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Dienstag, 31. Mai 2016

Christus in Leipzig

"Die meisten Veranstaltungen, die es hier gab, könnte man doch genausogut auch auf dem Karneval der Kulturen oder so finden", meinte meine Liebste am Abend unseres eintägigen Besuchs beim Katholikentag. "Ich meine, okay, natürlich will man auch Leute erreichen, die der Kirche fern stehen, aber..." 
"Aber man muss sich doch nicht nur fragen, wie man Leute erreichen kann, sondern auch, wozu man sie eigentlich erreichen will", warf ich ein. "Und was soll es bringen, Leute mit Angeboten zu locken, die sie genausogut auch woanders finden können, ohne dass 'Kirche' drauftsteht? Läge das, sagen wir mal, missionarische Potential der Kirche nicht viel eher darin, fundamental anders zu sein als alle Anderen?" 
"Aber missionieren will man doch schon aus Prinzip nicht", murrte meine Liebste. 
"Da sind wir doch wieder bei der Frage, wozu man die Leute überhaupt erreichen will", beharrte ich. "Wenn man nicht missionieren will, was ist denn dann die Absicht dahinter, Leute anzusprechen, die der Kirche fern stehen? Geht es nur darum, das Gefühl zu haben, 'gesellschaftlich relevant' zu sein?" 
"Ja. Genau das." 
"Hm. Wahrscheinlich hast du Recht." 

Wir führten dieses Gespräch, nachdem wir uns zwei Sitzplätze in der Nikolaikirche erobert hatten, wo in rund zwanzig Minuten der Gottesdienst der geistlichen Gemeinschaften und Bewegungen beginnen sollte. Den Anlass für diese Reflexionen hatte der enorme Andrang gegeben, der hier herrschte und den wir sonst nirgends auf diesem Katholikentag auch nur annähernd erlebt hatten. Eine halbe Stunde vor dem angekündigten Beginn des Gottesdienstes waren die Türen geöffnet worden, und im Handumdrehen war die Kirche rappelvoll. Schon beim vorigen Katholikentag, 2014 in Regensburg, waren der Gottesdienst der geistlichen Gemeinschaften und das anschließende Nightfever extrem gut besucht gewesen, und genau deshalb hatte man diesmal die größte Kirche Leipzigs, mit fast 1.500 Sitzplätzen, für diese Veranstaltung ausgewählt. Dennoch schien der Besucheransturm noch größer als erwartet. Dafür sprach sowohl die unverkennbare Nervosität des Einlasspersonals als auch der Umstand, dass es viel zu wenig Liederzettel für die Gottesdienstbesucher gab: Eigentlich sollte jeder zweite einen bekommen, aber soweit ich es überblicken konnte, reichten sie nicht einmal für jeden vierten. Meine Liebste stellte die These auf, dieser Andrang zeige einen Hunger nach geistlichen Angeboten, der im Katholikentagsprogramm insgesamt zu kurz gekommen sei; und ich war geneigt, ihr zuzustimmen. 

Der Gottesdienst der geistlichen Gemeinschaften und Bewegungen wurde zelebriert von Heinrich Timmerevers, dem kürzlich ernannten, aber noch nicht ins Amt eingeführten Bischof von Dresden-Meißen; allerdings stand er der Messe nicht deshalb vor, weil er der zukünftige Ortsbischof ist - was zum Zeitpunkt der Planung wohl noch gar nicht bekannt war -, sondern, weil er der zuständige Ansprechpartner für die geistlichen Gemeinschaften in der Bischofskonferenz ist. Eine interessante Fügung, wie ich fand. Musikalisch gestaltet wurde der Gottesdienst von einer Sacropop-Band, die anschließend auch das Nightfever begleitete; beim Einzugslied - "Lobe den Herren" - sang die Gemeinde allerdings ziemlich souverän über das poppige Arrangement hinweg. Streng genommen handelte es sich nicht um eine Vorabendmesse zum Sonntag, vielmehr wurde die Liturgie des Samstags gefeiert; folglich gab es kein Gloria und kein Credo, immerhin aber einen sehr schön vertonten Antwortpsalm nach der Lesung. Schade, dass man dergleichen sonst so selten hört - weil in vielen Kirchen der Antwortpsalm gewohnheitsmäßig durch ein Lied aus dem Gotteslob ersetzt wird. Vor dem Kyrie gab es - mit Bezug zum Katholikentagsmotto "Seht, da ist der Mensch" - fünf Glaubenszeugnisse von Menschen, die jeweils eine bestimmte Personengruppe innerhalb der Kirche repräsentieren sollten: ein alter Mensch, ein Ehepaar, ein junger Mensch (eine Studentin), ein Priester, schließlich ein Flüchtling. 

Bischof Timmerevers' Predigt gefiel mir überwiegend gut. Darin stellte er das Katholikentagsmotto in seinen biblischen Kontext (Johannes 19.5) und bezog es konsequent auf das Antlitz Jesu; sehr passend zur anschließenden Eucharistischen Anbetung betonte er, wie zentral es für den christlichen Glauben sei, Jesus anzuschauen und sich von Ihm anschauen zu lassen. Auch auf die Herz-Jesu-Verehrung ging Bischof Timmerevers ein, auf die Gebetsbitte "Jesus, bilde unser Herz nach Deinem Herzen". Nicht ganz so glücklich war ich zunächst mit den zahlreichen politischen Bezügen, die sowohl in der Predigt als auch in den Fürbitten und an anderen Stellen des Gottesdienstes zur Sprache kamen. So wurde beispielsweise mehrfach die historische Bedeutung der Nikolaikirche im Zusammenhang mit der "Friedlichen Revolution" von 1989 hervorgehoben, bis ich irgendwann dachte: Ist ja schon gut, wir haben's kapiert. Und als an einer Stelle der Predigt - nämlich genau in diesem Zusammenhang - spontan Applaus aufbrandete, dachte ich etwas grimmig: Paulus schrieb an die Apachen... Aber lassen wir das. 

Als die Band als Schlusslied - bzw. als Übergang zum Nightfever - "Jesus, Dein Licht" anstimmte, wurde ich jedenfalls von einer euphorischen Stimmung ergriffen, die jedwede Beckmesserei in die Flucht schlug. Das Lied kenne ich - wenn auch ursprünglich nur auf Englisch ("Shine, Jesus, Shine") - noch aus meiner "ersten Fundi-Phase", die so ungefähr von 14 bis 16 ging. Damals hat die Jugendgruppe meiner Kirchengemeinde, geleitet von meiner Schwester, in zwei aufeinanderfolgenden Jahren am Gründonnerstagabend "Anbetungsnächte" in der kleinen Herz-Mariä-Kirche in Burhave gestaltet. Englischsprachige Lieder haben wir da nicht gesungen, aber ähnlich schmissige Nummern wie "Groß und wunderbar" oder "Du bist der Höchste, o Herr". Bei der Erinnerung daran bekomme ich jetzt noch Gänsehaut. -- Im Übrigen fiel mir auf, dass "Jesus, Dein Licht" - egal, ob auf Deutsch oder Englisch - durchaus auch ein politisches Lied ist: "Füll' dies Land mit des Vaters Ehre", das ist eine politische Aussage! Aber in einem guten Sinne: Es geht darum, den Glauben in die Politik zu tragen, und nicht, wie es auf Kirchen- und Katholikentagen (und auch nicht nur da) so oft und gern geschieht, umgekehrt. Und das passt dann ja auch wieder irgendwie zur Nikolaikirche. 

Nach dem Ende des Gottesdienstes schien sich die Kirche zunächst ein wenig zu leeren - was meine Liebste und ich zum Anlass nahmen, uns einen besseren Platz zu suchen -, aber die meisten Besucher blieben doch da, neue kamen hinzu, und ehe man sich's versah, war die Kirche wieder voll. Nun wurde erst einmal erklärt, worum es beim Nightfever geht, und da ich hier ja nicht nur für die schreibe, die schon alles wissen, erkläre ich es an dieser Stelle auch. -- Kernstück des Nightfever ist die Eucharistische Anbetung: Der eucharistische Leib Christi wird in einer Monstranz auf dem Altar ausgestellt und angebetet. Punkt. Parallel dazu gibt es beim Nightfever Gelegenheit zu Beichte oder Seelsorgegespräch. Das klingt soweit vielleicht alles nicht gerade poppig, aber die Nightfever-Initiative versteht es, dieses im Grunde ganz traditionelle geistliche Angebot sehr ansprechend zu präsentieren - mit stimmungsvoller Musik und gelegentlichen Meditationstexten, mit Kerzenlicht und einer allgemein offenen und einladende Atmosphäre. Man kann Gebetsanliegen auf kleine Zettel schreiben, die dann an ein Kloster weitergegeben werden, und man kann aus einem Korb einen Bibelvers zur persönlichen Inspiration ziehen. Klingt immer noch nicht besonders poppig? Kann sein. Vielleicht muss man es einfach erlebt haben, um es zu begreifen. 

Ich war zuvor drei- oder viermal in Berlin zum Nightfever, in der Rosenkranzbasilika in Steglitz. Im direkten Vergleich dazu schien die Nikolaikirche zumindest auf den ersten Blick atmosphärisch etwas weniger geeignet für diese Veranstaltung: Es war zu hell, und da aus Denkmalschutzgründen kein offenes Feuer erlaubt war, gab es nur LED-Teelichter. Und dennoch, es war überwältigend - zum Teil wohl auch wegen der unglaublich vielen Menschen. Und irgendwie hatte es ja auch was, Eucharistische Anbetung in einer evangelischen Kirche zu feiern - ein bisschen Rückkehrökumene, könnte man augenzwinkernd sagen. Nicht einmal die Tatsache, dass es keine Kniebänke gab, wirkte sich sonderlich störend aus: Man konnte auch ganz gut auf dem Holzfußboden knien. 

Da das Nightfever bis Mitternacht gehen sollte, meine Liebste und ich aber nicht bis zum Schluss bleiben konnten, reihten wir uns schon relativ zu Beginn der Veranstaltung in die Schlange vor dem Altar ein, um auf den Altarstufen vor dem Allerheiligsten zu knien, unsere Teelichter dort abzustellen und einen Bibelvers zu ziehen. Ich verrate an dieser Stelle nicht, welche Vers ich gezogen habe, aber so viel sei doch gesagt, dass er absolut perfekt für mich war - eine Antwort auf eine ganz konkrete Frage, die mich seit ein paar Tagen umtrieb. Und meine Liebste zog ebenfalls einen sehr schönen und passenden Vers. 

Erst bei der Rückkehr in die Kirchenbank fiel mir so richtig auf, wie voll die Kirche war. Das muss man sich mal vorstellen: Hunderte von Menschen standen Schlange, um vor dem Allerheiligsten zu knien! Ein umso bemerkenswerterer Anblick, wenn man ihn mit den Klagen über schwach besuchte Podiumsdiskussionen und Vorträge bei diesem Katholikentag verglich. Ein Social-Media-Bekannter und Bloggerkollege kommentierte diesen Kontrast auf Facebook treffend: "Kein leerer Platz? Huch, dann wird der Herr selbst dort sein und kein Politiker. ;)" Oder, wie meine Liebste in ihrem Blog schrieb
"Gerade Gebetspraktiken, die eine solche Tiefe und Intimität haben, sprechen die Menschen heute an. Eben weil sie nicht in die Zeit zu passen scheinen, gibt es eine Sehnsucht nach Dingen wie diesen." 
Ich muss sagen, dass ich anfangs etwas irritiert darüber war, wie ausführlich zu Beginn der Veranstaltung den Besuchern erklärt wurde, was Eucharistische Anbetung und was Beichte ist (bzw. "wozu das gut sein soll"). Aber dann ging mir auf, dass das Nightfever sich ja auch und nicht zuletzt an Menschen richtet, denen diese Art von Glaubenspraxis fremd ist. Und das ist im Grunde genau die Antwort auf die im einleitenden Dialog aufgeworfenen Fragen: Nightfever hat nicht nur ein Konzept, wie man Leute erreicht, sondern auch eine Vision, wozu man sie erreichen will. Nämlich, um sie zu Christus zu führen und mit Gott zu versöhnen. 

Unter diesem Aspekt war sogar der Umstand, dass direkt neben der Nikolaikirche das ziemlich lautstarke Straßenfest "Danke, Leipzig!" zum Abschluss des Katholikentags stattfand - was man rein akustisch als störend hätte empfinden können -, eigentlich von Vorteil. Denn auf diese Weise waren viele Leute da, die die Nightfever-Mitarbeiter einladen konnten, in die Kirche zu kommen. Was ja offenbar gut funktionierte. Und wie es funktionierte. 

Als wir die Nikolaikirche schließlich verließen, hatte ich das Gefühl, wie auf Wolken zu schweben, so erfüllt war ich von der intensiven Atmosphäre des Glaubens und der betenden Hingabe, die an diesem Abend in der größten Kirche Leipzigs geherrscht hatte. Wenn Leute meinen, man müsse die "Kirche der Zukunft" mit Hilfe von Pastoralplänen, Strukturreformen und Verbandsbeschlüssen auf die Beine stellen, dann, denke ich, wird meine feststehende Erwiderung darauf von nun an lauten: Wer die Zukunft der Kirche sehen will - ach was, was heißt sehen; wer sie SPÜREN will -, der muss zum Nightfever gehen. 


Kommentare:

  1. Anwortpsalmen werden total überbewertet.
    Graduale und Alleluja – und gut is.

    *ups*

    …falsche Ritusform…

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    1. Also, ich finde Psalmen sehr schön, nicht zuletzt, da ich selbst unmusikalisch bin.
      Habe es jahrelang in einer kleinen von einem Steyler Missionar geleiteten Gemeinde sehr dankbar erlebt.
      Leider ist das jetzt wieder vorbei - überall NUR Gesang.
      Schade.

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    2. Ich sprach vom Antwortpsalm und nicht von Psalmen im Allgemeinen.
      In anderen Teilen der Liturgie sind sie durchaus am rechten Platz und sollten lobenswerter Weise auch gebetet werden.

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    3. In der Gemeinde haben wir jeweils den Psalm im Wechsel nach der Lesung gebetet statt Lied.
      Mich hat das nicht gestört. Im Gegenteil.

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  2. Nightfever ist wundervoll - und genau so soll es sein: Holt die Leute rein und zeigt ihnen, wie schön Jesus ist. Mich durchläuft's regelmäßig, wenn ich an die Eucharistische Anbetung nur denke.

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