christliches Leben, in einer Weise, die uns innerlich neu ordnet, das, was in unseren Herzen zerstreut ist, zusammenfügt und auf das Gebet hin ausrichtet. Wenn man sie auf effektive Weise anwendet, diszipliniert die Regel das Leben, das wir mit Anderen teilen, baut Barrieren ab, die die Liebe Gottes davon abhalten, unter uns zu wirken, und macht uns widerstandsfähiger, ohne unsere Herzen zu verhärten." 
Wichtig ist dabei auch die Klarstellung: 
"Mit der Benedict Option versuchen wir nicht, siebenhundert Jahre Geschichte ungeschehen zu machen, als ob das möglich wäre. Wir versuchen auch nicht, die Welt zu retten. Wir versuchen lediglich, eine christliche Lebensweise aufzubauen, die als Insel der Heiligkeit und Beständigkeit inmitten des Hochwassers der liquiden Moderne steht. Wir streben nicht danach, den Himmel auf Erden zu erschaffen; wir suchen lediglich nach einem Weg, stark im Glauben zu sein in einer Zeit großer Prüfungen. Die Ordensregel mit ihrer Vision eines geordneten, auf Christus als Zentrum ausgerichteten Lebens und die Praktiken, die sie zur Vertiefung unserer Bekehrung empfiehlt, können uns dabei helfen, dieses Ziel zu erreichen." 
Die Benediktiner von Norcia; Bildquelle hier

Die Gliederung des mit 30 Seiten sehr umfangreichen Kapitels ist zum größten Teil von der Erläuterung von acht Grundprinzipien der Benediktsregel geprägt: Ordnung - Gebet - Arbeit - Askese - Beständigkeit - Gemeinschaft - Gastfreundschaft - Ausgewogenheit. Es liegt auf der Hand, dass und warum "Ordnung" an erster Stelle steht: Man könnte sagen, das Bestreben, sein Leben einer bestimmten Ordnung zu unterwerfen, ist die notwendige Grundvoraussetzung dazu, überhaupt so etwas wie eine Regel zu etablieren. 
"Wenn Unordnung ein bestimmendes Charakteristikum der modernen Welt ist, dann besteht der fundamentalste Akt des Widerstands darin, Ordnung zu schaffen." 
Nun will und kann ich nicht leugnen, dass dieses Primat der Ordnung für mich persönlich erst einmal eine erhebliche Herausforderung darstellt. Einfacher ausgedrückt: Ordnung liegt mir nicht. Noch nie. Meine Mutter und meine Lehrer können ein Lied davon singen. Meiner Frau gegenüber ist das kein so großes Problem, denn die hat, sofern das überhaupt möglich ist, noch weniger Sinn für Ordnung als ich. Aber Spaß beiseite: Ich bin geneigt, das, was Rod Dreher unter Verweis auf die Benediktsregel über die zentrale Bedeutung von Ordnung für das geistliche Leben sagt, umso ernster zu nehmen, weil mir Ordnung nicht liegt. Ermutigend fand ich in diesem Zusammenhang eine Biographie über den Seligen Karl Leisner, die ich kürzlich gelesen habe und die umfangreiche Auszüge aus Leisners Tagebüchern und Briefen enthält. Besonders an den Tagebucheintragungen Leisners aus seiner Gymnasiastenzeit fällt auf, wie oft und eindringlich er sich selbst zur Ordnung ermahnt. Wäre ihm das Einhalten dieser Ordnung leicht gefallen, wären diese permanenten Selbstermahnungen wohl nicht nötig gewesen. - Aber zurück zur Benedict Option
"Das Leben eines jeden Mönchs und all seine Arbeiten müssen auf den Dienst Gottes ausgerichtet sein. Die Ordensregel lehrt, dass Gott am Anfang und am Ende aller unserer Tätigkeiten stehen muss. Unsere geistlichen Leidenschaften durch den Rhythmus des täglichen Lebens und seine Disziplinen zu fesseln, und dies gemeinsam mit Anderen in unserer Familie und unserer Gemeinschaft zu tun, heißt, ein starkes Fundament des Glaubens aufzubauen, auf dessen Grundlage man ganz Mensch und ganz Christ werden kann." 
Theoretisch überzeugt mich das schon mal. Was die praktische Umsetzung angeht... schauen wir mal. 
"Es ist schwer, sich Regeln zu unterwerfen, die man nicht versteht; aber es ist ein gutes Gegenmittel gegen die fleischliche Begierde nach persönlicher Unabhängigkeit. Es mag an und für sich nicht spirituell verdienstvoll sein, sich dafür zu entscheiden, bei einer Mahlzeit nur zwei statt drei Gänge zu essen; aber die Demut, die man dadurch erreicht, dass man sich freiwillig den Entscheidungen eines Anderen unterwirft, hat transformierende Kraft.
Die klösterliche Ordnung bewirkt nicht nur Demut, sondern auch spirituelle Widerstandsfähigkeit. In gewissem Sinne sind die Benediktiner von Norcia eine Art Marine Corps des religiösen Lebens, das permanent für den geistlichen Kampf trainiert." 
Der hier - und auf den folgenden Seiten noch öfter - anklingende Gedanke, die Mönche als eine geistliche Elitetruppe aufzufassen, hat durchaus etwas Tröstliches: Es kann und muss ja nicht Jeder zur Elite gehören. Salopp ausgedrückt: Ganz so krass drauf sein wie die Mönche muss man demnach wohl nicht unbedingt. Aber, wie schon gesagt, Impulse kann man aus ihrer Lebensweise allemal beziehen - und sollte es auch. 
"Anders ausgedrückt: Dabei, das eigene Tun zu ordnen, geht es letztlich darum, das eigene Herz darin einzuüben, das Richtige, das Wahre zu lieben und zu begehren. Es geht darum, sich Tugend als Gewohnheit anzueignen." 
Dies also zum Thema Ordnung; weiter geht es mit dem Thema Gebet
"Der Apostel Paulus wies die Kirche in Thessalonike an: 'Betet ohne Unterlass!' (1. Thessalonicher 5,17). Benediktiner betrachten ihr gesamtes Leben als einen Versuch, dieses Gebot zu erfüllen. Im engeren Sinne ist Gebet - ob privat oder in Gemeinschaft - Kommunikation mit Gott. In einem weiteren Sinne bedeutet Gebet, ein ununterbrochenes Bewusstsein der Gegenwart Gottes zu bewahren und bei allem, was man tut, Ihn im Sinn zu haben. Im Leben der Benediktiner steht regelmäßiges Gebet im Zentrum der Existenz der Gemeinschaft." 
Beten, betont Dreher, ist sogar noch wichtiger als arbeiten:
"Man erinnere sich an die Evangeliums-Erzählung über die Schwestern Maria und Marta. Als Jesus sie besuchte, fuhrwerkte Marta in der Küche herum, während Maria zu Jesu Füßen saß und Ihm zuhörte. Als Marta sich beklagte, dass Maria ihr nicht half, erwiderte der Herr, Maria habe 'das bessere Teil erwählt'.
Warum? Weil [...] es zwar wichtig ist, Dinge für den Herrn zu tun, aber noch wichtiger ist es, Ihn mit dem Herzen und dem Verstand kennenzulernen. Und darum hat Kontemplation Priorität." 
Zur Gebetspraxis der Benediktiner führt der Autor aus: 
"Benediktinermönche verbringen eine Menge Zeit mit Gott. Siebenmal am Tag versammeln sie sich um den Altar der Basilika, um die vorgeschriebenen Gebete des Offiziums, auch bekannt als Stundengebet, zu singen. Dabei handelt es sich um spezifische Gebete, die katholische Mönche (und Andere) seit Jahrhunderten zu festgesetzten Stunden des Tages rezitieren. Sie bestehen aus Psalmen, Hymnen, Schriftlesungen und Orationen. [...]
'Wir singen beim Gebet, wir stehen, sitzen, verneigen uns, knien, werfen uns zu Boden', sagt Pater Cassian. 'Der Körper ist am Gebet sehr stark beteiligt. Es ist nicht bloß eine Art intellektueller Meditation. Das ist wichtig.'" 
Hier wie auch an einigen anderen Stellen des Kapitels gleicht Rod Dreher die Lehren und Praktiken der Benediktiner mit seinen persönlichen Erfahrungen ab: 
"Wenn man im Gebet Fortschritte macht - sagt Pater Basil -, dann versteht man allmählich, dass es im Gebet nicht so sehr darum geht, Gott um etwas zu bitten, sondern vielmehr darum, einfach in Seiner Gegenwart zu sein.
Ich erzählte dem Priester, wie mein eigener orthodoxer Priester zu Hause in Louisiana mir - als Reaktion auf eine persönliche Krise - eine strikte Gebetsroutine verordnet hatte: das Jesusgebet ('Herr Jesus, Sohn Gottes, hab Erbarmen mit mir, einem Sünder') jeden Tag für ungefähr eine Stunde zu beten. Anfangs war es öde und schwer durchzuhalten, aber ich tat es aus Gehorsam.
Jeden Tag, eine scheinbar endlose Stunde lang, stilles Gebet. Nach und nach jedoch kam mir diese Stunde immer kürzer vor, und ich entdeckte, dass der Seelenfriede, an dem es mir so auffallend gemangelt hatte, hervortrat.
Nachdem ich geistlich geheilt war, erklärte mir mein Priester seine Beweggründe dafür, mir dieses simple meditative Gebet aufzutragen: 'Ich musste dich aus deinem Kopf herausbekommen.'" 
Leuchtet mir intuitiv irgendwie ein. - Zur herausragenden Wichtigkeit des Betens für das christliche Leben heißt es weiter: 
"Wenn wir unsere ganze Zeit mit Aktivität verbringen - selbst wenn diese Aktivität im Dienst Christi steht - und dabei Gebet und Kontemplation vernachlässigen, gefährden wir unseren Glauben. Der 60er-Jahre-Medientheoretiker Marshall McLuhan, ein praktizierender Christ, sagte einmal, bei jedem, den er kannte, der vom Glauben abgefallen sei, habe dieser Glaubensverlust damit begonnen, dass die betreffende Person aufhörte zu beten. Wenn wir ein in rechter Weise geordnetes christliches Leben führen wollen, muss Gebet die Basis von allem sein, was wir tun." 
An dieser Stelle ein emphatischer Einwurf: Marshall McLuhan! <3 Eins der ersten Bücher, die ich im Rahmen meines Studiums des Faches "Theaterwissenschaft/kulturelle Kommunikation" lesen "musste", und auch eins der eindrucksvollsten, war McLuhans Gutenberg-Galaxis. Dass der große Medientheoretiker als junger Mann unter dem Einfluss Chestertons zum Katholizismus konvertiert war und zeitlebens tief gläubig blieb, wusste ich damals nicht, obwohl es mir im Rückblick scheint, ich hätte beim Lesen der Gutenberg-Galaxis so eine Ahnung gehabt. Muss mir das Buch wohl bei Gelegenheit noch mal zur Brust nehmen. Ende des Exkurses. Bzw. gleich auf zum nächsten Exkurs: Gebet als "Basis von allem, was wir tun" - das erinnert mich ja nun stark an Johannes Hartl und das Gebetshaus Augsburg. Als ich Rod Dreher kürzlich in München traf, erzählte ich ihm u.a. auch davon. Anscheinend hatte er noch nie davon gehört, aber das gilt umgekehrt vielleicht genauso. Könnte interessant sein, da mal einen Kontakt herzustellen. -- Aber weiter im Text: 
"Wer auch nur irgend etwas über die Benediktiner weiß, wird vermutlich schon einmal gehört haben, dass ihr Motto ora et labora - 'Bete und arbeite' - laute. Streng genommen stimmt das nicht ganz. Der Hl. Benedikt hat das so nie gesagt, und obwohl heutige Benediktiner dieses Motto für sich selbst in Anspruch nehmen, ist es erst seit dem 19. Jahrhundert gebräuchlich. Dennoch ist es keine schlechte Beschreibung der grundsätzlichen Herangehensweise der Benediktiner an das Leben." 
Nach dem Thema Gebet ist nun also das Thema Arbeit an der Reihe. 
"Der Heilige erwartete von jedem seiner Klöster, dass es sich selbst versorgen konnte, und er lehrte - was für einen Römer seiner Epoche ungewöhnlich war -, dass körperliche Arbeit eine heiligende Wirkung haben könne." 
Hmpf - körperliche Arbeit, schon wieder so etwas, was mir nicht besonders liegt. Im weiteren Verlauf des Kapitels geht es allerdings gar nicht so spezifisch um körperliche Arbeit, sondern eher um Arbeit allgemein
"Einige von uns definieren sich über ihre Arbeit und widmen sich ihr in übertriebenem Maße, auf Kosten der Kontemplation. Andere hingegen betrachten Arbeit als etwas, das man tut, um seine Rechnungen zu bezahlen, weiter nichts; das heißt, sie betrachten Arbeit als etwas vom sonstigen Leben - besonders vom spirituellen Leben - Getrenntes.
Das ist ein Fehler, sagt die Ordensregel. Die Arbeit muss nicht uns dienen, sondern Gott und Gott allein. In einem Kapitel zur Unterweisung handwerklich tätiger Mönche sagt Benedikt, wenn diese Mönche anfangen, [ungebührlich] stolz auf ihre Arbeit zu sein, muss der Abt ihnen eine andere Aufgabe geben. So wichtig ist christliche Demut." 
Das ist zweifellos ein recht "unzeitgemäßer" Gedanke; aber es kommt noch schärfer: 
"In der nahen Zukunft werden Christen - besonders in bestimmten Berufsfeldern - von den Umständen dazu gezwungen werden, ihre Einstellung zur Arbeit zu überdenken. In einigen Fällen wird man uns wegen unseres Glaubens zur Tür hinausweisen. In anderen Fällen wird sich uns die Tür von vornherein nicht öffnen - oder wenn doch, werden Männer und Frauen, die auf ihr Gewissen hören, nicht hindurchgehen können. Das wird uns Geld und Ansehen und möglicherweise berufliche Zufriedenheit kosten. Unsere Wahrnehmung von Arbeit im Benediktinischen Sinne, auf eine Weise, die Gott in den Mittelpunkt stellt, neu auszurichten, wird uns helfen, die richtige Entscheidung zu treffen, wenn wir am Arbeitsplatz auf die Probe gestellt werden, und wird uns Kraft geben, wenn wir gezwungen sind, uns einen neuen Beruf zu suchen." 
Hier sind wir an einem der Punkte, an denen nicht wenige Kritiker geneigt sein werden, dem Autor vorzuwerfen, seine Prognosen bezüglich der nahen Zukunft seien allzu düster und alarmistisch. Ausgrenzung und Diskriminierung von Christen am Arbeitsplatz? Wo gibt's denn sowas? -- Doch, doch, das gibt's schon
"Der Ausschluss gläubiger Christen von bestimmten Berufen wird schwer zu akzeptieren sein. Tatsächlich ist es für die heutigen Gläubigen schwer, sich das auch nur vorzustellen - zum Teil deshalb, weil wir als Amerikaner nicht daran gewöhnt sind, unseren beruflichen Ambitionen Beschränkungen aufzuerlegen. Doch der Tag ist nicht mehr fern, an dem das, was christlichen Bäckern, Floristen und Hochzeitsfotografen bereits widerfahren ist, sich in erheblich größerem Umfang ereignen wird. Und viele von uns sind nicht darauf vorbereitet, für ihren Glauben Nachteile in Kauf zu nehmen." 
Mit dem Stichwort "für den Glauben Nachteile in Kauf zu nehmen" leitet Rod Dreher direkt zum Thema Askese über: 
"Deshalb ist Askese - das Aufsichnehmen körperlicher Härten im Interesse eines geistlichen Ziels - ein so wichtiger Bestandteil des gewöhnlichen christlichen Lebens. [...] Askese, abgeleitet vom griechischen Wort askesis, bedeutet soviel wie "Training". Das Leben, das die Ordensregel vorschreibt, ist durch und durch asketisch. Mönche fasten regelmäßig, leben bescheiden, lehnen Bequemlichkeit ab und unterwerfen sich den strengen Regeln des Klosters. [...] Askese ist ein Gegengift gegen die in unserer Kultur weit verbreitete Egozentrik, die uns einredet, die Befriedigung unserer Begierden sei der Schlüssel zum guten Leben. Der Asket weiß, dass wahres Glück nur darin gefunden werden kann, in Übereinstimmung mit dem Willen Gottes zu leben; und asketische Praktiken trainieren Körper und Seele dazu, Gott über das eigene Selbst zu stellen." 
Nach allem bisher Gesagten brauche ich wohl kaum noch extra zu betonen, dass Askese ebenfalls zu den Dingen gehört, in denen ich nicht besonders gut bin. Wobei der Autor klarstellt, dass man sich unter "Askese" nicht zwangsläufig blutige Selbstgeißelung vorstellen muss. In gewissem Sinne ist Askese lediglich das geistliche Pendant zu dem, was man im weltlichen Kontext "Selbstdisziplin" nennt - und das kann man schließlich üben, und sollte man wohl auch. 
"Ein Christ, der Askese praktiziert, übt sich darin, Nein zu den eigenen Begierden und Ja zu Gott zu sagen. Diese Einstellung ist in der modernen Zeit im Westen so gut wie verschwunden. Wir sind ein Volk geworden, das die Bequemlichkeit ins Zentrum stellt. Wir erwarten von unserer Religion, bequem zu sein. Leiden zu ertragen ergibt für uns keinen Sinn. Und ohne Fasten und andere asketische Disziplinen verlieren wir die Fähigkeit, zu den Begierden unseres Herzens Nein zu sagen.
Den christlichen Asketismus wiederzuentdecken ist eine dringliche Aufgabe für Gläubige, die ihre Herzen - und die Herzen ihrer Kinder - darin einüben wollen, dem Hedonismus und Konsumismus zu widerstehen, der im Zentrum der zeitgenössischen Kultur steht." 
Was ich in diesem Zusammenhang fast noch interessanter finde als meine persönlichen Schwierigkeiten mit dem Thema Askese, ist der Umstand, dass ein Leser in einem Kommentar zu einer früheren Folge meiner Artikelserie zur Benedict Option die Frage aufwarf, wie sich Rod Drehers Thesen denn wohl mit dem von mir schon früher ins Gespräch gebrachten Schlagwort "Punk-Pastoral" vertrügen. Mein spontaner Impuls dazu lautete: Wieso, die Benedict Option IST doch im Grunde Punk-Pastoral! Aber ich sehe ein, dass das nicht unbedingt intuitiv ersichtlich ist. Gerade beim Thema "Askese" nicht. Ich denke aber, gerade hierzu ließe sich eine Menge sagen; seit ich die betreffenden Passagen von Drehers Buch gelesen habe, brütet in meinem Hinterstübchen die Idee zu einem Artikel mit dem Arbeitstitel "Punk und Askese" vor mich hin, aber ich weiß noch nicht, wann der reif sein wird, niedergeschrieben zu werden. Ich könnte jetzt sagen, ich müsste darüber noch nachdenken, aber ich glaube, das Gegenteil ist der Fall: Ich muss vielmehr darauf warten, dass ich mal in der Stimmung bin, den Artikel 'runterzuschreiben, ohne dabei viel nachzudenken. Solche Artikel gelingen mit in der Regel am besten. - Sehr bemerkenswert fand ich auch Drehers Ausführungen darüber, dass Askese nicht zwangsläufig mit "Buße" im Sinne von "Selbstbestrafung" identisch ist: 
"Eine übergewichtige Person hält nicht deshalb Diät, weil sie sich dafür bestrafen will, dass sie dick ist, sondern um gesünder zu werden. Ein Athlet betreibt nicht Fitnesstraining, weil er sich schuldig fühlt, wenn er vor dem Fernseher herumsitzt, sondern um seinen Körper auf den Wettkampf vorzubereiten. So ist es auch mit den Mönchen und ihrer Askese - und so muss es auch mit uns Christen sein. Wir praktizieren Selbstverleugnung, um uns in der Liebe und dem Dienst an Christus und Seinem Volk zu stärken." 
Als nächstes wendet sich der Autor dem Benediktinischen Grundsatz der stabilitas loci zu: 
"Ein Baum, der wieder und wieder entwurzelt und verpflanzt wird, wird es schwer haben, gesunde Früchte hervorzubringen. So ist es auch mit Menschen und ihrem geistlichen Leben. [...] Wenn wir geistlich Wurzeln schlagen wollen - so lehrt Benedikt -, müssen wir lange genug an einem Ort bleiben, um diese Wurzeln in die Tiefe wachsen zu lassen. Die Ordensregel verlangt den Mönchen ab, ein Gelübde der 'Beständigkeit' (stabilitas) abzulegen - was bedeutet, dass sie außer unter besonderen Umständen (zu denen es etwa gehört, als Missionar ausgesandt zu werden) für den Rest ihres Lebens in dem Kloster zu bleiben haben, in dem sie ihre Gelübde abgelegt haben." 
Wenngleich hier klargestellt wird, dass der Grundsatz der stabilitas nicht absolut ausschließt, dass ein Mönch aus besonderen Gründen doch an einen anderen Ort geschickt wird, bleibt festzuhalten, dass die grundsätzliche Bindung an einen konkreten Ort für eine moderne Lebenseinstellung eine enorme Herausforderung darstellt: 
"'Das ist der Punkt, an dem die Benediktinische Lebensweise am deutlichsten gegenkulturell ist', sagt Pater Benedict. 'Es ist die Lebensweise der Maria, nicht der Marta: unablässig zu den Füßen Christi zu verweilen, egal was man dir vorwirft, nicht zu tun.'
Die Bibel zeigt uns, dass Gott manche Menschen dazu beruft, ihre Sachen zu packen und auszuziehen, um Seine Absichten zu erfüllen, räumt Pater Benedict ein. 'Dennoch: In einer Kultur wie der unseren, wo jeder ständig in Bewegung ist, kann die Benediktinische Berufung, unter allen Umständen zu bleiben wo man ist, neue und bedeutende Wege zu Tage fördern, Gott zu dienen.'" 
Und weiter: 
"Pater Martin sagt, diejenigen, die meinen, die stabilitas laufe darauf hinaus, den Menschen einzuschränken und sein persönliches und geistliches Wachstum zu ersticken, verkennen den verborgenen Wert der Hingabe an die Beständigkeit. Sie verankert dich und gewährt dir eine Freiheit, die darin besteht, nicht dem Wind, den Wellen und den Strömungen des täglichen Lebens unterworfen zu sein. Sie schafft die geordneten Bedingungen, unter denen die innere Pilgerschaft der Seele zur Heiligkeit möglich wird." 
Von der stabilitas ist es kein weiter Weg zum Benediktinischen Verständnis von gelebter Gemeinschaft. Hier richtet der Autor seinen Blick (und mithin den des Lesers) zunächst auf den Mangel an gelebter Gemeinschaft, der die moderne Gesellschaft prägt: 
"Die Wurzellosigkeit des zeitgenössischen Lebens hat Gemeinschaftsbindungen ausfransen lassen. Es ist heutzutage weit verbreitet, dass Leute ihre Nachbarn nicht kennen und das auch gar nicht wirklich wollen. Teil einer Gemeinschaft zu sein heißt an ihrem Leben teilzuhaben. Das stellt unweigerlich Anforderungen an das Individuum, die seine Freiheit einschränken." 
Ich sag mal so: Ich bin auf einem Dorf in Niedersachsen aufgewachsen und mit 20 Jahren nach Berlin gezogen. Ich kenne sowohl das Gefühl von Freiheit, das die vielbeschworene Anonymität der Großstadt einem zunächst mal vermitteln kann, wenn man "vom Dorf kommt", als auch deren Schattenseiten. 
"Die Kirche ist nicht immer ein Zeichen des Widerspruchs gegen diesen modernen Mangel an Gemeinschaft. Im ersten Jahrzehnt meines Lebens als erwachsener Christ verließ ich die Kirche, sobald der Gottesdienst vorbei war. Mit den Leuten dort in Kontakt zu kommen interessierte mich nicht. Nur Jesus und ich, das war alles, was ich wollte und brauchte - jedenfalls dachte ich das. Man könnte sagen, ich war nicht interessiert daran, an ihrer Pilgerschaft teilzunehmen; ich zog es vor, ein Tourist in der Kirche zu sein - und war geistlich zu unreif, um zu begreifen, wie schädlich das war.
Diese Konsumentenhaltung gegenüber der Gemeinschaft der Gläubigen reproduziert die Fragmentierung, die die Christenheit in der gegenwärtigen Welt erschüttert. In Benediktinischen Klöstern hingegen sind sich die Mönche stets bewusst, dass sie nicht bloß Individuen sind, die mit anderen Individuen zusammen wohnen, sondern Teil eines organischen Ganzen - eine spirituelle Familie." 
Es ist wohl nicht besonders überraschend, wenn ich an dieser Stelle an das "Dinner mit Gott" des Mittwochsklubs denke. Einerseits soll dieses Veranstaltungsformat ausdrücklich für jeden offen sein, der Lust darauf hat; aber andererseits hat es auch als Treffpunkt für Leute aus der örtlichen Kirchengemeinde seinen Sinn und Wert. Nun, das werde ich wohl auch an anderer Stelle näher ausführen. Erst mal weiter im Text: 
"Im Leben in einer christlichen Gemeinschaft - sei es eine klösterliche Gemeinschaft oder eine normale Pfarrgemeinde - geht es darum, jene Art von Kameradschaft zu begründen, die jeder von uns braucht, um seine persönliche Pilgerschaft zu vollenden. [...] Das heißt, die Kirche existiert als eine von Christus begründete Bruderschaft, auch dann, wenn es sich gerade nicht danach anfühlt." 
Das ist doch mal ein schöner Leitgedanke. Gerade wenn man sich als Kontrast dazu noch einmal die gesellschaftlichen Auswirkungen der Vereinzelung ansieht, die das moderne Leben so mit sich zu bringen scheint: 
"Auf seinen Reisen in Angelegenheiten des Klosters sieht Pater Martin, der Geschäftsführer der Gemeinschaft, eine Leere in den Gesichtern vieler Menschen, denen er begegnet. Sie wirken so angespannt, so beunruhigt, so unsicher. Die Mönche glauben, dass dies die Folge von Einsamkeit, Isolation und einem Mangel an tiefer und lebensspendender Gemeinschaftsbindung ist. Wenn das Leuchten in den Gesichtern der Leute vom Widerschein ihrer Laptops, Smartphones oder Fernsehschirme kommt, dann leben wir in einem Dunklen Zeitalter, sagt Pater Martin." 
Als nächstes steht - was in meiner kurzen Anmerkung zum "Dinner mit Gott" ja auch schon anklang - der Punkt "Gastfreundschaft" auf der Liste. Der ist nicht zuletzt deshalb so wichtig, weil viele Kritiker der Benedict Option die im Vorwort und im ersten Kapitel erhobene Forderung nach "Rückzug" im Sinne einer Abschottung von der Außenwelt aufgefasst haben. Genau das ist jedoch nicht gemeint, stellt der Autor klar: 
"Das Benediktinische Verständnis von Gebet, Arbeit, Askese, Beständigkeit und Gemeinschaft erfordert Praktiken, die die Gemeinschaft der Mönche eng zusammenschweißen. Die daraus resultierende Nähe und Verbundenheit wird durch die Absonderung der Mönche von der Welt verstärkt. Dennoch ermahnt Benedikt sie in der Ordensregel, sich bewusst zu sein, dass sie nicht allein für sich selbst leben, sondern auch dazu, Außenstehenden zu dienen.
Der Ordensregel zufolge dürfen wir niemals jemanden abweisen, der unserer Liebe bedarf. Eine Kirche oder sonstige Benedict Option-Gemeinschaft muss offen für die Welt sein - um den Schatz der Liebe Gottes mit jenen zu teilen, denen sie fehlt.
Die Mönche leben überwiegend in Klausur - das heißt, sie bleiben innerhalb der Klostermauern und haben eingeschränkten Kontakt zur Außenwelt. Die spirituelle Arbeit, zu der sie berufen sind, erfordert Stille und Absonderung. Unsere Arbeit erfordert nicht dieselben Strukturen. Als Laienchristen, die inmitten der Welt leben, sind wir berufen, unter gewöhnlicheren gesellschaftlichen Bedingungen nach Heiligkeit zu streben.
Aber selbst die klausurierten Benediktiner praktizieren Gastfreundschaft gegenüber Fremden. Die Ordensregel schreibt vor, dass all jene, die das Kloster als Pilger oder Gäste aufsuchen, 'empfangen werden wie Christus selbst, der sagt, dass er einst sagen wird: Ich war fremd, und ihr habt mich aufgenommen.'" (Matthäus 25,35
Aber stehen das Konzept einer engen, abgesonderten Gemeinschaft einerseits und der Offenheit gegenüber der Außenwelt andererseits nicht in einem gewissen Widerspruch - oder sagen wir: Spannungsverhältnis - zueinander? Nun, wie so Vieles in der Benediktinischen Spiritualität ist auch dies eine Frage des rechten Maßes
"Der Hl. Benedikt verlangt von seinen Mönchen, offen gegenüber der Außenwelt zu sein - bis zu einem gewissen Punkt: Gastfreundschaft muss mit Umsicht und Besonnenheit ausgeübt werden, auf eine Weise, die es Besuchern nicht erlaubt, die Lebensweise der Mönche nicht zu stören. Zum Beispiel gilt die Vorschrift, bei Tisch zu schweigen, für Gäste wie für Mönche gleichermaßen. [...] Das Kloster empfängt dauernd Besucher, die alle möglichen Probleme haben und Rat, Hilfe oder einfach ein offenes Ohr suchen, und es ist wichtig, dass die Mönche ihre Ordnung aufrecht erhalten, damit sie in der Lage sind, diese Art von Gastfreundschaft zu gewähren." 
Zwingend gegen eine strikte Abschottung nach außen spricht schließlich auch, dass Christen dazu aufgerufen sind, missionarisch zu leben
"Die Kraft der populären Kultur ist so überwältigend, dass strenggläubige Christen oft die Notwendigkeit verspüren, sich hinter Verteidigungslinien zurückzuziehen. Aber Bruder Ignatius, 51, warnt, Christen dürften nicht so beklommen und ängstlich werden, dass sie es unterlassen, die Frohe Botschaft in Wort und Tat mit einer Welt zu teilen, die von Hass und Finsternis gefangen gehalten wird. Es ist umsichtig, vernünftige Grenzen zu ziehen, aber wir müssen aufpassen, dass wir uns nicht verhalten wie der ungetreue Knecht im Gleichnis von den Talenten, der von seinem Meister für seine schwache, ängstliche Verwaltung der ihm anvertrauten Güter bestraft wurde.
'Angriff ist die beste Verteidigung. Man verteidigt sich, indem man attackiert', sagt Bruder Ignatius. 'Greifen wir an, indem wir Gottes Königreich vergrößern - zuerst in unseren Herzen, dann in unseren Familien, und dann in der Welt. Ja, man benötigt Grenzen, aber es ist unsere Pflicht, diese Grenzen nicht dort zu belassen, wo sie sind. Wir müssen sie ausweiten, Territorium hinzugewinnen, immer weiter.'" 
Schließlich kommt Dreher auf den Benediktinischen Grundsatz der Ausgewogenheit zu sprechen, dem gewissermaßen die Funktion zukommt, die zuvor genannten Grundsätze ins richtige Verhältnis zueinander zu setzen. 
"Das Benediktinische Leben ist streng, aber wenn man es gemäß der Ordensregel gestaltet, ist es zugleich frei von Fundamentalismus und Extremismus. [...] Seine Ausrichtung auf das Gemeinschaftsleben steht in scharfem Gegensatz zu einer Anzahl anderer christlicher Gruppierungen, die entweder zerbrochen oder sektenähnlich geworden sind, weil ein obsessiv puristischer, autoritärer Führer seine Macht missbraucht hat." 
Hört, hört. 
"Somit ist Ausgewogenheit - oder, anders ausgedrückt, Besonnenheit, Barmherzigkeit und gutes Urteilsvermögen - der Schlüssel zur Leitung des Lebens einer christlichen Gemeinschaft. Dazu gehört auch, die notwendigen Bestandteile des monastischen Lebens - essen, schlafen, beten, arbeiten, lesen - in einem harmonischen Verhältnis zueinander zu erhalten, damit nicht eines davon das Leben eines Mönchs dominiert, sondern alles zu einem gesunden Ganzen vereint wird." 
Ist die Benediktinische "Option" demnach gar nicht so radikal, wie man zunächst annehmen würde? - Doch, schon; oder besser gesagt: Ihre Radikalität liegt auf einer anderen Ebene
"Aber [...] niemand sollte meinen, die Ordensregel ziele auf eine ausgewogene Lebensweise in dem Sinne ab, dass man sich mit Halbheiten und spiritueller Mittelmäßigkeit zufrieden gäbe. Es geht nicht um eine Balance zwischen Gut und Schlecht, sondern zwischen verschiedenen Arten des Guten." 
Und was folgt daraus? 
"Laien können von der Benediktsregel profitieren, [...] wenn sie verstehen, was das Radikale an der Lebensweise des Hl. Benedikt ist: die völlige Aufgabe des Eigenwillens zugunsten des Willens Gottes. Die Methode mag Ausgewogenheit in ihrer Anwendung erfordern, aber das Ziel, das der Herr uns vorgegeben hat, ist außerordentlich: vollkommen zu sein, wie unser Vater im Himmel vollkommen ist.
Weil Jesus eins mit dem Vater ist, müssen jene, die nach Vollkommenheit streben, Ihm nachzueifern suchen. Natürlich wäre es Häresie, zu glauben, man könne diese Vollkommenheit aus eigener Kraft oder diesseits des Himmels erreichen. Es ist ein Paradox des christlichen Lebens, dass man sich, je heiliger man wird, nur umso eindringlicher seiner Mängel bewusst wird - und damit seiner völligen Angewiesenheit auf die Barmherzigkeit Gottes. Gleichwohl: Die ideale Person ist die, die, indem sie dem Ruf Gottes folgt, Christus in Allem ähnlich wird. Ob sie zu einem klösterlichen Leben oder zum Leben in der Welt berufen ist, zur Gründung einer Familie oder zum Alleinleben, zu körperlicher Arbeit oder zu einem Schreibtischjob, dazu, zu Hause zu bleiben, oder um die Welt zu reisen: Sie muss nach besten Kräften danach streben, wie Jesus zu sein. Der Benediktinische Weg bietet - indem er unseren Körper, unseren Geist und unsere Seele methodisch und praktisch zu einem harmonischen Leben ordnet, in dem Christus als das Zentrum von Allem stets gegenwärtig ist und Alles erfüllt - eine Spiritualität, die für Jeden zugänglich ist. Für den Christen, der dem Weg des Hl. Benedikt folgt, wird das alltägliche Leben zu einem ununterbrochenen Gebet, zugleich Opfer für Gott und Geschenk von Ihm - und so verwandelt Er uns Stück für Stück in ein Abbild Seines Sohnes." 
Klingt anspruchsvoll? Gewiss! 
"Das Benediktinische Beispiel ist ein Zeichen der Hoffnung, aber zugleich auch eine Warnung: Wie auch immer die Umstände sein mögen, ein Christ kann nicht in Treue leben, wenn Gott nur einen Teil seines Lebens ausmacht, ausgeklammert vom übrigen Leben. Letztendlich steht entweder Christus im Mittelpunkt unseres Lebens oder das Selbst und die Götzen, die es sich errichtet. Einen Kompromiss dazwischen gibt es nicht. Mit Seiner Hilfe können wir die Fragmente unseres Lebens zusammensetzen und um Ihn herum ordnen - aber das ist nicht einfach, und wir können es nicht allein tun. Etwas Geringeres anzustreben, würde jedoch darauf hinauslaufen, was der französische katholische Schriftsteller Léon Bloy in die Worte gekleidet hat: 'Die einzige wirkliche Traurigkeit, das einzige wirkliche Scheitern, die einzige große Tragödie des Lebens ist es, kein Heiliger zu werden.'" 
Gegen Ende des Kapitels kommt der Autor nochmals auf seine tiefe Wertschätzung für die Mönche von Norcia zurück: 
"Gegenüber Pater Martin merkte ich an, wie außergewöhnlich es ist, dass ein Ort wie dieser in der modernen Welt überhaupt existiert. Junge Männer, die eine bis in die Frühzeit der Kirche zurückreichende Tradition des Gebets, der Liturgie und des asketischen Gemeinschaftslebens aufgreifen - und die dies mit unverkennbarer Freude tun? Man sollte denken, so etwas könne es heutzutage gar nicht mehr geben.
Aber sie sind hier - ein Zeichen des Widerspruchs gegen die Moderne." 
Was aber - wie schon einmal angemerkt - nicht im Sinne einer "Flucht in die Vergangenheit" zu verstehen sein soll: 
"'Es gibt hier etwas, das sehr alt ist, aber zugleich ist es neu', sagt Pater Martin. 'Die Leute sagen: Ach, ihr versucht ja nur die Uhr zurückzudrehen. Aber das ergibt keinen Sinn. Wenn man etwas im Hier und Jetzt tut, dann heißt das, es geschieht im Hier und Jetzt. Es ist neu, und es ist lebendig! Und davon geht eine große Kraft aus.'" 
Der Schluss des Kapitels ist dann in gewissem Sinne zugleich eine Einleitung zu den sieben folgenden - deren jeweilige Oberthemen in einer Aufzählung am Ende des vorletzten Absatzes angerissen werden: 
"Wie aber holen wir die Benediktinische Weisheit aus dem Kloster heraus und wenden sie auf die Herausforderungen des weltlichen Lebens im 21. Jahrhundert an? Diese Frage ist es, der wir uns nun zuwenden. Der Weg des Hl. Benedikt ist keine Flucht vor der realen Welt, sondern ein Weg, die Welt zu sehen, wie sie wahrhaft ist, und entsprechend in ihr zu leben. Die Benediktinische Spiritualität lehrt uns, die Welt in Liebe zu ertragen und sie in dem Maße und in der Weise zu verändern, wie der Heilige Geist uns verwandelt. Die Benedikt-Option greift die Tugenden der Ordensregel auf, um die Art und Weise zu verändern, wie Christen mit Politik, Kirche, Familie, Gemeinschaft, Bildung und Erziehung, dem Berufsleben, Sexualität und Technologie umgehen.
Dieses Anliegen ist dringlich. Als ich Pater Cassian zum ersten Mal von der Benedikt-Option erzählte, sinnierte er über meine Worte und erwiderte dann ernst: 'Diejenigen, die nicht in irgendeiner Form etwas von dem tun, was du meinst, werden das, was auf sie zukommt, nicht überstehen.'" 
Ja, klar, das klingt jetzt wieder sehr alarmistisch. Aber die folgenden Kapitel werden zeigen, inwieweit an dieser Einschätzung was dran ist. In Kapitel 4 geht es erst einmal um Politik - was nicht zuletzt insofern spannend ist, als Rod Dreher im Vorwort und im ersten Kapitel die bisherigen Ansätze eines christlichen politischen Aktivismus in den USA kurzerhand für gescheitert erklärt hat. In Kürze werden wir erfahren, wie seiner Einschätzung zufolge die Alternativen aussehen könnten...



Montag, 19. Juni 2017

Der theologische Totenvogel setzt zum Flug an

(Bildquelle hier.) 

Unlängst war ich beim "Tag der Offenen Tür" im Priesterseminar Redemptoris Mater in Berlin-Biesdorf. Zu den Highlights der Veranstaltung gehörte neben Grillfleisch und Bier die Möglichkeit, sich Bücher aus dem Dubletten-Bestand der Bibliothek mitzunehmen. Ich machte ausgiebig davon Gebrauch. Kurz darauf traf ich auf dem Gelände einen befreundeten Priester, der an diesem Seminar ausgebildet worden war, und zeigte ihm die erbeuteten Bücher - darunter "Das Trojanische Pferd in der Stadt Gottes" von Dietrich von Hildebrand. "Das war ja klar", kommentierte er lachend. -- "Meinst du, das passt zu mir?", hakte ich amüsiert nach, und er bejahte das. 

Nachdem ich das Buch knapp zur Hälfte durch habe, kann ich diese Einschätzung nur bestätigen. Und das, obwohl Dietrich von Hildebrand offenbar kein Freund des Rock'n'Roll war.


Im Ernst: Was mich an dem Buch spontan begeisterte, war zunächst einmal das, was Hildebrand über die Verwendung der Begriffe "konservativ" und "progressiv" im kirchlichen Kontext anmerkt. Unterschiedliche Standpunkte in Fragen der kirchlichen Glaubenslehre mit diesen Begriffen zu belegen, konstruiere eine "falsche Alternative", meint Hildebrand. Warum? Darum:
"Es gibt zweifellos Menschen, die an dem Bekannten, Gewohnten hängen, noch unabhängig von seinem spezifischen Gehalt. Etwas ist ihnen lieb und vertraut, weil sie daran gewöhnt sind, weil es den selbstverständlichen Rahmen für ihr Leben abgibt. Alles Neue, Ungewohnte erschreckt sie und erfüllt sie mit Verdacht - eben weil es ihnen ungewohnt ist. Wir können solche Menschen ihrem Temperament nach als 'konservativ' bezeichnen. Für einen anderen Menschentypus hingegen besitzt alles Neue, Ungewohnte eine besondere Anziehungskraft: etwas ist ihnen lieb, weil es neu ist; das Gewohnte langweilt sie eher; die Gewohnheit hat sie für seinen Gehalt abgestumpft. Sie verlangen nach Wechsel und genießen etwas um so mehr, je neuer es ihnen ist. Solche Menschen können wir als 'progressiv' bezeichnen. Solange es sich um eine bloße temperamentmäßige Veranlagung handelt, ist gegen beide nichts zu sagen. Warum sollten Menschen nicht verschieden veranlagt sein? - Sobald diese ihre Veranlagung aber ihre Stellung zur Wahrheit und zu echten Werten beeinflußt, übt sie offenbar eine völlig illegitime, unsachliche Wirkung aus."
(S. 17f., Hervorhebungen im Original.) 
Kein Wunder, dass mich diese Passage von Hildebrands Buch anspricht - wo ich doch in Diskussionen über religiöse Fragen immer wieder in der "konservativen" Ecke lande, dabei aber gleichzeitig behaupten würde, dass ich vom Naturell her sooo konservativ (im oben beschriebenen Sinne) gar nicht bin. Umso mehr ärgert es mich immer, wenn Vertreter des "progressiven" Lagers mal verdeckt, mal offen unterstellen, "die Konservativen" hätten lediglich "Angst vor Veränderung". Tatsächlich habe ich mir meine "konservativen" Standpunkte hart erarbeitet, zum Teil gegen erhebliche innere Widerstände. Das heißt: Für mich sind sie gerade nicht das Althergebrachte, Vertraute und Gewohnte. Das könnte einen nun natürlich auf die Idee bringen, dass umgekehrt vielleicht so manch ein theologisch "Progressiver" lediglich der theologischen "Schule" anhängt, die ihm vertraut und gewohnt ist - und also vom Naturell her insgeheim viel "konservativer" ist, als es nach außen hin den Anschein hat.

Aber eigentlich will ich auf etwas Anderes hinaus. Hören wir abermals Dietrich von Hildebrand:
"Angesichts einer [...] Frage, bei der es allein auf die wahre Antwort ankommt, von 'konservativ' und 'fortschrittlich' zu sprechen, ist nicht nur sinnlos, sondern sogar ausgesprochen dumm. Denn jedes andere Motiv als das der Wahrheit ist ebenso unsachlich, wie wenn jemand ein Bild für schön hält, bloß weil es sein Vetter gemalt hat. Wir müssen ein für allemal verstehen, daß an allem Wahren und wahrhaft Wertvollen festzuhalten - unabhängig von allen Schwankungen der Zeitmode - nicht das Symptom einer konservativen Haltung ist, sondern die Antwort auf eine im Wesen der Wahrheit und des Wertes gelegene Forderung. Es wäre offensichtlich ein Unsinn, jemanden als konservativ zu bezeichnen, weil er sein ganzes Leben daran festhält, daß zwei und zwei vier ist. Sobald jemand nicht versteht, daß das Festhalten an einer Wahrheit - unabhängig von aller temperamentmäßigen Veranlagung - die einzig vernünftige, sachgemäße Antwort ist, sondern dies als konservative Haltung bezeichnet, beweist er, daß er das Wesen der Wahrheit nicht verstanden hat."
(S. 18f.) 
Nun beschleicht mich allerdings der Verdacht, meine bewährten "progressiven" Debattengegner würden hier einwenden, die Rede von "Wahrheit" - in dem Sinne, dass diese etwas objektiv Gegebenes sei - sei an sich schon konservativ. Worauf Hildebrand, lebte er noch, erwidern würde, eben dieser Einwand zeige, dass sie "das Wesen der Wahrheit nicht verstanden" hätten. Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr habe ich den Eindruck, der entscheidende Unterschied zwischen den im kirchlichen Kontext als "konservativ" und "progressiv" (oder "liberal") bezeichneten Gruppen ist nicht so sehr, dass sie unterschiedliche Dinge für wahr halten, sondern vielmehr, dass sie unterschiedliche Auffassungen von Wahrheit haben.

Freilich: Wenn jemand der Auffassung ist, Wahrheit in einem objektiven Sinne gebe es entweder überhaupt nicht, oder wenn doch, dann sei es zumindest unmöglich, sie als solche zu erkennen, dann ist er im Grunde - und zwar im wortwörtlichen Sinne - Agnostiker. Zuweilen kann man den Eindruck bekommen, dieser Agnostizismus sei in der zeitgenössischen akademischen Theologie state of the art. Das mag zum Teil einem Wissenschaftsverständnis geschuldet sein, das sich allzu einseitig (um nicht zu sagen unpassenderweise) an naturwissenschaftlichen Paradigmen orientiert. Unangenehm wird's allerdings, wenn die jungen Leute, denen man im Laufe ihres Studiums mit Fleiß sämtliche Glaubensgewissheiten ausgetrieben hat, anschließend als Seelsorger auf die Gemeinden losgelassen werden. Dass es zwischen den Anforderungen der Seelsorge und dem, was sie gelernt haben, eine gewisse Diskrepanz gibt, merken sie übrigens in der Regel recht schnell selber. Und um sich abzureagieren, bloggen sie.

Okay, das war jetzt gemein.

Mit einigen Betroffenen habe ich hin und wieder auf Twitter zu tun, und ein paar von diesen haben jüngst ein neues Online-Magazin gestartet: Die Eule. Meine spontane Assoziation lautete: Kein Wunder, dass das Dingens nach einem Tier benannt ist, das sich erst in Bewegung setzt, wenn's dunkel wird. Reingeschaut habe ich trotzdem mal. In einem ersten Selbstdarstellungs-Artikel heißt es: 
"Die Eule bietet euch Nachrichten und Meinungen zu Kirche, Politik und Kultur, immer mit einem kritischen Blick aufgeschrieben für eine neue Generation." 
Kritischer Blick? Geschenkt. Neue Generation? Muss sein. Wobei ich mich an dieser Stelle schon frage, wie viel Substanz eigentlich wirklich hinter dem Pathos der "neuen Generation" steckt. Lockt man mit "liberaler" bzw. "progressiver" Theologie wirklich noch jemanden hinter dem Ofen vor, der nicht seinerseits sowieso schon in diese Richtung geprägt worden ist? Wäre es nach dem oben über die akademische Theologie Festgehaltenen nicht einigermaßen logisch, anzunehmen, dass die "liberale" bzw. "progressive" Variante des Christentums sich in zunehmendem Tempo selbst zerlegt? Vielleicht ist es ein Filterblasenphänomen, oder vielleicht kann man mir auch Wunschdenken vorwerfen, aber ich würde denken, die "neue Generation" geht eher zu Nightfever oder zu charismatischen Gebetshaus-Initiativen. - Aber weiter: 
"Wir wollen [...] in Themen tiefer einsteigen, über die Grenzen unserer eigenen Frömmigkeit" - okay, könnte man hier etwas spöttisch einwerfen, das sind ja wohl auch recht enge Grenzen -, "Kirchen und Länder hinaus schauen." 
Über den eigenen ideologischen Horizont hingegen nicht
"Unsere Beiträge sind anschlussfähig an eine plurale Gesellschaft, einen aufgeklärten christlichen Glauben und wissenschaftliche Theologie." 
Na fein, zur "wissenschaftlichen Theologie" habe ich mich ja bereits geäußert. Bemerkenswerter und bezeichnender finde ich den "aufgeklärten christlichen Glauben". Diese abgrenzende Formulierung macht nämlich deutlich, dass man den normalen christlichen Glauben für unaufgeklärt hält. Irgendwas muss das Studium schließlich gebracht haben - oder, schärfer formuliert: Wenn einem, wie oben schon angemerkt, alle Glaubensgewissheit ausgetrieben wurde, dann lebt sich's besser, wenn man sich wenigstens einreden kann, das sei etwas Positives. Wenn man sich den doofen Fundis, die noch so richtig echt an Gott und Jesus und Auferstehung und Himmel und Hölle und sowas glauben, überlegen wähnen kann, weil man ja so aufgeklärt ist. 
"Die Eule ist der Ort für Debatten über wichtige Zukunftsthemen im Raum der Kirche: Reformationsjubiläum, LGBTQ, Rechtsextremismus, Neue Medien, demographischer Wandel. An diesen Themenfeldern bleiben wir dran, weil sie unsere Themen sind. [...] Wir schreiben mit klarer Haltung." 
Gewiss. Man könnte hier die Frage zu stellen wagen, worüber denn noch debattiert werden soll, wenn die Haltung sowieso klar ist, aber lassen wir das mal beiseite - und schauen uns lieber mal die "wichtige[n] Zukunftsthemen" an. Das Reformationsjubiläum fällt da ein bisschen aus der Reihe, denn das ist ja gottlob bald vorbei und somit im eigentlichen Sinne wohl kaum ein Zukunftsthema. Bleiben noch "LGBTQ, Rechtsextremismus, Neue Medien, demographischer Wandel". Klar, das sind allgemein wichtige Themen, und angesichts ihrer allgemeinen Wichtigkeit sind sie durchaus auch für die Kirche wichtig. Aber doch eigentlich nur indirekt, oder sagen wir: mittelbar. Was ist mit Themen, die spezifisch für die Kirche wichtig sind? Wer mich ein bisschen kennt, der weiß, ich habe da diese unausrottbare Vorstellung, dass die Kirche in erster Linie für das Seelenheil der Menschen zuständig bzw. verantwortlich ist. Nun will ich keinesfalls in Abrede stellen, dass die genannten Themen durchaus einen Bezug zum Seelenheil der von ihnen betroffenen Menschen haben. Aber doch nicht zwingend mehr als zahllose andere, hier nicht genannte Themen auch. Unter "Zukunftsfragen für die Kirche" würde ich mir eher so etwas vorstellen wie "Was tun wir für die Neuevangelisation?", "Wie bringen wir den Menschen die heilbringende Wirkung der Sakramente nahe?" und nicht zuletzt: "Wie stehen wir eigentlich da, wenn der Herr uns fragt, was wir mit den uns anvertrauten Seelen angestellt haben?". Ja, ja, ich weiß schon. Fundamentalismus und so. 
"Weil christlicher Glaube nicht allein in Kirchenmauern gelebt werden kann, richten wir unseren Blick auch auf Themen aus Politik und Kultur. Weil Christen auch fernsehen, lesen, streiten und wählen gehen, spielen diese Themen bei uns mehr als nur eine Nebenrolle und werden auch nicht permanent durch die Brille des christlichen Glaubens (oder der Theologie) betrachtet." 
Schön, dass hier so en passant eingestanden wird, dass christlicher Glaube und Theologie zwei paar Schuhe sind. Etwas deutlicher als wahrscheinlich beabsichtigt kommt hier aber eine andere Botschaft rüber: "Dieser ganze Religionskram wird auf die Dauer ja langweilig, also schreiben wir auch über andere Sachen, denn wir wollen ja schließlich auch unterhaltsam sein." Kann man so machen - aber eine ausgesprochene Frechheit ist es, das mit der Aussage zu begründen, dass "christlicher Glaube nicht allein in Kirchenmauern gelebt werden kann". Die Aussage selbst ist ja richtig und sogar ausgesprochen wichtig. Aber wenn man sie ernst nähme, müsste die Folgerung daraus lauten, dass Christen auch dann Christen sind (oder sein sollten), wenn sie "fernsehen, lesen, streiten und wählen gehen". Was das praktisch heißt - wie man also konkret sein Christsein in diesen und vielen anderen Tätigkeiten ausleben und bewähren kann oder muss - DAS wäre doch mal eine spannende (und bedeutsame) Fragestellung. Aber nö, man will all diese Dinge ja gerade nicht "permanent durch die Brille des christlichen Glaubens" sehen. 

Und schließlich: 
"Wir schreiben nicht, was anderswo schon steht, sondern drehen den Blick, finden einen neuen Aspekt oder halten die Klappe." 
Nun, Letzteres lässt immerhin hoffen. 



Mit Rod Dreher im Biergarten und in der "BMW Welt"

"Hi, ich bin Rod. Kann ich dir ein Bier ausgeben?" 

Ich muss sagen, ganz so locker und freundschaftlich hatte ich mir meine erste leibhaftige Begegnung mit Rod Dreher, dem Autor der "Benedict Option", nicht vorgestellt. Wobei: Warum eigentlich nicht? Die leutselige, unprätentiöse Art, mit der der Verfasser des "meistdiskutierten religiösen Buches des Jahres", dessen Blog auf der Website des Magazins "The American Conservative" täglich gut eine Million Leser erreicht, sich mir vorstellte, ist meiner Erfahrung zufolge durchaus charakteristisch für US-Amerikaner, und genau das mag ich so sehr an dieser Nation. 

Rod Dreher; im Hintergrund die "BMW Welt". 
Aber wie war es überhaupt zu dieser Begegnung gekommen? - Nun: Mit meinem Tagespost-Artikel "Christen als 'kreative Minderheit'" vom 15. Mai war ich, soviel ich weiß, der erste Journalist gewesen, der in einer deutschen Zeitung über das Buch "The Benedict Option" geschrieben hat; und kurz darauf erreichte mich über die Tagespost-Redaktion ein bemerkenswerter Leserbrief. Rod Dreher würde über Fronleichnam für ein paar Tage mit seinem ältesten Sohn nach München kommen und während dieser Zeit beim Verfasser des Leserbriefs wohnen. Sofern ich interessiert sei, würde er uns gern miteinander bekannt machen. Hallo?! Natürlich war ich interessiert! 

Also brach ich am Mittwoch in aller Frühe nach München auf. Bloggerkollegin Gardinenpredigerin hatte mir freundlicherweise eine Übernachtungsmöglichkeit in Aussicht gestellt. Aus dem ICE twitterte ich, ich sei auf dem Weg nach München - woraufhin ich von meiner langjährigen Twitter-Bekannten @gudruncita die Nachricht erhielt: "Du kommst nach München? - Wollen wir uns treffen?" 

Ansicht aus dem ICE - gut ausgerüstet mit Lektür, Kaffee und Snacks, und Esel Pepe war auch mit dabei. 


Im Real Life ist @gudruncita Co-Vorsitzende der Münchner Grünen und außerdem Mitglied im "ZdK". Im Sinne des guten alten bösen alten "Lagerdenkens" also total auf der Gegenseite. Ich habe mich hier auf meinem Blog auch schon mal sehr kritisch mit einem von ihr verfassten katholisch.de-Kommentar zum Thema Eucharistieverständnis auseinandergesetzt. Was soll's - wir mögen uns. Und ist ja auch schön, dass das möglich ist. Also verabredeten wir uns spontan für den späten Nachmittag am Isarstrand. Am Vater-Rhein-Brunnen. Erst mal ein bisschen verwirrend, dass an der Isar ein Vater-Rhein-Brunnen steht. Der stand allerdings früher wirklich mal am Rhein. In Straßburg, genau gesagt. Dort wurde er 1919 abgebaut und 1932 an seiner jetzigen Stelle aufgestellt. 

So sieht er aus, der Vater Rhein. 
Gudrun hatte ihre kleine Tochter dabei, die mir gegenüber zunächst etwas misstrauisch wirkte - aber mein kleiner Plüschesel Pepe brach das Eis. Beinahe hätte sie ihn nicht wieder hergegeben. 

Am Abend traf ich mich dann mit der Gardinenpredigerin und bekam von ihr eine recht komfortable Schlafcouch zur Verfügung gestellt; und am nächsten Morgen fuhren wir gemeinsam zum Marienplatz, wo der Festgottesdienst zum Hochfest des heiligsten Leibes und Blutes Christi (kurz: Fronleichnam) stattfand. 


Man hatte mich gewarnt, dass Kardinal Marx gern sehr ausführlich predigt. Und dass er die Angewohnheit habe, in die Mitte seiner Predigten eine Passage einzubauen, die fälschlich den Eindruck vermittle, er käme allmählich zum Schluss. Nebenbei fiel mir auf, dass seine behäbige westfälische Diktion mich irgendwie an Rüdiger Hoffmann erinnert. Aber sei's drum. Extrem heiß war es obendrein - und auf der Prozessionsstrecke (die in diesem Jahr wegen S-Bahn-Bauarbeiten von der traditionellen Route abwich) gab es kaum Schatten. Dennoch trug ich nur einen leichten Sonnenbrand davon. 


Im Anschluss an die Prozession trafen wir uns mit meinem Stammleser und unermüdlichen Kommentarschreiber Imrahil und gingen essen in einem netten, studentisch geprägten Lokal in der Maxvorstadt; ich nahm Schinkennudeln, an die Weißwurst traute ich mich nicht so richtig ran. Und kaum hatten wir aufgegessen, erhielt ich eine Nachricht von Till, dem Leserbriefschreiber, bei dem Rod Dreher zu Gast war. Sie seien gerade im Biergarten am Chinesischen Turm im Englischen Garten. Ob wir uns dort treffen wollten oder später irgendwo in der Innenstadt. 
"Wie weit ist es von hier zum Englischen Garten?", fragte ich meine ortskundigen Begleiter. 
"Zwanzig Minuten", erwiderte die Gardinenpredigerin. "Ich bring' dich hin." 

Und dort traf ich dann also mit Rod Dreher zusammen. Ebenfalls mit dabei war Yves Reichenbach, ein Schweizer, der sich mit Agroökologie beschäftigt. Ebenfalls eine sehr interessante Bekanntschaft. -- Rod wollte wissen, wie ich überhaupt auf sein Buch aufmerksam geworden sei; also erzählte ich es ihm und merkte dabei an, meine spontane Reaktion auf die ersten Informationen zum Inhalt der "Benedict Option", auf die ich gestoßen sei, sei gewesen, zu meiner Frau zu sagen: "Das ist genau das, wonach wir gesucht haben." Das machte Rod nun natürlich neugierig. Also erzählte ich ihm von unserem Besuch auf dem punkig-hausbesetzerischen Kreutzigerstraßenfest im letzten Jahr ("Da habe ich mich gefragt: Wieso sollten Christen so etwas nicht auch auf die Beine stellen können?" - Zustimmendes Lachen von Rod), von unserem gemeinsamen Jakobsweg und vom Dinner mit Gott des Mittwochsklubs ("Das ist genau das, wovon ich rede!", freute sich Rod). Kurz, wir verstanden uns glänzend. Eigentlich wollte und sollte ich ihn ja für die Tagespost interviewen, und das tat ich auch - aber vom Gefühl her war es weit eher ein angeregtes Gespräch auf Augenhöhe als ein Interview; Rod machte den Eindruck, ebensosehr daran interessiert zu sein, was ich zu erzählen hatte, wie umgekehrt. 

Wie ich erfuhr, hatte er wenige Tage zuvor in Trient an einer Konferenz teilgenommen; der Abstecher nach München war vor allem dadurch motiviert, dass sein 17jähriger Sohn Matthew ein Technik-Freak ist und sich sehr für deutsche Technologie (und insbesondere deutsche Autos) interessiert. Aus diesem Grund schlug Yves vor, wir könnten alle zusammen zur "BMW Welt" fahren; dort könne Matthew sich das BMW-Museum ansehen, während wir anderen uns ins Café setzten und uns weiter unterhielten. Und so machten wir es dann auch. Wir diskutierten verschiedene Aspekte der Benedict Option und was man so alles tun könne, um christliches Gemeinschaftsleben inmitten einer zunehmend glaubensfeindlichen Umwelt zu stärken. Unter anderem berichtete ich von der MEHR-Konferenz - und außerdem davon, dass in Hamburg gerade ein ungenutztes evangelisches Kirchengebäude von einer anarchistischen Gruppe besetzt worden sei, die dort ein selbstverwaltetes Jugendzentrum einrichten und einen Gemüsegarten anlegen will. "Im Grunde gefällt es mir, was die da machen", gestand ich, "aber es würde mir noch weit besser gefallen, wenn eine christliche Initiative so etwas machen würde." Rod wirkte interessiert und nachdenklich. 

Insgesamt verbrachten wir an diesem Nachmittag wohl etwa vier bis fünf Stunden zusammen - die Zeit verging wie im Flug. Rod hat auf seinem Blog auch schon darüber berichtet. Wir bleiben auf jeden Fall in Kontakt - und meine Artikelreihe mit kommentierten Exzerpten aus den einzelnen Kapiteln der Benedict Option wird ebenfalls in Kürze fortgesetzt... 


Donnerstag, 1. Juni 2017

Die Sisyphos-Option - oder: Fast richtige Erkenntnisse

Der Blog feinschwarz.net, der sich im Untertitel "Theologisches Feuilleton" nennt, taucht mit schöner Regelmäßigkeit in den oberen Rängen der Theoradar-Wertung auf, aber meist vergeht mir schon bei Überschrift und Teaser-Text die Lust, die Artikel zu lesen. Das ist jetzt natürlich keine fundierte Kritik - ja, im Grunde ist es sogar das glatte Gegenteil einer fundierten Kritik -, aber was soll ich machen, es is' halt so. Im Gespräch mit gleichgesinnten Netzkatholiken habe ich auch schon mal unwirsche Sätze geäußert wie "Bei feinschwarz.net weiß man auch nicht so genau, für wen die eigentlich arbeiten". Inzwischen habe ich aber immerhin herausgefunden, dass man Letzteres gar nicht wissen kann - da eine Vielzahl unterschiedlicher Autoren auf dieser Plattform publiziert und die Autoren dabei ganz unterschiedliche, zuweilen sogar gegensätzliche Standpunkte vertreten. 

So hatte ich mir unlängst einen feinschwarz.net-Beitrag von Rainer Bucher über "Organisationsentwicklungsprozesse" vorgeknöpft und - obwohl ich einige Aussagen des Grazer Pastoraltheologen durchaus zustimmungsfähig oder mindestens bedenkenswert fand - meine grundsätzliche Skepsis gegenüber "innovativen" pastoraltheologischen Ansätzen an ihm ausgelassen. Und siehe, kaum mehr als zwei Wochen später stoße ich an gleicher Stelle auf einen Beitrag von Judith Müller, der von derselben Skepsis geprägt scheint. Das müsste mir doch gefallen, oder?

Nun ja, zugegeben - wenn ich gleich zu Beginn eines Essays Sätze lese wie
"Gemessen an der Zahl von Abteilungen oder Agenturen, die in deutschen Diözesen und Landeskirchen sei es als interne oder als externe Dienstleister mit der Vokabel 'Entwicklung' (Kirchen-, Organisations-, Pastoral-, Gemeinde-) auftreten, müsste das kirchliche Leben im Lande nur so brummen [...]. Nimmt man noch die Initiativen und Firmen hinzu, die sich durch ein X (z.B. FreshX, PfinXten, Xpand) oder eine 2 im Namen (Kirche², Futur2) empfehlen, könnte man den Eindruck gewinnen, wir erlebten gerade eine kraftvolle kirchliche Aufbruchszeit", 
dann bekomme ich schon ein bisschen Lust, die Lektüre kurz zu unterbrechen, um ein bisschen im Rumpelstilzchen-Style durch die Wohnung zu tanzen. Und auch im weiteren Verlauf schenkt Judith Müller - ihres Zeichens "Theologin, Seelsorgerin, Organisations- und Gemeindeberaterin in München" - ihren innovationsversessenen Kollegen nichts. Bei ihrer Kritik am 
"Ruf nach 'geistlichen Prozessen', die den Geruch atmosphärischer Weichspüler zu 'harten' Strukturmaßnahmen nie ganz loswerden", 
müssten manchen Pastoralstrategen in den Ordinariaten gewaltig die Ohren klingeln. Und weiter: 
"Viele der kirchlichen Entwicklungsprozesse nennen sich 'Zukunftsprozesse'. Es sind 'Weichen in die Zukunft' zu stellen. Kirchliche Strukturen und pastorales Handeln sollen 'zukunftsfähig' ausgerichtet werden. 'Innovationen' und 'Experimente' sollen gewagt werden. Bräuchten es nicht mehr Mut zur Gegenwart? [...] Zu oft entsteht bei haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen, die bisher gut und beständig ihre Arbeit getan und dabei kontinuierlich versucht haben, dranzubleiben an dem, was die Situation vor Ort erfordert und ermöglicht, der Eindruck, das alles zähle nicht mehr. Es gehe jetzt darum, die Dinge ganz anders, eben richtig innovativ zu machen. – Wen wundert da die Ermüdung?" 
(Bildquelle hier.)

Diese Ermüdung, so meint die Verfasserin, ist umso weniger verwunderlich, als der ganze Innovationsaufwand am Ende ja doch nichts bringt. Sie verweist auf einen "ernüchternde[n] religionssoziologische[n] Befund": 
"Abgesehen von punktuellen und flüchtigen Phänomenen sind weit und breit keinerlei Indizien dafür auszumachen, dass der Entkirchlichungstrend, der seit den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts voranschreitet, und der von den Kirchlichkeitsnachblüten der Nachkriegs- und der Konzilszeit lediglich kurz unterbrochen wurde, grundlegend aufzuhalten oder gar umzukehren wäre. Ausschlaggebend dafür ist nicht ein mehr oder weniger ungeschicktes Handeln von Kirchenakteuren, sondern vielmehr der Umstand, dass die großen Bewegungen von Individualisierung und Pluralisierung sich nicht umkehren lassen. Wie die Zahnpasta, die nun einmal nicht in die Tube zurück will."
An dieser Stelle fielen mir erstmals Berührungspunkte mit meiner derzeitigen Lieblingslektüre, "The Benedict Option" von Rod Dreher, ins Auge. Denn dass der gesamtgesellschaftliche Relevanzverlust der Kirchen - und des christlichen Glaubens überhaupt - in der westlichen Welt auf absehbare Zeit nicht aufzuhalten, geschweige denn umzukehren sei, ist ja auch dort die Ausgangsthese. Nur dass Dreher "die großen Bewegungen von Individualisierung und Pluralisierung" nicht bloß konstatiert, sondern - wie ich hier auf meinem Blog kürzlich skizziert habe - als vorläufigen Endpunkt einer historischen Entwicklung deutet, deren Fundamente schon vor Jahrhunderten gelegt wurden. Aber solche Überlegungen würden in Judith Müllers Essay zweifellos den Rahmen sprengen. Bemerkenswerter erscheint mir etwas Anderes: Kritik an Drehers "Benedict Option" entzündete sich ja zu einem wesentlichen Teil an der These des Autors, die Kirche solle auf diese Situation reagieren, indem sie anerkennt, dass sie den öffentlichen Raum verloren hat, und sich aus Kämpfen zurückzieht, die sie (zumindest bis auf Weiteres) nicht gewinnen kann. Das wurde ihm vielfach geradezu als Defätismus ausgelegt. Umso frappierender fand (und finde) ich es, dass Judith Müller zustimmend auf einen Text rekurriert, der von einem noch weit radikaleren Defätismus geprägt ist: einen Vortrag, den der Schriftsteller Robert Schneider ("Schlafes Bruder", "Kristus") auf dem Ökumenischen Kirchentag 2003 gehalten hat und den Frau Dr. Müller als "schonungslos" und "frei von falschen Hoffnungen" lobt. Sie zitiert Schneider wie folgt: 
"Die deutschsprachige Kirche – die katholische wie die evangelische – ist im Zerfallen. Ihr Zerfall geschieht unmerklich, schleichend, leise [...]. Noch hin und wieder bäumt sich ihr sterbender Körper auf. Er wehrt sich mit verzweifelten Konzepten der Hoffnung gegen die Ohnmacht, in die er gesunken ist. [...] Glanz und Herrlichkeit sind vergangen, die Macht zerronnen, die Autoritäten verspielt, die Inhalte verstellt und vergessen gar. Zur Marginalie ist die deutsche Kirche geworden[.]"
Soweit die Wahrnehmung des Ist-Zustands; und was soll man da nun tun? - Gar nichts, meint Robert Schneider: 
"Eben nichts ist zu tun. Es kann gar nichts getan werden – das ist meine Überzeugung –, denn alle künstlichen Wiederbelebungskonzepte, jeder bemühte Neuaufbruch, all die hilflosen Versuche einer scheinbar zeitgemäßen Bild- und Sprachfindung müssen scheitern. Auszuhalten ist die Ohnmacht, ohne in Tatenlosigkeit zu versinken oder die Umstände verantwortlich zu machen. Einzuüben ist die Ohnmacht, anzunehmen, sie zu respektieren, sich endlich ihr zu stellen. Das ist menschliches, christliches, kirchliches Tun genug." 
Das heißt dann wohl "Hurra, wir kapitulieren!", oder? -- Man könnte nun natürlich fragen, was einen Schriftsteller, dem man anhand seines literarischen Werks (wie auch anhand seiner in besagtem Vortrag geäußerten Ansicht, dass "[d]ie Wirklichkeit [...] weder Gut noch Böse, noch Richtig oder Falsch erkennt, sondern dieser Trennung nicht bedarf") wohl ein einigermaßen gebrochenes Verhältnis zum christlichen Glauben attestieren kann, eigentlich dazu qualifiziert, der Kirche zu sagen, was sie tun und was sie lassen soll. Gab es wenigstens eine Gegenrede? -- Andererseits: Den Vortrag hat er 2003 gehalten? Vor vierzehn Jahren? Hat er - bis jetzt, d.h. bis zu diesem Artikel von Judith Müller - irgendwelche Auswirkungen gehabt? Wenn ein Baum im Wald umfällt, und niemand ist da, der es hört - macht er dann überhaupt ein Geräusch? 

Judith Müller jedenfalls ist voll des Lobes für Schneiders Einsichten: 
"'Nichts ist zu tun – ohne in Tatenlosigkeit zu versinken.' Damit ist in paradoxer Sprache die geistliche Haltung beschrieben, die so wesentlich wie notwendig ist: Absichtslose, wach engagierte Präsenz, die Kraft des Gegenwärtigseins. [...] Diese Grundhaltung ist eine weisheitliche. [...] Ja, vieles wird zu Ende gehen. Aber warum nicht den Dingen ihre Zeit lassen – die Aufgabe eingeschlossen, sie gut zu Ende zu bringen, wenn sie ihre Zeit gehabt haben."
Hm. Ist die Kirche ein Hospizpatient, für den man nichts Anderes mehr tun kann, als ihm ein Sterben in Würde zu ermöglichen? 

Lassen wir diese Frage mal ein Weilchen im Raum stehen - werfen aber parallel dazu nochmals einen Blick darauf, wie Frau Dr. Müller Bemühungen beurteilt, sich eben nicht mit der Ohnmacht und dem schleichenden Tod der Kirche abzufinden. Wie sehen die aus? 
"Einzelne Gemeinden, die gegen den Trend zu wachsen scheinen, oder auch einzelne charismatische Priester, die ihre Kirche voller haben als andere, haben Prominentenstatus und werden in der Kircheninnovationsszene von Bühne zu Bühne, von Kongress zu Kongress herumgereicht." 
Da könnte man nun fragen, was eigentlich so falsch daran ist, sich aufmerksam anzuschauen, was wachsende Gemeinden eigentlich anders machen als schrumpfende. Auch wenn man dabei sicher nicht dem Trugschluss verfallen darf, was in einer Gemeinde gut funktioniere, sei deshalb automatisch das Patentrezept für alle anderen. Nebenbei bin ich ein bisschen an dem Wort "charismatisch" hängen geblieben, nehme aber an, Frau Dr. Müller meint dies allgemein im Sinne von "mit großer Ausstrahlung begabt" und nicht spezifisch auf die Charismatische Bewegung innerhalb der verschiedenen christlichen Konfessionen bezogen. Dabei würde es wohl auch so verstanden einen Sinn ergeben, denn charismatisch orientierte Gemeinden und Gemeinschaften scheinen tendenziell tatsächlich stärkeren Zulauf zu haben als andere; aber diese Dose Würmer will ich jetzt nicht auch noch aufmachen

Eine andere hingegen sehr wohl: Judith Müller wirft ihren Kollegen vor, sie suchten nach einem "Heilmittel, die Quoten kirchlicher Beteiligung noch einmal ins Plus zu drehen". Da frage ich mich: Geht es tatsächlich nur um die Quote? Um die Unternehmensbilanz? Will die Verfasserin diese Sichtweise kritisieren, oder sitzt sie dieser Sichtweise selbst auf? Ich bin mir da tatsächlich nicht so sicher. Über weite Strecken liest sich der Aufsatz jedenfalls so, als würde "Kirche" darin lediglich als "Organisationsform" betrachtet und beurteilt. Von Gott ist im ganzen Text keine Rede; und von den Menschen, aus denen die Kirche besteht und zu deren Heil sie dienen soll, ebenfalls kaum. 

Das hat natürlich Konsequenzen. Sich ein allmähliches Dahinsterben der Kirche, wie es Robert Schneider prophezeit, vorzustellen oder sich sogar damit anzufreunden, fällt naturgemäß erheblich leichter, wenn man den Gedanken an den göttlichen Auftrag an die Kirche und an ihre Heilsnotwendigkeit für die Menschen ausklammert. Bezieht man diese Gedanken jedoch in seine Überlegungen ein, dann liegt es nahe, dabei auch an die Worte Jesu zu denken: "Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen, und die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwinden" (Matthäus 16,18). -- Angehörige christlicher Konfessionen, die weder das Petrusamt noch die Apostolische Sukzession kennen bzw. anerkennen, werden dieses Bibelwort zweifellos anders verstehen, als die Katholische Kirche es tut. Ohne hier nun konkrete Belege anführen zu können, würde ich mal annehmen, dass Protestanten diese Zusage Jesu auf die "Christenheit" als Ganze beziehen, die sie sich als unabhängig von einer konkreten Institution "Kirche" vorstellen. Von dieser Sichtweise ausgehend kann man durchaus zu der Auffassung gelangen: "Das Christentum wird überleben, auch wenn die Kirche stirbt". Frau Dr. Müller ist allerdings katholisch, auch wenn man das ihrem Text kaum anmerkt. Nun besagt das katholische Kirchenverständnis, dass die Wahre Kirche Jesu Christi in der konkreten Gestalt der Katholischen Kirche subsistiert (vgl. Lumen Gentium 8); d.h. die Kirche als Mystischer Leib Christi ist mit der "Organisationsform" Katholische Kirche nicht einfach identisch, kann aber auch nicht von ihr losgelöst betrachtet werden.

Geht man dementsprechend davon aus, dass die "Bestandsgarantie" Jesu explizit auch der "Institution" Kirche gilt, dann könnte man natürlich folgern: Um das Überleben der Kirche müssen wir uns letztlich keine Sorgen machen. Die Kirche kann schrumpfen, kann an gesellschaftlichem Einfluss und Ansehen verlieren, aber untergehen kann sie nicht.

Sollte man daraus nun schließen, wir müssten für das Überleben der Kirche gar nichts tun? Rod Dreher ist nicht dieser Ansicht - jedenfalls nicht, wenn uns daran gelegen ist, dass die Kirche nicht nur global gesehen überlebt, sondern auch hier bei uns
"Jesus Christus hat versprochen, dass die Pforten der Hölle Seine Kirche nicht überwinden werden - aber Er hat nicht versprochen, dass die Hölle Seine Kirche im Westen nicht überwinden wird. Das hängt von uns ab - und von den Entscheidungen, die wir hier und jetzt treffen", 
schreibt er im Vorwort zu "The Benedict Option". Auch Johannes Hartl warnt in seinem Vortrag "Erwecke die Helden", den ich immer wieder gern zitiere, vor einer Haltung, die nur den lieben Gott lässt walten und ansonsten die Hände in den Schoß legt: 
"Es gibt Dinge, die Gott für dich tut, und es gibt Dinge, die Gott nicht für dich tut. Zum Beispiel musst du nicht jeden Morgen neu beten: Lieber Gott, bitte reinige meine Zähne. Sondern Er hat dir Hände gegeben und Zahnpasta und eine Zahnbürste." 
Auch der Hl. Augustinus sagte: "Bete, als ob alles von Gott abhinge, und arbeite, als ob alles von dir abhinge." -- Aber meint Judith Müller eigentlich wirklich, man könne, solle und müsse nichts weiter tun, als der Kirche beim gemächlichen Verscheiden zuzusehen? Das dürfte denn doch ein Missverständnis sein, das über die erste Hälfte des Titels ihres Essays - "Nichts ist zu tun" - die zweite Hälfte übersieht: "ohne in Tatenlosigkeit zu versinken". Abgelehnt wird ein aktionistischer Innovationseifer, okay; aber wie soll die Alternative aussehen? 
"Es geht um die Gelassenheit, nicht etwas sein zu müssen, was man nicht ist, sondern die konzentrierte Selbstverständlichkeit, das zu sein, was man – und zwar ohne das Wörtchen 'noch' – ist: als Kirche in der Gesellschaft, als Seelsorger und Seelsorgerinnen in den Begegnungen, als Christenmensch im Leben. Es ist was es ist: Die Liebe. Der Glaube. Eine Gemeinde. Eine Ordensgemeinschaft. Die Kirche. [...] Lasst Gemeinden sein was sie sind, so lange sie es sind! Erspart ihnen Prozesse, die nur dem Überleben der Organisation und zu wenig dem Glaubenkönnen der Menschen heute dienen. Aber helft ihnen entdecken, was aus ihnen werden will, wenn sie danach fragen. Es muss nicht immer alles innovativ sein. Es genügt gegenwärtig und in Bewegung zu sein." 
Klingt erst mal nicht schlecht. Aber was dient denn dem "Glaubenkönnen der Menschen"? Was heißt es konkret, "gegenwärtig und in Bewegung zu sein"? Heißt es, mit dem, was man schon immer gemacht hat, weiterzumachen, solange es eben geht? Den Stein immer wieder den Berg hinaufrollen, obwohl man weiß, dass er gleich darauf wieder herunterrollen wird? Müssen wir uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen? 

Nun ja: Vielleicht. Dass die Kirche sich darauf konzentrieren solle, zu sein, was sie ist, ist durchaus auch in der Benedict Option eine Kernaussage. Was Judith Müllers Essay allerdings so unbefriedigend macht, ist - ich deutete es bereits an - das völlige Fehlen einer transzendenten Ebene. Das "Es ist was es ist" bleibt auf diese Weise inhaltlich unbestimmt. Möglicherweise hat die Verfasserin selbst keine klare Vorstellung davon. Da halte ich es dann doch lieber mit Rod Dreher: Eine Reform der Kirche - "Reform" in dem Sinne, dass die Kirche sich darauf zurückbesinnt, was sie eigentlich sein soll - muss immer im eigenen Herzen beginnen; also damit, das eigene Denken, Wollen und - in der Konsequenz - das eigene Handeln auf Gott hin auszurichten. Erinnert sei in diesem Zusammenhang auch an einen Satz der Hl. Mutter Teresa: "Was muss sich in der Kirche ändern? - Sie und ich!" 

Zweifellos hat Judith Müller Recht, wenn sie meint, der "Erfolg" kirchlichen Handelns lasse sich nicht "in steigenden Beteiligungszahlen" messen. Es erscheint durchaus plausibel, dass die Kirche erst noch mehr schrumpfen, noch weiter an gesellschaftlichem Einfluss und "Status" verlieren muss, um wieder zu sich selbst zu finden. Schmerzhaft ist dieser Schrumpfungsprozess nicht um der "Organisationsform" willen, sondern um der Menschen willen, die die Kirche nicht erreicht. Diese Menschen können und dürfen der Kirche nicht gleichgültig sein. Aber gerade deshalb muss sie sich zunächst einmal darauf besinnen, was es eigentlich ist, das sie den Menschen zu geben hat. 



Mittwoch, 31. Mai 2017

Was ist dran an der "Benedict Option"? (Teil 3)

So, Freunde: Nach einem vorübergehenden Abstieg in die geistlichen Niederungen des Evangelischen Kirchentages wird es nun aber Zeit, dass ich meine Lektürenotizen zu Rod Drehers "The Benedict Option" fortsetze. Das zweite Kapitel des Buches trägt die Überschrift "Die Wurzeln der Krise". Darin wagt sich der Autor - nach der einleitenden Schilderung eines Verandagesprächs zwischen zwei alten Damen, die sprichwörtlich "die Welt nicht mehr verstehen" - an einen geistes- bzw. ideengeschichtlichen Abriss der Ursachen dafür, dass eine traditionell christliche Weltanschauung der modernen Gesellschaft zutiefst fremd geworden ist. Dabei greift er erheblich weiter in die Geschichte zurück, als man hätte annehmen können: 
"Der Verlust der christlichen Religion ist die Ursache dafür, dass der Westen seit geraumer Zeit dabei ist, sich zu fragmentieren - ein Prozess, der an Geschwindigkeit zunimmt. Wie ist es dazu gekommen? Im Laufe von sieben Jahrhunderten haben fünf bahnbrechende Ereignisse die westliche Zivilisation erschüttert und sie des Glaubens ihrer Vorväter beraubt:
  • im 14. Jahrhundert der Verlust des Glaubens an den integralen Zusammenhang zwischen Gott und Schöpfung - oder, in philosophischer Terminologie, zwischen transzendenter und materieller Realität; 
  • der Zusammenbruch von religiöser Einheit und religiöser Autorität in der protestantischen Reformation des 16. Jahrhunderts; 
  • die Aufklärung im 18. Jahrhundert, die die christliche Religion durch den Kult der Vernunft ersetzte, das religiöse Leben privatisierte und das Zeitalter der Demokratie einläutete; 
  • die Industrielle Revolution (ca. 1760-1840) und der Aufstieg des Kapitalismus im 19. und 20. Jahrhundert; 
  • die Sexuelle Revolution (1960-heute)." 
Freilich räumt Dreher ein: 
"Dieser Abriss westlicher Kulturgeschichte seit dem Hohen Mittelalter lässt zugegebenermaßen eine ganze Menge aus. Zudem ist er voreingenommen zugunsten eines intellektuellen Verständnisses historischer Kausalität. Tatsächlich ist es so, dass materielle Erscheinungen oft erst die Geburt von Ideen ermöglichen. Die Entdeckung der Neuen Welt und die Erfindung der Druckerpresse, beides im 15. Jahrhundert, und die Erfindung der Verhütungspille und des Internets im 20. Jahrhundert ermöglichte es Menschen, sich Dinge vorzustellen, die zuvor unvorstellbar waren, und somit neue Gedanken zu denken. Die Geschichte gibt uns keine sauberen und geraden kausalen Linien, die Ereignisse miteinander verbinden und sie in eine klare Ordnung bringen. Geschichte ist ein Gedicht, kein Syllogismus." 
William Hogarth: Tail Piece (1764) 

Historiker werden an dem Geschichtsbild, das Dreher auf den folgenden Seiten entwirft, sicherlich Manches zu bemängeln haben.  Gleichwohl betont der Autor: 
"Es ist wichtig, diese Darstellung - so unvollständig und übersimplifiziert sie auch sein mag - zu begreifen, um zu verstehen, warum der bescheidene benediktinische Weg eine so wirkungsvolle Gegenkraft zu den zersetzenden Strömungen der Moderne darstellt." 
Man könnte ergänzen: Wichtig ist diese Darstellung auch, um dem Leser, der vielleicht meint, Drehers düstere Prognosen über die nahe Zukunft der Christenheit in der westlichen Welt seien überdramatisiert und die Christenheit habe schon viel schlimmere Krisen er- und durchlebt, begreiflich zu machen, wie er zu der Auffassung gelangt, die moderne westliche Kultur habe sich nahezu völlig von ihren christlichen Wurzeln gelöst.

Dem vorhersehbaren Vorwurf, das christliche Mittelalter über Gebühr zu idealisieren, begegnet er mit der Feststellung: 
"Das mittelalterliche Europa stellte keinen christlichen Idealzustand dar. Die Kirche war in spektakulärem Ausmaß korrupt, und die gewaltsame Ausübung von Macht - zuweilen auch durch die Kirche selbst - schien die Welt zu regieren. Aber trotz der tiefgreifenden Gebrochenheit der Welt trugen die Menschen des Mittelalters in ihrer Vorstellung eine kraftvolle Vision von Ganzheit. Dem mittelalterlichen Konsens zufolge konstruierte der Mensch seine Realität auf eine Weise, die ihn in die Lage versetzte, alle Dinge in einer konzeptuellen Harmonie zu sehen und Sinn inmitten des Chaos zu finden." 
Diese mittelalterliche Weltsicht skizziert Dreher unter Berufung auf den kanadischen Philosophen Charles Taylor (*1931) und auf dessen Rezeption von Grundprinzipien der scholastischen Philosophie: 
"Zu den zentralen Lehren der Scholastik gehörte das Prinzip, dass alle Dinge unabhängig vom menschlichen Denken existieren und eine ihnen von Gott gegebene essentielle Natur haben. Diese Auffassung nennt man 'metaphysischen Realismus'. Aus diesem Prinzip leiten sich laut Charles Taylor die drei Grundpfeiler ab, auf denen die mittelalterliche christliche Vorstellungswelt - das heißt, die von allen rechtgläubigen Christen von der Zeit der frühen Kirche bis ins Hochmittelalter geteilte Wahrnehmung der Realität - ruhten:
  • Die Welt und alle Dinge in ihr sind Teil eines von Gott eingerichteten und mit Sinn erfüllten harmonischen Ganzen - und alle Dinge sind Zeichen, die auf Gott hindeuten. 
  • Die Gesellschaftsordnung ist in dieser höheren Ordnung verwurzelt. 
  • Die Welt ist aufgeladen mit spiritueller Kraft. 
Diese drei Pfeiler mussten erst zerbröckeln, ehe die moderne Welt sich aus den Trümmern erheben konnte, sagt Taylor. Und in der Tat zerbröckelten sie. Das geschah nicht auf einmal und nicht auf geradem Wege, aber es geschah." 
Wie Dreher, von dieser Feststellung ausgehend, einen Bogen vom Nominalismusstreit des 14. Jhs. über Renaissance-Humanismus, Reformation und Religionskriege, die Philosophie der Aufklärung und das Zeitalter der Revolutionen, die Industrialisierung und die Weltkriege bis zum Aufstieg der Psychologie und zur Sexuellen Revolution schlägt, ist bei aller modellhaften Vereinfachung faszinierend zu lesen, aber ich möchte mich nicht allzu lange dabei aufhalten, dies im Einzelnen nachzuzeichnen. Auch wenn die Auslassungen, die ich vornehme, womöglich wieder Missverständnissen Vorschub leisten. Lest das Kapitel einfach selber, Leute! -- Einige Punkte möchte ich dennoch besonders hervorheben. So stellt Dreher gleich eingangs, im Zusammenhang mit dem Nominalismusstreit, fest: 
"Das mittelalterliche Weltmodell erzitterte unter philosophischen Attacken, aber es wurde auch von grauenhaften Ereignissen von außerhalb der Welt der Künste und Ideen bis auf den Grund erschüttert. Krieg - besonders der Hundertjährige Krieg zwischen Frankreich und England - verwüstete das westliche Europa, das im 14. Jahrhundert obendrein von einer katastrophalen Hungersnot heimgesucht wurde. Am schlimmsten war aber der Schwarze Tod - eine Seuche, die zwischen einem Drittel und der Hälfte der europäischen Bevölkerung dahinraffte, ehe sie sich wie ein Buschfeuer selbst verzehrte. Wohl wenige Zivilisationen könnten solchen traumatischen Erschütterungen standhalten, ohne dass es zu gewaltigen Umbrüchen käme." 
(Vgl. dazu übrigens auch das Handout The Disastrous 14th Century der University of Wisconsin.)

-- Auch im weiteren Verlauf macht Dreher immer wieder deutlich, dass er die von ihm beschriebenen Phänomene wie Reformation, Aufklärung und Industrialisierung durchaus nicht schlichtweg "verteufeln" will; vielmehr zeigt er auf, dass es sich vielfach um folgerichtige und von guten Absichten getragene Reaktionen auf real existierende Missstände handelte - die aber im Endergebnis dennoch das kollektive Bewusstsein der westlichen Gesellschaften immer weiter von seinen christlichen Wurzeln entfernten. Ausgesprochen interessant sind Drehers Ausführungen zu dem scheinbar paradoxen Faktum, dass die USA trotz der starken christlichen Prägung ihrer Gesellschaft als säkularer Staat gegründet wurden: 
"Die Verfassung der USA, ein zutiefst von der Philosophie John Lockes geprägtes Dokument, privatisiert die Religion, indem sie sie vom Staat trennt. Jedes amerikanische Schulkind lernt, dies als einen Segen zu betrachten, und vermutlich ist es auch einer. Dennoch hatte diese Art der Trennung von sakraler und säkularer Sphäre tiefgreifende Auswirkungen auf die Ausformung des religiösen Bewusstseins der Amerikaner.
Bei allem Guten, das der Grundsatz religiöser Toleranz einem jungen Land bescherte, dessen Bevölkerung aus vielfältigen und miteinander zerstrittenen protestantischen Sekten und einer katholischen Minderheit bestand, legte diese Toleranz zugleich auch das Fundament für einen Ausschluss der Religion aus dem öffentlichen Raum, indem sie diese zu einer Frage privater, individueller Wahl erklärte. [...]
Wenn eine Gesellschaft durch und durch christlich geprägt ist, ist dies ein genialer Weg, den Frieden zu bewahren und allgemeines Florieren zu ermöglichen. Doch von einem christlichen Standpunkt aus gesehen enthielt der Liberalismus der Aufklärung bereits die Samenkörner für den Niedergang des Christentums." 
In diesem Zusammenhang zitiert Dreher einen Brief von John Adams - einem der Gründerväter der USA - an die Miliz des Staates Massachusetts vom 11. Oktober 1798: 
"Unsere Verfassung ist ausschließlich für ein moralisches und religiöses Volk gedacht. Um ein anderes zu regieren, wäre sie vollkommen ungeeignet." 
Zu einem prinzipiell ähnlichen Urteil kam Alexis de Tocqueville in seinem Werk Über die Demokratie in Amerika (1835): 
"Tocqueville kam zu dem Schluss, dass in der Demokratie die Zukunft Europas liege, stellte jedoch fest, dass sie mit ihrem Streben nach Gleichheit, das dazu tendierte, Normen vom Willen der Mehrheit abhängig zu machen, Gefahr laufe, ebenjene Tugenden zu eliminieren, die die Selbstregierung erst ermöglichten." 
(Denken wir an dieser Stelle kurz an das zu Recht berühmte Diktum des Staats- und Verfassungsrechtlers Ernst-Wolfgang Bockenförde: "Der freiheitliche, säkulare Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann".) -- Demokratien, so Tocqueville, können
"nur erfolgreich sein, wenn 'vermittelnde Institutionen' - darunter die Kirchen - in ihnen gedeihen." 
Nun spule ich aber mal ein Stück vor, mitten hinein in die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg: 
"Dies war eine Zeit, in der der Westen nach den Worten des Soziologen Zygmunt Bauman von der 'soliden Moderne' - einer Phase, in der der gesellschaftliche Wandel noch einigermaßen vorhersehbar und beherrschbar war - zur 'liquiden Moderne' überging - unserem gegenwärtigen Zustand, in dem Veränderungen so rasch vor sich gehen, dass gesellschaftliche Institutionen keine Zeit haben, sich zu verfestigen." 
Als bedeutenden Paradigmenwechsel in dieser Phase der Kulturgeschichte benennt Dreher - unter Berufung auf den Soziologen und Kulturkritiker Philip Rieff - den Siegeszug der Psychologie, insbesondere der Freudschen Psychoanalyse. Dreher zitiert Rieff, der mehrere Bücher über Freud verfasst hat, mit den Worten:
"Der Religiöse Mensch war dazu geboren, erlöst zu werden. Der Psychologische Mensch ist dazu geboren, befriedigt zu werden." 
Daran anknüpfend führt Dreher aus:
"Die 1960er waren das Jahrzehnt, in dem der Psychologische Mensch voll und ganz zu seinem Recht kam. In diesem Jahrzehnt wurde die Freiheit des Individuums, der Erfüllung seiner eigenen Begierden nachzujagen, zu unserem kulturellen Leitstern, und in der Folge begann der rapide Abfall der Moral Amerikas von ihrem christlichen Ideal. Trotz eines konservativen Backlashs in den 1980ern hat der Psychologische Mensch auf ganzer Linie gesiegt und beherrscht nun unsere Kultur - einschließlich der meisten Kirchen - so sicher, wie einst die Ostgoten, Westgoten, Vandalen und andere Eroberervölker die Überreste des Weströmischen Imperiums beherrschten." 
Und damit ist Mr. Dreher auf seinem tollkühnen Ritt durch die Geistesgeschichte auch schon in der Gegenwart angekommen. Natürlich habe ich sehr viel übersprungen, und sicherlich leidet die Stringenz darunter nicht unwesentlich. Lest das Kapitel nach! Es lohnt sich. Schauen wir nun aber auf die Gegenwart und absehbare Zukunft:
"Das romantische Ideal des sich selbst erschaffenden Menschen findet seine Erfüllung in der neuesten Avantgarde der Sexuellen Revolution: den Transgender-Personen. Diese lehnen es ab, sich durch biologische Fakten definieren zu lassen, und haben dabei eine Elite-Bewegung hinter sich, die die neuen Generationen lehrt, Gender sei einzig das, was das Individuum sein zu wollen entscheidet." 
Hui! Muss ich fürchten, dass gleich die Hate-Speech-Polizei an die Tür klopft? Ich hoffe nicht. Schließlich stellt Dreher lediglich einen Sachverhalt dar, der als solcher - wie man ihn auch bewerten mag - kaum zu leugnen ist: nämlich, dass Transgenderismus mit einem auf Bibel und Tradition gestützten christlichen Geschlechter- und überhaupt Menschenbild schlechthin unvereinbar ist. -- Sagte ich gerade, dieser Widerspruch sei kaum zu leugnen? Nun, natürlich gibt es Theologen, die leugnen ihn doch - beziehungsweise meinen, um diesen Widerspruch aufzulösen, müsse die Kirche ihre Lehre eben ändern. Zu dieser Sorte von Kirchenleuten sagt Dreher - natürlich - auch noch was, aber vorher will ich noch eins meiner Lieblingszitate aus diesem Kapitel der "Benedict Option" anbringen:
"Natürlich gibt es zu allen Zeiten moralisch laxe Menschen und solche, die Idealen und höheren Zielen abschwören, um stattdessen den Begierden ihres Herzens nachzujagen. Tatsächlich ist jeder von uns Christen zuweilen so. Man nennt das Sünde." 
Und wie verhalten sich nun die Kirchen dazu? Nun, da gibt es natürlich solche und solche, aber Dreher hat ja schon früher deutlich gemacht, dass er von vielen von ihnen keine besonders hohe Meinung hat.
"Kirchen - gleich welcher Konfession -, die nichts anderes sind als lockere Vereinigungen von Individuen, die danach streben, ihre jeweilige individuelle 'Wahrheit' zu finden, hören auf, in irgendeinem sinnvollen Verständnis Kirche zu sein - denn es gibt in ihnen keinen gemeinsamen Glauben mehr." 
Ich würde mal behaupten, das konnte man auf dem Evangelischen Kirchentag nun wirklich in idealtypischer Grausigkeit beobachten. Aber ob es sich dafür gelohnt hat, da hinzugehen? -- Kommen wir zum Fazit des Kapitels:
"In diesem Sinne mögen Christen heutzutage meinen, sie stünden in Opposition zur säkularen Kultur, aber in Wahrheit sind wir ebenso Geschöpfe unserer Zeit wie die säkularen Leute auch. [...] Wir mögen bestreiten, dass Gott tot sei, aber wenn man den religiösen Individualismus und seinen theologischen Überbau, den Moralistisch-Therapeutischen Deismus, akzeptiert, dann läuft das auf das Bekenntnis hinaus, Gott sei vielleicht noch nicht ganz tot, aber in Hospizpflege und ans Bett gefesselt." 
Tja. Was nun? Im dritten Kapitel, "Eine Regel zum Leben", führt der Autor aus, wie man aus den Kern- und Leitgedanken der Benediktinischen Ordensregel Impulse für eine geistliche Erneuerung beziehen kann, die ein christliches Leben inmitten einer feindlichen Umwelt ermöglichen sollen. Das Kapitel ist ziemlich umfangreich - das zweitlängste des Buches; noch länger ist nur Kapitel 7, in dem es um das Bildungs-, insbesondere das Schulwesen geht -, und auch ohne allzu sehr ins Detail zu gehen, wird es da erheblich mehr zu exzerpieren geben als in Kapitel 2. Deshalb mache ich an dieser Stelle erst mal einen Punkt. Fortsetzung folgt!