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Dienstag, 22. August 2017

Salomonisch

Nehmen wir mal König Salomo – und sein sprichwörtliches „Salomonisches Urteil“. Wir erinnern uns: dieser Fall mit den zwei Frauen, die sich um ein Kind streiten, und beide Frauen behaupten, die Mutter des Kindes zu sein. Hatte König Salomo da zunächst tatsächlich die Absicht, das Kind in zwei Hälften teilen zu lassen, und hat sich erst durch die Liebe der wahren Mutter zu ihrem Kind eines Besseren belehren lassen? – Nun ja: Könnte sein. Schließlich war König Salomo nur ein Mensch. Vielleicht hatte er schon einen sehr anstrengenden Tag gehabt, vielleicht ging ihm das Geschrei der beiden Frauen auf die Nerven und er wollte langsam mal Middach machen; und da sagte er sich vielleicht: Was soll's, dann kriegt halt jede Frau ein halbes Kind, und ich hab meine Ruhe.

Valentin de Boulogne: Das Urteil Salomos (ca. 1625; gemeinfrei) 

So ähnlich verhalten sich im Evangelium vom vergangenen Sonntag ja auch die Jünger, als im heidnischen Gebiet von Tyrus und Sidon eine kanaanäische Frau Jesus anfleht, ihre Tochter von einem Dämon zu erlösen. Als fromme Juden ihrer Zeit haben die Jünger überhaupt keine Veranlassung, einer heidnischen Frau gegenüber besonders hilfsbereit zu sein. Und im Grunde sind sie das auch nicht – aber das Geschrei der Frau geht ihnen auf die Nerven, also sagen sie sinngemäß zu Jesus: „Och komm schon, Meister, sei doch nicht so. Tu der Frau doch ihren Willen, Du kannst es doch – dann haben wir unsere Ruhe.“ Aber darauf lässt Jesus sich nicht ein.

Ich bin kein Theologe und will nicht behaupten, ich hätte diese Perikope, die schon größeren Denkern als mir Kopfzerbrechen bereitet hat, verstanden. Aber da sie in der Leseordnung des Jahreskreises nun mal regelmäßig auftaucht, habe ich im Laufe meines Katholikendaseins schon so allerlei Predigten dazu gehört, überzeugende und weniger überzeugende. Und ich muss sagen, zu den weniger überzeugenden zähle ich jene, die darauf abzielen, Jesus offenbare mit der Aussage„Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt“ ein defizitäres Verständnis seiner eigenen Sendung und müsse sich durch die Beharrlichkeit der Frau erst eines Besseren belehren lassen. Was, frage ich mich angesichts solcher Deutungen, ist mit der göttlichen Natur Jesu? Wenn wir daran glauben, dass Jesus der Mensch gewordene logos Gottes ist, wie könnte es dann möglich (oder gar notwendig) sein, Ihn über die Tragweite Seiner eigenen Mission zu belehren? Müssten wir nicht annehmen, dass Er schon im Voraus wusste, was die Frau zu Ihm sagen würde – und also auch, dass Er ihr schließlich doch helfen würde?

Wenn das Ergebnis aber von vornherein feststand, wozu dann das ganze Vorgeplänkel? Wollte Jesus damit den Jüngern eine Lektion erteilen, oder der Frau, oder beiden? Und worin bestand diese Lektion? War es nicht ziemlich fies von Jesus, die Nichtjuden, für die die kanaanäische Frau pars pro toto steht, als „Hunde“ zu bezeichnen, denen Er nicht das geben dürfe, was den „Kindern“, also dem Volk Israel, zustehe?

In einer Diskussion auf Facebook habe ich gelesen – was ich mangels altsprachlicher Kenntnisse nicht nachprüfen kann –, dass das Wort für „Hunde“, das Jesus an dieser Stelle benutzt, keineswegs „räudige Straßenköter“ bedeutet – dafür hätte es eine andere Vokabel gegeben –, sondern vielmehr die Haushunde in ihrer Eigenschaft als durchaus geschätzte und wertvolle, aber natürlich nicht den Kindern gleichrangige, Hausgenossen bezeichnet. Man mag zunächst einmal finden, das sei bestenfalls ein gradueller Unterschied. Interessant ist aber, dass die Frau ihre Kategorisierung als „Hund“ in ihrer Antwort aufgreift und somit annimmt. Und es sieht ganz danach aus, dass Jesus sie genau dafür lobt, wenn Er erwidert: „Frau, dein Glaube ist groß.“

Tatsächlich gibt es noch eine Reihe anderer Bibelstellen, die darauf schließen lassen, dass Gottes Heilsplan für die Menschen eine feste Reihenfolge hat: dass das – wenn man das so ausdrücken kann – „Heilsangebot“ des Neuen Bundes sich zuerst an das Volk Israel – als Gottes „Erste Liebe“ – richtet und dass Jesus also zunächst einmal tatsächlich explizit zu diesem gesandt ist, wohingegen der Auftrag, „in alle Welt“ hinauszugehen und die Heilsbotschaft „allen Völkern“ zu bringen, erst Seinen Jüngern erteilt wird. Was bedeutet das nun für die Szene mit der kanaanäischen Frau? Jesus erfüllt ihr zwar ihre Bitte, macht ihr aber gleichzeitig klar, dass sie keinen Anspruch darauf hat. Und gerade indem sie das akzeptiert – indem sie demütig die Rolle des „Hundes“ annimmt, der nur um die Brotkrumen betteln kann, die vom für die Kinder Israels bereiteten Mahl übrig bleiben – „qualifiziert“ sie sich dafür, Erhörung zu finden.

Ich sehe natürlich ein, dass es eine erheblich größere Herausforderung bedeutet, DAS einer Gemeinde begreiflich zu machen, als ihr zu erzählen, Jesus habe halt auch noch was lernen müssen – und zwar etwas, was für uns heute ganz selbstverständlich ist: dass alle Menschen, unabhängig von ihrer Herkunft oder wovon auch immer, gleich wertvoll seien. Da kann man sich dann entspannt zurücklehnen und sich mit einer Frau identifizieren, die Jesus eine Lektion in diversity erteilt. Schon klar...



[Mit Dank an Leserin Crescentia für die Anregung zum einleitenden Absatz.]  



Montag, 21. August 2017

Hass hilft nicht gegen Hass

...oder: Warum es unter allen Umständen eine gute Idee ist, auf einer Demo den Rosenkranz zu beten

Claudia hat bereits berichtet: Bei der Aktion „Mit dem Rosenkranz zur Anti-Nazi-Demo“ waren wir nur ein kleines Häuflein, haben uns aber nicht davon abhalten lassen, die Sache durchzuziehen (und haben, bevor es losging, zur nicht ganz ironiefreien Selbstaufmunterung den Kinder-NGL-Klassiker „Wo zwei oder drei...“ gesungen). Einmal den freudenreichen und einmal den schmerzensreichen Rosenkranz haben wir inmitten der von linken bis linksradikalen Gruppierungen dominiertenGegendemonstration zum Rudolf-Heß-Gedenkmarsch gebetet, dazwischen eine von mir (mit einigem Aufwand) aus dem Martyrologium Germanicum zusammengestellte Märtyrer-Litanei:

Heiliger Maximilian Kolbe – bitte für uns!
Heilige Theresia Benedicta vom Kreuz – bitte für uns!
Seliger Bernhard Lichtenberg – bitte für uns!
Seliger Karl Leisner – bitte für uns!
Seliger Johannes Prassek – bitte für uns!
Seliger Eduard Müller – bitte für uns!
Seliger Hermann Lange – bitte für uns!
Seliger Franz Jägerstätter – bitte für uns!
Seliger Rupert Mayer – bitte für uns!
Seliger Alois Andritzki – bitte für uns!
Seliger Nikolaus Groß – bitte für uns!
Seliger Edward Klinik – bitte für uns!
Seliger Francziszek Kesy – bitte für uns!
Seliger Georg Häfner – bitte für uns!
Seliger Marian Górecki – bitte für uns!
Seliger Bronislaw Komorowski – bitte für uns!
Seliger Francziszek Rogaczewski – bitte für uns!
Seliger Gerhard Hirschfelder – bitte für uns!
Seliger Anizet Koplin – bitte für uns!
Seliger Josef Cebula – bitte für uns!

Auch wenn wir mangels Masse nicht besonders auffällig waren, einige unserer unmittelbaren Nachbarn im Demonstrationszug haben sich sicherlich gewundert – und sich wundern ist ja oft schon die Vorstufe zu einem Denkanstoß. Aber es kommt ja nicht allein und nicht in erster Linie auf die Außenwirkung an.






Claudia beschrieb ja bereits die große Ruhe inmitten des Demonstrationslärms. Ich kann das bestätigen – und möchte hinzufügen: Wenngleich man anerkennen muss, dass die Gegendemonstration zum Nazi-Aufmarsch – soweit ich es aus nächster Nähe mitbekommen habe – gemessen am Anlass als ausgesprochen friedlich bezeichnet werden darf und zum Teil sogar von einer recht fröhlichen Stimmung geprägt war, waren auf Plakaten und in Sprechchören zum Teil durchaus aggressive Parolen zu lesen und zu hören, und für die über einen Lautsprecherwagen verbreiteten Redebeiträge galt das nicht minder. Dazu haben wir einen klaren Kontrapunkt gesetzt. Inwiefern? Nun ja: Wenn man 53mal (bzw. eigentlich sogar 106mal, es waren ja zwei Rosenkränze) betet „...bitte für uns Sünder...“, dann wird zumindest einem selbst (wenn es schon sonst kaum einer mitkriegt) ziemlich deutlich, dass es nicht darum geht, dass die Anderen die Bösen sind. Sondern dass es um unsere Sünden geht – um das Potential zum Bösen, das in jedem von uns steckt.

Wird dann noch (was, wie z.B. Tante Wiki weiß, vielfach üblich ist, auch wenn es nicht zwingend zum Rosenkranz gehört) nach jedem Gesätz das Fatima-Gebet einschaltet –

„O mein Jesus,
verzeih uns unsere Sünden,
bewahre uns vor dem Feuer der Hölle,
führe alle Seelen in den Himmel,
besonders jene, die Deiner Barmherzigkeit am meisten bedürfen“ –

dann wird einem noch etwas Anderes klar. Diejenigen, die der Barmherzigkeit Jesu am meisten bedürfen, das könnten durchaus die Nazis auf der anderen Seite sein. Oder auch die mehr oder minder gewaltbereiten Extremisten in den eigenen Reihen, die man möglicherweise bei der nächsten anstehenden Demo (i.e., dem Marsch für das Leben) auf der Gegenseite wiedertreffen wird. Oder auch jemand ganz Anderes. Wer es tatsächlich ist, der der Barmherzigkeit Jesu am meisten bedarf, darüber urteilt das Gebet nicht; das weiß Jesus selbst am besten. Aber wer es auch sei, man betet auch und ganz besonders für diese Personen.

Und deshalb denke ich, es ist unter allen Umständen eine gute Idee, auf einer Demo den Rosenkranz zu beten. Was mich betrifft: jederzeit gerne wieder – und beim nächsten Mal gerne mit größerer Beteiligung...





Sonntag, 20. August 2017

Heul doch nicht, Pissgesicht

Ich bin nur ein Arbeiterkind - gleichzeitig aber auch Doktor der Philosophie, und das ist ein Problem. Also, die Kombination aus beidem ist ein Problem, nämlich eines, das einem einen bunten Strauß aus unterschiedlichen Akzeptanzschwierigkeiten beschert. Denn das Milieu, in dem man aufgewachsen ist, das wird man nicht los, was auch immer man später im Leben lernt; aber das, was man später im Leben lernt, das wird man auch nicht los, das kommt einfach zu dem Anderen dazu. (Weder das Eine noch das Andere will ich wirklich loswerden, aber das macht die Gesamtsituation nicht unbedingt einfacher.) 

Es gibt einen Song von Peter Fox, in dem Beispiele für Dinge aufgezählt werden, die ein anständiger Mensch nicht tun würde - die aber, da kein Mensch immer anständig ist, so ziemlich jedem mal passieren. Dazu gehört: "Einem Dummen zeigen, dass du schlauer bist". Und was immer man sonst von Peter Fox halten mag: Da hat er Recht. Das ist fies. Aber es unterläuft einem leicht, wenn man's kann. Und man kann das, wenn man aus einer Arbeiterfamilie kommt, aber einen Doktortitel in Philosophie hat. Das ist also, nur mal als Beispiel, etwas, wo ich immer sehr aufpassen muss, mich im Zaum zu halten. Es drohen einem aber auch noch ganz andere Fallen. 

Symbolbild, Quelle: Pixabay 
Ich habe mich zu dem, worauf ich hier eigentlich hinaus will, schon einmal geäußert, und zwar ironischerweise im Zusammenhang mit dem Projekt "Valerie und der Priester". Warum ironischerweise? Weil der konkrete Anlass, hier und jetzt darauf zurückzukommen, aus einer Debatte über das "V&P"-Nachfolgeprojekt "Gott im Abseits" hervorgegangen ist. Aber im Grunde ist der Anlass nebensächlich. Der wäre es normalerweise gar nicht wert, dass vernunftbegabte Menschen sich deswegen streiten. 

Worum also geht's eigentlich? Um erlerntes Kommunikationsverhalten. Im Allgemeinen neigt das Arbeiterkind dazu, wenn es Scheiße riecht, laut und deutlich zu sagen: "Hier reicht's nach Scheiße". Möglicherweise lernt das Arbeiterkind im Laufe seines Bildungswegs, dass es unter Umständen besser ankommt, diese Beobachtung in etwas zurückhaltendere Worte zu kleiden. Wenn die Scheiße es aber zu arg in die Nase sticht, wird es instinktiv zur alten Direktheit zurückkehren. Als Arbeiterkind findet man es völlig normal, jemandem, den man als einigermaßen gleichrangig betrachtet oder dafür hält, zu sagen: "Ich finde, das und das, was du gemacht hast, war totale Scheiße." (Das "Ich finde" wird da gegebenenfalls auch mal weggelassen.) Wenn der so Angesprochene darauf antwortet "Ich kann deine Scheiß-Fresse auch nicht leiden", ist das vielleicht keine ganz sachgemäße Reaktion, aber das Arbeiterkind kann damit umgehen. Nötigenfalls setzt es gegenseitig zwei, drei zünftige Schläge aufs Maul, und dann kann man sich bei einem großen Bier vom Fass seiner grundsätzlichen gegenseitigen Wertschätzung versichern (was den einen oder anderen "Deine Mudder"-Witz nicht ausschließt, unter Umständen sogar erfordert).  Man geht auseinander, und keiner hat an seiner Würde Schaden genommen. 

Was das Arbeiterkind hingegen überhaupt nicht beherrscht, ist subtile Bosheit. Auch hier gilt: Im Laufe seines Bildungswegs erlernt das Arbeiterkind unter Umständen durchaus, wie so etwas theoretisch geht. Es liegt ihm aber nicht. Was nicht bedeutet, dass es nicht in der Lage wäre, subtile Bosheit als solche zu erkennen. Es kann aber nicht adäquat darauf reagieren. Wie gesagt: Mit direkten Beleidigungen umzugehen, dafür gibt es in seiner Welt sozusagen ein kulturell eingeübtes Protokoll. Teilt man ihm aber eher durch die Blume mit "Du bist wertlos und hast überhaupt keine Meinung zu haben", ist das - sonst keinem verbalen oder zur Not auch körperlichen Schlagabtausch abgeneigte - Arbeiterkind unversehens entwaffnet, rennt nach Hause und kauert sich schluchzend in einen Winkel. 

So ging es mir vor ein paar Tagen. Nicht wortwörtlich so, aber es war schon nah dran. 

Nun, mit etwas Abstand, denke ich mir - sicher wissen kann ich es natürlich nicht -: Bei Leuten, die in einem anderen Milieu aufgewachsen sind, ist es womöglich genau umgekehrt. Da lernt man vielleicht von klein auf, in Form subtiler Bosheiten zu kommunizieren, und kann diese genauso souverän austeilen wie einstecken. Aber wenn in diesen Kreisen mal jemand "Arschloch!" sagt, sind alle schockiert und hüsteln in ihre Stoffservietten. 

Und das war es dann - aus meiner Sicht -, was im vorliegenden Fall zu dem führte, was eine persönlich unbeteiligte Freundin als "Fiasko aus Beschimpfungen, Entfreundungen und gegenseitige[m] Blockieren[]" beschrieben hat. Mit dem ursprünglichen Thema der Auseinandersetzung hatte das längst nichts mehr zu tun. Sondern nur noch mit der Frage, wer eigentlich wen zuerst beleidigt habe. Das bereits heulend in der Ecke liegende Arbeiterkind empfindet es schlicht und einfach als Mobbing, wenn nun noch unbeteiligte Dritte auf der Bildfläche erscheinen und Haltungsnoten verteilen. Wie früher meine Grundschulklassenlehrerin, nur dass die vermutlich auch noch meine Mutter angerufen hätte. 

Was können wir nun aus alledem lernen? Ehrlich gesagt warte ich diesbezüglich noch auf eine Erleuchtung, aber meine kluge Frau hat mir schon mal ein paar Fingerzeige gegeben. Sie meint, lernen könne man daraus zum Beispiel, dass und warum solche Kommunikationsfallen, die ja schon im "Real Life" nicht selten dräuen, durch die Mechanismen Sozialer Netzwerke noch erheblich verschärft werden. Weil man sich da nicht in die Augen sehen kann, vor allem aber, weil persönliche Auseinandersetzungen dort mehr oder weniger zwangsläufig vor den Augen Dritter ablaufen, die ihrerseits immer nur einen beschränkten Blickwinkel darauf haben, was eigentlich gerade abgeht. Das Hauptproblem ist womöglich aber, dass es - im Unterschied zum Prinzip "Kneipenschlägerei mit Versöhnungsbier" - keinen kulturell eingeübten Weg gibt, aus solchen Auseinandersetzungen ohne Gesichtsverlust wieder herauszukommen. Da müsste wohl mal jemand was erfinden. 

All dies in Rechnung gestellt, finde ich, dass das "Fiasko aus Entfreundungen und gegenseitigem Blockieren" im Endergebnis einen noch verhältnismäßig überschaubaren Umfang gehabt hat. Dafür bin ich meinen verbleibenden Freunden sehr dankbar. Und mit dem Heulen habe ich inzwischen auch wieder aufgehört. 


[Schlussanmerkung: Wer mit der Überschrift nichts anmerken kann, dem sei gesagt, dass das in meiner Grundschulzeit ein beliebter Spottgesang war, gern in betont leierndem Tonfall vorgetragen.] 



Mittwoch, 16. August 2017

In der Abseitsfalle

Schreck und graus: Die Deutsche Bischofskonferenz hat ein „Nachfolgeprojekt“ zu „Valerie und der Priester“ lanciert. So ähnlich, nur anders. Unter dem Namen „Gott im Abseits“. Und mit vertauschten Geschlechterrollen, das heißt: mit einem männlichen Journalisten und einer Ordensschwester (oder mehreren). Plötzlich finde ich es gar nicht mehr so schlimm, kein funktionierendes WLAN zu Hause zu haben.

(Ja, ich schreibe dies in einem... äh... Lokal. Gerngeschehen.)

Meine erste Reaktion auf die ungebeten über mich hereingebrochene Information bestand darin, mich mit einer Freundin und Bloggerkollegin über die Frage auszutauschen, ob man die Projektverantwortlichen bei der DBK nicht einfach in die Wüste schicken könnte, ehe sie noch mehr Unheil anrichten. Oder in ein Bergkloster in den Anden, zwecks ca. dreijähriger Schweigeexerzitien. 
„Wir wollen ihnen ja nichts Böses.“
„Ja, aber sie wollen uns etwas Böses! Auch wenn sie es nicht merken und denken, es wäre etwas Gutes. Das sind die Schlimmsten!“

Unerbittlich spülte mir Facebook einen Teaser-Text zur ersten Folge von „Gott im Abseits“ in die Timeline. „Ich finde die katholische Kirche schwierig“, bekennt da der „kirchenferne Journalist“, der die zweifelhafte Aufgabe übernommen hat, die neue Valerie zu werden, „weil sie an ihren althergebrachten Strukturen nicht rütteln will, Frauen systematisch draußen hält, sich von der Welt um sie herum immer mehr entfernt und weil sie nicht unsere Sprache spricht.“. Ächz bzw. gähn. In der FB-Gruppe „Ein ungenanntes Bistum“ wurde ich zudem über einen Artikel auf katholisch.de informiert, in dem der junge Mann – nennen wir ihn mal Valerio – zu Protokoll gibt: „Die katholische Kirche ist mehr als der Papst und die alten Kardinäle, die sich zu manchen gesellschaftlichen Themen äußern, als wären wir noch im 16. Jahrhundert.“ Ein befreundeter Priester kommentierte treffend: 
„Die gesamtgesellschaftliche Norm ist heute wohl der großstädtische Journalist anfang 20 mit geringer Kenntnis festen Vorurteilen, verschwurbelter Sprache und großem Selbstbewusstsein?“

Foto: Tim Green (Quelle hier

Nein, ich bin nicht „gespannt“, wie sich „das Projekt entwickelt“.
Nein, ich will nicht „abwarten, ob es vielleicht besser wird, als ich denke“.
Ich will auch nicht darüber diskutieren, ob auch „Valerie und der Priester“ vielleicht besser war, als ich meine. Ob es, über bloße „Reichweite“ hinaus, doch irgend etwas Sinnvolles „gebracht“ hat.


Ich will einfach nur, dass es aufhört.  


Montag, 14. August 2017

Spandau: Nazi-Demo wegbeten!

Die Katholische Kirche feiert heute den Gedenktag des Hl. Maximilian Kolbe, der vor 76 Jahren - nachdem er zwei Wochen lang im Hungerbunker überlebt hatte - im Lager Auschwitz durch eine Injektion getötet wurde. Der Ordenspriester, Missionar und Publizist war erstmals im Dezember 1939 und erneut im Februar 1941 von der Gestapo festgenommen worden und im Mai 1941 nach Auschwitz verlegt worden. Als mehrere Gefangene als Vergeltungsmaßnahme für die vermeintliche Flucht eines anderen Häftlings in den Hungerbunker gesperrt werden sollten, meldete Pater Kolbe sich freiwillig, um dem Familienvater Franciszek Gajowniczek dieses Schicksal zu ersparen. Gajowniczek erreichte ein Alter von 93 Jahren und starb 1995. 

Am kommenden Sonnabend, dem 19. August, ist der 30. Todestag des NS-Spitzenfunktionärs und verurteilten Kriegsverbrechers Rudolf Heß. Zu diesem Anlass ist in Berlin-Spandau eine Demonstration unter dem Motto "Mord verjährt nicht! Gebt die Akten frei - Recht statt Rache" angemeldet worden, die offenkundig - ebenso wie die "Rudolf-Heß-Gedenkmärsche", die von 1988 bis 2004 an seinem Begräbnisort Wunsiedel oder vereinzelt auch an anderen Orten stattfanden - darauf abzielt, Heß zum Märtyrer zu stilisieren. Angesichts des erwarteten Aufmarschs von bis zu 1.000 Neonazis hat ein Bündnis verschiedener Vereine, Parteien und zivilgesellschaftlichen Institutionen zu einer Gegenkundgebung aufgerufen. Unter den Erstunterzeichnern des Aufrufs "Gemeinsam gegen Nazi-Heldengedenken" sind auch "Katholische Pfarrgemeinden in Spandau" aufgeführt.  

Rudolf Heß war seit 1920 Mitglied der NSDAP, die damals noch "Deutsche Arbeiterpartei" (DAP) hieß, war ein schwärmerischer Verehrer Adolf Hitlers und trug erheblich zur Ausgestaltung des "Führerkults" in der NS-Bewegung bei; ab 1933 trug er den Titel "Stellvertreter des Führers". Während das Ausmaß seines Einflusses innerhalb der sehr komplexen Hierarchie des NS-Systems unter Historikern umstritten ist, steht fest, dass Heß persönlich an der Ausarbeitung der Nürnberger Rassegesetze beteiligt war; noch während des Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozesses 1946 bekannte er sich als überzeugter Nationalsozialist und glühender Anhänger Hitlers. 

Diese Fakten lassen wohl kaum einen Zweifel an der Gesinnung derjenigen zu, die zu Heß' 30. Todestag eine Gedenkveranstaltung für ihn ausrichten wollen. Das dürfte Grund genug sein, sich dem "Nazi-Heldengedenken" entschieden entgegenzustellen - auch und gerade aus einer christlichen Haltung heraus. 

Das Wrack der Messerschmidt Bf 110, mit der Rudolf Heß 1941 nach Schottland flog (Bild: gemeinfrei). 
Dennoch mag es - aus mehr als nur einem Blickwinkel - als nicht unproblematisch erscheinen, wenn katholische Pfarreien in der Unterzeichnerliste des besagten Aufrufs Seite an Seite etwa mit der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten, dem vom Verfassungsschutz beobachteten Bündnis "Aufstehen gegen Rassimus", dem Berliner und Spandauer Bündnis gegen Rechts sowie den lokalen Verbänden von Bündnis 90/Die Grünen und Die Linke erscheinen. Für ein gewisses Unbehagen daran gibt es mehrere nachvollziehbare Gründe. Mit dem Slogan "gegen rechts" verbindet sich heutzutage Manches, was es Menschen, die sich in unterschiedlichem Maße als nicht unbedingt links definieren, schwer macht, sich damit zu identifizieren. Von seiner Entstehungsgeschichte her bedeutet der Begriff "rechts" im politischen Koordinatensystem zunächst einmal "konservativ" - wird aber heute zunehmend gleichbedeutend mit "rechtsextrem" verwendet, und diese begriffliche Unklarheit führt nicht selten dazu, dass tatsächlich kaum mehr zwischen klassisch konservativen und rechtsextremen Standpunkte unterschieden wird bzw. beides munter in einen Topf geworfen wird. Einen Topf, in dem sich zunehmend auch "christliche Fundamentalisten" und/oder "Ultrakatholiken" wiederfinden. Da mag es nahe liegen, zu sagen: "Was heißt hier 'gegen rechts'? 'Rechts' ist nicht gleich 'Nazi'!" -- Im vorliegenden Falle geht es nun aber tatsächlich um Nazis. Und nun? 

Freilich: Sich als gläubiger Katholik an der Gegendemo zum Heß-Gedenkmarsch zu beteiligen, hieße, gemeinsam mit den Leuten auf die Straße zu gehen, die einen für nicht viel besser als die Nazis halten, gegen die man Stellung bezieht. Ich kann verstehen, wenn man da Bedenken hat. Man steht einfach so oft auf unterschiedlichen Seiten der Barrikade - metaphorisch gesprochen, zuweilen aber auch ganz physisch, beispielsweise beim Marsch für das Leben, der auch schon wieder vor der Tür steht (nämlich vier Wochen nach der Heß-Demo). Manch ein konservativer Katholik mag da sagen: "Ich bin zwar mit dem Anliegen einverstanden, möchte es aber nicht verantworten, zusammen mit Ex-Kommunisten, Abtreibungsbefürwortern und Gender-Extremisten zu demonstrieren." Nun gut, letztlich ist das wohl eine Gewissensfrage - aber eins möchte ich dabei zu bedenken geben: Wenn wir so argumentieren, was sollen wir dann antworten, wenn wir gefragt werden, wie wir es verantworten können, beim Marsch für das Leben gemeinsam mit der AfD zu demonstrieren? 

Ich weiß - wir können sagen: "Die AfD nimmt als solche nicht am Marsch für das Leben teil, und wenn Mitglieder der Partei es tun, dann tun sie es als Privatpersonen. Es werden keine Partei-Logos und keine parteipolitischen Slogans geduldet, und die Partei ist auch nicht Mitveranstalter des Marsches. Deshalb ist das etwas Anderes." Diese Aussage ist sachlich korrekt, und ich habe auch selbst schon so argumentiert. Aber wäre es nicht noch besser, sagen zu können: "Das Anliegen ist mir wichtig genug, um es auch gemeinsam mit Personen oder Gruppen zu vertreten, mit denen ich in anderen Fragen ganz und gar nicht einverstanden bin"? Und sollte das dann nicht auch für eine klare Positionierung gegen die Glorifizierung von NS-Kriegsverbrechern gelten?

Aber es geht nicht nur um Äquidistanz, und es geht auch nicht nur darum, sich gegenüber Leuten, die einen gern in die "rechte Ecke" stellen möchten, keine Blöße zu geben. Noch weit mehr geht es darum, auch dann konsequent für das einzustehen, woran man glaubt, wenn es im Horizont des gängigen politischen Lagerdenkens widersprüchlich wirkt - und sich dabei vor Beifall von der falschen Seite ebensowenig zu fürchten wie vor Diffamierung.

Ich halte es übrigens für wahrscheinlich, dass es auch den Vertretern linker Gruppierungen seltsam erscheinen dürfte, gemeinsam mit den Leuten zu demonstrieren, die sie vier Wochen später vom Straßenrand aus obszön beschimpfen und mit Kondomen und Tampons bewerfen wollen. Sollen wir ihnen dieses Unbehagen ersparen? Ich denke nicht! Dass eine solche Irritation dazu beitragen könnte, festgefügte ideologische Voreingenommenheiten zu erschüttern, mag wenig wahrscheinlich sein; aber haben wir als Christen nicht die Pflicht, es wenigstens zu versuchen? Schließlich haben wir einen Missionsauftrag, und der erstreckt sich auch auf linke Aktivisten. Auch die brauchen Christus, wenn sie es auch vielleicht nicht wahrhaben wollen. Wie aber sollte man ihnen die Frohe Botschaft bringen, wenn man ihnen konsequent aus dem Weg ginge?

-- An dieser Stelle ein persönliches Wort. Ich laboriere ja an der schwer besiegbaren Vorstellung, dass radikale Christen und radikale Linke mehr gemeinsam haben, als (vermutlich) beide Seiten wahrhaben möchten. Um eine Formulierung zu benutzen, zu der mich jüngst eine Freundin und Mitkatholikin angeregt hat: In meinem inneren Spanischen Bürgerkrieg erschieße ich mich täglich gegenseitig. Umso mehr, seit ich Dorothy Day lese. In der von ihr mitbegründeten Zeitung The Catholic Worker schrieb sie im November 1949:
"Zweifellos sind wir mit der Kommunistischen Partei uneins, aber wir sind auch mit den anderen politischen Parteien uneins, die sich der Aufrechterhaltung des status quo verschrieben haben. Wir denken nicht, dass das gegenwärtige System es verdient, aufrecht erhalten zu werden. Wir und die Kommunisten haben die gemeinsame Idee, dass etwas Anderes notwendig ist, dass eine andere Vision von Gesellschaft verfochten und angestrebt werden muss. Zweifellos sind wir nicht und immer wieder nicht einverstanden mit den Mitteln, die sie wählen, um ihre Ziele zu erreichen, denn, wie wir vielfach wiederholt haben: Die Mittel werden schließlich selbst zum Zweck."
Zu Themen wie beispielsweise Friede, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung hätten Christen und Linke einander zweifellos allerlei zu sagen. Ohne Frage haben sie sehr unterschiedliche Vorstellungen nicht nur davon, auf welchem Wege diese Ziele zu erreichen sind, sondern auch davon, was diese Begriffe überhaupt bedeuten. Und es ist wichtig, diese Gegensätze nicht herunterzuspielen oder zu verwischen. Aber um sich darüber zu verständigen, wo man miteinander uneins ist und warum, muss man erst mal überhaupt miteinander reden. Wenn die andere Seite dazu nicht bereit ist, sollten wir es umso mehr sein. Und was wäre dafür geeigneter als ein Anlass, bei dem man sich tatsächlich einig ist - einig in der Gegnerschaft gegen die Relativierung von Nazi-Verbrechen? --

Was ich mit alledem sagen will: Ich halte es für wichtig, dass nicht nur auf der Unterzeichnerliste des Aufrufs "Gemeinsam gegen Nazi-Heldengedenken" die katholischen Pfarreien Spandaus verzeichnet sind, sondern dass gläubige, entschiedene Katholiken bei der Gegendemonstration gegen den Nazi-Aufmarsch in signifikanter Anzahl auftauchen und auch als Gruppe sichtbar und identifizierbar sind, Damit die Botschaft ankommt, und zwar auf allen Seiten. Ich würde mir bei der Demo einen "katholischen Block" wünschen, idealerweise angeführt von Priestern in Soutane. Bringt Banner mit, betet den Rosenkranz. singt Hymnen - was auch immer, aber sorgt dafür, dass Ihr erkannt werdet! Wenn die Linken dann ein Problem damit haben, mit Euch zusammen zu demonstrieren, ist das deren Problem.

Ich selbst habe jedenfalls fest vor, hinzugehen.

Samstag, 12. August 2017

Nennen wir's doch die "Willehad-Option"!

Nachdem die Diskussion über meinen vorigen Artikel ziemlich stark von der eigentlich eher "anekdotischen" Bezugnahme auf "Minervas Hexenhof" dominiert worden ist - dazu vielleicht irgendwann noch mal ein Nachtrag -, möchte ich die Aufmerksamkeit meiner Leser nun aber mal darauf lenken, dass ich mir mit der Bemerkung 
"[G]etan werden muss etwas - nicht nur für die Urlauber, sondern erst recht für die Einheimischen. Sonst wird es in zehn, fünfzehn oder spätestens zwanzig Jahren in Butjadingen keine Katholische Kirche mehr geben
gegen Ende des besagten Artikels durchaus absichtsvoll eine Vorlage zugespielt habe -- denn ich müsste wohl nicht der Tobi sein, wenn ich mir zum Was und Wie dieses Handlungsbedarfs nicht schon so meine Gedanken gemacht hätte. Nicht nur, weil ich emotional einfach sehr an diesem Fleckchen Erde (und der dortigen Kirche) hänge. Sondern auch, weil sich im Mikrokosmos des Gemeindegebiets von St. Willehad das mähliche Abnippeln der alten Volkskirche besonders deutlich beobachten lässt - weshalb sich, so meine ich zumindest, ebendieser Mikrokosmos auch für die Entwicklung von Pilotprojekten eignet, die einen Ausweg aus der gegenwärtigen Krise aufzeigen könnten. 

Standbild des Pfarrpatrons vor der katholischen KiTa in Nordenham. 
Schon vor ein paar Monaten hatte ich hier über den geplanten Verkauf eines der Pfarrei gehörenden Hauses im Nordseebadeort Tossens berichtet und dabei mein Bedauern geäußert, dass die Pfarrei das Haus nicht, statt es zu verkaufen, für ein irgendwie "punkpastorales" Projekt zur Verfügung stellt. Wobei ich das nicht unbedingt als Kritik an den Entscheidungsträgern in der Pfarrei meinte - denn dass die von allein auf so eine Idee hätten kommen sollen, wäre schlicht nicht zu erwarten gewesen, und woher hätten sie die Leute für so ein Projekt auch nehmen sollen? 

Überrascht war ich allerdings, als mein Artikel über das Haus in Tossens Reaktionen hervorrief wie "Warum kauft ihr das Ding nicht einfach?". Was gar so einfach freilich nicht ist - und das meine ich nicht in erster Linie finanziell. Das Geld würde man schon irgendwie auftreiben (dazu später mehr). Gravierender ist, dass es für meine Liebste und mich derzeit nicht in Frage kommt, nach Butjadingen zu ziehen. In sechs bis zehn Jahren könnte das eine interessante Option werden, aber zum gegebenen Zeitpunkt definitiv nicht, aus einer Reihe privater und beruflicher Gründe. (Hinzu kommt, dass ich in der Pfarrei St. Willehad, und nicht zuletzt auch in den Gremien der Pfarrei, umstritten bin. Was ebenfalls ein Grund dafür sein dürfte, dass bei einem Projekt, das letztlich auf die Kooperation oder zumindest Koexistenz mit der Ortspfarrei angewiesen wäre, nicht ausgerechnet ich in der ersten Reihe stehen sollte.) Dennoch sagten wir uns: Sich ein Konzept dafür zu überlegen, was man in einem Haus wie diesem veranstalten könnte, kann ja nicht schaden. Haben wir ein Konzept, findet sich vielleicht auch jemand, der's macht - zumindest ist die Wahrscheinlichkeit dafür größer, als wenn man kein Konzept hat. Und wenn es jetzt und mit diesem Haus nicht klappen sollte, wird es sicherlich in Zukunft noch Gelegenheiten geben, bei denen man so ein Konzept - mit gewissen Anpassungen - noch gebrauchen kann. 

Das war Ende Mai, und inzwischen hat sich ein bisschen was getan - nicht zuletzt auch dadurch, dass meine Liebste und ich kürzlich persönlich vor Ort waren und uns ein bisschen umgesehen haben. An dieser Stelle erhebt sich natürlich die Frage, wie tief ich mir eigentlich in die Karten schauen lassen will bzw. sollte. Aber ich sag mal so: Mitstreiter bräuchte ein solches Projekt ohnehin - in erster Linie jemanden, der bereit wäre, das Haus tatsächlich zu bewohnen, idealerweise eine Familie; aber auch noch weitere Unterstützer -, und da scheint es ja nicht ganz abwegig, dass man diese unter den Lesern meines Blogs finden könnte. Allzu sehr ins Detail gehen werde ich hier nicht (interessierte Leser dürfen gern persönlich bei mir nachfragen), aber ein paar Eckdaten dazu, was uns so vorschwebt, möchte ich doch schon mal vorstellen. 

Ich darf vorstellen: DasHaus! 

Zunächst ganz grundsätzlich: Worum es bei dem ganzen Projekt gehen soll, wäre eine Kombination aus "alternativem Wohnprojekt", Gästehaus und Exerzitienzentrum, entschieden katholisch ausgerichtet und gleichzeitig mit einem nicht geringen "Punk-Faktor". Wie schon gesagt, könnte man sich ein solches Konzept sicherlich auch an anderen Orten vorstellen; ich habe aber mal zusammengetragen, was konkret für genau dieses Haus spricht. Das lässt sich im Wesentlichen wie folgt zusammenfassen: 
  • Die Größe. Man könnte unschwer 8-10 Personen in dem Haus unterbringen, unter etwas "asketischen" Bedingungen, wie etwa in einer Pilgerherberge im Stil von Grañón, wahrscheinlich noch mehr. Das Obergeschoss ist bereits für die Nutzung als Gästehaus "vor-optimiert": Es gibt drei kleine und ein etwas größeres Gästezimmer, eine Wohnküche und zwei Badezimmer. Das Erdgeschoss wäre eher als "Familienwohnung" geeignet, wobei das Wohnzimmer gleichzeitig auch als Gemeinschaftsraum zu nutzen wäre - dazu später mehr. 
  • Die Lage. Etwa auf halbem Wege zwischen dem Strand und dem eigentlichen Dorf Tossens gelegen, ist das Haus gewissermaßen abgeschieden und zentral zugleich und bietet somit die perfekte Balance zwischen Zurückgezogenheit und Erreichbarkeit, letztere gleichermaßen für Einheimische wie für Urlauber. Obendrein befindet sich direkt nebenan das "Kommunikationszentrum OASE" der katholischen Pfarrei, das auch einen geweihten Sakralraum beherbergt. 
Soweit, so schön. Nun mal angenommen, man hätte das Haus und hätte auch Leute, die bereit sind, es zu bewohnen. Was wäre dann zu tun? Meine Liebste bringt es wie folgt auf den Punkt: 
"Erst mal müsste man in Haus und Garten eine ganze Menge in Ordnung bringen, Kontakt zu den Einheimischen aufbauen und pflegen, eventuell eine Foodsharing-Initiative starten - und ansonsten für das Projekt beten. Und damit wäre dann auch schon ein Jahr rum." 
Tatsächlich bieten die genannten Punkte aber bereits ein ganz beachtliches Potential an Synergieeffekten. Die notwendigen Instandsetzungsarbeiten in Haus und Garten - die Fenster im Erdgeschoss müssen erneuert werden, einige Räume haben grässliche Teppichböden, die nicht nur aus ästhetischen, sondern auch aus hygienischen Gründen hochproblematisch sind; im Garten müsste der Baum- und Strauchbestand gründlich ausgelichtet werden, der Carport (oder sagen wir lieber Schuppen) sieht akut einsturzgefährdet aus, und dann gibt es da noch einen schlammigen Tümpel... -, könnte man teilweise in Form von Exerzitien gestalten. Hat doch was sehr Benediktinisches. Ob der besagte Tümpel noch zu retten (und zu einem schönen Fischteich umzugestalten) ist, mag fraglich sein, aber es wäre so schön symbolisch... 





Sodann könnte man sich über das Foodsharing-Netzwerk zum Regionalbeauftragten für die Wesermarsch ernennen lassen (da gibt es nämlich noch keinen), regelmäßig den Nordenhamer Wochenmarkt und evtl. auch noch einige Bäckereien und sonstige Lebensmittelläden abgrasen und in großem Stil Marmelade und Gemüsesuppe einkochen - und dann im Sinne benediktinischer Gastfreundschaft jeden zufällig vorbeikommenden Besucher mit einem Marmeladenbrot u./o. einem Teller Suppe begrüßen... A propos benediktinische Gastfreundschaft: Zur "Hausordnung" sollte es auch gehören, immer mindestens einen Schlafplatz für unangekündigte Gäste freizuhalten. Platz ist ja genug. 

Als Kontaktangebot für Einheimische böte sich eine Teestunde an, die man unkompliziert durch Aushänge im Supermarkt und beim Bäcker bewerben könnte. Idealerweise sollte sie täglich stattfinden - wenn keiner kommt, trinken die Hausbewohner den Tee eben alleine. - Das Wohnzimmer im Erdgeschoss böte sich dafür an; es grenzt an eine Terrasse, zu der von der Einfahrt ein gepflasterter Fußweg führt, allerdings müssten sowohl die Terrasse als auch dieser Weg erst mal wieder hübsch hergerichtet werden, dann könnte man die Terrassentür als Besuchereingang nutzen. 

Verbindet man die Teestunde mit dem Stundengebet (Terz oder Non, je nachdem, ob vormittags oder nachmittags), hat man gleich eine Querverbindung zum Punkt "für das Projekt beten" hergestellt. Aber auch davon abgesehen wäre die Pflege des Stundengebets ein wichtiger Punkt der "Hausordnung". Wenn es gut läuft, könnte ich mir durchaus vorstellen, dass die Pfarrei sich mittelfristig bereit findet, einmal in der Woche (oder so) den Sakralraum der "OASE" für Vesper oder Komplet zur Verfügung zu stellen. In diese Richtung mal weitergedacht: Wenn man im Haus einen Priester zu Gast hat, könnte man mit der Pfarrei vermutlich auch darüber reden, diesen in der "OASE" mal eine Messe für die Bewohner und Gäste des Hauses zelebrieren zu lassen - die dann aber natürlich auch allen anderen Interessierten offen stehen sollte. 

Soweit erst mal ein paar konzeptionelle Schlaglichter. Wie schon angedeutet, ist der Punkt, an dem das Konzept derzeit am meisten hakt, derjenige, dass irgendjemand dauerhaft in dem Haus wohnen (und dadurch dann auch der primäre Ansprechpartner für Nachbarn und Gäste sein) wollen muss. -- Und was ist nun mit dem Geld? Nun ja: Tatsächlich kenne ich niemanden, der eine Summe, die sowohl den Kaufpreis für das Haus (samt Grunderwerbsnebenkosten) als auch die nötigsten Investitionen für Instandsetzung und -haltung und die Betriebskosten für das erste Jahr abdecken würde, einfach so bei sich rumliegen hat. Trotzdem bin ich der Meinung: Wären wir erst mal so weit, dass nur noch das Geld fehlt, dann würde das Geld schon irgendwo her kommen. Hierzu etwas aus der Rubrik "Von Dorothy Day lernen heißt siegen lernen"
"Im Frühjahr 1937 expandierte [die Catholic Worker Farm], indem eine weitere Farm mit einem kleinen Haus und zwei Scheunen am Fuß des Hügels, zu der eine steile, steinige Straße von einer Viertelmeile Länge führte, zuerst gemietet und dann gekauft wurde. Es gelang ihnen, diese untere Farm für 4.000 Dollar zu erwerben - wie Dorothy behauptete, durch das Beten der sogenannten "Gib-mir-Novene", besser bekannt als Rosenkranznovene. Drei Novenen lang (also dreimal neun Tage) bat man um etwas, das man brauchte, und dann, ob die Bitte erhört worden war oder nicht, begann man drei weitere Novenen in Dankbarkeit. Wenn das nicht wirkte, wiederholte man den gesamten Zyklus, und ehe man damit fertig war, hatte man das erhalten, wofür man gebetet hatte. 'Das ist die Art von Geschichten', schrieb Dorothy, 'die die Leute auf die Palme bringt, die uns abergläubisch nennen.'"
(aus: Kate Hennessy: "Dorothy Day - The World will be saved by Beauty", Simon & Schuster 2017, S. 106.) 
Meine Liebste hat bereits damit angefangen. Gebete für eine spezielle Novene zusammenzustellen... 



P.S.: Es soll nicht verschwiegen werden, dass ganz in der Nähe ein abschreckendes Beispiel in Sachen Hausprojekt zu bewundern ist - die ehemalige Christkönig-Kirche in Stollhamm, die 2014 profaniert und 2015 mitsamt zwei Nebengebäuden an Privatleute verkauft wurde. Die Käufer beabsichtigten, den denkmalgeschützten Kirchenraum unter dem Namen "K3" ("Kleine Kultur Kapelle") als Veranstaltungsort zu nutzen und durch Ferienwohnungen in den Nebengebäuden querzufinanzieren. Im Herbst 2016 gab es dann auch eine Eröffnungsveranstaltung im K3, aber seitdem scheint das Projekt irgendwie in halbfertigem Zustand steckengeblieben zu sein. Darüber wird es evtl. noch mehr zu sagen geben - wenn ich mit dem Eigentümer Kontakt aufgenommen haben werde... 





Montag, 7. August 2017

Wer darf Gast sein in deinem Zelt?

Vorige Woche haben meine Liebste und ich zusammen mit meiner Mutter einen Ausflug an den Burhaver Strand unternommen - jenen Strand, an dem ich, meinen Erinnerungen zufolge, einen Großteil meiner Kindheit verbracht habe, wenngleich ich mir selber sage, dass meine Erinnerungen da wohl ein bisschen übertreiben. Wir spazierten an der Strandpromenade entlang, an der es eine Reihe teils mehr, teils weniger ansprechender moderner Kunstwerke zu bewundern gab, und schauten auch mal beim "Kirchenzelt" von "Willi's - Die Urlauberkirche in Butjadingen" und "Kirche unterwegs" vorbei. Leider war dort niemand anzutreffen und das Zelt geschlossen. 






"Willi's - Die Urlauberkirche in Butjadingen" ist die seit 2015 bestehende Urlauberseelsorge-Initiative der Pfarrei St. Willehad, die von Diakon Christoph Richter geleitet bzw. koordiniert wird und deren Programm von wechselnden Teams von Freiwilligen gestaltet wird. Dieses Jahr arbeitete "Willi's" in den Kirchenzelten in Burhave und Tossens mit der "Kirche unterwegs" der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Oldenburg zusammen. Ökumene wird groß geschrieben in diesem Landstrich.

Das "Mission Statement" der Urlauberkirche lautet wie folgt: 
"Unser Ziel ist es, Kindern und deren Eltern im Urlaub eine positive Begegnung mit Kirche zu ermöglichen. Dabei spielen religiöse Inhalte eine zentrale Rolle." 
Das klingt ja erst mal nicht unbedingt schlecht, wenn auch für mein Empfinden ein bisschen arg harmlos. Auf den zweiten Blick gibt es in diesen Text ein paar Auffälligkeiten. Einmal, dass "Kirche" ohne bestimmten Artikel verwendet wird; das ist eine sprachliche Eigentümlichkeit, die vor allem für "progressive" Kreise typisch ist und die bei genauerem Nachdenken auch ein spezifisches Kirchenverständnis erahnen lässt, dem es eher um die gesellschaftliche Funktion oder Rolle "von Kirche" geht als darum, was DIE KIRCHE in sich selbst ist. Präziser kann ich das leider nicht ausdrücken, aber auf Echo Romeo gab's schon vor fast drei Jahren einen klugen Beitrag dazu. Und dann: Gut und schön, wenn bei einem kirchlichen Angebot "religiöse Inhalte eine zentrale Rolle" spielen; aber wenn das so ausdrücklich hervorgehoben werden muss, versteht es sich offenbar nicht von selbst. Und wenn es sich nicht von selbst versteht, dann wirkt dieser Hinweis fast schon wie eine Warnung, zumindest aber wie eine Entschuldigung. Überhaupt erscheint mir der Begriff "religiöse Inhalte" arg distanziert und darum sperrig. Geht es um Gott? Um Jesus Christus? Um Glauben? Na, dann sagt das doch! Aber "religiöse Inhalte", das klingt doch sehr igittebah. 

Trotzdem oder gerade deswegen hätte ich mir gern mal angesehen, was die Urlauberkirche denn so macht, und fand es recht enttäuschend, im bzw. am Kirchenzelt niemanden anzutreffen. Das mag Zufall sein, vielleicht waren wir einfach nur zur exakt falschen Zeit da - aber ich fragte mich dennoch, ob der Sinn eines solchen "Kirchenzelts" am Strand nicht zu einem bedeutenden Teil auch darin bestehen müsste, einen Anlaufpunkt für Leute zu bieten, die "nur mal kucken" wollen. Beim geschlossenen Zelt gab es jedoch nicht mal Infomaterial zum Mitnehmen und auch keine Hinweise auf die nächste(n) Veranstaltung(en).  

Flyer, die über die Aktivitäten der Urlauberkirche informierten, gab es zwar, aber es dauerte noch mehrere Tage, bis ich mal einen in die Finger bekam. Die lagen nämlich ausschließlich in den Kirchen bzw. kirchlichen Einrichtungen aus. Im Gegensatz etwa zu Flyern von "Minervas Hexenhof", die in jeder Bäckerei, in jedem Restaurant, in jedem Laden auslagen. 

Ich schätze, da muss ich jetzt erläutern, was es mit "Minervas Hexenhof" auf sich hat und warum ich ihn in diesem Zusammenhang erwähne. Nun wohl: "Minervas Hexenhof" ist ein Resthof etwas außerhalb von Tossens, auf dem eine sich selbst als Hexe bezeichnende Dame namens Minerva (bzw. eigentlich Patricia) Winter einen "Magischen Hofladen" betreibt, Führungen durch ihren Kräutergarten veranstaltet und so allerlei "spirituelle" oder "therapeutische" Dienstleistungen aus dem esoterisch-neopagan-okkultistischen Spektrum anbietet. Im Unterschied zur kirchlichen Urlauberseelsorge ist das natürlich ein kommerzielles Angebot, in dem Sinne, dass Mme. Minerva damit ihren Lebensunterhalt bestreitet. Aber umso mehr ist es bemerkenswert, dass dieses Geschäftsmodell funktioniert. Der Hof liegt in the middle of nowhere - von einer Abzweigung der Landstraße zwischen den Badeorten Tossens und Burhave muss man noch knapp 2 Kilometer über Feldwege gurken -, aber die einschlägig interessierte Kundschaft findet trotzdem hin. Hexe Minerva hat eine eigene regelmäßige Sendereihe im Lokalfernsehen, ist oft in der örtlichen Presse präsent, und kürzlich wurde sogar ein Beitrag für das NDR-Magazin "Mare TV" auf ihrem Hof gedreht. Verglichen damit sieht das Eigenmarketing der kirchlichen Urlauberseelsorge doch ein bisschen blass aus. 

Aber was stand denn nun drauf auf den Urlauberkirche-Flyern? Auf der Vorderseite die regelmäßigen Veranstaltungstermine im Kirchenzelt Burhave, auf der Rückseite ein Hinweis auf die Veranstaltungsreihe "Atempause" in der Tossenser "OASE" (aber ohne Informationen zu den Programminhalten der einzelnen Termine), ein Hinweis auf die regelmäßigen Gottesdienste ("Die Orte und Zeiten entnehmen Sie bitte dem Veranstaltungskalender Butjadingen, der gedruckt überall ausliegt" - im Gegensatz zu diesem Flyer, möchte man hinzufügen) und schließlich Kontakt-Telefonnummern der Seelsorger. Aber noch einmal zurück zur Vorderseite: Was geht im Kirchenzelt? -- Da wären erst einmal Gottesdienste zu nennen, einmal wöchentlich vom 24. Juni bis zum 29. Juli, meist samstags abends, ein paarmal auch sonntags, und zwar immer abwechselnd eine katholische Eucharistiefeier und ein ökumenischer Gottesdienst. Im Gegenzug fallen die regulären Vorabendmessen in der Burhaver Herz-Mariae-Kirche in diesem Zeitraum aus. Und sonst so?
"Montag bis Freitag:
15 Uhr Spiel- und Bastelangebot für Kinder und Familien
19 Uhr Gute-Nacht-Geschichte - Rückblick - Abendlob 
 Mittwoch: Grillabend am Kirchenzelt nach der Gute-Nacht-Geschichte
Sonnabend: Grillwurst (nur bei guter Witterung) nach dem Gottesdienst".  
That's it. Sagen wir's offen: Das ist erstens nicht viel und zweitens - mal abgesehen von den an den Strand verlegten Gottesdiensten, die ansonsten eben in der Kirche stattfinden würden - nicht viel Spirituelles. Auch in dieser Hinsicht ist "Minervas Hexenhof" der Urlauberkirche eine Nasenlänge voraus, denn da gibt es ein spirituelles Angebot. Okay, es ist ein heidnisches - aber wenn die Kirche dem nichts entgegenzusetzen hat, was soll man machen? Bei Minerva kann man für 25 € eine Schamanische Reise machen und seinem Krafttier begegnen. Kann die Kirche da mithalten? Sollte sie eigentlich. "Bei uns begegnest du JESUS CHRISTUS - und zwar gratis!" Aber irgendwie scheinen die Urlauberkirche-Teams sich nicht recht zu trauen, dieses Angebot zu machen. 

Da ich, wie erwähnt, praktisch am Burhaver Strand aufgewachsen bin, habe ich schon seit frühester Kindheit so allerlei Erfahrungen mit Urlauberseelsorge gemacht. Zunächst einmal gab es da die evangelikal ausgerichtete "Strandmission", die vom "Geistlichen Rüstzentrum Krelingen" betrieben wurde. Krelingen ist ein Ortsteil von Walsrode und somit nicht direkt "um die Ecke", aber das Rüstzentrum betrieb ein Gästehaus in Burhave, und im Sommer kamen da immer Teams von Studenten oder solchen, die es werden wollten, hin und machten Programm für Urlauber und Einheimische. Trotz seines etwas militant wirkenden (und daher in neuerer Zeit gern abgekürzten) Namens gehört das GRZ Krelingen zur Evangelischen Landeskirche Hannovers; dennoch war, so lange ich mich erinnern kann, das Verhältnis zwischen "den Krelingern" und der örtlichen evangelischen Kirchengemeinde stets einigermaßen konfliktbeladen. Auf katholischer Seite gab es ab 1986 die "Strandkorbkirche", deren Teams, wenn mich meine Erinnerung nicht trügt, meist vom BDKJ Münster oder Vechta kamen. Jedes Team blieb für drei Wochen, so wurde mit drei Teams pro Jahr die ganze Sommerferiensaison abgedeckt. Ich ging als Kind und Jugendlicher immer zu beiden Gruppen, zur "Strandmission" UND zur "Strandkorbkirche", aber bei den evangelikalen "Krelingern" gefiel es mir meist besser. Nicht nur, aber mit zunehmendem Alter zunehmend auch deshalb, weil es bei den "Krelingern" immer auf die eine oder andere Weise um Gott, Jesus Christus und den christlichen Glauben ging und bei der "Strandkorbkirche" oft eher um Basteln und Grillen. Wobei, nichts gegen Grillen. 

Das Kinderprogramm der "Strandmission" wurde beworben, indem die Veranstalter mit einem Plakat und einer Gitarre über das gesamte Strandgelände wanderten, ein Einladungslied ("Kommt alle her, hallihallo" - ich hab das heute noch im Ohr) sangen und auf diese Weise die Kinder einsammelten wie weiland der Rattenfänger von Hameln. Klar, dass die Kinder da in Scharen angerannt kamen. Ebenso klar, dass unter den Erwachsenen Gerüchte kursierten, es handle sich um eine Sekte. Ein solches Image scheuen die Vertreter der "großen Kirchen" vermutlich. Und das ist ihr Problem. Das war damals auch schon so. Ich erinnere mich gut, wie meine Schwester und ich in unseren Teenagerjahren ein paar Versuche unternahmen, Kontakte zwischen "Strandmission" und "Strandkorbkirche" herzustellen und sie womöglich zu gemeinsamen Aktivitäten zu bewegen. Die Evangelikalen aus Krelingen waren da zum Teil gar nicht so abgeneigt, die BDKJ-Leute aus Münster und/oder Vechta hingegen zeigten deutliche Berührungsängste.

Was mich nun wieder daran erinnert, dass Diakon Richter so demonstrativ desinteressiert reagierte, als meine Liebste und ich ihm Ende Mai den Vorschlag unterbreiteten, eigene Veranstaltungen zum kirchlichen Sommerprogramm für Urlauber und Einheimische beizusteuern. Zunächst mal wirkt diese Ablehnung ja recht unverständlich. So viel stellt die "Urlauberkirche" ja offenbar nicht auf die Beine, dass da nicht räumliche und terminliche Kapazitäten für zusätzliche Angebote übrig wären. Wieso sollte man da Leute abweisen, die in Eigeninitiative, praktisch ohne zusätzlichen organisatorischen Aufwand und kostenlos (!) etwas beisteuern wollen? - Tatsächlich ist es wohl so, dass so viel freiwilliges Engagement von Außenstehenden bei den eingesessenen Funktionären erst einmal Misstrauen auslöst. Wer weiß, was die da veranstalten, und das fällt dann auf uns zurück. Aber es kommt wohl, wie auch meine Liebste meint, noch etwas Anderes hinzu: Man will im Grunde gar nicht besonders viel auf die Beine stellen, weil man - offen oder insgeheim - davon ausgeht, dass es sowieso keinen interessiert. Also macht man ein Minimalprogramm, und wenn das nur mäßige Resonanz findet, fühlt man sich bestätigt.

Das gilt, wenn man es recht bedenkt, nicht nur für die Urlauberseelsorge, sondern auch für die Aktivitäten der Pfarrei für ihre eigenen Gemeindemitglieder, auch außerhalb der Urlaubssaison. Wie unlängst bereits erwähnt, waren meine Liebste und ich in der Burhaver Herz-Mariae-Kirche zum Rosenkranzgebet und zur Wort-Gottes-Feier. Und wie in diesem Zusammenhang ebenfalls schon erwähnt, machten die Rosenkranz-Vorbeterinnen nicht nur den Eindruck, dass sie nicht mit anderen Mitbetern rechneten, sondern nahmen auch keinerlei Notiz davon, dass doch welche da waren. Bei der Wort-Gottes-Feier war das zwar anders, aber auch da sah es stark danach aus, dass es einen kleinen "harten Kern" von Teilnehmern gibt und kein grundsätzliches Interesse daran besteht, diesen Kreis zu vergrößern. Ich finde das schade.

Will man mal versuchsweise Kategorien der sogenannten "freien Wirtschaft" auf die kirchliche Verkündigung anwenden - was mir im Allgemeinen eher widerstrebt, und ich will auch nicht behaupten, dass ich viel davon verstünde, aber ich hab da mal so was aufgeschnappt -, dann kann man sagen, die Verantwortlichen der Urlauberkirche und der sonstigen Gemeindeaktivitäten in St. Willehad verhalten sich eher nachfrageorient als angebotsorentiert. Anstatt dass sie - wie es, meiner Auffassung nach, dem missionarischen Geist des Christentums angemessen wäre - von ihrem Angebot überzeugt genug wären, um aktiv eine Nachfrage dafür zu suchen, richten sie ihr Angebot an der vermuteten Nachfrage aus. Im Grundsatz mag man das unter Marketing-Gesichtspunkten legitim finden; wenn die betreffenden Verantwortlichen aber mehr oder weniger insgeheim davon ausgehen, es gäbe keine nennenswerte Nachfrage, dann führt das dazu, dass sie auch kein nennenswertes Angebot machen.  

Was also könnte, sollte und müsste man anders machen? Was bräuchte die Urlauberkirche, was bräuchte die Pfarrgemeinde insgesamt, um missionarisch bzw. "neuevangelisierend" wirken zu können, möglichst nicht nur für Urlauber? -- Abgesehen von ein bisschen mehr Mut zur Eigenwerbung sehe ich da vor allem zwei mögliche und notwendige Abhilfen. 
  1. Wie weiter oben schon angesprochen, braucht es eine Anlaufstelle für Leute, die "nur mal kucken" wollen. Das müsste ein fester Ort sein (die "OASE" in Tossens und/oder das Rat-Schinke-Haus in Burhave eignen sich dafür gar nicht so schlecht, und in Nordenham entsteht ja gerade ein neues Pfarrzentrum), und dann muss auch immer jemand einfach da sein, auch wenn es gerade keine Veranstaltungen gibt. 
  2. Einen Ausweg aus dem Angebots-Nachfrage-Dilemma würden Veranstaltungen bieten, die einerseits prinzipiell für Alle offen sind, die die Veranstalter aber ebensogut auch ohne Gäste ganz für sich allein durchführen können (und ggf. dann auch tun). Kommen aber doch Gäste, dann müssen sie auch willkommen geheißen werden. Solche Veranstaltungen sollten so konzipiert sein, dass sie wenig äußeren Aufwand erfordern, und sollten regelmäßig und oft stattfinden, damit jemand, der zufällig da hineingestolpert ist und es gut fand, beim nächsten Mal wiederkommen und noch jemanden mitbringen kann. Ideal wäre z.B. so etwas wie Teestunde und Gebetskreis. 
Auch das Rat-Schinke-Haus in Burhave trägt das Logo der Urlauberkirche. 

Zur Zeit des Namensgebers des Hauses (und Begründers der Burhaver Kirchengemeinde) herrschten hier noch andere Verhältnisse. 
Diese Bushaltestelle ist ökumenisch. Sie befindet sich in der Nähe beider Burhaver Kirchen. 

Das sind, zugegebenermaßen, alles erst mal nur Ideen, die man im Einzelnen noch vertiefen müsste. Aber mein Eindruck ist: Verglichen damit, wie es jetzt läuft, könnte man schon mit kleinen Veränderungen eine Menge bewirken. Und getan werden muss etwas - nicht nur für die Urlauber, sondern erst recht für die Einheimischen. Sonst wird es in zehn, fünfzehn oder spätestens zwanzig Jahren in Butjadingen keine Katholische Kirche mehr geben, und in die schöne kleine Herz-Mariae-Kirche zieht ein schamanisches Therapiezentrum ein.

(P.S.: Meine permanenten Querverweise auf "Minervas Hexenhof" meine ich, auch wenn sie heiter daherkommen, durchaus ernst. Das ist die Konkurrenz, gegen die sich die örtliche Kirche behaupten muss, und ich glaube nicht, dass sie das auf dem Schirm hat. Zum Wachrütteln kann aber vielleicht der Hinweis dienen, dass Hexe Minerva auch "Enttaufungen" anbietet, um den "Weg hinaus aus den zumeist christlich geprägten Bindungen zu erleichtern": "Ich [...] löse Dich in einem Ritual der Ent-taufung von Alten Strukturen und Deiner Christlichen Taufe und deren bindenden Energien." So eine "Enttaufung" kostet übrigens schlappe 195 €.)